Fünf Märtyrer von Lyon ist die Bezeichnung für fünf südfranzösische Theologiestudenten, die wegen des Versuchs der Verbreitung des evangelischen Glaubens am 16. Mai 1553 in Lyon verbrannt wurden. Ihre Namen sind: Martial Alba (auch Martialis Alba geschrieben) aus Montauban Pierre Escrivain (in deutscher Schreibweise Peter l’Ecrivain, latinisiert Petrus Sc(h)riba, Peter Scriba oder Petrus Escrivain) aus Boulogne in der Gascogne Bernard Seguin (Bernhard Seguin, latinisiert Bernhardus Seguinus oder Bernhard Seguinus) aus la Réole in Bazadois Charles Favre (Karl Favre oder Carl Favre, auch Charles Faure oder Karl Faber, latinisiert Carolus Fabritius, Carolus Faber oder Carolus le Fevre) aus Blanzac in Angoumois Pierre Navihères (Peter Navi(h)ères, latinisiert Petrus Naverius, Petrus Nahuieres, Petrus Naviherus oder Peter Naviherus) aus Limoges

Leben Studium Alle fünf hatten auf Kosten des Kantons Bern im calvinistischen Lausanne studiert, teilweise hatte ihre Ausbildung in Genf stattgefunden. Bernard Seguin logierte bei seinem Lehrer Théodore de Bèze, Pierre Navihères bei Pierre Viret.

Seguin teilte de Bèze vor Ostern 1552 seine Absicht mit, mit den vier anderen auf Einladung der dortigen evangelischen Christen nach Frankreich zu reisen. Dort wollten sie an ihren unterschiedlichen Geburtsorten das Wort Gottes nach evangelischem Verständnis verbreiten, zunächst bei ihren Eltern und Verwandten, danach bei weiteren Personen.

Reise Sie reisten nach ihrem Studienabschluss und Erhalt der Predigterlaubnis von Lausanne aus zunächst nach Genf, nachdem sie bei der Lausanner Kirche erfolgreich darum gebeten hatten, ihren Plan zu billigen und von dieser gute Führungs- und Lehrzeugnisse erhalten hatten. Hinzu kam ein Empfehlungsschreiben Virets. In Genf hielten sie sich einige Tage auf und hatten dort auch persönlichen Kontakt mit Johannes Calvin. Von ihm erhielten sie auf Virets Bitte hin ebenfalls ein Empfehlungsschreiben an andere reformierte Christen.

Auf ihrer gemeinsamen Heimreise näherten sie sich nach wenigen Tagen dem römisch-katholischen Lyon. Bei Bourg de Colonges nahe L’Écluse trafen sie einen ihnen fremden Lyoner Bürger, der sich ihnen als Begleiter anbot. Sie unterhielten sich mit ihm angeregt über die evangelische Lehre. Der Begleiter bat sie darum, ihn zu besuchen.

Die Fünf erreichten Lyon am 30. April 1552. Ihre Unterkunft war schlecht, da sich zu dieser Zeit viele Fremde in der Stadt befanden. Die späteren Ereignisse dürften auf unbedachte Äußerungen in dieser Herberge zurückzuführen sein. Die Fünf entschlossen sich am Folgetag, dem Angebot ihres vorherigen Wegbegleiters zu folgen. Sie verbrachten eine angenehme Zeit bei schönem Wetter mit ihm im Garten, dann fanden sie ein Mittagessen für sich vorbereitet. Sie sprachen ein evangelisches Tischgebet, setzten sich nieder und begannen erneut eine angenehme Unterhaltung über religiöse Themen.

Festnahme Plötzlich traten der königliche Kriminalrichter Poullet und sein Adjunkt in Begleitung von zwanzig Mann herein. Der Richter fragte nach ihrer Identität. Einer von ihnen antwortete damit, sie seien Studenten aus dem Heiligen Römischen Reich. Sie wurden noch einmal nach Vor- und Zunamen, Herkunft, Stand und Beschäftigung gefragt. Dann wurden sie durchsucht und gemeinsam mit ihrem Gastgeber in Zweiergruppen gefesselt, ohne dass sie bereits gegen das Predigtverbot verstoßen hätten, ohne dass ihnen der Kläger genannt worden wäre und ohne Vorlage eines Haftbefehls. Es sammelten sich Schaulustige am Ort der Festnahme und an dem Weg, auf dem sie abgeführt wurden.

Die Theologen ermahnten sich auf Lateinisch zum freien und standhaften Christusbekenntnis und wurden in den erzbischöflichen Kerker geworfen, wo sie Gott anriefen.

