Die protosinaitische Schrift (auch proto-kanaanäische Schrift oder bildhaft-kanaanäische Alphabetschrift) ist vermutlich ein Vorläufer der phönizischen Konsonantenschrift.Ludwig D. Morenz: Die Genese der Alphabetschrift: Ein Markstein ägyptisch-kanaanäischer Kulturkontakte (Wahrnehmungen Und Spuren Altagyptens). Ergon (Nomos Verlagsgesellschaft), Würzburg 2011, ISBN 3-89913-839-2.Florian Coulmas: The Blackwell Encyclopedia of Writing Systems. Blackwell, Oxford 1996, ISBN 0-631-21481-X.

Historische Zusammenhänge Mit der Entdeckung der Wadi-el-Hol-Inschriften, in der Nähe des Nils unweit von Luxor, ergeben sich Hinweise darauf, dass die protosinaitische Schrift aus dem alten Ägypten stammt. Die Entwicklung der protosinaitischen Schrift und der verschiedenen proto-kanaanitischen Schriften während der Bronzezeit basiert aber nur auf lückenhaften epigraphischen Beweisen.Thomas Staubli: Einführung ins AT (II): Die Bücher der Geschichte. , Textauszug Archäologische Epochen der Südlevante. S. 2–3 auf admin.unifr.ch Erst mit dem Zusammenbruch der Bronzezeit und dem Aufstieg neuer semitischer Königreiche in der Levante wird die proto-kanaanitische Schrift eindeutig belegt (Byblos-Inschriften 10.–8. Jahrhundert v. Chr., Khirbet-Qeiyafa-Inschrift ca. 10. Jahrhundert v. Chr.).Orly Goldwasser: How the Alphabet Was Born from Hieroglyphs. Biblical Archaeology Review. Washington, DC: Biblical Archaeology Society. (Mar–Apr 2010) 36 (1). ISSN 0098-9444 mini|Reste von Zeichen der beiden Wadi-el-Hol-Inschriften mini|Eine graphische Wiedergabe des Khirbet-Qeiyafa-Ostrakons von Michael Netzer, basierend auf Fotografien der Tonscherbe des Khirbet-Qeiyafa-Projekts an der Hebräischen Universität Jerusalem Die von kanaanitischen Wanderarbeitern entwickelten schlichten Schriftzeichen aus der Fundstätte Serabit el-Chadim sind somit die frühesten Dokumente einer Alphabetschrift mit 22–24 Buchstaben. Aus ihr entwickelte sich die phönizische Schrift, von der die hebräische, die griechische, die lateinische, die arabische und die kyrillische Schrift abgeleitet sind. Es wird auf Grundlage dieser Funde angenommen, dass die Alphabetschrift im 19. Jahrhundert v. Chr. als Übertragung der komplizierten ägyptischen Hieroglyphen in einfache kanaanäische Lautzeichen entstand. Die Schrift wird zur Unterscheidung von der jüngeren sogenannten Sinaischrift protosinaitisch genannt. Verwandte Schriftzeichen sind nordwestlich von Luxor im Wadi el-Hol gefunden worden und werden als Wadi-el-Hol-Schrift bezeichnet.Frank Simons: Proto-Sinaitic – Progenitor of the Alphabet. Rosetta (2011) 9: 16–40, auf rosetta.bham.ac.uk

Entdeckung 1905 entdeckte der britische Ägyptologe Flinders Petrie in den altägyptischen Minenstätten Serabit el-Chadim, Wadi Maghara und Bir Nasib Inschriften in einer noch unbekannten Schrift, darunter eine kleine Sphinx-Gestalt mit Hieroglyphen und darunter wiederum für ihn damals unbekannte Zeichen. Petrie vermutete, dass es sich um eine Alphabetschrift handelt. 1915 gelang dem britischen Ägyptologen Alan Gardiner die Entzifferung der Schriftzeichen.Hans-Günter Semsek: Ägypten und Sinai. Pharaonische Tempel und islamische Traditionen. 3. Auflage. DuMont, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7701-6619-0, S. 390.

Insgesamt ist die Schrift in einem kleinen Korpus von Inschriften belegt, die in Serabit el-Chadim auf der Sinai-Halbinsel aus der mittleren Bronzezeit (2100 bis 1500 v. Chr.) stammten.Parul Jain: Sinaitic inscriptions, ancient writing. Encyclopedia Britannica. (britannica.com)

Einfluss auf andere Alphabete Das aus der protosinaitischen Schrift hervorgegangene phönizische Alphabet ist die Grundlage des aramäischen, des hebräischen und des griechischen Alphabets. Auch die ugaritische Schrift geht wahrscheinlich dem Konzept nach auf diese Schrift zurück. Aus der aramäischen Schrift sind die verschiedenen indischen Schriften und die arabische Schrift hervorgegangen. Das griechische Alphabet entstand aus dem phönizischen Alphabet und war die Grundlage des lateinischen sowie des kyrillischen Alphabets. Der überwiegende Teil der heute verwendeten Alphabete geht also auf die protosinaitische Schrift zurück. Die ältesten archäologischen Funde des phönizischen Alphabets datieren um 1100 v. Chr.

