Das Masa, auch Massa, Masana oder Banana genannt, Eigenbezeichnung vùn màsànà, ist eine Sprache, die um die Stadt Bongor im Tschad sowie in angrenzenden Gebieten des Kamerun gesprochen wird. Mit etwa 200.000 Sprechern handelt es sich um eine der bedeutenderen Sprachen der Familie der Tschadischen Sprachen. Es ist umstritten, ob sie dem Biu-Mandara-Zweig dieser Sprachfamilie zugeordnet werden oder als eine eigenständige Untergruppe innerhalb der Tschadischen Sprachen betrachtet werden sollteH. Tourneux 1990: Place du masa dans la famille tchadique. Wien: Afro-PubShryock 1997: „The classification of the Masa group of languages“, in Studies in African Linguistics 26: 29–62.
Lautsystem Konsonanten
Das Masa unterscheidet folgende Konsonanten:
Labiale Dentale Laterale Palatale Velare Glottale stimmlose Plosive p t c k ʔ stimmhafte Plosive b d j g Implosive ɓ ɗ stimmlose Frikative f s ɬ h stimmhafte Frikative v z ɮ ɦ Nasale m n ŋ
Dazu kommen l, r, w und y.
Mit vielen anderen tschadischen Sprachen teilt das Masa die Existenz von lateralen Frikativen und von Implosiven. Noch ungewöhnlicher ist der Laut ɦ, der in der Dokumentation als stimmhafte Entsprechung von h beschrieben wird.
Alle genannten Konsonanten können am Wortanfang erscheinen. Am Wortanfang können ferner Gruppen von zwei Konsonanten vorkommen, deren zweiter entweder r oder l ist: glís „Nieren“.
Zwischen Vokalen innerhalb eines Morphems gibt es keine stimmlosen, sondern nur stimmhafte Plosive und Frikative (z. B. nur b, z, ɦ, aber kein p, s, h) (dies gilt nicht an der Morphemgrenze). Am Wortende stehen umgekehrt nur die stimmlosen Plosive und Frikative (z. B. nur p, s, h, aber kein b, z, ɦ). Implosive sind am Wortanfang und zwischen Vokalen möglich, nicht jedoch am Wortende, wo zugrundeliegendes ɓ oder ɗ durch ʔ ersetzt wird.
Ähnlich wie im Deutschen geht einem Vokal am Wortanfang immer ein glottal stop /ʔ/ voraus.
Vokale Das Masa unterscheidet fünf Vokale a, e, i, o, u. Diese können kurz und lang (dann doppelt geschrieben) vorkommen. Langvokale sind allerdings nicht sehr häufig.
Ton Das Masa ist eine Tonsprache. In der praktischen Orthographie der Dokumentation werden zwei Töne unterschieden: Hochton (mit Akut notiert: á) und Tiefton (mit Gravis notiert: à), obwohl es in Einzelfällen drei Kontraste geben kann.
Der Tiefton kann auf tiefem oder auf mittlerem Niveau gesprochen werden. Und zwar ist er tief: wenn das Wort mit einem stimmhaften Plosiv oder Frikativ („tonsenkender Konsonant“) beginnt, und er ist mittelhoch: wenn das Wort mit einem anderen Konsonanten beginnt, oder in einer nichtersten Silbe, wenn die Silbe davor hochtonig ist.
Der Hochton wird im Allgemeinen auf hohem Niveau gesprochen. Nach einer tieftonigen Silbe kann der Hochton optional auf mittleres Niveau absinken.
Soweit könnte man zwei kontrastierende Töne annehmen und die genaue Aussprache mittels einiger Regeln vorhersagen. Eine Komplikation entsteht jedoch dadurch, dass das Masa ursprünglich pränasalierte Plosive mb, nd und ŋg besaß, die dieselbe tonsenkende Wirkung hatten wie die stimmhaften Plosive b, d und g, jedoch im Masa mit den einfachen Nasalen m, n und ŋ zusammengefallen sind. Deshalb ist die genaue Aussprache nach Nasalen heute nicht immer vorhersagbar. Die eng verwandte Sprache Musey hat die pränasalierten Plosive noch bewahrt. Ein Beispiel für einen so entstandenen Kontrast zwischen Tief- und Mittelton:
Musey Masa „Hunger“ mày mày (mitteltonig) „Tante“ mbày mày (tieftonig)
Ein anderer Fall, wo nach Nasal die tieftonige Aussprache vorkommt, ist màʔ „zwei“ (Musey mbà).
