mini|hochkant|Eugen Boermel, 1901

Eugen Boermel, auch Eugen Börmel, (* 27. März 1858 in Königsberg, Ostpreußen; † 24. Januar 1932 in Berlin) war ein deutscher Bildhauer.

Eugen Boermel stand in der Tradition der Begasschule. Nachdem er zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn überwiegend Kleinplastiken (Bildwerke im „Vitrinenformat“) gefertigt hatte, arbeitete er von 1879 bis 1889 als Gehilfe im Atelier von Otto Lessing plastisch-dekorativ für viele Bauten. Seit 1889 mit einem eigenen Atelier für kunstgewerbliche Modelle und Denkmalplastik selbständig, machte er sich 1900 mit seinem ersten Denkmal für Kaiser Sigismund der Denkmalgruppe 14 für die Berliner Siegesallee einen Namen und erhielt weitere Aufträge für Monumentalplastiken, darunter 1901 ein Denkmal für Prinz Albrecht von Preußen in Berlin und 1903 ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. in Danzig. Die Kunstkritik stuft seine größeren Werke insgesamt als eher misslungen ein, er sei in den Äußerlichkeiten der Begasschule stecken geblieben. Neben seiner Arbeit als Bildhauer war er literarisch tätig und entwarf technische Konstruktionen. Nachdem ihm um 1900 eine Professur noch verweigert worden war, erhielt er sehr wahrscheinlich 1904 den Professorentitel. Boermel wurde mit dem Preußischen Kronenorden IV. Klasse ausgezeichnet.

Leben und künstlerische Entwicklung Geboren in Ostpreußen, lebte Boermel bereits von Jugend auf in Berlin.Fritz Gause: Die Standbilder der Hohenzollern (PDF; 14,6 MB). In: Das Ostpreußenblatt. Organ der Landsmannschaft Ostpreußen, Jg. 20, Folge 9, 1. März 1969, S. 13.

Ausbildung und erste Schaffensperiode mini|Annonce der Firma Gebrüder Micheli 1892 mit Büsten von Eugen Boermel

1874 begann er seine künstlerische Ausbildung bei Eduard Lürssen, der als Professor für dekorative Plastik an der Berliner Kunstakademie lehrte. Es folgte ein Bildhauereistudium bei Albert Wolff, Friedrich Pfannschmidt und Fritz Schaper. 1878 und 1879 besuchte er an der Kunstakademie als Staatsstipendiat das Meisteratelier von Reinhold Begas, dem Hauptvertreter der neobarocken Berliner Bildhauerschule und späterem künstlerischen Leiter der Siegesallee. 1879 heiratete Boermel und trat eine Gehilfenstelle im Atelier von Otto Lessing an, der als Vertreter des Historismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Erscheinungsbild Berlins entscheidend mitprägte. Bei Lessing arbeitete er in den folgenden zehn Jahren plastisch-dekorativ für viele Bauten. Daneben entstanden Kleinplastiken wie 1885 eine . Zudem fertigte er in dieser Zeit Skizzen und Entwürfe für verschiedene Denkmäler an, darunter 1886 die Skizze zu einem Luther-Denkmal, 1887 einen Entwurf zu einem Lessing-Denkmal in Berlin, 1888 einen Entwurf zu einem Mozart-Denkmal für Wien und 1889 einen Entwurf zu einem Krupp-Denkmal in Essen. Seit 1878 war er regelmäßig auf den Akademie-Ausstellungen vertreten, beispielsweise 1886 mit einem Porträtrelief der eigenen Familie und mit seinem Entwurf für das Luther-Denkmal.Ethos & Pathos … Ausstellungskatalog. … S. 47.

