Die Pubertät (von lat. pubertas „Geschlechtsreife“) ist der Teil der Adoleszenz, in welchem der entwicklungsphysiologische Verlauf der geschlechtlichen Reifung bis zur Geschlechtsreife im Sinne von Fortpflanzungsfähigkeit führt. Im Verlaufe des Wachstums erfolgen auch Veränderungen des Körperbaus. Die Pubertät ist der Zeitabschnitt der Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen. Der Begriff ist etwa seit dem 16. Jahrhundert in Gebrauch.
Im Normalfall wird die Pubertät bei Mädchen zwischen dem 10. und 16. Lebensjahr und bei Jungen zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr durchlaufen.Stages of puberty: what happens to boys and girls. Auf: nhs.uk; letztes Review vom 16. November 2018; zuletzt abgerufen am 2. Mai 2021. In diesem Entwicklungsstadium kommt es unter der erhöhten Konzentration von Geschlechtshormonen dann bei beiden Geschlechtern zur Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie etwa der geschlechtsspezifischen Körperbehaarung und der weiblichen Brust. Bei Mädchen beginnt in der Pubertät die Menstruation (Menarche) und die Bildung von befruchtungsfähigen Eizellen (Ovulation) in den Eierstöcken, bei den Jungen Vermehrung der Muskelmasse, Wachstum von Hoden und Penis, die Spermienproduktion in den Hoden (Spermarche), der Bartwuchs und das Tieferwerden der Stimme. Der Beginn und der Verlauf der Pubertät werden in erster Linie genetisch gesteuert, wobei den Pubertätsgenen KiSS1 und KiSS1R (ehemals GPR 54) eine besondere Bedeutung zukommt.Allan Herbison, Jenny Clarkson: Estrogen and kisspeptin regulation of GnRH neurons at puberty. In: Endocrine Abstracts. 2008, Band 16, S. 29.3.
Während man früher annahm, dass sich die Sexualität des Menschen erst mit der Pubertät entwickelt, gilt es heute als anerkannt, dass der Mensch schon als Kind sexuelle Regungen hat (siehe auch: kindliche Sexualität).Michael R. Bieber: Infantile Sexuality. In: Fedwa Malti-Douglas (Hrsg.): Encyclopedia of Sex and Gender. Band 2 (= Macmillan social science library). Macmillan Reference USA, Detroit 2007, ISBN 0-02-865960-0, S. 765.
Physiologische Grundlagen miniatur|hochkant|Regulation der Geschlechtshormone
Unabhängig vom Geschlecht findet bei Kindern auch schon lange vor der Pubertät eine gleichzeitige, doch im Vergleich zum Lebensabschnitt der Geschlechtsreifung geringfügige Produktion von Östrogenen und Androgenen wie beispielsweise Testosteron statt, allerdings bei Jungen und Mädchen in jeweils verschiedenen Mengenanteilen. Da bei Mädchen deutlich mehr Östrogene und bei Jungen mehr Androgene hergestellt und ausgeschüttet werden, bezeichnet man Östrogene als weibliche und Androgene als männliche Geschlechtshormone.
Die Pubertät beginnt, wenn die Hirnanhangdrüse mithilfe von Releasing-Hormonen und Gonadotropinen Signale an den Körper sendet, in den Eierstöcken und Hoden verstärkt Geschlechtshormone zu bilden und ins Blut auszuschütten. Bei Mädchen sind es in erster Linie Östrogene, bei Jungen Testosteron.
Mädchen miniatur|hochkant|Organe des auch für die Pubertätsentwicklung bedeutenden endokrinen Systems
Hier erfolgt über das Hypothalamische (In der Grafik: Nr. 2) Gonadotropin-releasing-Hormon und den im Hypophysenvorderlappen gebildeten Gonadotropinen FSH und LH die Regulation der in den Eierstöcken (7) produzierten Östrogene. Die auch in den Nebennieren (5, auch auf weiblicher Seite) gebildeten Östrogene sind dieser Regelung nicht unterworfen. Zu den Östrogenen gehört das biologisch wirksamste Östrogen 17-β-Östradiol (17β-Estradiol), das wesentlich schwächer wirkende und bislang nur als biologisch bedeutungslos erkannte Östron (Estron), sowie noch mindestens 20 andere Östrogene.W. D. Keidel: Kurzgefasstes Lehrbuch der Physiologie. Stuttgart 1970, S. 206.
