Die Arbeitswerttheorie (Kurzform AWT, auch Arbeitswertlehre) ist eine Denkrichtung aus der klassischen Nationalökonomie. Danach wird der ökonomische Wert einer Ware durch die Arbeitszeit bestimmt, die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendig ist. Außerdem muss die Ware einen Gebrauchswert aufweisen. Ausgehend von diesen Voraussetzungen werden in einer arbeitsteiligen Warenwirtschaft sowohl die Austauschverhältnisse (Tauschwert) bestimmt als auch das Wirtschaftswachstum und die Verteilung des Einkommens, und zwar je nach dessen Entstehungsart auf die unterschiedlichen Klassen von Einkommensbeziehern.David Ricardo: Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung. Berlin 1959, S. 3; zit. nach: Jindřich Zelený: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‘Das Kapital.’ Übersetzung aus dem Tschechischen von Peter Bollhagen. Europäische Verlagsanstalt Frankfurt. Europa Verlag Wien. 1969, S. 23. Michalis Skourtos: Der ‘Neoricardianismus’. V. K. Dmitriev und die Kontinuität in der klassischen Tradition. Pfaffenweiler 1985; Krishna Bharadwaj: Themes in Value and Distribution. Classical Theory Reappraised. London 1989, S. 1.

Die Arbeitswertlehre steht im Gegensatz zur später aufkommenden Grenznutzentheorie. Sie wird von Ökonomen unterschiedlich bewertet. Auf der einen Seite wird sie für „falsch“insbesondere der Grenznutzentheoretiker Eugen von Böhm-Bawerk: Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. 1884. oder „tot“Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 6. Auflage. A. Franke, Tübingen 1987, ISBN 3-7720-1298-1, S. 49 (UTB 172; zuerst: 1942) erklärt. Dahingegen verteidigen fast alle Marxisten die Arbeitswertlehre in der marxschen Form, obschon ihre begriffliche Präzisierung äußerst umstritten ist. Einige Nicht-Marxisten leiten die Arbeitswertlehre in Wachstumsmodellen unter bestimmten Annahmen her, ohne dies als Bestätigung Marxscher Theorie anzusehen.Carl Christian von Weizsäcker: A New Technical Progress Function. German Economic Review, 11/3, 2010 (Erstveröffentlichung eines 1962 geschriebenen Artikels); Carl Christian von Weizsäcker, Paul A. Samuelson: A new labor theory of value for rational planning through use of the bourgeois profit rate. In: Proceedings of the National Acadademy of Sciences U S A. 1971, . 1927 hatte der spätere Träger des Preises der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel Gunnar Myrdal mit seiner Kritik der Arbeitswertlehre promoviert.vgl. hierzu sein später veröffentlichtes Werk: Gunnar Myrdal: Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung. Berlin 1932. Eberhard Feess-Dörr suchte 1988 in seiner Dissertation Ricardo gegenüber Marx wieder ins rechte Licht zu rücken sowie die Redundanz der Arbeitswertlehre gegenüber dem neo-ricardianischen Ansatz nachzuweisen. Nils Fröhlich hat 2009 wieder die Aktualität der recht verstandenen AWT zu beweisen unternommen.Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Diss. Chemnitz 2009, ISBN 978-3-89518-756-8.Nils Fröhlich: Die Überprüfung klassischer Preistheorien mithilfe von Input-Output-Tabellen. In: Wirtschaft und Statistik. 5/2010, S. 503–508. Tatsächlich wird die AWT von Adam Smith ziemlich inkonsistent verwendet. Ob bzw. wie David Ricardo die AWT einsetzt, ist umstritten. Wie auch all die damit verbundenen Kontroversen ausgehen mögen, so wird die AWT nach wie vor ein wichtiger Bezugspunkt im TheorievergleichTakashi Negishi: Economic theories in a non-Walrasian tradition. Cambridge / New York / New Rochelle / Melbourne / Sydney 1985, S. 1. innerhalb der Politischen Ökonomie sowie den angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen bleiben.

Die ersten Ansätze Naturrecht: John Locke John Locke unternahm den Versuch, das Recht auf Eigentum naturrechtlich zu begründen, indem er es aus der produktiven Arbeit herleitet. Genau besehen hat er das individuelle Sacheigentum mit dem Eigentum jedes Menschen an seiner eigenen Person und an der Betätigung von deren Wirkkräften gerechtfertigt. Dies stellt offensichtlich ein juristisches Argument dar; es beinhaltet keinerlei ökonomische Analyse.Joseph A. Schumpeter (Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht, Göttingen 1965, S. 170.

