mini|Meister Gerhard: Steinkopf über der Achskapelle gilt als Darstellung des BaumeistersArnold Wolff: Chronologie der ersten Bauzeit des Kölner Domes 1248–1277, Diss. Köln 1968, S. 228. Meister Gerhard (* um 1210/1215; † 24. April vor 1271 in Köln;Manfred Huiskes: Die Dombaumeister, in: Joachim Deeters et al. (Hrsg.): Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 69. latinisiert als Magister Gerardus) war der erste Dombaumeister des Kölner Doms. Von Gerhard stammt der Grundrissplan des gotischen Kölner Domchors.

Leben Das Leben Gerhards ist fast ausschließlich durch sein Werk rekonstruierbar. Möglicherweise besuchte Gerhard in seinen Lehr- und Wanderjahren die Baustellen der Kathedralen von Troyes und der Sainte-Chapelle in Paris. Es wurde spekuliert, ob der Baumeister der Abteikirche von Saint-Denis, Pierre de Montereau, Doctor lathomodorum, Gerhards Lehrmeister gewesen sei. Auch zu Jean de Chelles, dem Leiter der Baustelle von Notre Dame in Paris, soll Gerhard in regem Kontakt gestanden haben. Er muss als Parlier oder Meister vermutlich auf einer rheinischen Bauhütte gearbeitet haben, bevor das Kölner Domkapitel ihn als Werkmeister (rector fabricae bzw. opifex) berief.

Am 25. März 1247 wurde der Neubau des Kölner Domes beschlossen, die Grundsteinlegung erfolgte am 15. August 1248. Erstmals wird Gerhard 1257 genannt, als das Domkapitel ihm, dem magistro gerardo lapicide rectori fabrice ipsius ecclesie, „wegen seiner Verdienste um diese Kirche“ Land bei seinem Hause in der Marzellenstraße als Erbpacht überließ, um darauf ein großes Steinhaus zu errichten.Grundbucheintrag im Schreinsbuch von St. Lupus (Niederich). Merlo, Nachrichten, S. 133. Abgedruckt bei Hasak, Dom, S. 58 ff.Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines künstler-lexicon: oder, Nachrichten von dem leben und den Werken..., 1837, S. 110.

Kurz nach 1248 heiratete er Gude, die Schwester des Kellermeisters des Domdechanten. Gerhard stürzte bei einem Kontrollgang an einem 24. April vor 1271 unter mysteriösen Umständen vom Gerüst des unfertigen Doms und verletzte sich tödlich. Meister Gerhard hinterließ drei Söhne: Wilhelm, Peter und Johann sowie eine Tochter Elisabeth, die alle den geistlichen Stand annahmen.Merlo, Nachrichten, S. 135; Hasak, Dom, S. 62 ff.

Werk Planung Kölner Dom mini|Erzbischof Konrad von Hochstaden: Förderer eines gotischen Neubaus Seit der Zeit von Fürstbischof Engelbert I. von Köln (1216 bis 1225) wurde im verantwortlichen Domkapitel diskutiert, den im Ursprung karolingischen Hildebold-Dom durch einen Neubau zu ersetzen. Wegen der schwierigen politischen Phase Kurkölns nach dem gewaltsamen Tod Engelberts im Jahre 1225 verzögerte sich der Beginn des Projektes allerdings bis in die 1240er Jahre. Der Beschluss zum Neubau war bereits getroffen, als sich das Domkapitel 1247 auch über die Finanzierung einig wurde. Meister Gerhard wird Mitte der 1240er Jahre zum Baumeister bestellt worden sein, da die Vorbereitung eines großen Bauprojektes mehr als drei Jahre in Anspruch nahm. Heute wird angenommen, dass Gerhard aus einer lokalen Kölner Bauhütte berufen wurde, weil er im Gegensatz zur französischen Baupraxis nach spätromanischen Methoden arbeitete.Joachim Deeters: Zeitpunkt und Plan des Neubaus, in: Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 9ff. Die Mitglieder des Domkapitels waren auf den gotischen Kathedralbau in Nordfrankreich aufmerksam geworden, vermutlich weil Paris als beliebtester Studienort der zahlreichen Kölner Theologen und Stadtadeligen persönlich bekannt war. Durch den Ehrgeiz des seit 1238 amtierenden Erzbischofs Konrad von Hochstaden nachdrücklich befördert, setzte sich im Domkapitel die Vorstellung durch, den Dom im damals modernsten Baustil der Gotik nach nordfranzösischem Vorbild zu bauen und mit der spätromanischen Bautradition Kölns zu brechen.Joachim Deeters: Zeitpunkt und Plan des Neubaus, in: Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 11ff.