Da die Dokumentation aber überwiegend nur zwei Töne unterscheidet, wird im Folgenden die vereinfachte Zweitonnotation benutzt, obwohl dadurch gelegentliche Kontraste verlorengehen.
Kontextform und Pausalform Die meisten Wörter des Masa unterscheiden zwei Formen: eine Kontextform und eine Pausalform (am Ende einer Phrase; vor Sprechpause). Gegenüber der Kontextform weist die Pausalform am Ende einen zusätzlichen Vokal auf. Details werden bei den einzelnen Wortarten besprochen. Manche Wörter kennen diese Unterscheidung nicht, zum Beispiel Präpositionen (da diese naturgemäß nur in der Kontextform stehen können), aber auch bestimmte andere Wörter wie die Numeralia màʔ „2“, ɦìdí „3“ und fíɗì „4“ sowie ein Teil der Eigennamen sind unveränderlich.
Personalpronomen Im Gegensatz zum Deutschen machen die Personalpronomina des Masa einen Genusunterschied auch in der 2. Pers. sg. und differenzieren in der 1. Pers. pl. eine inklusive Form (Angesprochener eingeschlossen: „ich und du/ihr“) und eine exklusive Form („ich und andere“).
Personalpronomen Suffix Possessivpronomen(alienabel) 1. sg. „ich“ àn(ú) -an(u) vàn(ú) 2. sg. mask. „du“ àŋ(ú) -aŋ(u) vàŋ(ú) 2. sg. fem. „du“ àk(ú) -ak(u) vàk(ú) 3. sg. mask. „er“ àm(ú) ~ àlàm(ú) -am(u) ~ -alam(u) vàm(ú) ~ vàlàm(ú) 3. sg. fem. „sie“ nàʔ(á) -aʔ(a) vàʔ(á) 1. pl. inkl. áy(à) -ey(a) vày(á) 1. pl. exkl. úmáʔ(à) -maʔ(a) vùmàʔ(á) 2. pl. „ihr“ íkíy(à) -(i)kiy(a) vìkìy(á) 3. pl. „sie“ ísíy(à) -(i)siy(a) vìsìy(á)
Die zusätzlichen Endvokale der Pausalform stehen in Klammern.
Die 3.sg.mask. besitzt eine kürzere und eine längere Variante, zwischen denen kein Bedeutungsunterschied erkennbar ist.
Die Pronomina der 3.pl. können nur mit Bezug auf Personen verwendet werden.
Die Suffixe hängt man entweder an Substantive – in possessiver Bedeutung – oder an Verben – zur Bezeichnung des Objekts. Der Ton der Suffixe wird von der vorangehenden Silbe übernommen; der auslautende Vokal der Pausalform ist meist tieftonig, doch ist er nach Tiefton manchmal auch als hochtonig dokumentiert. Demnach heißt „mein“ entweder -ánù oder -ànù ~ -ànú. Auch der Vokal -a- der Suffixe kann sich dem Vokal der vorangehenden Silbe angleichen; dies scheint in der 3.sg.mask. (-am, -alam) fast obligatorisch, bei den anderen Suffixen aber deutlich seltener zu sein.
Substantiv Kontextform und Pausalform Alle Substantive unterscheiden zwischen einer Pausalform und einer Kontextform. Die Pausalform fügt am Ende einen zusätzlichen Vokal an. Man kann diskutieren, ob die Pausalform die zugrundeliegende ist und im Kontext der Auslautvokal verlorengeht, oder ob die Kontextform die zugrundeliegende ist und vor Pause ein Vokal hinzugefügt wird. Im Folgenden werden Substantive meist in der (kürzeren) Kontextform zitiert, die in der Praxis die häufigere ist.