Zu betonen, es sei ethisch gefordert und/oder wirtschaftlich notwendig, dass jede Arbeit („gerecht“) entlohnt werde, ist logisch etwas ganz anderes, als eine AWT wirtschaftswissenschaftlich zu vertreten, d. h. als eine theoretische Erklärung von ökonomischen Abläufen.Joseph A. Schumpeter (Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht, Göttingen 1965, S. 136. So sagt Joseph A. Schumpeter in seiner Geschichte der ökonomischen Analyse über Scholastiker wie etwa Luis de Molina:

Wie Schumpeter feststellt, hat die moderne Sozialwissenschaft ihren Ursprung im Naturrecht, was besonders deutlich werde in Molinas Definition von der „Natur des Falles“ (rei natura). Dieser Begriff enthält, dass die Daten einer gesellschaftlichen Situation – im günstigsten Falle eindeutig – eine gewisse Folge von Ereignissen, einen logisch zusammengehörigen Prozess oder Zustand bestimmen oder dies tun würden, falls sie sich ungestört auswirken könnten. Thomas von Aquin hat den aristotelischen Begriff der Gerechtigkeit mit „Angepasstheit“ definiert, und zwar unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Zweckmäßigkeit. Daraus ergibt sich die Leichtigkeit, mit der die Scholastiker zwischen dem wechseln, was sie als „gerecht“ und „natürlich“, bzw. „natürlich“ oder „normal“ ansehen. Wie teilweise heute noch bei der Betrachtung des Konkurrenzgleichgewichtspreises üblich, wird hierbei zwischen analytischer und normativer Ebene hin- und hergewechselt.Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht, Göttingen 1965, S. 144, Anm. 161.

Ein Versuch, die AWT völlig auf eine normative Fragestellung zu reduzieren, die bis auf Aristoteles zurückgehe,Werner Becker: Kritik der Marxschen Wertlehre. Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des „Kapitals“. Hamburg 1972. erscheint jedoch schon im Ansatz verfehlt; denn die AWT ist definitionsgemäß auf die Dimension der ökonomischen Analyse eingeschränkt. Aristoteles war indes der erste Theoretiker, der im Rahmen seiner politischen Theorie auch Fragen der ökonomischen Analyse angeschnitten hat.

Erste ökonomische Analyse: William Petty Einer der Begründer der AWT ist William Petty. Für Karl Marx beginnt daher die englische ökonomische Klassik bereits mit dem Merkantilisten Petty und nicht erst mit Adam Smith.Karl Marx: Das Kapital. MEW 23:95, Anm. 32. Zum Beleg für Pettys arbeitswerttheoretische Einsichten führt Marx zwei Textstellen aus dessen "A Treatise of Taxes, and Contributions" an, in denen der Wert als "natürlicher Preis" erfasst wird:

Nicht zu verwechseln mit der Wertbestimmung ist es, wenn Petty feststellt:

Hierzu merkt Marx zustimmend an:

Adam Smith mini|hochkant|Adam Smith (1723 bis 1790)

Adam Smith untersucht in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen, wie im Prozess der Kapitalakkumulation die kapitalistische Gesellschaft sich entwickelt.Robert L. Heilbroner: The Nature and Logic of Capitalism according to Adam Smith. In: Harald Hagemann, Heinz D. Kurz: Beschäftigung, Verteilung und Konjunktur. Zur Politischen Ökonomik der modernen Gesellschaft. Festschrift für Adolph Lowe. Bremen 1984, ISBN 3-926570-09-1. Smith sagt in seiner Einführung und zum Plan seines Werkes:

Die Neigung zum Tausch gibt letztlich den Anstoß zur Herausbildung der Arbeitsteilung, die die Vielfalt der menschlichen Talente ausnützt und deren Grenze sich durch die Größe des Marktes ergibt. Wenn die Menschen nicht nur Überschüsse ihrer Produktion austauschen, sondern vom Austauschbaren leben, so entsteht eine „kommerzielle Gesellschaft“.Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. 5. Auflage. dtv klassik, 1990, ISBN 3-406-05393-9, S. 23.