Das Domkapitel richtete eine eigene Verwaltung ein, die das Bauvorhaben betreute. Sie wurde anfangs fabrica nova genannt, weil sie ausschließlich für den Neubau und nicht für den Unterhalt des alten Doms zuständig war. Die mittelalterliche Dombauverwaltung wurde von zwei Domherren geleitet, für die sich der Begriff procurator oder provisor fabricae durchsetzte. Ihre wichtigste Aufgabe bestand darin, die Gelder für das Bauvorhaben zu beschaffen und zu verwalten. Um 1260 hieß einer dieser Domherren Gerhard von Rile, dessen Vornamensgleichheit zur Verwechslung mit dem Dombaumeister geführt hat. Tatsächlich aber war es die vornehmste Aufgabe der Provisoren, einen Werkmeister auszuwählen und zum Dombaumeister zu berufen. Nachdem die Wahl auf Meister Gerhard gefallen war, war es an ihm, die Arbeiten auf der Baustelle zu organisieren und zu überwachen. Dazu gehörte auch, die mehr als hundert Arbeiter anzuwerben, die Steinbrüche auszuwählen, von denen die Werksteine bezogen wurden, und die Logistik des Schiffstransportes zu planen. Die Verhandlungen, unter welchen Konditionen die ausgewählten Steinbrüche am Drachenfels genutzt werden konnten, werden die Provisoren für das Domkapitel geführt haben.Klaus Militzer: Der Dom und das Domkapitel, in: Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 100f.

Im Zuge seiner Bauvorbereitungen besuchte Meister Gerhard vermutlich die Baustellen der französischen Kathedralen. Er hat als Inspiration erkennbar die Gesamtdisposition von Notre-Dame in Paris, den Chorbau der Kathedrale von Amiens, die Wandgliederung der Kathedrale von Saint-Denis und die Bauornamentik der Sainte-Chapelle in Paris genutzt. Diese hat er zu einem einheitlichen Gesamtplan zusammengefasst und dabei versucht, eine Synthese aus den aktuellsten französischen Bauideen zu schaffen. Die Idee, einen Kapellenkranz erstmals in einem streng geometrischen Aufriss zu planen, bei dem die 7 Radialkapellen Teile eines regelmäßigen Zwölfecks sind, war seine entscheidende Leistung.Georg Schelbert: Die Chorgrundrisse der Kathedralen von Köln und Amiens, in: Kölner Domblatt 62 (1997), S. 110. Er gab dem Hochchor einen parabelförmigen Grundriss, um einen sanften Chorschluss zu erreichen.Arnold Wolff: Die vollkommene Kathedrale, Der Kölner Dom und die Kathedralen der Ile-de-France, in: Dombau und Theologie im mittelalterlichen Köln, Festschrift zur 750-Jahr-Feier der Grundsteinlegung des Kölner Domes und zum 65. Geburtstag von Joachim Kardinal Meisner (Studien zum Kölner Dom Band 6), Köln 1998, S. 37f Man kann vermuten, dass Gerhard seinen Gesamtentwurf dem Domkapitel selbst und mit persönlicher Begeisterung vorgestellt hat. Dabei erwies er sich „als begeisterter Anhänger der Hochgotik, [der] Möglichkeiten aufzeigte, durch konsequente Anwendung der Prinzipien des neuen Baustiles die bisher gebauten Kathedralen zu übertreffen, ihre Idee gleichsam zu vollenden.“Joachim Deeters: Zeitpunkt und Plan des Neubaus, in: Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 11. Vermutlich haben sowohl der Erzbischof als auch Vertreter des Domkapitels den weiteren Baufortschritt verfolgt und dabei Einfluss auf die Baugestaltung genommen, wenn Fragen der repräsentativen Wirkung und der theologisch-künstlerischen Ikonographie sie berührten.Klaus Militzer: Der Dom und das Domkapitel, in: Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 101.

