Die Russlandberichterstattung in Deutschland setzte mit der Wiederaufnahme geregelter diplomatischer Kontakte unter Zar Peter dem Großen gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein. Bis zum russischen Überfall auf die Ukraine wurde die Russlandberichterstattung in Deutschland von über 40 Korrespondenten vor allem aus der russischen Hauptstadt Moskau getragen. Das Interesse von Deutschen an Russland gilt als vergleichsweise stärker ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern.Juri Galperin: Das Russlandbild deutscher Medien. Erschienen bei der Bundeszentrale für politische Bildung, 25. März 2011.www.laender-analysen.de, S. 12, abgerufen am 17. Mai 2012 (PDF). mini|Ausschnitt eines deutschen Flugblatts, das 1561 in Nürnberg erschien und russische Kriegsgräuel in Livland darstellt

Geschichte Erste Phase miniatur|Titelseite des Buches Rerum Moscoviticarum Commentarii Die Mongolische Invasion der Rus von 1237 bis 1240 schnitt für 200 Jahre alle Verbindungen der Russen zum Westen ab. Nur die Nordost-Rus blieb durch den Ostseehandel mit der Hanse für westeuropäische Kontakte und Einflüsse offen, so dass westliche Berichte über die russischen Länder in diesem Zeitraum kaum vorhanden sind. Ein erster deutscher Berichterstatter war Johannes Schiltberger, der „deutsche Marco Polo“, der sachlich knapp und stilistisch anspruchslos die Rus beschrieb. Sein Reisebuch wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gedruckt. Dennoch blieb das Wissen über diese Gebiete bruchstückhaft. Die Schedel’sche Weltchronik von 1493 berichtete „Die Reussen stossen an die Litauer ein grobs ungeschikts volck.“ Als sich die Rus unter Vorherrschaft Moskaus gegen Ende des 15. Jahrhunderts von der Tributherrschaft der Tataren befreien konnte, schickten die Regenten des Heiligen Römischen Reiches binnen weniger Jahre Gesandte mit politischen Weisungen nach Russland. Die ersten verbreiteten Berichte dieser Zeit stammen aus den auf Deutsch übersetzten Werken Johann Fabris und Paolo Giovios von 1525. In ihnen war das Moskauer Fürstentum zum ersten Mal das Hauptthema. Beide Schriften dienten bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts als zugänglichste Quellen für dieses Reich, das von den erwähnten Autoren in einem vorteilhaften und etwas idealisierten Licht vorgestellt wurde. Giovio und Fabri nahmen das Großfürstentum Moskau als potentiellen Verbündeten wahr und beschrieben es als eine Kraft, an die man sich im Kampf gegen die äußeren und inneren Gefahren um Hilfe wenden konnte – vor allem gegen die osmanische Eroberung und den Protestantismus. Der erste deutsche Russlandbericht der Neuzeit stammt von Sigismund von Herberstein, der im Dienst der Habsburger Krone zweimal nach Polen und in das Großfürstentum Moskau reiste (1516–1518 und 1526/27). Herberstein bevorzugte das polnisch-litauische Reich, Russlands damaligen Gegner, und strebte danach, das Bild, das von seinen Vorgängern in den Publikationen der 1520er- bis 1540er-Jahre gezeichnet worden war, in Frage zu stellen und es zu verspotten. Sein Bericht Rerum moscoviticarum commentarii bestimmte das Russlandbild der Deutschen für lange Zeit.Hrsg. von Lew Sinowjewitsch Kopelew und Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München 1988, S. 118. Sein Buch war ein großer Erfolg und bis 1600 erschienen insgesamt 20 Auflagen, davon sieben in deutscher Sprache.

