mini|Größeres Männchen, gefangen in der unteren Havel Die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) ist eine ursprünglich in China beheimatete Krabben-Art.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie nach Europa eingeschleppt. In der einheimischen Fauna mancher Flüsse hat sich das Tier mittlerweile trotz Bekämpfung durch den Menschen als invasive Art (Neozoon) fest etabliert.
Sie zählt mit zu den 100 schlimmsten invasiven Arten der Welt und befindet sich auch auf der „Liste der unerwünschten Spezies“ der Europäischen Union.
Beschreibung Die Krabbe bekam ihren Namen, weil insbesondere die männlichen Tiere einen dichten „Haarpelz“ an den Scheren tragen, der die Art unverwechselbar macht. Die Behaarung tritt unauffälliger auch bei Weibchen und Jungtieren auf. Ihr fast quadratischer Rückenpanzer (Carapax) kann bis zu 7,5 Zentimeter lang werden (ausnahmsweise sogar 10 Zentimeter). Er zeigt zwischen den Geschlechtern kaum Größenunterschiede. Die Gesamtbreite einschließlich der langen Beine kann bis zu 30 Zentimeter betragen; die Beinlänge erreicht das Doppelte der Carapaxbreite. Das Gewicht ausgewachsener Tiere liegt zwischen 70 und 200, ausnahmsweise bis 400 Gramm. Das Abdomen ist wie bei allen Krabben nach vorne auf die Bauchseite umgeschlagen. Dieser bei den Malacostraca Pleon genannte mehrgliedrige Körperteil ist bei den Männchen schmal zungenförmig, bei den Weibchen fast so breit wie der Carapax. Der Rückenpanzer ist olivgrün oder braun gefärbt mit dunklerer Fleckung und am Rand fein gesägt. An seinen Vorderecken befinden sich außerdem auf jeder Seite vier scharf zugespitzte Sägezähne. Das vorderste Extremitätenpaar ist zu Scherenbeinen umgewandelt, die beim Männchen kräftiger ausgeprägt sind als beim Weibchen. Die vier Schreitbeinpaare sind lang und abgeflacht und haben an den Kanten Haarsäume.
Lebensweise mini|Unterseite der leeren Panzerhülle einer halbwüchsigen Wollhandkrabbe (das breite Pleon und die kleinen Scheren weisen auf ein weibliches Tier hin)
Wollhandkrabben besiedeln größere Flussläufe. Sie leben dort überwiegend nachtaktiv am Grund und ernähren sich von Wasserpflanzen, Insektenlarven, Muscheln, Schnecken, kleineren Fischen und Aas. Bei neuen Untersuchungen und älteren Erhebungen aus den 1930er Jahren (zusammengefasst in) besteht die Nahrung zu etwa drei Vierteln (maximal bis 90 %) aus pflanzlichem Material und richtet sich vor allem nach dem Angebot. Muscheln werden bevorzugt aufgenommen, um mit deren Schale den eigenen Kalkbedarf zu decken. Fischbrut sowie gesunde und bewegliche Fische werden nicht gefressen.
An Uferrändern werden Wohnhöhlen gegraben; aber auch unter Steinen und in weichem Sediment sucht die Art Schutz. Zwischenzeitlich kann sie sich einige Zeit an Land aufhalten. Während des Wachstums häuten sich die Krabben regelmäßig, indem sie ihr altes Panzerkleid abstreifen. Das neue ist bereits angelegt und muss nur noch aushärten.
Wanderungen Die Wollhandkrabbe lebt als erwachsenes Tier im Süßwasser, benötigt zur Entwicklung aber salziges Wasser, das über Reproduktionswanderungen flussabwärts (sogenannte katadrome Wanderungen, wie beim Aal) erreicht wird. Mit Beginn der Paarungszeit im Spätsommer wandern die erwachsen werdenden Tiere flussabwärts zum Meer. Diese Migration kann sich bei Tagesleistungen zwischen acht und zwölf Kilometern über mehrere Monate hinziehen. Die zuerst in den tidebeeinflussten Mündungen eintreffenden Männchen passen dort die Weibchen ab. Nach der Paarung wandern die Weibchen bis in den stark salzbeeinflussten Mündungsbereich (Brackwasser) und laichen dort binnen 24 Stunden ab. Die Eier tragen sie bis kurz vor dem Schlupf der Larven unter ihrem Pleon, angeklebt an den Pleopoden. Pro Weibchen werden sehr hohe Eizahlen (ca. 250.000 bis 900.000) erreicht. Die Tragezeit beträgt etwa vier Monate. Anschließend laufen die Weibchen zurück in die Brackwasserzone der Flussmündung und geben die schlupfreifen Eier ins Wasser ab. Danach sterben die Muttertiere; sie pflanzen sich also nur einmal fort. Auch die Männchen kehren nicht mehr zurück.
