Die evangelisch-lutherische Kirche Leubnitz-Neuostra ist ein Sakralbau der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens im Dresdner Stadtteil Leubnitz-Neuostra. Sie zählt zu den ältesten Kirchen der Stadt und ist als „Bilderkirche“ einzigartig im Dresdner Raum. Die Kirche vereint Baustile von der Romanik bis zum Barock und gilt daher auch in stilgeschichtlicher Hinsicht als eine der reizvollsten Kirchen Dresdens. mini|hochkant|zentriert|Kirche Leubnitz-Neuostra mini|hochkant|zentriert|Kircheninnenraum 2010
Lage mini|Kirche von Osten
Die Kirche Leubnitz-Neuostra wurde auf einer Anhöhe des Dorfes Leubnitz errichtet. Sie umgibt ein großzügiger Kirchhof, der als Friedhof genutzt wird und kontinuierlich erweitert wurde.
Baugeschichte Vorgeschichte Nicht bekannt ist, wann die erste Leubnitzer Kirche entstand. Da Leubnitz an der Handelsstraße von Mittelsachsen nach Böhmen lag, wird vermutet, dass der Ort bereits im 10. Jahrhundert eine Missionskirche hatte.Reinhard Glatte: Zur Baugeschichte der Kirche. In: Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Dresden-Leubnitz-Neuostra (Hrsg.): Die Kirche zu Dresden-Leubnitz-Neuostra. Union, Dresden 2004, S. 4. Weil keine Grabungen um die Leubnitzer Kirche durchgeführt wurden, gibt es bisher keinen Nachweis über frühere Kirchenbauten.
Als möglich gilt, dass ein früher Kirchenbau als Wehrkirche konzipiert und um 1150 in Holz ausgeführt wurde.Hans-Christoph Naumann: Die Kirche zu Leubnitz-Neuostra. In: Evangelisch-Lutherischer Kirchenvorstand Leubnitz-Neuostra (Hrsg.): Die Kirche zu Dresden – Leubnitz-Neuostra. Union, Dresden 1996, S. 3. Urkundlich ist der Turm der Kirche im Jahr 1170 belegt, der noch heute besteht und somit der älteste Teil des Kirchenbaus ist. Der zur Zeit der Romanik errichtete Turm diente vermutlich als Wehr- und Schutzturm. Darauf lässt zum Beispiel die Mauerdicke von 1,40 Metern schließen. Zudem ist noch in der Gegenwart ein Zugang zum Turm in 5,50 Metern Höhe zu erkennen, der nur über eine Leiter zu erreichen war. Der ebenerdige Durchbruch vom Turm zum Langhaus wurde erst 1437 geschaffen. Damit ist die Kirche in Leubnitz-Neuostra neben der Briesnitzer Kirche und der Wilschdorfer Kirche eine der ältesten erhaltenen Sakralbauten im Dresdner Stadtgebiet. Sie zeugt so nicht zuletzt von den frühen Christianisierungsbestrebungen der Markgrafen von Meißen.
Von der Ersterwähnung bis zum Dreißigjährigen Krieg mini|Elisabeth von Maltitz verschenkte die Kirche 1288
Die Ersterwähnung der Leubnitzer Kirche stammt vermutlich aus dem Jahr 1233, als in einer Schenkungsurkunde an das Benediktiner-Frauenkloster zu Geringswalde auch eine ecclesia in lubiniz genannt wird. Der Ort „lubeniz“ findet sich zudem in einer Bestätigungsurkunde von Papst Gregor IX. aus dem Jahr 1237 wieder.Hans-Christoph Naumann: Zur Geschichte des Dorfes Leubnitz-Neuostra. In: Evangelisch-Lutherischer Kirchenvorstand Leubnitz-Neuostra (Hrsg.): Die Kirche zu Dresden – Leubnitz-Neuostra. Union, Dresden 1996, S. 2. Die erste sicher belegte urkundliche Erwähnung des Dorfes Leubnitz und der Kirche stammt aus dem Jahr 1288. In der Urkunde schenkte die Witwe des Markgrafen Heinrichs des Erlauchten, Markgräfin Elisabeth von Maltitz, dem Kloster Altzella am 12. Juni 1288 das Patronatsrecht über die Kirche sowie ihre Besitzungen in Leubnitz und Goppeln.Cornelius Gurlitt: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen. Vierundzwanzigstes Heft. Amtshauptmannschaft Dresden Altstadt (Land). C. C. Meinhold, Dresden 1904, S. 55. Kirche und Pfarre gehörten dennoch weiterhin zur Inspektion des Erzpriesters von Dresden.