Obwohl die erwähnten Werke im 16. Jahrhundert in vielen Auflagen erschienen, waren es dennoch erst die Russlandschriften der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Nachrichten über den Moskauer Staat einer größeren Öffentlichkeit vermittelten. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab es zu dieser Zeit noch keine modernen periodisch erscheinenden Zeitungen, doch hatte sich eine Frühform der Presse, die Flugschriften oder „Neuen Zeitungen“, voll entwickelt. Die Russlandbücher dieser Zeit erschienen mit großem Abstand zu den Ereignissen und erreichten nur ein kleines Publikum, während hingegen die Flugblätter eine verhältnismäßig große Zahl an Lesern erreichten, jedoch rasch veralteten und in Vergessenheit gerieten. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erschienen rund 100 Schriften im Druck, die sich mit dem Livländischen Krieg und der Innenpolitik Iwans IV. beschäftigten. Die Berichtenden wie Heinrich von Staden vermittelten so wertvolle Einblicke in die Zeit der Opritschnina.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 154. Die Russlandbücher und die deutschen Flugblätter gingen auf die Initiative der mit Russland kriegführenden Nachbarn Livland und Polen-Litauen zurück. Ziel war es nicht etwa, ein vollständiges und ausbalanciertes Bild des Moskauer Staates zu zeichnen, sondern im Auftrag des Heiligen Römischen Reiches Russland im Lichte seiner Gegner Livland und Polen-Litauen darzustellen.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 173. Die Flugschriften schildern insbesondere die Heere, die Bewaffnung und die Kriegsgräuel der in russischen Diensten stehenden Tataren, wodurch die barbarische, asiatische Wesensart der Russen betont wurde.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 178. „Der Russe“ wird dabei als schlauer, treuloser und vertragsbrüchiger Politiker charakterisiert. Neben dieser negativen Einschätzung tritt immer wieder der Respekt der militärischen Macht der Russen hervor. Insgesamt sind die deutschen Flugschriften mit extremen Schlagwörtern gegen die unbekannten Russen belegt, während die polnischen Vorlagen einen wesentlich gemäßigteren Ausdruck führten, weil sie die ihnen besser bekannten Russen nicht mit dergleichen Klischeevorstellungen belegen konnten.

mini|Zum Erfolg des Reiseberichts Moskowitische und persische Reise: die holsteinische Gesandtschaft 1633–1639 trugen die vielen Illustrationen bei, von denen sich 60 auf Russland beziehen. Die Verachtung der autokratischen Herrschaftsform bestimmte auch die Russlandberichte aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der damalige Zar Iwan IV. wurde als stolz, hinterlistig, argwöhnisch, jähzornig und grausam beschrieben. Durch die ausführliche Schilderung seiner zahlreichen Gewalttaten wurde die Moskauer Autokratie als tyrannische Willkürherrschaft charakterisiert. Hingegen fand die frühe Reformperiode Iwans IV. in den Berichten kaum Eingang.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 180. Wirtschaft, Recht und Gesellschaft wurden kaum thematisiert; dagegen stieß die orthodoxe Religion im von Glaubenskämpfen geprägten Deutschland auf Interesse. Ähnlich wie der Herrscher, wurde auch das Volk mit mehrheitlich negativen Zügen versehen. Die Russen erschienen als grobe, ungebildete Barbaren, als grausame und sittenlose Trunkenbolde. Ihre Genügsamkeit, Frömmigkeit, Geduld und ihr Gehorsam wurden hingegen als positiv dargestellt.

Vorpetrinische Phase Mit dem Ende des Livländischen Krieges endet auch die erste Phase der intensiven deutschen Russland-Publizistik. Die Zahl der Augenzeugen ging durch das einsetzende innenpolitische Chaos in Russland und den im deutschen Raum ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieg in der Folge zurück. Hatte es bis 1613 noch 35 Russlandbücher gegeben, so kamen von 1613 bis 1689 lediglich drei neue Ausgaben hinzu.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 267. Die zahlreichen Neuauflagen älterer Berichte und die geringe Anzahl neuer Publikationen bestätigten die vorgegebenen Muster, die fortan das Bild von Russland bestimmten. So brachten die Russlandberichte aus der Zeit der Wirren zwar eine Reihe neuer Informationen, aber keine Änderung der negativen Darstellung.