Das Wort „Wert“ hat zwei voneinander abweichende Bedeutungen: 1. die Nützlichkeit einer Sache, also den „Gebrauchswert“; 2. die Fähigkeit, mit Hilfe eines solchen Gegenstandes andere Güter im Tausch zu erwerben, also den „Tauschwert“.Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. 5. Auflage. dtv klassik, 1990, ISBN 3-406-05393-9, S. 27. Daraufhin untersucht Smith dreierlei Fragen: welches das richtige Maß für diesen Tauschwert ist; aus welchen einzelnen Teilen sich dieser reale Preis zusammensetzt oder bildet; unter welchen Umständen zuweilen einzelne oder alle diese Bestandteile über ihre natürliche oder normale Höhe steigen oder fallen, also welche Ursachen verhindern, dass der Marktpreis mit dem natürlichen Preis genau übereinstimmt.

In „der untersten Entwicklungsstufe eines Landes“ gehört der gesamte Ertrag der Arbeit dem Arbeiter.Adam Smith (11. Auflage 2005), S. 42. In fortgeschritteneren Gesellschaften hat sich Kapital angesammelt. Die Kapitaleigner stellen sinnvollerweise nur dann Rohmaterialien und Unterhalt den Arbeitern zur Verfügung, wenn sie am Ertrag der Produktion beteiligt werden. Sie wollen einen Teil von dem, „was deren Arbeit [der Arbeiter] dem Material an Wert hinzufügt“.Adam Smith, 11. Auflage 2005, S. 43. Schließlich, sobald in einem Land aller Boden in Privateigentum ist, möchten auch die Grundbesitzer ihren Anteil, die Grundrente.

Der durch die Arbeit bestimmte Wert der Güter teilt sich also von der Einkommensseite her auf in Lohneinkommen, Gewinneinkommen und Grundrente (was die Grundeigentümer bekommen).

Obwohl Smith also den Wert der Erzeugnisse auf die Arbeit zurückführt, sieht er es für notwendig an, dass die verschiedenen an der Produktion beteiligten Gruppen (Arbeiter, Kapitaleigner und Grundbesitzer), sich diesen Ertrag teilen. Andernfalls würden diese ihre Produktionsmittel nicht zur Verfügung stellen.

Smith behauptet, dass der Wert der Waren sich insgesamt auf die drei Einkommensarten „Grundrente, Arbeitslohn und Kapitalgewinn“ aufteilt. Einzelwirtschaftlich enthält der Wert zwar noch den Wert der Vorprodukte und den Verschleiß der eingesetzten Arbeitsmittel, da sich deren Wert aber genau so aufteilen lässt, löst sich gesamtwirtschaftlich der „Gesamtpreis“ schließlich „unmittelbar oder mittelbar“ in die drei Einkommensarten auf.Adam Smith, 11. Auflage 2005, S. 45. Diese Vorgehensweise wurde später von Karl Marx als fehlerhaft zurückgewiesen. Auch in der heutigen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird gesamtwirtschaftlich zwischen dem Produktionswert und, nach Abzug der Vorleistungen und Abschreibungen, dem Nettonationaleinkommen oder Volkseinkommen unterschieden.

Während zu Beginn des sechsten Kapitels Smith noch davon spricht, dass die Arbeit den Wert hinzufügt, von dem dann ein Teil Lohn, ein anderer Gewinn wird, und alle Bestandteile des Preises „mit Hilfe der Arbeitsmenge gemessen [werden], welche man mit jedem einzelnen Teil kaufen oder beanspruchen und einsetzen kann“, stellt er gegen Ende dieses Kapitels fest, dass es in einem entwickelten Land nur wenige Waren gäbe, deren Tauschwert ausschließlich durch Arbeit entsteht. „Rente und Gewinn sind durchweg stärker daran beteiligt.“

Smiths Thesen: 1. die Arbeit sei ursprünglich die Quelle allen Reichtums, 2. gute Böden seien die entscheidende Ursache für die schnelle Entwicklung von Kolonien, 3. Arbeit, Boden und Kapital trügen zur Wertschöpfung bei, hält Horst Claus Recktenwald nur für scheinbar widersprüchlich. Verwirrung und Verdrehung wären zu vermeiden gewesen, wenn Smith klarer seine jeweiligen entwicklungstheoretischen Annahmen expliziert hätte. Smiths Suche nach einem absoluten Wertmaß sei freilich völlig überflüssig.Horst Claus Recktenwald: Würdigung des Werkes. In: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. 5. Auflage. dtv klassik, 1990, ISBN 3-406-05393-9, S. LV.

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