mini|Weste aus Rotfuchsseiten (2010) Pelzreste ( Chordas) sind die in der Kürschnerei bei der Fellverarbeitung abfallenden Fellstücke, in der Branche Stücken genannt.Franke, Kroll: Jury Fränkel’s Pelzlexikon 1988/89. Kapitel Pelzstücken, S. 377, dort jedoch „chourda“. Geändert in „chordas“ nach Hinweis von Leonidas Pouliopoulos am 14. Juni 2014. Sie werden zu Pelzhalbfabrikaten, sogenannten „Bodys“, zusammengesetzt, die hauptsächlich zu Pelzbekleidung und Felldecken weiter verarbeitet werden. Ein kleiner Teil geht in die Galanteriewaren- und, in Mitteleuropa derzeit kaum noch, in die Spielwarenerzeugung. Fellstücken dienen als Köder beim Fliegenfischen. Zunehmend nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Fellreste vom fellverarbeitenden Kürschner direkt zu größeren Kleidungsstücken verarbeitet, inzwischen nur noch selten. Die Spezialisierung einzelner Betriebe auf diese Tätigkeit verringert die dafür benötigten Arbeitszeiten in erheblichem Umfang, außerdem ermöglicht sie die Sammlung großer Mengen gleichartiger Stücken. Die Vorverarbeitung erlaubt eine vorteilhaftere, wirkungsvolle Pelzveredlung, beim Scheren für den Scherprozess, beim Färben schafft sie die Möglichkeit für das zusätzliche Aufbringen von Mustern mit Sprühpistolen, unter Umständen unter Einsatz von Schablonen. Reliefartige Muster werden gelegentlich durch das Ausbrennen des Haars mit Lasern erzeugt. Die Bodys werden meist über den Rauchwarengroßhandel vertrieben und kehren von dort in die Konfektionsindustrie oder zu den Einzelhandel betreibenden Kürschnern zurück. Die abfallenden Fellteile haben bei in der Regel größerer Leichtigkeit meist die gleiche, manchmal sogar eine größere Haltbarkeit als das Hauptprodukt aus den Kernstücken der Felle.Paul Schöps in Zusammenarbeit mit Kurt Häse: Halbfabrikate aus Fellwerk. In: Das Pelzgewerbe. 1973 Neue Folge, Jg. XXI, Nr. 5/6, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a. S. 42–53
Nur gelegentlich verwendet der Fellverarbeiter die Reste bei der Pelzherstellung an verdeckter Stelle in Jacke oder Mantel mit oder integriert sie als Ornament. Jedoch haben insbesondere indigene Völker, beispielsweise die Eskimos, Trachten mit sehr kunstvollen, harmonischen Mustern entwickelt, die aus den Fellteilen gearbeitet werden, die sonst abfallen würden. Alles deutet darauf hin, dass die auch heute noch wertgeschätzten Pelzreste genutzt werden, seitdem der Mensch Felle zu Kleidung verarbeitet.
In den letzten Jahrhunderten haben sich in verschiedenen Zentren der Welt eigene Industrien für die Pelzstückenverarbeitung gebildet, in Europa ist das bis heute vor allem Kastoria in Griechenland und der nahegelegene Ort Siatista.
Die 1968 veröffentlichten deutschen RAL-Vorschriften für Pelzbekleidung besagen, dass für eine warenehrliche Beschreibung Pelzwaren, wenn sie nicht aus ganzen Fellen gearbeitet sind, also aus Seiten, Wammen, Klauen, Schweifen (Schwänzen) oder Abfallstücken, als solche gekennzeichnet sein müssen (zum Beispiel Nerzpfotenmantel, nicht Nerzmantel). Im Text der Bestimmungen wird besonders darauf hingewiesen, dass Bezeichnungen „aus besten Stücken“ beziehungsweise „aus ausgesuchten Stücken“ oder analoge Begriffe unzulässig sind.Die neuen RAL-Bezeichnungsvorschriften. In: Rund um den Pelz, September 1968, Anlage B 1
Im Jahr 1961 bestimmte eine Verordnung über die Ersichtlichmachung der Beschaffenheit von Fellen und Pelzwaren des österreichischen Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau unter anderem: „§ 4: Bei Pelzwaren, die nicht aus ganzen Stücken gearbeitet sind, ist auf diesen Umstand hinzuweisen (zum Beispiel Persianerstückenmantel), oder es sind die verwendeten Fellteile anzuführen (zum Beispiel Bisamwammenmantel, Fehrückenmantel, Persianerkopfmantel, Persianerklauenmantel).“Baran: Kennzeichnung der Fellart in Österreich. In: Das Pelzgewerbe, Jg. XII/Neue Folge, 1961 Nr. 4, Hermelin-Verlag, Berlin u. a., S. 172
Für eine Beschreibung der verschiedenen Fellarten siehe → Pelzarten und die dortigen Weiterleitungen auf die entsprechenden Hauptartikel.