Jungen miniatur|hochkant=0.7|links|Hypothalamisch-, Hypophysisch-, testikulärer Hormonregelkreis beim Mann
Bei männlichen Kindern und Erwachsenen findet die Produktion von Testosteron in den Leydig-Zwischenzellen der Hoden (8) statt, ebenso die Bildung des deutlich vermännlichend wirkenden Androsterons, sowie in sehr geringen Mengen auch die Herstellung und Ausschüttung von Östrogenen.
Dieser Ablauf wird über das im Hypothalamus (direkt über 2) von GnRH-Neuronen ausgeschüttete Gonadotropin-releasing-Hormon (GnRH),Sabine Heger: Neuroendokrine Regulation der GnRH-Neuronenfunktion. Vortrag auf: 51. Symposion der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), 7. –10. März 2007, Salzburg; Symposium III: Pubertätsentwicklung und Reproduktion. am 8. März 2007. das im Hypophysenvorderlappen (2) gebildete Follikelstimulierendes Hormon (FSH) und das ebenfalls dort gebildete Gonadotropin Luteinisierendes Hormon (LH) geregelt.
Das Gesamttestosteron besteht zu 40 bis 50 % aus bioaktivem, d. h. Albumin-gebundenem, Testosteron wie auch SHbG-gebundenem Testosteron (50 bis 60 %) und freiem Testosteron (1 bis 2 %).J. Griffin, J. Wilson: Disorders of the testes and the male reproductive tract. In: P. Reed Larson, Henry Kronenberg, Shlomo Melmed, Kenneth S. Polonsky (Hrsg.): Williams Textbook of Endocrinology. 10th edition, Saunders, Philadelphia 2003, S. 709–769. Von dieser Regelung unabhängig erfolgt in den Nebennieren (5) die Bildung von Nebennierenandrogenen.W. D. Keidel: Kurzgefasstes Lehrbuch der Physiologie. Stuttgart 1970, S. 205.
Hormonelle Veränderungen vor der Pubertät Heutzutage beginnen im gesunden, wohlernährten menschlichen Körper in der Regel ab einem Alter von acht oder neun Jahren die der Pubertät zugrunde liegenden hormonellen Veränderungen. Durch die erhöhte Produktion von Geschlechtshormonen wird die sexuelle Reifung ausgelöst und befördert. Auf Grund einer Wechselwirkung zu den vermehrt gebildeten Geschlechtshormonen werden einerseits unter Regulation des im Hypothalamus produzierten Somatotropin-releasing-Faktors (SRF = GhRH = GRF) und dem Somatostatin auch im Hypophysenvorderlappen verstärkt Wachstumshormone (Somatotropin) und andererseits in der Schilddrüse (3) Thyroxin hergestellt und ausgeschüttet. Diese führt im Verlauf der Geschlechtsreifung neben der Testosteronwirkung ebenfalls zu einer verstärkten Zunahme der Körpergröße (Pubertätswachstumsschub). Mit Einsetzen der Pubertät bildet sich bei beiden Geschlechtern der Thymus (4) zurück (Involution), so dass später bei Erwachsenen nur noch ein Thymusrestkörper bzw. retrosternaler Fettkörper übrig bleibt, der hauptsächlich aus Fettgewebe besteht.
Mädchen Bei Mädchen beginnen die Eierstöcke schon vor der Pubertät unter dem Ansteigen der Gonadotropinkonzentration im Blut langsam und kontinuierlich vermehrt Östrogene herzustellen und ebenfalls ins Blut auszuschütten. Dieser Geschlechtshormonanstieg löst dann den Beginn der Brustentwicklung (Thelarche) und die Entwicklung der Gebärmutter und der Scheide aus. Die Ausbildung weiblicher Proportionen und die Regulation der Menstruationszyklen ist auch von den Östrogenen abhängig.
Andererseits werden auch vor Beginn der Pubertät in den Nebennieren der Mädchen in geringen Mengen Androgene gebildet, welche das Längenwachstum und den Beginn der Schamhaarentwicklung (Pubarche) anregen.
Jungen miniatur|Androgene regen das Wachstum der Körperbehaarung an
Unter dem Ansteigen der Gonadotropinkonzentration im Blut erhöht sich bei Jungen schon deutlich vor der eigentlichen Pubertät die Testosteronproduktion in den Leydig-Zellen der Hoden. Dieses männliche Geschlechtshormon prägt ganz allgemein die sekundären Geschlechtsmerkmale, führt zu Muskel- und Körperwachstum und ist auch verantwortlich für die zunehmende Körperbehaarung. Das Gonadotropin steuert zunächst den Beginn der Scham- und Achselbehaarung (Pubarche) und im Verlauf der Pubertät auch die Ausprägung von Barthaar, Brustbehaarung und übriger Körperbehaarung.