Herausragend in dieser Zeit ist der 1647 veröffentlichte Reisebericht von Adam Olearius. Der Gelehrte begleitete die Gesandtschaft des Herzogs Friedrich III. von Holstein über Moskau nach Persien (1633–1635 und 1635–1639). Das Buch wurde zu einem Bestseller. Neben fünf deutschen Ausgaben erschienen fünf holländische, vier französische, drei englische und eine italienische. Selbst im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts setzte sich der Erfolg fort mit vier weiteren französischen Ausgaben. Der Protestant Olearius zeichnete ein sehr facettenreiches Bild von Russland, kam jedoch bei der Schilderung der strengen Abgrenzung zwischen den Ausländern und den einheimischen Russen auf die bekannten negativen Stereotype zurück. So schilderte er den verwerflichen Charakter der Russen, ihr unsittliches Tun und ihre mangelnde Kenntnis in wissenschaftlichen und religiösen Fragen. Die wenigen positiven Charaktereigenschaften wurden in seinem Werk sofort wieder relativiert.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 240. Die weite Verbreitung des Werkes festigte das seit dem Livländischen Krieg vorhandene negative Russlandbild.

Die Russlandbücher dienten wiederum als Vorlage für die als Lehr- und Handbücher konzipierten Werke der Staatenkunde. Diese Schriften waren für Universitäten, Gymnasien und Ritterakademien bestimmt und erreichten ein noch größeres Publikum. Unter den zahlreichen Ausgaben ragte das Oribs politicus von Georgius Hornius aus dem Jahr 1667 hervor, das in den folgenden Jahrzehnten mehrere Dutzend Neuauflagen erreichte. In dem Werk wird Russland als ein Staatswesen beschrieben, das in seiner Struktur wenig mit Europa gemein hat. Die Russen werden als versklavte und ungebildete Diener betrachtet.

mini|Die Nemezkaja Sloboda, die deutsche Vorortsiedlung in Moskau im 17. Jahrhundert Die geringe Berichterstattung und der allgemeine Russlandtenor wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch das immer stärker werdende Medium Zeitung korrigiert. Deutschland galt als das führende Zeitungsland, 50 bis 60 deutschsprachige Zeitungen warben zugleich um die Leserschaft mit einer durchschnittlichen Auflage von 350 bis 450 Exemplaren pro Zeitung und Woche. Die anstehende Europäisierung Russlands in der Zeit des vorpetrinischen Russlands, wurde in über 9500 Zeitungsberichten ausführlich behandelt. Insbesondere der Zar Alexei I. wurde in seiner 31-Jährigen Herrschaft zunächst distanziert, dann mit Respekt und schließlich mit offenkundiger Sympathie beschrieben. Seit den 1660er-Jahren war Russland nun auch an das europäische Postnetz angebunden, so dass immer mehr Korrespondenzen aus Moskau Eingang in die deutsche Presse fanden.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 1, München, S. 276.

Petrinische Epoche Die Petrinischen Reformen wurden in deutschen Zeitungen ausführlich beschrieben. Deutsche Zeitungsleser konnten sich über die Wandlung Russlands von einer asiatischen Despotie, zu einem modernen absolutistischen Staat informieren. Die Redakteure akzeptierten die Annäherung Russlands an Westeuropa und berichteten dementsprechend positiv über die Veränderungen. Allerdings wurde der russische Volkscharakter weiterhin als der einer Sklavennatur, trunksüchtig und wild, gezeichnet.Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. Bd. 2, München, S. 138.

Verfasst wurden diese Berichte vor allem durch westliche Ausländer in russischem Dienst, welche die Reformbemühungen unterstützten. Im Gegensatz zu den vormaligen, als Russlandberichterstatter fungierenden Diplomaten, waren sie durch ihre langjährigen Aufenthalte wesentlich vertrauter mit Land und Leuten. Die Bewohner der deutschen Vorortsiedlung Nemezkaja Sloboda lieferten von hier aus regelmäßig Nachrichten über Russland in den deutschsprachigen Raum. Peter I. hatte schon in seiner Jugend oft die deutsche Ausländervorstadt besucht und Kontakte aufgebaut und erhielt somit von Beginn an eine positive Berichterstattung. Jede seiner Handlungen fand ein starkes publizistisches Echo. Insbesondere das Hofleben Peters, das von keinem Protokoll begrenzt wurde, wurde beschrieben. Dementsprechend erweiterten sich die Vorstellungen von dem Land und seinen Einwohnern in Deutschland.