Aus dem Ei schlüpft ein frei schwimmendes Larvenstadium, die sog. Zoea. Nach fünf Häutungen wird ein bodenlebendes Larvenstadium, die Megalopa, erreicht, die sich nach einer Häutung zu einer etwa drei Millimeter großen Jungkrabbe umwandelt, die anatomisch den ausgewachsenen Tieren entspricht. Vor allem die älteren Larvenstadien benötigen einen höheren Salzgehalt im Wasser und können nicht in reinem Süßwasser überleben, während dies ausgewachsenen Krabben ohne Probleme möglich ist. Die Entwicklung findet aber niemals im offenen Meer, sondern immer im Brackwasser der Ästuare und Flussmündungen statt. Die sich aus den Larven entwickelnden jungen Krabben wandern im Frühjahr (April/Mai) wieder die Flussläufe hinauf, während sie immer größer werden. Bis zum Erreichen der wanderfähigen Größe vergehen aber anderthalb bis zwei Jahre. Vor dem Aufstieg sammeln sich die Tiere im tieferen Wasser, um dann geschlossen aufwärts zu wandern. Die Aufwanderung gegen die Strömung braucht mehrere Jahre, beispielsweise waren am Wehr Calbe (an der Mündung der Saale in die Elbe, vgl. Schleuse Calbe) die meisten gefangenen Jungtiere drei Jahre alt. Die Wandergeschwindigkeit wurde bei jungen Tieren auf etwa einen Kilometer pro Tag, bei älteren bis drei Kilometer, bestimmt, woraus sich eine Jahresleistung von etwa 200 bis 250 km ergibt. Größere Hindernisse wie z. B. Wehre werden notfalls auf dem Landweg umgangen, wobei selbst senkrechte Betonwände überklettert werden können.
Mit etwa fünf bis sechs Jahren erreichen Wollhandkrabben die Geschlechtsreife und nehmen an der Reproduktionswanderung zum Meer teil.
Vorkommen Die ursprüngliche Heimat der Wollhandkrabbe ist Ostchina in den geografischen Breiten etwa zwischen Korea und der Provinz Fujian in Höhe von Taiwan – insbesondere auch der Ästuar des Stromes Jangtsekiang. alternativtext=Verbreitung der Wollhandkrabbe in Deutschland nach Meldungen im Portal GBIF.org, Stand 12/2025; Hintergrundkarte: Relief, Verwaltungsgrenzen, Bundeswasserstraßen|mini|Verbreitung der Wollhandkrabbe in Deutschland nach Meldungen im Portal GBIF.org, Stand 12/2025; Hintergrundkarte: Relief, Verwaltungsgrenzen, Bundeswasserstraßen In Europa wurde sie erstmals im Jahr 1912 in der Aller (Nebenfluss der Weser) nachgewiesen. Die Art wurde vermutlich wenige Jahre zuvor im Larvenstadium mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen eingeschleppt. Zwischenzeitlich verbreitete sie sich in mehreren Schüben invasionsartig, insbesondere in den in die Nordsee mündenden Flüssen (Elbe, Weser, Ems, Rhein) samt Nebengewässern. Auch die Ostseezuflüsse Oder und Weichsel wurden bereits 1929/1930 besiedelt (noch vor dem Rhein), wobei die Tiere sich in der Ostsee wegen zu geringer Salzgehalte nicht fortpflanzen können, sondern wohl bis ins Kattegat weiterwandern müssen (selbst hier wurde eine Vermehrung erst 2011 nachgewiesen). Inzwischen wurde auch das Nordende des Bottnischen Meerbusens von den Tieren erreicht, wobei bei isolierten Vorkommen nicht immer klar ist, ob auch eine Reproduktion erfolgt. Selbst weit stromaufwärts, etwa in Basel, Dresden oder Prag, wurden schon Wollhandkrabben gesichtet. Die Berliner Gewässer werden über die Havel (Nebenfluss der Elbe) und die Schifffahrtskanäle besiedelt. Besiedelt worden sind auch die großen französischen Flusssysteme von Seine, Loire und Gironde, von wo aus sie durch Wanderung über Kanäle die künstlichen Lagunen der Mittelmeerküste erreichte, sowie in Großbritannien die Themse (seit den 1930er Jahren bekannt) und im schottischen Clyde (erstmals nachgewiesen im Juni 2014). Im Mittelmeer und den Mittelmeerzuflüssen wurde die Art verschiedentlich gesichtet, scheint aber bisher noch selten zu sein. Nach einer Modellierung der klimatischen Ansprüche (Nischenmodell) könnten sie fast ganz Europa besiedeln. Weitere Vorkommen sind