Selbständig mit eigenem Atelier 1889 machte sich Boermel mit einem eigenen Atelier für kunstgewerbliche Modelle und Denkmalplastik selbständig. Zu seinen Arbeiten dieser Zeit gehören zwei „Hans“ und „Grete“ genannte Kinderfigürchen sowie Märchenfiguren wie „Schneewittchen“ und „Dornröschen“. Dieses lebensgroße, 62 cm hohe Büstenpaar aus Elfenbeinmasse wurde 1892 in einer Katalogannonce von den Gebrüdern Micheli (siehe nebenstehendes Bild) für 48,- Mark, zartfarbig angehaucht für 54,- Mark pro Figur angeboten. Heute werden kleinere Boermel-Büsten wie beispielsweise 2007 das 26 cm hohe Bronzepaar „Beethoven und Mozart“ von 1893 auf Auktionen für 1.681 US-Dollar gehandelt.Eugen Börmel. Historische Auktionsergebnisse. In: artnet, abgerufen am 22. September 2017. Er fertigte Edelmetallarbeiten wie Tafelsilber für Graf Ferdinand von Harrach und 1893 den großen Tafelaufsatz für den Thronfolger von Rumänien. 1895 schuf er zusammen mit Conrad Freyberg eine Statuette Kaiser Wilhelms I. Boermel war an verschiedenen Ehrenpreisen Kaiser Wilhelms II. und an größeren Denkmälern wie der Beethovenstatue in Sandstein für das Rudolfinum in Prag oder der Statue Friedrich Kilians (Villa Kilian, Berlin) beteiligt. Zum 1897 enthüllten Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal steuerte er die Gruppe „Krieg und Frieden“ und eine Viktorienfigur bei. Büsten fertigte er unter anderem für Wilhelm II. (1889, 1894) und den Opernsänger und Fabrikanten Kommerzienrat Ludwig Leichner (1899), für dessen Unternehmen er zudem einen Theaterzuschauerraum entwarf.Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee … S. 361.

Durchbruch zum Monumentalbildhauer, Verleumdung und kritische Würdigung 1896 bewarb sich Boermel um einen der lukrativen Aufträge für die Berliner Siegesallee direkt bei Wilhelm II., dem Auftraggeber und Finanzier der Monumentalallee, erhielt den Zuschlag aber erst auf Empfehlung des Oberhof- und Hausmarschalls August zu Eulenburg. Die Siegesalleegruppe war das erste Denkmal Boermels und hatte laut Uta Lehnert Initialfunktion. Sie habe den bisher als Denkmalplastiker erfolglosen Künstler weiten Kreisen bekannt und ihm Aufträge aus patriotischen Kreisen verschafft. Daraufhin habe er sich in der Kolonie Grunewald ein für monumentale Arbeiten geeignetes Atelier eingerichtet. In der Folge entstanden unter anderem Denkmale für Prinz Albrecht an der Schloßstraße in Charlottenburg (1901, gemeinsam mit dem Maler Conrad Freyberg) und das Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbild für Danzig (1903).

mini|Siegesallee, Denkmalgruppe 14 (1900) In dem harten Konkurrenzkampf der Berliner Bildhauer zur Jahrhundertwende wurde Börmel denunziert und seine Frau antisemitischen Vorhaltungen ausgesetzt. Viele Künstler versuchten während der Siegesalleearbeiten, die kaiserlichen Atelierbesuche, die meist festlich inszeniert wurden und Eingang in die Presse fanden, für sich als Reklame zu nutzen. Als vertrauliche Äußerungen des Kaisers bei einem dieser Besuche in die Presse gelangten, wies Wilhelm II. Begas an, derartige Indiskretionen in Zukunft zu verhindern. Daraufhin erhielt das Oberhofmarschallamt einen verleumderischen Brief eines vermutlich angeblichen Oberstleutnant a. D. mit dem Inhalt:

Der Oberstleutnant beklagte ferner, dass Frau Boermel von einem Handkuss des Kaisers erzählt haben soll. Anschließend zog er über den Lebenswandel und die Herkunft der Künstlergattin her und schloss mit den Worten: Boermels Siegesalleegruppe wurde von nahezu allen zeitgenössischen Kritikern unter den „mißlungenen“ oder „völlig mißlungenen“ Arbeiten eingestuft (siehe unten). Sein künstlerisches Schaffen insgesamt urteilte Paul Kühn wie folgt:

Ähnlich urteilt Uta Lehnert und merkt an, Boermel habe zwar einen gewissen Ruf als Modelleur gehabt – aber bei dem Versuch, sein dekoratives Talent auch in der Denkmalplastik anzuwenden, sei er über die Äußerlichkeiten der Begasschule nicht hinausgekommen. Auch laut Ostpreußenblatt 1969 stand er in seinem Schaffen ganz im Bann von Begas.

Weitere Arbeitsfelder, Professur Über seine bildhauerische Tätigkeit hinaus war Boermel auch literarisch tätig. Er schuf einige dramatische Werke und verfasste für die in Leipzig bei E. A. Seemann erschienene Zeitschrift Werkstatt der Kunst Aufsätze mit Titeln wie Der Künstler in den öffentlichen Körperschaften oder Wie ist eine weitere Entwicklung der monumentalen Bildhauerkunst möglich? Zudem beschäftigte er sich mit der Lösung technischer Probleme. So konstruierte er erdbebensichere Gebäudefundamente und eine Wasserversorgung in erdbebengefährdeten Städten. Für beide Konstruktionen erhielt er internationale Patente.