Allgemein mini|Wandbehang, diverse Fellarten (Barbara Janßen, Gütersloh, 2023) mini|hochkant|Skunksmantel, bei dem die Gabeln nicht herausgeschnitten wurden (mit Fuchsbesatz, 1900)
Neben der „Schussware“, den für eine normale Nutzung nicht zu gebrauchenden, meist extrem beschädigten Fellen, bleiben bei der Fellverarbeitung vor allem Kopfstücken, Pfoten und Schweife in der Regel erst einmal unberücksichtigt, schon weil die Felle in der sich durch die Extremitäten ergebenden, unregelmäßigen Fellform so nicht zu verwenden sind. Auch weichen diese Teile meist erheblich vom übrigen Fellcharakter ab. Beinteile und Schweife haben fast immer eine andere Farbe als der Rumpf, die Beinteile und die Kopfstücken sind oft kurzhaariger. Beim Persianer und anderen gelockten Lammfellen sind die Beinteile, vom Kürschner Klauen genannt, weniger gelockt, nur moiriert oder ganz glatthaarig. Die Schwänze sind, wenn sie dicht behaart sind, immer langhaariger. Häufig wird auch die andersfarbige Bauchseite, die Wamme, extra verarbeitet. Einer der besonderen Reste entstand beim Skunksfell, bei dem früher die helle und langhaarigere Gabel herausgestochen, zusammengesetzt und dunkel eingefärbt wurde.
Eine Ausnahme bildet das Guanakofell, bei dem man die sehr langen Beine oft am Fell belässt und insbesondere bei der Nutzung zu Pelzdecken die Felle kunstvoll ineinander fügt, eine Verarbeitungsmethode, die bereits von den Indios beherrscht wurde. Die hellen, von den Beinen in die Fellseiten übergehenden fast weißen Fellpartien ergeben ein für diese Fellart charakteristisches Bild. Trotzdem blieben bei dieser materialsparenden Arbeitsweise noch Fellreste übrig, die von den Indiofrauen zusammen mit kleinen Skunksfellen, wilden Katzen und anderen heimischen Fellen zu beeindruckenden, geschmackvollen Mustern zusammengesetzt wurden.Christine Papp: Die Tehuelche. Ein ethnohistorischer Beitrag zu einer jahrhundertelangen Nicht-Begegnung. Dissertation. Universität Wien 2002. Sekundärquelle: Hatcher 1869/1903, S. 270 (Online verfügbar, zuletzt abgerufen am 18. April 2012)
Für Kaninpfoten wurde 1950 die Verwendung zur Leimfabrikation erwähnt. Die nicht für Pelzzwecke zu verwendenden Reste und die so genannten Kleinststücken werden ansonsten der Tierhaarverwertung zugeführt, vor allem zur Herstellung von Filz. Hutmacher verwerteten vor allem Biber, Bisam, Nutria und Kanin, aber auch Nerz, Otter und Maulwurf. Biber, Bisam, Otter und Nutria finden für die Außenseite Verwendung und verleihen dem Filz eine glatte Oberfläche. Im Jahr 1930 wurde der Produktionsprozess so beschrieben: Der so genannte „geblasene Pelz“ wird dazu durch eine Maschine geblasen und mit anderen Materialien der Filzfabrikation vermischt. Die Pelzstückchen werden auf einen Papierstreifen geleimt, der über eine Walze und dann durch eine Maschine läuft. Der Pelz kommt dann mit einem Rotationsmesser in Kontakt, der den Pelz ganz kurz schneidet. Gleichzeitig wird der so beschnittene Pelz in einen Behälter geblasen. Die Hutmacher bevorzugten jedoch wegen des noch schöneren Glanzes die Stücken roher Pelzfelle.Ohne Autorenangabe: Verwertung der Pelzabfälle. In: „Die Pelzwirtschaft“ Nr. 2, Februar 1930, 6. Jg., S. 29–30. – Die Haare von langhaarigem, kräftigem Fellwerk gehen in die Pinselindustrie als Pinselware (u. a. Bär, Dachs, Ziege), für feinere gebraucht man Schweifhaare (u. a. Kolinsky, Feh). Abfälle in der Haarschneideindustrie („Schnitzel“, „Ledernudeln“) wurden unter anderem in Frankreich als Weinbergdünger verwendet.Paul Schöps, in Zusammenarbeit mit Leopold Hermsdorf und Richard König: Das Sortiment von Rauchwaren. Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig, Berlin 1949, S. 12. Buchdeckel.