Dom-Fundament mini|Papst Innozenz IV.: Erster Ablass zur Domfinanzierung Die Bauarbeiten hatten lange begonnen, bevor der Grundstein im August 1248 feierlich gelegt wurde. Im Mittelalter war es üblich, für das Fundament einen tiefen Graben auszuheben, der nicht wesentlich breiter war als die zu errichtenden Grundmauern. Dieser Graben wurde in vielen Fällen um den Chor der bestehenden älteren Kirche herum gelegt, so dass diese weiter vollständig genutzt werden konnte. Im April 1248 waren die vorbereitenden Arbeiten so weit gediehen, dass Gerhard den östlichen Teil des Hildebold-Doms abreißen ließ.Lutz Jansen: Die archäologischen Funde und Befunde aus der „ersten Bauzeit“ der gotischen Kathedrale zu Köln (1248–1322), Diss Bamberg 1999, S. 293 Dazu wurden die Holzbalken angezündet, die in der Baugrube das alte Gemäuer stützten. Das Feuer griff dann allerdings auf den gesamten Hildebold-Dom über, der fast vollständig ausbrannte. Nur der Dreikönigenschrein, der bereits in die Nähe der Tür gerückt worden war, um ihn vor dem beabsichtigten Einsturz zu schützen, konnte aus dem Rauch gerettet werden; die übrige Ausstattung, darunter zwei goldene Kronleuchter und vermutlich auch die originale, aus Mailand stammende Mailänder Madonna, verbrannten. Bereits vier Wochen später, am 21. Mai, gewährte Papst Innozenz IV. allen Gläubigen einen Ablass von einem Jahr und 40 Tagen, die den Neubau des Domes unterstützten. Joachim Deeters: Ad Summum 1248, Der gotische Dom im Mittelalter, Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln aus Anlaß der Grundsteinlegung des Kölner Doms vor 750 Jahren, Köln 1998, S. 19f.

Das Missgeschick zwang den Baumeister dazu, den Ostteil des Alten Domes umgehend abzuräumen, den Westteil mit einer provisorischen Abschlusswand zu schließen und den Hildebold-Dom wieder zur Nutzung herzurichten.Lutz Jansen: Die archäologischen Funde und Befunde aus der „ersten Bauzeit“ der gotischen Kathedrale zu Köln (1248–1322), Diss Bamberg 1999, S. 294f Allerdings hatte Gerhard dadurch ein freies Baufeld bekommen, um zügig die Fundamente des gotischen Domes zu legen. Er ließ die Baugrube etwa 9 Meter tief ausheben, so dass das Fundament auf der statisch stabilen Kiesschicht errichtet werden konnte. Bis August war die Baugrube für die künftige Achskapelle soweit gegraben, dass ein erstes Teilstück des Fundaments sorgfältig aufgemauert werden konnte. An dieser Stelle legte Erzbischof Konrad von Hochstaden an Mariä Himmelfahrt 1248 feierlich den Grundstein für den Neubau.Lutz Jansen: Die archäologischen Funde und Befunde aus der „ersten Bauzeit“ der gotischen Kathedrale zu Köln (1248–1322), Diss Bamberg 1999, S. 319.