Verhör Schon nach einer Stunde wurden sie vor dem geistlichen Gericht des Offizials verhört. Die Verhöre wurden vom Inquisitor Orry geführt. Die Theologen berichteten später an Eltern und Freunde über diese Verhöre, die sich über mehrere Tage erstreckten und an denen promovierte römisch-katholische Theologen, Dominikaner, Franziskaner und Karmeliter beteiligt waren. Die Fünf verteidigten sich so geschickt und bibelfest, dass sie ihre Kontrahenten bei den Verhören oft zum Schweigen brachten. Sie baten vor Gericht um Schreibzeug und brachten im Gefängnis ihre biblisch begründeten Glaubensbekenntnisse zu Papier, die sie dann dem Gericht übergaben.

Pierre Escrivains Abendmahlslehre Besonders Escrivains Rede schien den Richter zu beeindrucken. So wurde er gefragt, ob er an die Transsubstantiation glaube. Dies verneinte er, da Christus zur Rechten Gottes sitze und erst am jüngsten Tage von dort zurückkehren werde. Gleichzeitig sei die göttliche Natur Christi aber omnipräsent. Er nehme also im Abendmahl Leib und Blut Christi zu sich, aber im geistlichen und nicht im leiblichen Sinne: Christus sei zwar im Himmel, speise uns aber durch seinen Geist auf die Entfernung, so dass der Gläubige auf eine für den Verstand nicht erfassbare Weise eins mit ihm würde. (Siehe auch Konsubstantiation)

Pierre Escrivains Lehre von der Fürbitte für die Toten Weiter wurde er gefragt, ob man Fürbitte für die Toten halten solle. Auch dies verneinte er: Wenn sie im Paradies seien, sei dies nicht notwendig, wenn sie verdammt seien, würde eine Fürbitte dem Willen Gottes widersprechen. (Implizit wandte er sich damit gegen die Vorstellung vom Fegefeuer.)

Pierre Escrivains Lehre von der Beichte Die nächste Frage war, ob man vor einem Priester die Beichte ablegen solle. Escrivain antwortete darauf, man solle nur vor Gott beichten. Auch David habe so gedacht. Dabei zitierte Escrivain insbesondere Psalm 32: „Da sagte ich, ich will dem Herren meine Übertretung bekennen. Da vergabst Du mir die Missetat meiner Sünde.“ Dies, so Escrivain, sei die richtige Beichte, aus der die Vergebung aus Gnade folge. Die Ohrenbeichte aber widerspreche dem Wort Gottes, wobei er Psalm 51 zitierte: „Dir allein, Herr, habe ich gesündiget, und Übel vor dir getan.“

Escrivain wurde wieder in den Kerker gebracht, wo er Gott für den Mut zum freien Bekenntnis dankte und ihn um weitere Hilfe bat, wie er in Briefen bekundete.

Pierre Escrivains Lehre von der Bibelauslegung Es kam noch zu weiteren Verhören. Ein Dominikaner argumentierte ihm gegenüber, das Wort „ist“ sei in der Bibel nie gleichbedeutend mit „es bedeutet“. Escrivain antwortete, dass es im ersten Buch Mose heiße, die Beschneidung sei der Bund mit Gott. Die Bibel erläutere aber an anderer Stelle, insbesondere bei Paulus, die Beschneidung sei nur ein Zeichen für den Bund mit Gott.

Pierre Escrivains Lehre von der Seligkeit Abrahams und anderer Väter Weiter fragte man ihn, ob auch die Väter des Alten Testaments der Gnade teilhaftig würden. Darauf antwortete er, Paulus habe an die Korinther geschrieben, die Väter haben dieselbe geistliche Speise gegessen und denselben geistlichen Trank getrunken . Somit seien sie durch ihren Glauben auch derselben Gnade teilhaftig geworden. Als Beispiel nennt Escrivain Abraham, von dem Christus gesagt habe, Abraham habe Christi Tag gesehen und sich darüber gefreut . Abraham habe Christus also nicht mit fleischlichen, sondern mit geistlichen Augen im Glauben gesehen.

Weiteres zur Abendmahlslehre Noch einmal warf ihm der Offizial persönlich vor, er glaube nicht an die Transsubstantiation. Darauf antwortete Escrivain, die Bibel selbst lehre, man solle Christi Leib im Himmel suchen. Er zitierte dabei aus dem dritten Kapitel des Kolosserbriefes: „Seid ihr mit Christo auferstanden, so sucht nicht was irdisch, sondern was droben im Himmel ist, da Christus ist gesetzt zur Rechten Gottes.“ Den Gedanken der Transsubstantiation lehne Paulus in ab, da er dort an vier oder fünf Stellen das Brot als Brot und nicht als Leib Christi bezeichne. Das Brot bleibe Brot, bekomme aber durch die Einsetzungsworte eine besondere Bedeutung zur Gewinnung des ewigen Lebens.