beinahe weltweit nachgewiesen, wobei eine weitere Verschleppung über Ballastwasser immer noch erfolgt. So wurde um das Jahr 2000 die Bucht von San Francisco (Nordamerika) besiedelt (nach genetischen Markern von Europa aus, nicht direkt aus China). Dieses Ausbreitungsvermögen hat der Art einen Platz auf der Liste der „100 schlimmsten nicht-indigenen Arten“ eingetragen. Unterschiedliche Salzkonzentrationen, wie sie in den Gezeitenzonen der Flussunterläufe vorkommen, ertragen die Tiere sehr gut. Die Temperaturen in deutschen Flussmündungen unterscheiden sich zudem kaum von denen in nordostchinesischen Gewässern. Auch die dank Kläranlagen und gestiegenen Umweltbewusstseins in den letzten Jahren wieder deutlich verbesserte Wasserqualität in den großen Flüssen begünstigt die weitere Ausbreitung in Mitteleuropa. In der Mittelelbe ging der Krabbenbestand z. B. nach der ersten Massenentwicklung in den 1930er Jahren Anfang der 1950er Jahre stark zurück, erreichte 1960/70 einen Tiefpunkt und stieg zu Beginn der 1990er Jahre wieder rasant an. Außerdem sind zyklische Bestandsschwankungen mit einer Periode von ca. zwölf Jahren auffallend, die möglicherweise mit Temperatur- und Salzgehaltsschwankungen in den Larvalhabitaten in Zusammenhang stehen. alternativtext=Verbreitung der Wollhandkrabbe in Europa nach Meldungen im Portal GBIF.org (Gelbe Punkte), Stand 12/2025; Hintergrundkarte: Relief, Verwaltungsgrenzen|mini|Verbreitung der Wollhandkrabbe in Europa nach Meldungen im Portal GBIF.org (Gelbe Punkte), Stand 12/2025; Hintergrundkarte: Relief, Verwaltungsgrenzen
Neozoa-Problematik, wirtschaftlicher Schaden und Nutzen
Ökologische Schäden Seit dem ersten Auftreten der Art ist befürchtet worden, dass sie als Allesfresser (Omnivoren) in Nahrungskonkurrenz unter anderem zu auch vom Menschen genutzten Fisch-Arten treten könnte. Untersuchungen und Abschätzungen der 1930er Jahre beim ersten Massenauftreten der Art erbrachten allerdings keine Hinweise auf Bestandsrückgänge. Möglich wäre eine Nahrungskonkurrenz bei sehr hohem Auftreten in nahrungsarmen Gewässern wie etwa der Mittelelbe. Eine direkte Konkurrenz besteht ansonsten vor allem mit Flusskrebs-Arten. Dies betrifft in den größeren Flusssystemen Deutschlands aber beinahe ausschließlich den ebenfalls neozoischen (aus Amerika eingeschleppten) Kamberkrebs (Orconectes limosus).
Als weitere ökologische Schäden werden Schäden an Wasser- und Uferpflanzen vermutet: Die Tiere können die Wurzeln der Pflanzen beschädigen, was die Erosion und Destabilisierung von Ufern begünstigen kann.
2014 wurde nachgewiesen, dass die Chinesische Wollhandkrabbe außerdem auch ein Vektor der Krebspest ist, einer parasitischen Pilzerkrankung, die vor allem Flusskrebse befällt.
Wirtschaftliche Schäden Uferbauten und Dämme werden eher vereinzelt durch das massenhafte Graben von Hohlgängen in Mitleidenschaft gezogen und können einstürzen sowie Drainagen verstopfen, dies betrifft aber beinahe ausschließlich den Tidebereich. Auch unter Anglern und Fischern sind Wollhandkrabben unbeliebt: Beim Angeln mit Köderfisch auf Grund knabbern die Tiere binnen kurzer Zeit den Köder vom Haken, ohne dass der Angler dies bemerkt. Außerdem trennen sie mit ihren scharfen Scheren die Schnur durch, um den Köder zu erhalten. Bei der Reusenfischerei greifen sie gefangene Fische an und fressen diese, Reuseneingänge können durch die Tiere verstopfen und so den Einsatz unmöglich machen. Große wirtschaftliche Schäden treten dadurch in erster Linie bei der Aalfischerei auf. Außerdem zerschneiden Wollhandkrabben auch die Netze.
Die Chinesische Wollhandkrabbe ist in die „Liste der unerwünschten Spezies“ für die Europäische Union aufgenommen worden. Die Krabbe befindet sich auf der Liste der 100 of the World’s Worst Invasive Alien Species.
Bekämpfung mini|Männchen in Abwehrhaltung an Land