Armand Baeriswyl (* 1962 in Biel/Bienne) ist ein Schweizer Mittelalterarchäologe und Historiker. Er arbeitet beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern und lehrt als Privatdozent an der Universität Wien.

Biographie Armand Baeriswyl studierte Mittelalterliche Geschichte, Archäologie des Mittelalters und Kunstgeschichte an der Universität Zürich, unter anderem bei Hans Conrad Peyer, Roger Sablonier und Hans Rudolf Sennhauser. 2001 wurde er bei Letzterem mit der Dissertation Stadt, Vorstadt und Stadterweiterung im Mittelalter. Archäologische und historische Studien zum Wachstum der drei Zähringerstädte Burgdorf, Bern und Freiburg im BreisgauArmand Baeriswyl: Stadt, Vorstadt und Stadterweiterung im Mittelalter. Archäologische und historische Studien zum Wachstum der drei Zähringerstädte Burgdorf, Bern und Freiburg im Breisgau (= Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters. 30). Basel 2003, ISBN 3-908182-14-X (Digitalisat). promoviert.

Bereits während seines Studiums arbeitete Baeriswyl an archäologischen Untersuchungen und Bauforschungen in den Kantonen Bern, Graubünden und Thurgau mit. Wichtigste Stationen waren die Teilnahme an den Untersuchungen im Benediktinerinnenkloster St. Johann Müstair und die Leitung der archäologischen Erforschung der Stadtburg Unterhof in Diessenhofen.Armand Baeriswyl, Marina Junkes: Der Unterhof in Diessenhofen. Die archäologische und bauanalytische Erforschung eines städtischen Ministerialensitzes im Mittelalter (= Archäologie im Thurgau. Band 3). Frauenfeld 1995, ISBN 3-905405-02-4 (PDF-Download). 1994 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Dort arbeitete er in der Abteilung Mittelalter. 2007 übernahm er die Leitung des neu entstandenen Bereichs «Stadt-, Kirchen-, Burgen- und Kirchenarchäologie sowie Bauforschung». In diese Jahre fallen intensive stadtarchäologische Forschungen, ausgehend von Ausgrabungen in Bern, Biel/Bienne, Burgdorf, Thun und Unterseen, aber auch Untersuchungen von Burgen und Schlössern, unter anderem das Höchhus von SteffisburgArmand Baeriswyl, Jürg Schweizer: Das Grosse Höchhus in Steffisburg – Die archäologische Untersuchung eines spätgotischen Patriziersitzes. In: Mittelalter – Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins. 2009/2, S. 33–41. und der Untere Mannenberg in Zweisimmen.Armand Baeriswyl, Daniel Kissling: Die Burgen auf dem Mannenberg bei Zweisimmen. Die bauarchäologische Untersuchung und Restaurierung des Unteren Mannenbergs 2008–2011. In: Mittelalter – Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins. 2011/1, 1–14. Ebenfalls wichtig sind seine archäologischen und historischen Forschungen zu Kommenden des Deutschen Ordens in Köniz (Schloss Köniz) und Sumiswald (Schloss Spittel). Seit 2011 leitet er das Ressort «Archäologische Untersuchungen» und ist damit für sämtliche archäologischen Feldeinsätze im Kanton Bern zuständig.

Seit 2002 wirkt Baeriswyl als Dozent für Archäologie des Mittelalters an den Universitäten Basel, Bern und Heidelberg sowie an der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau in Burgdorf. 2010 war er Gastprofessor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien. 2011 habilitierte sich Baeriswyl im Fach Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Wien bei Claudia Theune-Vogt mit der Habilitationsschrift Stadt und Herrschaft im Mittelalter im Spiegel von Archäologie, Bauforschung und Geschichte – Städtebauliche und bauliche Interaktionen.

Baeriswyl ist Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (SAM); ferner ist er Vorstandsmitglied bei der Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern, beim Schweizerischen Burgenverein, beim Historischen Verein des Kantons Bern und beim Schweizerischen Arbeitskreis für Stadtgeschichte. Er amtet als Beirat der wissenschaftlichen Aufsichtskommission des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg.