Als Folge der Testosteronspiegelerhöhung um das Zwei- bis Dreifache kurz vor der Pubertät, wird im Einzelnen das Wachstum von Penis, Hodensack, Hoden, Nebenhoden, Samenleiter, Samenblase, Prostata, Präputial- und Bulbourethraldrüsen stimuliert. Deshalb ist es bei Jungen möglich, dass auch schon kurz vor Eintritt der Pubertät erstmals bei einem Orgasmus eine – wenn auch sehr geringe – Ausscheidung von überwiegend Prostatasekret stattfinden kann (Ejakularche), welche sehr oft auch als Ejakulation im Sinne von „samenloser Erguss“ bezeichnet wird. Voraussetzung dafür sind ganz allgemein eine besonders starke Ausprägung beziehungsweise Entwicklung der primären Geschlechtsorgane, eine leichte sexuelle Erregbarkeit, ein sexuelles Interesse und eine häufigere, als unbelastend, lustvoll und befriedigend empfundene sexuelle Aktivität (meist Masturbation). Jungen masturbieren gemäß mehreren Studien im Durchschnitt mit ungefähr zwölf Jahren zum ersten Mal.Wiebke Driemeyer, Louisa Arnold, Elena Bennecke, Maika Böhm, Benjamin Gedrose u. a.: Grenzverschiebungen des Sexuellen Perspektiven einer jungen Sexualwissenschaft (= Beiträge zur Sexualforschung. Band 100). Psychosozial-Verlag, Gießen 2015, ISBN 978-3-8379-2483-1, besonders S. 155 mit Tabelle (Volltext als PDF).Lifeline - Monika Preuk: Tabu-Thema Selbstbefriedigung - Onanieren: warum Masturbation so wichtig ist. Auf: lifeline.de; letzte Aktualisierung: 27. November 2020; zuletzt abgerufen am 19. Mai 2021. In der Pubertät ist der Anteil regelmäßig masturbierender Jungen und Männer sehr hoch und liegt bei 15-jährigen Männern bei nahe 100 %.Silja Matthiesen, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [BZgA] (Hrsg.): Jugendsexualität im Internetzeitalter. Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen (= Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung. Band 37). BZgA, Köln 2013, ISBN 978-3-942816-39-7, S. 234 mit Tabelle (Volltext als PDF).A Young Man’s Guide to Masturbation. (PDF; 267 kB) Auf: HealthyStrokes.com; abgerufen am 27. August 2019. Die meisten Jugendlichen masturbieren im Durchschnitt mehrmals die Woche bis mehrmals täglich; der Durchschnitt liegt bei etwa acht bis neun Mal die Woche.
Reifung in der Pubertät Das Eintrittsalter in diese Veränderungen ist variabel, die Reihenfolge der Veränderungen ist jedoch in aller Regel konstant. Die Tanner-Stadien klassifizieren diese Veränderungen und gliedern die pubertäre körperliche Entwicklung in fünf Kategorien vom Kind bis zum Erwachsenen.
Mädchen miniatur|Anatomie der weiblichen Brust mini|Darstellung der weiblichen Geschlechtsorgane mini|Die Einteilung nach der Tanner-Klassifikation
Über eine Mehrproduktion der hypothalamischen Gonadotropin releasing Hormone und der Gonadotropine FSH und LH setzt sich auch während der Pubertät bei Mädchen die gesteigerte Produktion und Ausschüttung von Östrogenen in den Eierstöcken fort. Die Wirkung dieser Östrogene bestimmen zum wesentlichen Teil die folgende Pubertätsentwicklung.
Sie sind zu Beginn für die Fortführung der Brustentwicklung verantwortlich und fördern das allgemeine Wachstum der Milchdrüsen (Mamma, -ae; lat. Glandula mammaria, 3) – und damit auch die Brustvergrößerung – zugleich auch eine allmähliche, differenzierende Weiterentwicklung dieser Drüsen. Außerdem vermitteln die Östrogene das Wachstum der Brustwarzen (Mamillen, lat. Papilla mammaria, 4) und des Brustwarzenhofes (lat. Areola, 5), ferner die Pigmentation der Brustwarzen und ihre Erigierbarkeit. Außerdem verstärkt sich die Entwicklung der insgesamt typisch weiblichen Körperform mit zugehöriger Fettverteilung (hier an der Brust: 7).
Allerdings schließen diese gesteigerten Östrogenkonzentrationen dann im Verlauf der Pubertät bei Mädchen auch die Epiphysenfugen und beenden damit das Längenwachstum. Außerdem wird von den Östrogenen auch die relativ glatte Begrenzung der Schambehaarung verursacht.