mini|Bhuta kola, Besessenheitstanz eines Paravar, Mitglied einer niedrigen Fischerkaste im Süden von Karnataka. Veröffentlicht 1909Abgebildet in: Edgar Thurston: Caste and Tribes of Southern India. Volume VI – P to S. Government Press, Madras 1909, S. 141 ()
Ein Bhuta, Sanskrit bhūta, , auch Bhut, gehört zu einer Gruppe von Geistern oder Dämonen, die in Südasien in den Menschen wohl- oder übelwollenden Formen vorkommen sollen. Sie sind häufig aus den Seelen unnatürlich zu Tode gekommener oder nicht regelgerecht bestatteter Menschen hervorgegangen und bewegen sich nach Belieben zwischen der Welt der Toten und der Lebenden. Bhuta ist ein Oberbegriff für eine große Zahl unterschiedlicher Geister, die teilweise Besessenheit und Krankheiten hervorrufen können, andere werden als Schutzmächte angerufen. Ein Bhuta ist männlich, das weibliche Gegenstück heißt Bhutin. Bhutas erscheinen furchterregend in Menschen- oder Tiergestalt.
Der Glaube an Geister wird erstmals in den Veden, später im Mahabharata und weiteren altindischen Epen erwähnt. Viele Bhutas wurden in den hinduistischen Volksglauben integriert und haben die Charaktereigenschaften niederer Gottheiten angenommen. Als frühe Helfer Brahmas genießen mancherorts Bhutas einen hohen Status und werden als lokale Schutzgottheiten geehrt. Rituale für Bhutas stehen am Anfang der Entwicklung einiger indischer Tanztheater wie Yakshagana in Karnataka und Teyyam in Kerala.
Herkunft Der Begriff bhuta in der Bedeutung von „geformt“, „geschaffen“ oder „geworden“ steht in den frühen Sanskrit-Schriften allgemein für Naturkräfte. Anfangs stand bhuta für „Lebewesen“, erst später wurde die Bedeutung des Wortes auf die jenseitigen Wesen eingegrenzt. Teilweise wurden auch hinduistische Götter diesen Kräften zugerechnet, so lauten Beinamen Shivas Bhutisvara und Bhutanatha, „Herr der Geister“. Die Silbe bhu lässt sich auf die indoeuropäische Sprachwurzel be zurückführen, die im Kern „wachsen“ bedeutet. Im Deutschen leitet sich daraus die Silbe bin ab, im Englischen be, im Serbokroatischen biti, im Altpersischen bavati und im heutigen Persisch budan.Leon Stassen: Intransitive Predication: Oxford Studies in Typology and Linguistic Theory. Oxford University Press, New York 1997, S. 98
Seit der altindischen Zeit sind Opferrituale in jedem Detail ihres Ablaufs streng festgelegt. Die Menschen treten in Kontakt mit den Göttern, um gemeinsam mit ihnen dafür zu sorgen, dass die kosmogonische Ordnung der Welt erhalten bleibt und böswillige Mächte nicht die Oberhand gewinnen. Das vedische Opfer für die Götter wurde im Lauf der Zeit zum einen zu einer persönlichen und familiären Zeremonie (Puja) im Hindutempel, zum anderen entwickelte sich aus seiner von Anfang an dramatischen Inszenierung ein in derselben Absicht und mit denselben Zielen organisiertes Ritualtheater. Während in diesem für die Götter gespielten Theater die höheren Mächte in Rollen vorgeführt werden, die eine mythologische Geschichte erzählen, können Bhutas beim Höhepunkt einer Theateraufführung von einem oder mehreren Bhuta-Charakteren tatsächlich Besitz ergreifen. Die in einer entsprechenden Kostümierung vorher angedeutete Umwandlung des Darstellers endet in einem dramatischen Besessenheitstanz.
Der Bhuta-Kult setzt sich zusammen aus einem Ahnenkult, einer Baum- oder Schlangenverehrung, der Verehrung einer lokalen Schutzgottheit (grama devata) und sonstiger niederer Götter und beinhaltet in manchen Regionen den Kult der Muttergöttin. Im Hinduismus vermischte sich der Glaube an Bhutas mit den jeweiligen Hochgöttern und schuf darüber hinaus eine Verbindung zwischen den Ritualpraktiken und Glaubensvorstellungen der unterschiedlichen Schichten der hierarchischen Kastengesellschaft.