Zeichenkodierung Mit Stand Anfang 2020 liegt dem Unicode-Konsortium ein Diskussionspapier zur Zeichenkodierung in Unicode vor, in dem diverse Fragen behandelt werden, die vor einer tatsächlichen Aufnahme der Schrift in Unicode noch geklärt werden müssten.

Umfang + Liste der Schriftzeichen im Vergleich mit anderen Schriftsystemen Protosinaitisch ÄgyptischeHieroglypheAnshuman Pandey: Revisiting the Encoding of ProtoSinaitic in Unicode. [L2/19299], 30. Juli 2019, S. 1–37. (unicode.org auf unicode.org) hier S. 34. RekonstruierterNameAnnemarie Ohler: dtv-Atlas Bibel. 3. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006, ISBN 3-423-03326-6, S. 22–23. Phönizisch Hebräisch Arabisch Griechisch Lateinisch 50px|class=skin-invert F1 alp Ochse; Stier Aleph Alif Α Alpha A 42px|class=skin-invert O1 bayt Haus Beth Bā' Β Beta B 25px|class=skin-invert T14 gaml Fuß Gimel Dschīm Γ Gamma C G 60px|class=skin-invert K1K2 dag Fisch Daleth Dāl Δ Delta D 50px|class=skin-invert A28 haw/hillul Prediger; Anbeter He Hā' Ε Epsilon E 14px|class=skin-invert G43 waw/ʿup Geflügel Waw Wāw Ϝ Digamma F Υ Ypsilon Y V U W 21px|class=skin-invert N34 oder Z4 zayn/zayt Schwert Zajin Zāy Ζ Zeta Z 50px|class=skin-invert O6 N24 V28 ḥaṣr Hinterhof; Hof Chet Ḥā' Η Eta H F35 ṭab Heil Tet Ṭā' Θ Theta Th 35px|class=skin-invert D36 yad Hand Jod Yā' Ι Iota I J 35px|class=skin-invert D46 kap Handfläche Kaph Kāf Κ Kappa K 50px|class=skin-invert U20 lamd Ansporn; Stachel Lamed Lām Λ Lambda L 25px|class=skin-invert N35 maym Wasser Mem Mīm Μ My M 35px|class=skin-invert I10 naḥaš Schlange Nun Nūn Ν Ny N R11 ṡamk Nagel; Keil Samech Sīn Ξ Xi X 50px|class=skin-invert D4 ʿayn Auge Ajin ʿAin Ο Omikron O 50px|class=skin-invert D21 pʿit Ecke; Winkel Pe Fā' Π Pi P 21px|class=skin-invert M22 ṣaday Pflanze Tzade Sād Ϻ San 17px|class=skin-invert O34 qoba Genick; Nacken Koph Qāf Ϙ Qoppa Q 50px|class=skin-invert D1D19 raʾš Kopf Resch Rā' Ρ Rho R 25px|class=skin-invert N6 M39M40M41 šimš Sonne Schin / Sin Schīn Σ Sigma S 35px|class=skin-invert Z9 tāw Marke; Zeichen; Siegel Taw Tā' Τ Tau T

Siehe auch Alphabetschrift Geschichte der Schrift Wadi-el-Hol-Schrift Ugaritische Schrift

Literatur Alan H. Gardiner, Thomas E. Peet: The Inscriptions of Sinai I. London 1917 (2nd ed. rev. & augmented by Jaroslav Černý, London 1952). Alan H. Gardiner, Thomas E. Peet, Jaroslav Černý: The Inscriptions of Sinai II. London 1955. Alan H. Gardiner: The Egyptian Origin of the Semitic Alphabet. In: Journal of Egyptian Archaeology. Band 3, 1916, S. 1–16. Orly Goldwasser: Canaanites Reading Hieroglyphs. Horus is Hathor? – The Invention of the Alphabet in Sinai. In: Ägypten und Levante. Band 16, 2006, S. 121–160. Gordon J. Hamilton: The Origins of the West Semitic Alphabet in Egyptian Scripts (= Catholic Biblical Quarterly, Monograph Series 40). Washington 2006, ISBN 0-915170-40-X. Ludwig D. Morenz: Ägypten und die Geburt der Alphabetschrift (= Archäologie, Inschriften und Denkmäler Altägyptens. Band 3). Marie Leidorf, Rahden (Westfalen) 2016, ISBN 978-3-86757-533-1. Ludwig D. Morenz, David Sabel: Sinai und Alphabetschrift. Die frühesten alphabetischen Inschriften und ihr kanaanäisch-ägyptischer Entstehungshorizont im Zweiten Jahrtausend v. Chr. (= Studia Sinaitica. Band 3). EB-Verlag Dr. Brandt, Berlin , ISBN 978-3-86893-252-2. Benjamin Sass: The Genesis of the Alphabet and Its Development in the Second Millennium B.C. (= Ägypten und Altes Testament 13). Harrassowitz, Wiesbaden 1988, ISBN 3-447-02860-2.

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Einzelnachweise

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