Pierre Escrivain und seine Richter: Höllenstrafe oder Erlösung? Der Offizial antwortete darauf, Escrivain möge verbrannt werden und zur Hölle fahren. Escrivain meinte dazu, wenn er um des Wortes Gottes willen verbrannt werde, so wolle er dafür nicht zum Teufel gehen. Wenn er verbrannt werde, so würden stattdessen seine Richter vor dem jüngsten Gericht zur Höllenstrafe verdammt werden, während die unschuldig zum Tode Verurteilten, darunter er selbst, in die ewige Seligkeit eingehen würden. Der Offizial wurde wütend und ließ Escrivain wieder in den Kerker werfen.

Escrivain schrieb später, er habe sich gefreut und die Worte Christi „Ihr werdet vor Könige, Fürsten und Richter ihnen zum Zeugnis vorgestellt werden. Und alsdann will ich euch eine solche Wohlberedenheit und Weisheit geben, dass sie nicht werden widerstehen können.“ seien ihm in den Sinn gekommen. Er habe sie nun zu seinem Trost auf sich beziehen können, ebenso wie viele weitere Verheißungen für die, die um Christi Namen willen leiden sollten, und sah sich in der Gemeinschaft aller Propheten, Apostel und Märtyrer, die Ähnliches durchmachen mussten, wie er schrieb. Er sei sich seines ewigen Lohnes gewiss.

Bei einem weiteren Verhör protestierte Escrivain gegen die Gefangennahme, da sie doch nicht gegen das Predigtverbot verstoßen hätten und keine ausreichenden Ermittlungen stattgefunden hätten. Muslimen und Juden werde Religionsfreiheit gewährt, warum, so argumentierte er, nicht auch ihnen, die nur dem Wort Gottes gefolgt seien? Escrivain drohte noch einmal mit dem jüngsten Gericht, falls nun ein ungerechtes Urteil gefällt werde. Der Offizial erblich und lief im Raum herum. Escrivain schrieb später, die Richter seien mehr gefangen und geplagt als er und seine Kameraden. Er fühle sich nur leiblich gefangen, nicht aber im Geiste, wie er schrieb, während seine Richter Leibeigene des Teufels seien und ein schlechtes Gewissen hätten.

Pierre Escrivains Lehre vom Papst Der Franziskaner de Combis meinte zu Escrivain: „Du sagst, St. Peter sei nicht gewesen das Haupt der Kirchen. Siehe, ich will es dir beweisen. Der Herr Christus hat ja zu St. Peter gesagt: »Du bist Simon, Jonas Sohn; du sollst hinfort Cephas heißen.« Nun heißt das Wort Cephas im Latein soviel als Caput und in französischer Sprach Chef, das ist ein Haupt.“ Escrivain antwortete darauf: „Herr, wo habt ihr diese Auslegung hergenommen? St. Johannes der Evangelist Kap. 1, 42 leget’s viel anders aus. Denn er spricht also: »Du sollst Cephas heißen, das wird verdolmetschet: Ein Fels.« Derwegen so heißt Cephas einen Fels und nicht ein Haupt.“ Der Richter Vilards, der direkt neben den Mönchen saß, nahm ein Neues Testament zur Hand und konnte Escrivains Aussage bestätigen. Der Mönch senkte den Kopf, errötete und schwieg.

Auf die Frage, ob er leugne, dass der Papst der Stellvertreter Christi auf Erden sei, antwortete Escrivain: „Glaubt ihr denn, dass der, welcher Himmel und Erde erfüllet, durch seinen Geist unmittelbar seine Kirche regieret und bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende, eines Statthalters bedürfe?“ (Siehe .) Nach dem Verhör Escrivains verfiel der Richter in Schweigen und entfernte sich dann mit den Worten: „Ja, was das Wort Gottes ist, das muss man freilich behaupten.“

Bernard Seguin Bernard Seguin wurde nach dem freien Willen des Menschen gefragt. Er antwortete, nach dem Fall Adams könne der Mensch aus eigener Kraft nicht mehr selig werden.

Ferner wurde er zu römisch-katholischen Taufzeremonien befragt. Er meinte dazu, man solle sich auf die biblischen Grundlagen beschränken. Wer dem Wasser etwas hinzufüge, wie das Kreuz, Feuer, Speichel, den Taufexorzismus, Salz oder ähnliches, würde dokumentieren, dass er Johannes den Täufer und Christus selbst mit ihren einfachen Taufzeremonien für unfähig halte.

Pierre Navihères