In den vedischen Schriften wird das Totenritual (shraddha) für die verstorbenen Ahnen mit der Opfergabe von pindas (Sanskrit „Teil des ganzen Körpers“, Reisbällchen) geschildert. Es ist eine dramatische Inszenierung, bei der ein Brahmane sich in der Rolle des Ahnen (pitar) verkörpert und die Gaben entgegennimmt. Die Ahnen sollen nach dem gesetzgebenden mythischen Vater Manu (Manush Pitar, „Vater der Menschheit“) als göttliche Wesen verehrt werden. Ihnen gebührt das pitar yajna, eines der fünf Ritualopfer. Die anderen vier sind bhuta yajna (Opfer an die Naturkräfte), deva yajna (Opfer an die Götter), manushya yajna (Opfer an die Menschheit) und Brahma yajna (Opfer an Gott Brahma). Ahnenverehrung konnte außerdem an einem Stein, Baum oder einem hierfür errichteten Kultidol stattfinden, also an den mutmaßlichen Aufenthaltsorten der Ahnenseelen. Andere Namen für vedische Geister waren preta (Tote), pishacha (Fleischfresser), yaksha (Naturgeist), besonders yaksha naga (Schlangengeist) und rakshasa (Dämon).
Das Angedenken der im Jenseits Lebenden und die Geschichte des Geisterkults gehören zusammen, wobei je nach Todesursache zwei, in ihrem Verhältnis zu den Menschen unterschiedliche Arten von Geistwesen geschaffen werden. Die als heilige Tote verehrten Ahnen sind auf natürlichem Wege gestorben und wurden mit den erforderlichen Riten beerdigt. Sie führen nach ihrem Ableben tendenziell weiter, was sie im Leben getan haben: ihre Familien zu beschützen und deren Feinde zu schädigen. Ihnen stehen die Geister der unnatürlich, also durch Unfall, Mord oder Selbstmord zu Tode gekommenen Menschen (akal mrityu) gegenüber. Auch die nicht den Riten entsprechend Bestatteten sind durch die mangelnde Beachtung zu Fremden geworden und verhalten sich entsprechend feindselig. Selbst der gute Hausgeist kann durch Missachtung zu einem böswilligen Geist werden und nachts im Traum erscheinen. Nur die Geister der zweiten Gruppe werden als Bhutas zusammengefasst.
Die Geisterverehrung ist wohl älter als es die literarischen Quellen belegen. Im Rigveda wird neben pitar in einem Vers auch pishacha erwähnt, in der etwas späteren Sammlung magischer Hymnen, dem Atharvaveda, und dem hierzu gehörenden Gopatha Brahmana kommen die Fleischfresser an mehreren Stellen vor. Im Atharvaveda wird Rudra als bhutapati, etwa als „Herr oder Beschützer der Lebewesen“ angesprochen. Geister treten im Mahabharata in Erscheinung, ebenso im Ramayana des Valmiki. Als dort Sita erfährt, dass ihr Geliebter Rama von seinem Vater Dasharatha in die Waldeinsamkeit verbannt wurde, bleibt sie schwer atmend auf der Stelle stehen. Ihr Verhalten wird als bhutopahata-citta mit der Bedeutung „von einem Geist besessener Verstand“ beschrieben.
