Chance 2000 war eine deutsche Kleinpartei, die im März 1998Wolfgang Weber: Christof Schlingensief, "Chance 2000" und das kulturelle Klima in Deutschland, vom 2. September 1998, abgerufen am 28. Mai 2012 von Christoph Schlingensief gegründet wurde.Kiepenheuer & Witsch: , abgerufen am 14. Mai 2012

Geschichte Vor der Parteigründung gründete Schlingensief mit einigen anderen Personen, unter anderem Harald Schmidt und Alfred Biolek, den Verein Chance 2000 e. V., der den „Unsichtbaren [der] Gesellschaft“ beim Versuch, sich als unabhängige Wahlkreiskandidaten aufzustellen, helfen sollte.Anke Dürr, Joachim Kronsbein: Losrasen für Deutschland, Der Spiegel 11/1998, Onlineversion vom 9. März 1998, abgerufen am 28. Mai 2012. Die Gründung der Partei fand am 13. März 1998 in einem Zirkuszelt auf dem Volksbühnengelände im Prater statt.Martin Klesmann: Große Koalition aus Ziege und Pferd, Berliner Zeitung, vom 14. März 1998, abgerufen am 28. Mai 2012 Der Oberstaatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt setzte die Gründung juristisch durch. Insgesamt gab es 312 Gründungsmitglieder.Ronald Gläser: "Einfach so mitmachen", vom 20. März 1998, abgerufen am 29. Mai 2012Matthias Heine: , B.Z., vom 13. März 1998, abgerufen am 29. Mai 2012 Die Partei war zunächst auch unter dem Namen Partei der letzten Chance mit dem Slogan „Scheitern als Chance“ bekannt.Intro: CHRISTOPH SCHLINGENSIEFS PARTEI "CHANCE 2000", Ausgabe #56 (Juli / August 1998), Onlineversion vom 7. Juni 1998, abgerufen am 28. Mai 2012 / Thomas Kerpen: Schlingensief und Chance 2000, Ox-Fanzine / Ausgabe #32 (III 1998), abgerufen am 28. Mai 2012 Der Ansatz der Partei war die Möglichkeit jeder Person, sich mit der Namenskombination „Chance Müller“ oder „Müller Chance“ als Direktkandidat aufzustellen und somit selber zu wählen, sobald er 2000 Unterschriften von Wahlberechtigten seines Wahlkreises gesammelt hatte. Nach Angaben Schlingensiefs hatte die Partei im Juni 1998 etwa 16.000 Mitglieder, ein Artikel der Welt vom 24. August 1998 sprach von „annähernd 1000 Mitglieder[n]“ und „30.000 Sympathisanten“.Hanns-Georg Rodek: Schlingensief will seine Partei verkaufen, vom 24. August 1998, abgerufen am 28. Mai 2012 Insgesamt hatte die Partei elf Landesverbände in Nordrhein-Westfalen (Landesvorsitzender war hier der Filmemacher Detlev F. Neufert), Hamburg, Bremen, Bayern, Brandenburg, Baden-Württemberg, Sachsen, Hessen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.Chance 2000: Im Juli 1998 wurde die Partei für die Bundestagswahl 1998 zugelassen, bei welcher die Partei 0,007 % der Erststimmen (3.206 Stimmen) und 0,058 % der Zweitstimmen (28.566 Stimmen) erhielt.

1998 wurde ein Buch mit dem Titel Chance 2000: Wähle Dich selbst bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht, bei dem Christoph Schlingensief und Carl Hegemann als Autoren agierten.Christoph Schlingensief, Carl Hegemann: Chance 2000: Wähle Dich selbst Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998, ISBN 978-3-46-202773-0. Der Soziologe Niklas Luhmann unterschrieb nach Angaben der Partei eine Unterstützerliste.

Trotz einer Spende von Wolfgang Joop von 190.000 DMDetlef Friedrich: Christoph, bring die Flaschen weg, vom 26. August 1998, abgerufen am 28. Mai 2012 häufte die Partei im Zuge der Bundestagswahl zwischen 90.000 und 120.000 DM Schulden an, woraufhin Schlingensief den Verkauf der Partei ankündigte. Bundeswahlleiter Johann Hahlen reagierte darauf mit der Äußerung „Die Gesetze lassen eine Veräußerung nicht zu.“ Nach der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts namens Chance 2000 International, zu deren sieben Teilhabern unter anderem Schlingensief, drei Independent-Labels und Tom Tykwer gehören, wurden die Schulden von dieser übernommen.Roland Koberg: Die Arbeitslosen wählten ihn ab, vom 1. September 1998, abgerufen am 28. Mai 2012