Forschungsschwerpunkte Baeriswyl versteht sich als Historiker, der mit materiellen Quellen arbeitet, die in archäologischen Ausgrabungen und bei Bauforschungen gewonnen wurden. Sein Forschungsschwerpunkt ist die materielle Geschichte der vormodernen Stadt, vor allem Fragen

zur historischen, bauhistorischen und städtebauhistorischen EntwicklungArmand Baeriswyl: Der «Stadtgründer» und die Entstehung der mittelalterlichen Stadt – Archäologische Befunde und historische Überlegungen am Beispiel einiger Städte im Südwesten des Reichs. In: Centre – Region – Periphery. Medieval Europe Basel 2002. Bd. 2 (3. Internationaler Kongress der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Preprinted Papers), Hertingen 2002, S. 23–38. / Armand Baeriswyl: Mittelalterliche Gründungsstadt und Stadtplanung am Beispiel der «Zähringerstädte» Bern und Burgdorf. In: Bruno Fritzsche, Hans-Jörg Gilomen, Martina Stercken (Hrsg.): Städteplanung – Planungsstädte. Zürich 2006, S. 51–67. / Armand Baeriswyl: Die «gegründeten» Städte — Stadtgründungen und -erweiterungen in den Kantonen Bern, Freiburg und Solothurn. In: Siedlungsbefunde und Fundkomplexe der Zeit zwischen 800 und 1350. Akten des Kolloquiums zur Mittelalterarchäologie in der Schweiz Frauenfeld, 28.–29. Oktober 2010. Basel 2011, S. 181–196.; zur Entstehung und Entwicklung der städtischen baulichen Infrastruktur;Armand Baeriswyl: Die Topografie des städtischen Marktes im Mittelalter und der Frühen Neuzeit am Beispiel süddeutscher und schweizerischer Städte. In: Markt und Handwerk. 9. Treffen des Arbeitskreises zur archäologischen Erforschung des mittelalterlichen Handwerks. In: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters. 34, 2006, S. 231–248. / Armand Baeriswyl: Zum Verhältnis von Stadt und Burg im Südwesten des Alten Reiches. Überlegungen und Thesen an Beispielen aus der Schweiz. In: Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern (Hrsg.): Burg und Stadt. München 2008 (Forschungen zu Burgen und Schlössern. 11). S. 21–36. / Armand Baeriswyl: Sodbrunnen – Stadtbach – Gewerbekanal. Wasserversorgung und -entsorgung in der Stadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit am Beispiel von Bern. In: Dorothee Rippmann, Wolfgang Schmid, Katharina Simon-Murscheid (Hrsg.): … zum allgemeinen statt nutzen – Brunnen in der europäischen Stadtgeschichte. Trier 2008, S. 55–68. / Armand Baeriswyl: Das «Siechenhaus» von Burgdorf in der Schweiz – ein spätgotisches Leprosorium und seine Baugeschichte. In: Städtische Spitalbauten aus der Sicht der Hausforschung. Tagung in Ravensburg am 30. April 2004 (= Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung. 8). Breisach 2009, S. 209–218. zur Raumnutzung und zum Verhältnis von öffentlichem und nicht öffentlichem Raum; zur Bebauung der Stadt mit öffentlichen wie privaten Einrichtungen und Gebäuden; zu den Bettelordensklöstern im Stadtgefüge.Armand Baeriswyl: Klöster am Stadtrand? Einige Überlegungen zur Lage von Bettelordensklöstern in der mittelalterlichen Stadt. In: Anne-Marie Hecker, Susanne Röhl (Hrsg.): Monastisches Leben im urbanen Kontext (= MittelalterStudien. 24). München 2010, S. 25–40.

Eine Grundfrage, welche ihn sowohl in seiner Arbeit als im Feld tätiger wie als forschender Archäologie beschäftigt, lautet: Wo und wie manifestiert sich die Herrschaft in ihrer Stadt städtebaulich bzw. baulich? Dabei ist der Begriff Herrschaft umfassend gemeint, zum einen chronologisch, vom Grundherrn älterer, frühstädtischer Siedlungen über die Stadtgründer der neuen Städte des Mittelalters bis zu den spätmittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Stadtherren, zum anderen inhaltlich, neben dem Stadtherrn selbst auch dessen Stellvertreter, also die Schultheissen und Vögte, sowie die städtischen Räte. Auch die Formulierung bauliche bzw. städtebauliche Manifestation ist umfassend zu verstehen. Das beginnt bei der Lage der Stadt und setzt sich mit der Stadtplanung (Anlage, Gassen, Plätze, Parzellen) fort und schliesst einen wesentlichen Teil der städtischen Infrastruktur mit ein, so Stadtburgen bzw. Residenzen, Rathäuser, Stadtbefestigung, Kirchen, Klöster, Markt, Wasserversorgung und -entsorgung, Gewerbewasseranlagen, Spitäler, Hafenanlagen und Brücken.