Eine weitere Nachricht über die Kirche stammt aus dem Jahr 1437, als Bischof Johannes IV. in der Kirche einen Altar zu Ehren der Jungfrau Maria und den Heiligen Andreas, Barbara, Moritz und Ursula weihte. In dieser Zeit entstand auch das Langhaus der Kirche in Formen der Spätgotik neu. Möglicherweise zur gleichen Zeit, spätestens jedoch 1511 wurde der Chor an das Langhaus angebaut. Zu dieser Zeit war Leubnitz stark gewachsen, sodass eine Erweiterung der Kirche notwendig war. Pfarrer Antonius Huth berichtete in einem Schreiben, das 1666 im Turmknopf gefunden wurde und sich im Dresdner Stadtarchiv erhalten hat, dass der Kirchturm 1536 durch einen Blitzschlag zum Teil zerstört, jedoch von der Gemeinde wieder aufgebaut wurde. Anlässlich eines aufziehenden Gewitters hatte die Frau des Küsters versucht, die Wolken durch Glockenläuten zu vertreiben und war wie der Turm vom Blitz getroffen worden.
Die Reformation brachte keinen Bruch in der Nutzungsgeschichte der Kirche: Der katholische Pfarrer der Kirche Matthias Steinmetz wurde bereits im Sommer 1539 erster evangelischer Pfarrer in Leubnitz. Im Jahr 1550 ging das Patronat der Kirche vom säkularisierten Kloster Altzella auf Betreiben des Kurfürsten Moritz als Schenkung an den Dresdner Rat über.
Vom 17. bis 19. Jahrhundert mini|hochkant|links|Gotisches Südportal, links neben dem Aufgang zur Nöthnitzer Betstube mini|hochkant|Zugemauertes gotisches Südportal, um 1900
Große Bautätigkeiten begannen nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die Leubnitzer Kirche erhielt erste Emporen, ab 1666 fanden grundlegende Dacharbeiten statt, sodass anschließend bis 1671 im Inneren eine hölzerne Felderdecke eingezogen werden konnte. Die Felderdecke wurde von 1671 bis 1673 vom Dresdner Künstler Gottfried Lucas ausgemalt. Auch die Emporenfelder erhielten eine reiche Ausmalung im Stil des frühen Barocks. Zudem wurden bereits um 1667 die Fenster im Stil des Barocks verändert. Die Renaissance-Kanzel aus dem Jahr 1577 wurde 1662 durch einen Schalldeckel ergänzt.
Im 18. Jahrhundert musste dem Anwachsen der Leubnitzer Gemeinde durch einen erneuten Ausbau der Kirche Rechnung getragen werden. Ein erster größerer Umbau datiert auf die Jahre 1705 bis 1708 und ist urkundlich bezeugt.Cornelius Gurlitt: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen. Vierundzwanzigstes Heft. Amtshauptmannschaft Dresden Altstadt (Land). C. C. Meinhold, Dresden 1904, S. 56. Die Kirche erhielt 1720 und 1721 im Nordosten einen Anbau in einfachen Barockformen, den Johann Friedrich Karcher mitplante und an dessen Ausführung er beteiligt war. Die Maurerarbeiten führte Meister Andreas Boxberger durch, während für die Malerarbeiten Meister Bratfisch zuständig war. Mit dem zweigeschossigen Anbau entstanden Herrschaftsstuben und Emporen. Das gotische Südportal, das sich erhalten hat, wurde 1726/1727 zugemauert. Zudem schuf man einen Eingang zum Turmhaus. Im Nordwesten wurde vor den Turm die sogenannte Brauthalle angebaut, die für Trauungen genutzt wurde. Der erhaltene Barockaltar der Kirche stammt aus dem Jahr 1730.
Verfallserscheinungen führten zu einer ersten größeren Renovierung der Kirche, die von 1874 bis 1889 stattfand. Dabei wurden das Maßwerk an den Südfenstern der Kirche und auch die einfachen Butzenscheiben entfernt. Der spätgotische Ostgiebel wurde vereinfacht und das alte Ziegeldach erneuert. Zudem erhielt die Kirche einen nordöstlichen Anbau in Formen der romanischen Gotik. Im Inneren erfolgten Malerarbeiten unter anderem im Altarbereich.
20. und 21. Jahrhundert mini|hochkant|Altarraum mit Bemalung von 1874 mini|hochkant|Der 2009 erneuerte Dachstuhl
Vermutlich entstanden schon um 1874 erste Risse im Mauerwerk, die auch 1974 in einem Gutachten festgestellt wurden und deren Bildung bis zur Ursachenfindung 2002 anhielt. Bereits 1918 wurde wegen des schlechten baulichen Zustands der Kirche eine grundlegende Innenrenovierung angemahnt, jedoch wegen leerer Kassen nach Ende des Ersten Weltkriegs nicht umgesetzt. Man beschränkte sich auf die dringlichsten Renovierungen. In den Jahren 1922 und 1923 bemalte Karl Schulz die Innenkirche samt Nordemporen neu bzw. frischte die Farben auf. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche nahezu unversehrt, so gab es nur leichte Schäden am Dach und an den Fenstern.