Bei Substantiven ist der auslautende Vokal der Pausalform grundsätzlich nach folgenden Regeln vorhersagbar: Er ist immer tieftonig. Er ist meist eine Kopie des Vokals der vorangehenden Silbe. Nach -aʔ- oder -ay- steht der Auslautvokal -à, nach -a- plus anderem Konsonanten steht -ì. Wenn der Stamm auf Vokal endet, werden er und der Auslautvokal der Pausalform durch einen glottal stop (ʔ) getrennt.
Beispiele: Kontextform Pausalform „Brunnen“ kár kárì „Chef“ múl múlù „Ei“ zè zèʔè „Frauen“ bóy bóyò „Kalebasse“ dùt dùtù „Kind“ gòr gòrò „Körper“ tùw tùwù „Mensch“ sà sàʔà „Rind“ pùt pùtù
Geschlecht Das Masa besitzt eine Unterscheidung zwischen den beiden grammatischen Geschlechtern Maskulinum und Femininum, wobei Pluralformen kein Geschlecht unterscheiden. Man kann auch eine gemeinsame Kategorie Numerus+Geschlecht annehmen mit den drei Ausprägungen Maskulinum – Femininum – Plural.
Das Geschlecht ist vor allem an der Form des bestimmten Artikels erkennbar. Bei Personen und Bezeichnungen größerer Tiere fällt das grammatische mit dem natürlichen Geschlecht zusammen. Bei Dingen ist das Geschlecht im Prinzip lexikalisch festgelegt; so gelten etwa tìl „Mond“ und cèʔ „Axt“ als Maskulinum, dagegen fát „Sonne, Tag“, bùr „Tag“, hènjè „Nacht“, ìr „Auge“, gú „Baum“, làw „Wort“ und và „Sache“ als Femininum. Nicht wenige Substantive können sowohl als Maskulinum wie als Femininum konstruiert werden, was dann einen Gegensatz groß vs. klein zum Ausdruck bringt: fó (mask.) „(größere) Straße“, fó (fem.) „(kleiner) Weg“.
Plural Nur ein Teil der Substantive bildet im Masa Pluralformen, vor allem Bezeichnungen von Lebewesen. Die Formen sind nicht völlig regelmäßig. Übliche Pluralendungen sind -áy, -éy, -íy und -íyá: cèʔ „Axt“ – cèɗéy „Äxte“ múl „Chef“ – múlíyá „Chefs“ bànà „Freund“ – bàníy „Freunde“ vèt „Hase“ – vètéy „Hasen“ dùt „Kalebasse“ – dùtéy „Kalebassen“ hùrùm „Krokodil“ – hùrùmáy „Krokodile“ jùf „Mann“ – jùfáy „Männer“
Nach Vokal kann die Pluralendung -gáy lauten: másá „Masa-Mann“ – máságáy „Masa-Leute“ dòmò „Muslim“ – dòmògáy „Muslime“
Eine Reihe von Pluralformen sind ganz unregelmäßig, darunter: cà „Frau“ – bóy „Frauen“ dìr „Hund“ – dùrnéy „Hunde“ gòr „Kind“ – gùrò „Kinder“ sà „Mensch“ – sùm „Menschen, Leute“ pùt „Rind“ – lúwéy „Rinder“ ɦù „Schaf/Ziege“ – fók „Schafe/Ziegen“
Bezeichnungen für Unzählbares wie nìy „Wasser“, mír „Milch“, ɬìw „Fleisch“, wá „Hirse“, súŋkù „Geld“ werden grammatisch als Plurale behandelt.
Bestimmter Artikel An Substantive können Suffixe gehängt werden, die in ihrer Funktion annähernd, wenn auch nicht exakt dem bestimmten Artikel des Deutschen entsprechen. Die Form lautet: -n(à) bei Maskulina und Pluralen -t(à) bei Feminina
Das Substantiv steht vor dem Artikel normalerweise in der Kontextform. Eine Ausnahme bildet sùm „Leute“, das mit Artikel sùmù-nà lautet.