Der letzte Bundesvorstand wurde am 28. Oktober 1999 gewählt, hierbei waren die Vorsitzenden Alexander Karschnia, Matthias Riedel und Herbert Rusche. Zusätzlich gab es 6 Beisitzer. Schlingensief wurde als Ehrenvorsitzender genannt. Im Dezember 2000 erschienen Berichte, die nach dementsprechenden Äußerungen Schlingensiefs über eine mögliche „Neuauflage“ der Partei spekulierten. Dabei gab Schlingensief auch bekannt, er habe „erst vor einigen Tagen die letzte Mark [der Chance-2000-Schulden] zurückgezahlt“.Spiegel Online: Bahn frei für "Chance 2002"?, vom 13. Dezember 2000, abgerufen am 28. Mai 2012

Aktionen Chance 2000 verband politische Forderungen mit künstlerischen Aktionen. Die Gründung der Partei wurde als Wahlkampfzirkus '98 bezeichnet, wobei Schlingensief in Zirkusuniform auftrat und artistische Trapeznummern und Tierdressur Inhalte der Veranstaltung waren.Nina Wetzel: , Bilder der Veranstaltung, abgerufen am 29. Mai 2012 Für die Aktion Baden im Wolfgangsee lud Schlingensief sechs Millionen Arbeitslose zum Baden im Wolfgangsee ein, an dessen Ufer Helmut Kohls Ferienhaus in St. Gilgen stand. Ziel der Aktion war eine Erhöhung des Wasserspiegels, so dass Kohls Ferienhaus überflutet wird. Während Schlingensief einen Anstieg des Pegels um zwei Meter ankündigte, wies ein Experte darauf hin, dass das von den Menschen verdrängte Wasser einfach abfließen werde. Den Arbeitslosen wurden Freikarten für die Salzburger Festspiele versprochen, ein logistisches Konzept gab es nicht. Die Aktion erzeugte große Aufmerksamkeit, die Teilnahme daran war jedoch gering. Insgesamt nahmen deutlich weniger als 100 Personen an der Aktion teil.Frank Ebbinghaus: Das ungeliebte Kind schreit laut: Protest!, vom 4. August 1998, abgerufen am 29. Mai 2012

Parteiprogramm In ihrem Parteiprogramm nennt die Partei die Wiedereinsetzung des „Volk[s] in seiner Gesamtheit“ als „Souverän des Staates“ als Hauptziel. Dabei richtet sie sich besonders an „alle[] […], die sich von der herrschenden Gesellschaft erniedrigt, entrechtet und beleidigt fühlen“ und nennt speziell „Behinderte[], Sozialhilfeempfänger[], […] Ausgegrenzte[] und Außenseiter[]“. Sie bezeichnet sich als „Nichtwählerpartei“ und versucht den „um sich greifenden Fatalismus“ sowie die „grassierende Politikverdrossenheit“ mit „gemeinsame[r] soziale[r] und politische[r] Sensibilisierung und Mobilisierung der Nichtwähler“ zu bekämpfen. Die Partei offeriere „Hilfe zur Selbsthilfe“ um einen „Artikulationsprozeß in Gang zu bringen“. Zudem wird die Forderung „Politik muß kunstvoller werden“ erhoben.Chance 2000:

Angelehnt an die Parole Wir sind das Volk vertrat die Partei die Aussage Wir sind jeder ein Volk!, was darin begründet lag, dass jede Person als ein Volk gezählt wurde, also im Sinne einer Maßeinheit.alextext: PARTEI DER LETZTEN CHANCE, vom 20. Juni 2011, abgerufen am 29. Mai 2012 Eine zentrale Forderung bestand darin, dass Arbeitslosigkeit als Beruf anerkannt werden solle.

Dokumentarfilm Am 7. September 2017 hatte die Dokumentation Chance 2000 – Abschied von Deutschland von Kathrin Krottenthaler und Frieder Schlaich einen bundesweiten Kinostart.

Literatur Finke, Johannes / Wulff, Matthias: Chance 2000: die Dokumentation. Phänomen, Materialien, Chronologie, 1999.

Weblinks

Chance 2000 auf der Website von Christoph Schlingensief Benjamin von Stuckrad-Barre: Interview mit Christoph Schlingensief

Einzelnachweise

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