Über Boermels Leben und Schaffen in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten ist wenig bekannt. Nach Angabe des Luisenstädtischen Bildungsvereins wirkte er bis zu seinem Tod in seinem Grunewalder Atelierhaus (Hagenstraße 10) als selbständiger Bildhauer. Unklar ist, ob Boermel eine Professur zuteilwurde. Laut Ethos & Pathos hat Wilhelm II. ihm den Titel um 1900 nach Rückfrage bei der Akademie der Künste versagt, als Boermel gehofft habe, sich mit der Siegesalleegruppe zum Professor qualifiziert zu haben. Stattdessen habe ihn der Kaiser mit dem Preußischen Kronenorden IV. Klasse dekoriert.Ethos & Pathos … Ausstellungskatalog. … S. 49. Auch nach Darstellung von Uta Lehnert (1998) hat er sich vergeblich um den Professorentitel bemüht, was sein sehr begrenztes künstlerisches Renommee um 1900 zeige. Paul Kühn hingegen bezeichnet Boermel als Professor. Es spricht sehr viel dafür, dass er den Titel einige Jahre später doch noch erhielt, möglicherweise als Anerkennung für das Danziger Denkmal von 1903. Denn die Fachzeitschrift Die Kunst, Monatshefte für freie und angewandte Kunst vermerkte 1904: Danzig. Bildhauer Eugen Boermel, der Schöpfer des im September hier enthüllten Kaiser Wilhelm-Denkmals, ist zum Professor ernannt worden.Die Kunst, Monatshefte für freie und angewandte Kunst, 9. Band / 19. Jahrgang 1904, S. 78. () Zudem verzeichnet ihn auch das Berliner Adressbuch von 1932, seinem Todesjahr, als Professor. In der Nationalgalerie war Boermel nicht vertreten. Obwohl er auf vielen Ausstellungen präsent war, sind keine künstlerischen Auszeichnungen bekannt.

Ausgewählte Werke Denkmalgruppe Siegesallee, Berlin (1900) Die Denkmalgruppe 14 bestand aus dem zentralen Standbild für Kaiser Sigismund (1368–1437) aus dem Haus Luxemburg, Markgraf und Kurfürst von Brandenburg und von 1433 bis 1437 auch römisch-deutscher Kaiser. Flankiert wurde das Standbild von den Halbbüsten von Lippold von Bredow, Landeshauptmann und Verweser der Mittelmark aus dem Adelsgeschlecht Bredow im Ländchen Friesack, und von Bernd Ryke (auch Reiche), Bürgermeister von Berlin. Das Berliner Patriziergeschlecht Ryke oder Reiche stellte zwischen 1361 und 1447 mehrere Bürgermeister mit dem Vornamen Bernd oder Bernhard.Edition Luisenstadt: Berlins Bürgermeister. 1998. Boermels Figur bezog sich auf den 1361 erstmals als Bürgermeister erwähnten und vor dem 25. Mai 1378 verstorbenen Bernd Reiche sowie auf den 1417 als Bürgermeister belegten und im gleichen Jahr verstorbenen Bernd Reiche. Während Reinhold Koser, der Leiter des historischen Siegesallee-Programms, davon ausging, dass es sich um Vater und Sohn handelte, wollte Boermel nach Angabe von Uta Lehnert Bernd Ryke als ein und dieselbe Person betrachtet wissen und brachte im Sockel die Jahreszahlen 1358–1414 an.Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee … S. 144 ff. Ein weiterer Bernd Reiche/Ryke, der 1447 die Stadt regierte und maßgeblich am Berliner Unwillen beteiligt war, wurde mit der Benennung der Rykestraße geehrt.

Beide Seitenfiguren standen auf schlanken Sockeln, die in das Halbrund der Sitzbank integriert waren, die das nach vorne offene, dreistufige Podest wie bei allen 32 Denkmalgruppen der Monumentalallee abschloss. Die Gruppe wurde am 6. Mai 1900 eingeweiht. Die drei teilzerstörten Figuren wurden ab Mai 2009 in der Zitadelle Spandau restauriert und sind seit April 2016 Teil der dortigen Dauerausstellung Enthüllt – Berlin und seine Denkmäler.

Gestaltung