Als Involution bezeichnet man die natürliche Rückbildung eines Organs, das nur begrenzte Zeit aktiv ist. Sie kann vollständig oder partiell sein und stellt eine späte Form der physiologischen Atrophie dar.

Typisch ist eine komplette Involution bei einigen lymphatischen Organen wie dem Thymus oder der Bursa Fabricii. Unmittelbar nach einer Geburt, im Puerperium, kommt es wieder zur Rückbildung der Gebärmutter, nach der Säuge- bzw. Stillzeit auch der Milchdrüse. Auch während der Fetalentwicklung treten Involutionsvorgänge auf. So gehen der eigentlichen Niere bei den Amnioten (Reptilien, Vögel, Säugetiere) zwei phylogenetisch ältere Nierengenerationen (Vorniere und Urniere) voraus. Altersbedingt ist die Involution im Genitalbereich, so insbesondere die Involution des Uterus nach der Menopause und die testikuläre Involution in höherem Alter.

Auch die Sprachorgane sind den Prinzipien der Involution unterworfen. Besonders im Bereich der Demenzerkrankungen wird die Involution der Sprachorgane spürbar. Auch bei physiologischem Altern ist die Sprachinvolution beschrieben worden. Im Verlauf der psycholinguistischen Altersforschung hat sich gezeigt, dass die Prozesse der Rückbildung sprachlicher Funktionen nicht auf das Alter begrenzt sind und bereits bei 20-jährigen Menschen beginnen.Besonders bei jungen Menschen mit Trisomie 21 ist frühe Sprachinvolution klinisch manifest. Vgl. Strom 1995.

Bei Konrad Lorenz bedeutet Involution das von ihm verabscheute „Gegenteil der Evolution“, wie es in der Phylogenese von Parasiten, etwa Bandwürmern, vorliege. Deren Evolution wird jedoch gemeinhin sehr wohl als Spezialisierung und damit Höherentwicklung gesehen. Lorenz’ eigentlicher Anlass zur Involution ist seine Befürchtung, der Mensch oder bestimmte Teile der Menschheit könnten mangels biologischer Selektion degenerieren (Selbstdomestizierung, „Verhausschweinung“).vgl. Lorenz 1973.

Geschichte mini|links|Alois Alzheimer

Die Anfänge der Erforschung von Involution der Sprache liegen in der Beschreibung präseniler Demenz bei Alois Alzheimer (1907).vgl. Alzheimer 1907; Maurer 1998. Jedoch ist die Entwicklungspsychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst noch überwiegend an den Phänomenen der kindlichen und jugendlichen Entwicklung orientiert gewesen. Erst in den 1960er und 1970er Jahren ist die Erforschung des alternden Menschen ein eigener Schwerpunkt der Psychologie geworden.vgl. Lehr 1970. Etwa gleichzeitig hat die Patholinguistik sich mit Diagnostik und Therapie des Sprachverlustes (Aphasie) befasst.Leischner 1970, Peuser 1980. Die mit den 1990er Jahren entstandene Neurolinguistik (Leuninger 1990) hat den Fokus der Patholinguistik in zweierlei Hinsicht ausgeweitet:

Neben Aphasieforschung trat die allgemeinere Demenzforschung. Auch die Involution der Sprache gesunder Individuen wurde thematisiert.

Daher verfügt die psycholinguistische Involutionstheorie (wenngleich noch selten aus philologischer Feder) über ein reiches Wissen bezüglich Orthologie (Kenntnis des Gesunden) und Pathologie der Sprach-Involution.

Genetik Genetisch ist die Involution der Sprache bei höheren Organismen besonders durch Telomere prädeterminiert. Telomere sind kleine, vielfach wiederholte Basensequenzen (z. B. TTAGGG), die für die Bezeichnung eines Chromosom-Endes codierend sind. Sie werden nicht für die Synthese irgendwelcher Eiweiße benötigt, sondern dienen übergeordneten Zwecken der Zell-Reproduktion. Mit jeder Zellteilung wird der Tochterzelle ein Telomer weniger übertragen. Wenn alle Telomere „aufgebraucht“ sind, ist keine weitere Zellteilung mehr möglich. So ist in allen Geweben des Körpers die Reproduktion zeitlich begrenzt. Wenn die Anzahl nicht mehr teilungsfähiger Zellen erheblich ist, entstehen die typischen Zeichen der Alterung (z. B. Osteoporose, Hautfalten, Lymphozytopenie, Immunschwäche, Anämie, Postmenopause, Impotenz etc.).vgl. Seyfert 2003.