Unter der Leitung des Instituts für Denkmalpflege folgte schließlich ab 1968 eine zehnjährige, umfangreiche Restaurierung der Kirche, die 1978 abgeschlossen wurde. Im Altarraum wurden dabei nachträglich eingebaute Emporen entfernt, die Chorfenster erhielten Butzenscheiben, während der Boden mit Sandsteinplatten belegt wurde. Helmar Helas restaurierte unter Mitarbeit von Peter Taubert Altar, Kanzel und Karcher-Epitaph. Man weißte den Kirchenraum und entfernte die himmelblaue und mit goldenen Sternen ergänzte Ausmalung des Altarraums aus dem Jahr 1874.Bilderschmuck an Decke und Emporen. In: Die Union, 24. Dezember 1974. Helmar Helas und Werner Wischniowski reinigten und konservierten zudem 1974 die Felderdecke.Dresden-Leubnitz-Neuostra – Ev. Pfarrkirche. In: Barbara Bechter, Wiebke Fastenrath, Heinrich Magirius et al. (Bearb.): Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Dresden. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2005, S. 171. Während der Restaurierungsarbeiten diente die Kirche im Juni und Juli 1973 als Drehort für den Spielfilm Polizeiruf 110: Eine Madonna zuviel.
Die Rissbildung im Mauerwerk wurde erstmals 1993 mithilfe von Bohrungen im Kirchberg untersucht, blieb jedoch ergebnislos. Zu dieser Zeit waren nicht nur große Risse im Gewölbe des Chorraums und an den Spitzbögen der gotischen Fenster aufgetreten. Auch bei weiteren Gebäuden am Kirchberg, darunter Privathäusern sowie dem in der Folge einsturzgefährdeten Gemeindehaus neben der Kirche, zeigten sich Risse.Hans-Christoph Naumann: Die Kirche zu Leubnitz-Neuostra. In: Evangelisch-Lutherischer Kirchenvorstand Leubnitz-Neuostra (Hrsg.): Die Kirche zu Dresden – Leubnitz-Neuostra. Union, Dresden 1996, S. 14. Seit 1996 engagiert sich der Verein zur Sicherung und Erhaltung der Leubnitzer Kirche e. V. für die Kirche und deren kontinuierliche Instandhaltung.
Eine zweite, grundlegende Untersuchung fand von 1996 bis 1999 statt. Es stellte sich heraus, dass die Kirche unter ihrem Fundament auf einem Plänermergel-Zersatz steht, der bei Niederschlag aufquillt und bei Trockenheit austrocknet und schrumpft. Die daraus folgenden örtlich leichten Hebungen und Senkungen der Kirche führten zu den Rissen im Mauerwerk. Infolge der Erkenntnisse legte man eine Drainage an, die Regenwasser abführt, bevor es versickern kann.Reinhard Glatte: Zur Baugeschichte der Kirche. In: Kirchenvorstand der Kirchgemeinde Dresden-Leubnitz-Neuostra (Hrsg.): Die Kirche zu Dresden-Leubnitz-Neuostra. Union, Dresden 2004, S. 6. In den Jahren 2018/2019 kam es durch zwei sehr trockene Sommer zu einer deutlichen Senkung der Kirche und starker Rissbildung im Gebäude. Sie musste deshalb teilweise gesperrt werden. Das Amt für Kultur und Denkmalschutz nahm eine Notsicherung vor. Die Kirche soll in den nächsten Jahren ein neues Fundament bekommen, um sie zu erhalten. Die notwendigen Gelder sollen durch Fördermittel und Spenden aufgebracht werden.Thomas Gärtner: Trockenheit bringt Kirche in Gefahr. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 29. November 2019, S. 14.
Von 1999 bis 2001 restaurierte Lydia Wiedemann die Emporenbilder. Im Jahr 2005 erhielt die Kirche eine Temperierungsanlage. Drei Jahre später wurden die beiden Epitaphien an der Ostwand restauriert.Reinhard Glatte: Zwei wertvolle Epitaphe in der Leubnitzer Kirche restauriert. In: Südhang, Nr. 2, 2009, S. 16–17. Eine letzte größere Arbeit war die Erneuerung des Dachstuhls im Jahr 2009, in dessen Folge auch das Ziegeldach neu gedeckt werden musste.Vera Kliemann: Leubnitzer Kirche braucht neuen Dachstuhl. In: Sächsische Zeitung, 1. Juli 2008.Brigitte Marschall, Reinhard Glatte: Dem Holz „zu Leibe gegangen“. In: Südhang, Nr. 5, 2009, S. 4–6.
Baubeschreibung Äußeres mini|Die Kirche um 1840 mit Staffelgiebel, der 1874 vereinfacht umgebaut wurde mini|Grundriss der Kirche 1904