Ein Schwerpunkt der Forschungen liegt bei den sog. «Gründungsstädten» des 12. bis 14. Jahrhunderts. Es geht um das angebliche Gegensatzpaar «gegründet» und «gewachsen», mittlerweile in der Forschung ergänzt um den Begriff «geplant»: Wie funktioniert das Wechselspiel zwischen herrschaftlich bzw. obrigkeitlich bestimmter Gründung bzw. Planung und individuell bestimmtem Wachstum? Wo ist die Herrschaft präsent und was gibt sie an Regelungen vor? Und: Wo ist sie – den Hypothesen der älteren historischen Forschung zum Trotz – eben nicht präsent? Kurz: Was gibt es für Möglichkeiten, was gibt es für Muster?

Baeriswyl hat diese Fragen bisher vor allem anhand von süddeutschen und schweizerischen Beispielen behandelt und studiert, versteht diese aber immer als Fallbeispiele, die dazu dienen sollen, Muster zu erkennen, die bei der archäologischen Betrachtung beliebiger europäischer Städte des Mittelalters und der frühen Neuzeit weiterhelfen können. Letztlich geht es ihm darum, archäologische Bausteine für eine «vergleichende Städtegeschichte» zu liefern.

Neben dem Schwerpunkt auf der Erforschung der Stadt beschäftigt sich Baeriswyl mit weiteren Bereichen der Mittelalterarchäologie, unter anderem mit Kommenden geistlicher Ritterorden, speziell des Deutschen OrdensArmand Baeriswyl: Köniz. In: Helvetia Sacra. Abt. IV, Die Orden mit Augustinerregel. Bd. 7: Die Serviten, die Pauliner-Eremiten, die Lazariter und Lazariterinnen, die Templer, die Johanniter und der Deutsche Orden in der Schweiz. 2. Teil, Basel 2006, S. 754–780. / Armand Baeriswyl: Die Deutschordenskommende in Köniz bei Bern. Mit einigen Überlegungen zu Form und Funktion von Konventsanlagen im Deutschen Reich. In: Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern (Hrsg.): Burgen kirchlicher Bauherren. München 2001 (= Forschungen zu Burgen und Schlössern. 6). S. 193–204. / Armand Baeriswyl: Sumiswald. In: Helvetia Sacra. Abt. IV, Die Orden mit Augustinerregel. Bd. 7: Die Serviten, die Pauliner-Eremiten, die Lazariter und Lazariterinnen, die Templer, die Johanniter und der Deutsche Orden in der Schweiz. 2. Teil, Basel 2006, S. 781–803.. Frauenklöstern. Kartausen. Adelsbauten in Stadt und Land, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Archäologie und Geschichtswissenschaft. Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit in der Archäologie.

Publikationen (Auswahl)

Herausgeberschaft zus. mit Georges Descoeudres, Martina Stercken, Dölf Wild: Die mittelalterliche Stadt erforschen – Archäologie und Geschichte im Dialog (= Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters. 36). Basel 2009.

Monographien Der Unterhof in Diessenhofen. Die archäologische und bauanalytische Erforschung eines städtischen Ministerialensitzes im Mittelalter (= Archäologie im Thurgau. Band 3). Frauenfeld 1995 (zus. mit Marina Junkes; PDF-Download). Burgdorf Kornhaus, Eine mittelalterliche Häuserzeile in der Burgdorfer Unterstadt (= Schriftenreihe der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Herausgegeben vom Archäologischen Dienst.) Bern 1995 (zus. mit Daniel Gutscher). Stadt, Vorstadt und Stadterweiterung im Mittelalter. Archäologische und historische Studien zum Wachstum der drei Zähringerstädte Burgdorf, Bern und Freiburg im Breisgau (= Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters. 30). Basel 2003 (Digitalisat).

Artikel Saalbau, Palas und Wohnbau in einer Stadtburg des 13. und 14. Jahrhunderts. In: Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern (Hrsg.): Schloss Tirol, Saalbauten und Burgen des 12. Jahrhunderts in Mitteleuropa. München 1998, (= Forschungen zu Burgen und Schlössern 4), S. 231–240.