Physiologie Der Zustand eines Individuums wird als physiologisch bezeichnet, wenn er dem Durchschnitt einer gesunden Population entspricht. Bezüglich der Involution sind vor allem die folgenden Funktionsbereiche von gesunder Rückbildung betroffen: Stimme, Visus, Gehör, Nonverbalik, Lexik, Artikulation, Mnemik und Pragmatik.

Stimme mini|Stimmritze und Stimmbänder

Die Stimme der Frau senkt sich nach Erreichen der Postmenopause (zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr) aufgrund eines relativ hohen Testosteronspiegels im Blut. „Relativ“ besagt in diesem Zusammenhang, dass die Menge des im Serum vorhandenen Testosterons im Vergleich zu derjenigen des Östrogens erhöht ist. Es wird nicht absolut mehr Testosteron gebildet, sondern aufgrund des drastisch erniedrigten Östrogenspiegels ist relativ viel Testosteron vorhanden. Daher entsteht ein Wachstumsschub im Kehlkopf. Der vergrößerte Kehlkopf bringt eine Absenkung der Grundintonation beim Sprechen mit sich. Die Stimme sinkt um eine Terz bis Quinte im Vergleich zur mittleren Intonation vor der Postmenopause.

Nicht selten versuchen postmenopausale Frauen, die Absenkung der Intonation zu verbergen, indem sie angestrengt hoch sprechen und singen. Chronische Heiserkeit ist die Folge. Sie kann eine Leukoplakie mit fakultativer Präkanzerose nach sich ziehen. (Im Volksmund spricht man von „Stimmlippenknötchen“ und „Kehlkopfkrebs“.)

Beim Mann entsteht das sog. Altersrasseln. Die Stimme erscheint heiser, obwohl keine Infektion des Kehlkopfes vorhanden ist. Ursache ist die Konsistenz der Schleimhäute im Larynx (Kehlkopf). Altersrasseln wird intuitiv als untrügliches Zeichen einer gealterten Stimme verstanden und gilt bei Sängern als Grund für die Beendigung der Konzert-Karriere.vgl. Seidner 1995.

Visus mini|Aufbau des Wirbeltierauges

Ebenfalls zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr entwickelt sich eine Altersfehlsichtigkeit (Presbyopie), die vor allem das Lesen ohne Brille betrifft. Da das Tragen einer solchen die Fehlsichtigkeit nach außen sichtbar signalisiert, wird durch das Tragen der Lesebrille der nonverbale Ausdruck des in die Jahre gekommenen Menschen erheblich beeinflusst. Kontaktlinsen sind eine zunehmend gewählte Alternative. Besonders bei Frauen wird der Versuch, trotz einsetzender Presbyopie ohne Lesebrille auszukommen, nicht selten pathologisch: Kopfschmerz und vegetative Erschöpfung gelten als Resultate verzögerter Lesehilfe.vgl. Grehn 2006.

Gehör lang=de|mini|hochkant=1.5|links|Querschnitt durch das menschliche Ohr

Schwerhörigkeit (Hypakusis) setzt bereits im Alter von 20 Jahren („schleichend“) ein und manifestiert sich ab einem Alter über 60 Jahren als schwerwiegendes Handicap der sozialen Kommunikation. Insbesondere wird die Unfähigkeit, Hintergrundgeräusche auszufiltern, als störend empfunden. Altersschwerhörige versagen im Gespräch bei Erklingen von Hintergrundgeräuschen. Öffentliche Verkehrsmittel, Gaststätten und Versammlungen werden nicht mehr gelitten. Vereinsamung und Depression sind nicht selten die Folge.vgl. Probst et al.2008.

Nonverbalik mini|Aufbau der menschlichen Haut

Weißes Haar, gebeugter Rücken, faltige Haut, Ruhetremor und behinderte Beweglichkeit sind deutlich sichtbare Anzeichen des Alterns und damit unwillkürlich Teil des nonverbalen Ausdrucks (Nonverbalik). Mehr als die verbal vollzogene Äußerung kennzeichnen die Nonverbalia frühzeitig den alternden Menschen.

Die Alterung der Haut ist vor allem auf zwei Komponenten zurückzuführen:

Faltenbildung durch Ausrichtung der Bindegewebsfasern in der Dermis, Vermehrung des Stratum disjunctum der Epidermis.

Die Faltenbildung wird auf die Ausrichtung der interzellulären Fasern in der derben Dermis (sog. Lederhaut) zurückgeführt. Das Stratum disjunctum ist die äußerste Schicht der Epidermis. Sie besteht aus abgestorbenen Epithelzellen, die nur noch als Schutzschicht den lebendigen Zellen der Epidermis übergelagert ist. Das Stratum disjunctum ist beim alten Menschen meist dicker als in jungen Jahren.