Der Artikel unterscheidet seinerseits eine Pausalform und eine Kontextform. In der Kontextform entfällt der auslautende Vokal. In Einzelfällen steht aber die Pausalform statt der zu erwartenden Kontextform, wo sonst unaussprechbare Konsonantengruppen entstehen würden: pùt-tà klànì „diese Kuh“ (statt *pùt-t klànì).
Endung -nà bei Maskulina und Pluralen: cítá „Arbeit“ – cítánà „die Arbeit“ cèʔ „Axt“ – cèʔnà „die Axt“ ɬìw „Fleisch“ – ɬìwnà „das Fleisch“ bóy „Frauen“ – bóynà „die Frauen“ dùtéy „Kalebassen“ – dùtéynà „die Kalebassen“
Nach vielen Konsonanten wird -n- assimiliert: múl „Chef“ – múllà „der Chef“ ŋàf „Kampf“ – ŋàfmà „der Kampf“ tìl „Mond“ – tìllà „der Mond“ bàŋàl „Platz“ – bàŋàllà „der Platz“ fók „Schafe/Ziegen“ – fókŋà „die Schafe/Ziegen“
Die Gruppe -r-n- kann zu einem einfachen -r- mit Ersatzdehnung des vorangehenden Vokals werden; man findet aber auch Notationen, wo diese Erscheinung unterbleibt: kár „Brunnen“ – káárà „der Brunnen“ mír „Milch“ – míírà ~ mírrà „die Milch“ gòr „Kind“ – gòrrà „das Kind/der Junge“
Endung -tà bei Feminina: nàgà „Erde“ – nàgàtà „die Erde“ fát „Sonne“ – fáttà „die Sonne“
Zwischen Vokalen kann -t- zu -d- werden. Die Notation ist hier uneinheitlich; -t- und -d- stehen zwischen Vokalen praktisch nicht in Opposition: cà „Frau“ – càtà ~ càdà „die Frau“
Nach vielen Konsonanten wird -t- assimiliert: bél „Augenkrankheit“ – béldà „die Augenkrankheit“ ɬèk „Huhn“ – ɬèkkà „das Huhn“ háráŋ „Licht“ – háráŋgà „das Licht“ hùm „Ohr“ – hùmbà „das Ohr“
Die Gruppe -r-t- kann zu einem einfachen -d- mit Ersatzdehnung des vorangehenden Vokals werden, doch ist auch hier die Dokumentation nicht einheitlich: pìr „Morgendämmerung“ – pììdà „die Morgendämmerung“ bùr „Tag“ – bùrtà „der Tag“
Durch den bestimmten Artikel lassen sich zuweilen eine maskuline und eine feminine Bedeutung differenzieren: pùt „Rind“ – pùtnà „der Stier“ – pùttà „die Kuh“ gòr „Kind“ – gòrrà „der Junge“ – gòrtà „das Mädchen“
Unter Umständen können auch solche Substantive, die keine Pluralform besitzen, den Unterschied zwischen Singular und Plural durch den bestimmten Artikel deutlich machen: bùzà „Jahr, Jahre“ – bùzàtà „das Jahr“ – bùzànà „die Jahre“ ìr „Auge, Augen“ – ìrtà „das Auge“ – ììrà „die Augen“
Eigennamen werden nicht mit Artikeln verbunden.
Unbestimmter Artikel Man kann dem Substantiv auch einen unbestimmten Artikel nachstellen. Dieser lautet: márá(ʔà) (mask.) / tárá(ʔà) (fem.) / sárá(ʔà) (plural) (eingeklammert die Endungen der Pausalform). Ein Substantiv als Subjekt muss immer entweder von einem bestimmten oder einem unbestimmten Artikel begleitet werden. Bei Substantiven in anderen syntaktischen Rollen ist der unbestimmte Artikel dagegen entbehrlich.