Im 16. und 17. Jahrhundert bestand die Bezeichnung Tafelmacher bzw. Tafelmeister für die Kürschner, die sich mit dem Herstellen von Felltafeln und Fellfuttern beschäftigten. Sie traten ursprünglich nicht als selbständige Kürschner auf, sondern waren mit dieser Spezialarbeit bei einem Kürschner angestellt.Alexander Tuma: Pelz-Lexikon. Pelz- und Rauhwarenkunde. XXI. Band. Verlag Alexander Tuma, Wien 1951. Stichwort „Tafelmacher“
Eine Revolution der Pelzproduktion, insbesondere der nähintensiven Pelzstückenverarbeitung, stellte die Erfindung der Pelznähmaschine dar. 1894 wurde die erste Maschine in Kastoria importiert, wegen des Protests der Näher, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten, anfangs allerdings erst einmal wieder ausgemustert.
Im Jahr 1928 leitete ein österreichischer Kürschnermeister in einem Fachbuch die Kollegen zu einem achtsamen Umgang mit den bei der Arbeit anfallenden Fellstücken an:
Im selben Werk wies der Autor „jene Kürschner, die den Abfall als Spezialarbeit verwerten“, darauf hin, „dass man nun eine Stanzvorrichtung erfunden hat, die das zeitraubende Zuschneiden der kleinen Fellstückchen rasch und gleichmäßig besorgt. Diese Stanzen wie die ganze Vorrichtung arbeiten derartig, dass das Haar nicht mit abgeschnitten wird. Die Stanzen sind für die einzelnen Formen auswechselbar und ermöglichen ein rasches und peinlich genaues Arbeiten.“
Ende des 19. Jahrhunderts fing man an, die Pelzstücken nicht mehr nur für Innenfutter, sondern auch nach außen für „Damenjaketts“ zu verwenden.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. II. Teil, Selbstverlag Paris, ca. 1902/1903, S. 28. Die Idee der Herstellung von Bodys, Halbfabrikaten aus Pelz, schreibt der Rauchwarenhändler Francis Weiss dem New Yorker deutscher Abstammung Kurt Seelig zu. Seelig lieferte nach dem Zweiten Weltkrieg als erster, neben den bisherigen Felltafeln- oder -futtern, perfekt sortierte Pelzplatten in der Größe, wie sie für Mäntel und Jacken benötigt wurde, in Amerika auch als „Fur-shells“ bezeichnet. Gleichzeitig wurde auch in Griechenland mit der Bodyproduktion, hier aber aus Fellstücken, begonnen.Francis Weiss: From Adam to Madam. Aus dem Originalmanuskript Teil 1 (von 2), im Manuskript S. 284 (englisch)
Spezielle Handelsbezeichnungen Nach GrößeChristian Franke, Johanna Kroll: Jury Fränkel’s Rauchwaren-Handbuch 1988/89. 10., überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Rifra-Verlag Murrhardt, S. 377–378. (jeweils Breite × Höhe)
Die üblichen Maße variieren je nach Mode und vorgesehenem Verwendungszweck (Jacke oder Mantel). Body = Mantel 230 cm × 118 cm; Jacke 230 × 75 bis 90 cm Futter, in der Regel nur aus Fellen = 110 bis 115 cm × 140 bis 150 cm (konisch, oben meist schmaler) Tafel (Plate, Platte), für Stücken unüblich, eigentlich nur für chinesische Felltafeln = 60 × 120 cm. Streifen, u. a. 1958 erwähnt: 120 × 45 bis 50 cm, Streifen sind somit schmaler als TafelnPaul Schöps u. a.: Halbfabrikate aus Fellwerk. In: Das Pelzgewerbe. Jg. X/Neue Folge 1959 Nr. 2, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a. S. 58–69.
Nach Fellteil
Nourkulemi = hinteres Bauchteil von Marderartigen; wenig Grannenhaar, manchmal weißfleckig, leicht; meist Nerz und Zobel Thiliki = Brustteil hinter den Vorderpfoten, von Marderartigen; meist Nerz und Zobel (von einem deutsch/griechischen Anbieter als (Nerz-)„Medailon“ angeboten.A. Milios – Samtnerz Medailon, gewebtes Einnäh-Etikett.) Schweif = dicht behaarter Fellschwanz Klaue = die Pfote von Huftieren, vor allem des Persianerschafs (nicht ganz korrekt, trotzdem fachsprachlich auch sehr oft für Fellpfoten anderer Arten). Nachdem um die 1980er Jahre, vorwiegend im norddeutschen Raum, von der fachsprachlichen Bezeichnung „Klaue“ auf die zoologische Bezeichnung übergegangen worden war, erklärte eine „Expertenkommission“ beide Bezeichnungen als korrekt.Expertenkommission legt Richtlinien für Be- und Auszeichnung von Pelzen fest. In: Winckelmann Pelzmarkt. Nr. 755, 20. Juli 1984, S. 2.Peter Plappert: Korrespondenz. In: Winckelmann Pelzmarkt. Nr. 760, 24. August 1984, S. 5.