Das Alter der Haut (besonders der Gesichtshaut) wird in der natürlichen Kommunikation meist unbewusst wahrgenommen und in die Einschätzung des Partners einbezogen.vgl. Argyle 1990.

Die genannten Phänomene treten besonders bei der Entwicklung von Krankheiten des Alters hervor: Osteoporose (sog. Knochenschwund), Erkrankungen der Wirbelsäule, Parkinson-Krankheit etc. Stimmtremor wird als paraverbales Zeichen einer krankhaft veränderten Stimme verstanden.

Artikulation Artikulation bezeichnet den Vorgang des Sprechens durch die daran beteiligten Organe. Sie unterscheidet sich von der im Gehirn repräsentierten Struktur der Sprache (Sprachzentrum) und der gesprochenen Sprache als solcher. Beim alternden Menschen ändert sich die Artikulation durch Veränderungen im zentralen Nervensystem in folgenden Punkten:

Infolge von Zellverlust bzw. Funktionsverlusten im Bereich des extrapyramidalen Nervensystems wird die Artikulation hypolalisch (leise und schwach artikuliert). Infolge von Zellverlust bzw. Funktionsstörungen im Bereich des pyramidalen Nervensystems wird die Artikulation langsam (bradylalisch), und es zeigen sich zunehmend sog. Wortfindungsstörungen.vgl. Vorderwülbecke 2005.

Lexik Im Gegensatz zur Jugendsprache und den sog. Altersdialekten des Kindes ist die Lexik (z. B. Wortschatz) des alternden Menschen bisher wenig erforscht. Kennzeichnend sind die verminderte Aufnahme sog. Neubildungen (Neologismen) und das Festhalten an Formen und Wortbildungen aus der Mode gekommener Ausdrücke. So werden Lexeme der Jugendsprache wie „geil“, „super“, „mega“ etc. gemieden, während man Genitiv-Fügungen anstelle üblich gewordener Dative bevorzugt. Auch Wendungen mit archaischem Charakter gelten als Kennzeichen der Lexik älterer Menschen: z. B. „sich eines Vorteils begeben“ etc. Als Jargon werden die lexischen Anzeichen des alternden Menschen teilweise in verschiedenen Männervereinigungen gepflegt (z. B. Freimaurer, Schlaraffen, Niederlandter, Ritterbünde).

Mnemik mini|220px|Senile Plaques (Silberimprägnation)

Die Erinnerungsfähigkeit des älteren Menschen ist zunehmend in den Bereichen kurz- und mittelfristigen Memorierens eingeschränkt. Die sog. Gedächtnisschwäche gilt als herausragendes Zeichen einer beginnenden Demenz-Erkrankung und wird in standardisierten Tests durch Abfragen der örtlichen und zeitlichen Orientierung und durch Wort-Wiederholungs-Aufgaben geprüft. Auch beim Rechnen mit zweistelligen Zahlen ist das Memorieren von Zwischenergebnissen im Alter erschwert (vgl. Rechenaufgaben im Demenz-Screening). Da die nachlassende Erinnerungsfähigkeit ein gesundes Alterszeichen ist, kann Demenz nur bei extremer Abweichung gegenüber dem Altersmittel indiziert sein.

Im Sprachverhalten macht sich die eingeschränkte Mnemik durch sog. Wortfindungsstörungen und mangelnde Verarbeitung der Gesprächsinhalte von Dialogen bemerkbar (vgl. auch Empathiemangel).

Pragmatik Die Pragmatik des alternden Menschen ist unter Umständen durch sehnsuchtsvolle Verklärung früherer Zeiten (Nostalgie) gekennzeichnet. Mit Nostalgie geht die Neigung zum Festhalten an überholten Konzepten (Rigidität) einher. Besonders erschwerend wirkt sich die häufige Verletzung der Turn-Regelungen aus. Alte Menschen neigen dazu, dem Gesprächspartner ohne Beachtung der Regeln für die Turn-Übergabe sozusagen ins Wort zu fallen. Die Gesprächspartner reagieren häufig mit Meidung des alten Menschen. Zunehmende Vereinsamung ist die Folge. Depressionen in der Situation sozialer Isolation sind zunehmend behandlungsbedürftig.

Pathologie Aphasie (krankhafter Sprachverlust) und Demenz sind die beiden Hauptgruppen der Sprachkrankheiten im fortgeschrittenen Lebensalter.

Aphasie mini|Gehirnareale, deren Störung Broca- bzw. Wernicke-Aphasie verursachen