Das tamilische Werk Shilappadhikaram aus der Sangam-Zeit, verfasst im 2. Jahrhundert n. Chr., beschreibt die Tanzkunst und erwähnt Rituale im Zusammenhang mit dem Bhuta-Kult, die Gesang, Instrumentalmusik und Tanz beinhalten. Im dritten Gesang heißt es, dass farbige Bhuta-Abbildungen verehrt wurden. Bei einem Ritual zu Ehren des Götterkönigs Indra im fünften Gesang legen kostümierte Frauen Opfergaben vor dem Altar der Schutzgottheit (Bhuta) ab, um die übelwollenden Mächte fernzuhalten. Der Bhuta-Altar bestand wie noch heute in Südindien aus einem aufgestellten Stein.Manohar Laxman Varadpande, 1992, S. 44–46
Nach der im 11. Jahrhundert von Somadeva verfassten Legendensammlung Kathasaritsagara ließ König Chandraprabha auf Geheiß des großen Dämon Asura Maya ein Feueropfer für Rudra durchführen, als plötzlich der Bulle Nandi mit einer Gruppe Bhutas erschien und erklärte, Shiva habe ihn mit der Führung der Bhutas beauftragt. Nachdem Nandi einige Opfergaben erhalten hatte, verschwanden er und die Bhutas. Die Geschichte und einige weitere in dieser Sammlung zeigen, dass Bhutas im 11. Jahrhundert bekannt waren und mit Shiva in Verbindung standen.Rajaram Narayan Saletore: Indian Witchcraft. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1981, S. 101f
Charakterisierung Beim Umgang mit Bhutas gelten die in anderen Kulturen bei vergleichbaren Geistern üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Gefährdet sind kleine Kinder, besonders wenn sie eben Milch getrunken haben, und Frauen. Zum zweiten Mal verheiratete Frauen müssen fürchten, dass ihr früherer Mann sie als Geist belästigt. Umgekehrt müssen wiederverheiratete Männer nach dem Tod ihrer ersten Frau mit deren unerwünschtem Erscheinen rechnen. Dagegen hilft, wenn der Mann das Silberamulett saukan maura („Krone der ersten Frau“) um seinen Hals trägt und gegen ihre Eifersucht dem Amulett zuerst alle für die neue Frau gedachten Geschenke anbietet, bevor er diese weiterreicht.William Crooke, 1894, S. 148
Bhutas können nicht auf dem Boden sitzen, weil sie sonst ihre Macht an die Erdgöttin verlieren würden. Sollen sich Bhutas an bestimmten Schreinen und Verehrungsorten niederlassen, so benötigen sie zumindest einen erhöhten Sitzplatz in Form von aufeinander gestapelten Steinen oder Ziegeln. Dementsprechend dürfen sich Menschen wohlbehütet auf dem Erdboden zum Schlafen legen, und Verstorbene liegen bis zu ihrer Verbrennung in Ruhe am Boden. Die bekannte Eigenschaft, dass Geister keine Schatten werfen, gilt auch für Bhutas.
Bhutas haben eine Affinität für Steinsetzungen. In den Städten des Kathmandutals gibt es die chvasa lhva. Dies sind Steine in den Straßen, an denen Leute Gegenstände loswerden können, von denen eine magische Bedrohung ausgeht, also zum Beispiel die Kleider eines Toten oder die Nabelschnur nach der Geburt. Solche Steine werden als Versammlungsorte der Bhutas verehrt.Axel Michels: Śiva in Trouble: Festivals and Rituals at the Paśupatinātha Temple of Deopatan. Oxford University Press, Oxford 2008, S. 180
Einzelne Formen mini|hochkant|Yaksha aus Terrakotta, Sunga-Periode (1. Jahrhundert v. Chr.). Fundort Chandraketugarh in West-Bengalen Vetala (auch Betal, Baital) gilt als König der Bhutas. Er lebt auf Friedhöfen und ergreift nach Belieben Besitz von Lebenden und von toten Körpern, die er zum Leben erweckt. Obwohl er als nicht besonders aggressiv gilt, kann er Besessenheit und Krankheiten auslösen. In Nordindien hat er zusammen mit Vasus (Begleitgottheiten von Indra), Yakshas (Naturgeister, niedere Götter) und Gandharvas (himmlische Musikanten) in den Tantrismus gefunden.William Crooke, 1894, S. 152 Im nepalesischen Tanztheater Mahakali pyakhan, das jährlich im September beim großen Indra Jatra-Fest in Kathmandu aufgeführt wird, gehören Vetalas zu den ständigen Begleitern der drei Göttinnen, die gegen die bösen Dämonen kämpfen. Andere, Cherapati genannte Bhutas stellen in dieser Aufführung die Personifizierung der Cholera dar.Keiko Okuyama: Aspects of Mahākālī Pyākhan: In: Richard Emmert u. a. (Hrsg.): Dance and Music in South Asian Drama. Chhau, Mahākāli pyākhan and Yakshagāna. Report of Asian Traditional Performing Arts 1981. Academia Music Ltd., Tokyo 1983, S. 169