mini|hochkant=2|Vergleich der Temperaturen von 1816 mit dem langjährigen Mittel 1971–2000Luterbacher, J., and Pfister, C., 2015: The year without a summer. Nature Geosci, 8, 246-248
Als das Jahr ohne Sommer wird das vor allem im Nordosten Amerikas sowie im Westen und Süden Europas ungewöhnlich kalte Jahr 1816 bezeichnet. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and froze to death“, und auch in Deutschland wurde es als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen, der als deutlich stärker eingestuft wird als die Ausbrüche des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und des Krakatau 1883.Ronald D. Gerste: Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-94922-3, S. 192. Das Jahr 1816 und die kalten Folgejahre liegen in der Endphase der Kleinen Eiszeit und verzerren deren längerfristige Messungen.
Der Sommer im Jahr 1816 Der Sommer im Jahr 1816 war durch mehrere ungewöhnliche Wetterphänomene gekennzeichnet, für die es damals teilweise keine schlüssige Erklärung gab. Dazu gehörten Nachtfrostperioden in den USA und Schneefälle in Kanada im Juli und August, ein ungewöhnlich kalter Wetterverlauf in Europa, schwere Unwetter, Überschwemmungen und in höheren Lagen Schneefall in Mitteleuropa das gesamte Jahr hindurch.
Diese führten teilweise zu Missernten oder sogar Ernteausfällen.
Ursachen mini|hochkant|Hungertafel in Neulautern, die Lebensmittelpreise von 1772 und 1784 mit 1817 vergleicht: „Veränderliche Jahrs zeiten – 1772 Hat 8 ℔ (= Pfund) Brod 8 x (= Kreuzer) kost, 1784 die Maß Wein 4 x. 1817 Hat der Scheffel Denkel 40 gulten kost, 8 ℔ K.(orn) Brod 2 gulten, die Maß Wein 2 f (= Florin = Gulden), das Simre Erdbirn 3 f.“ Etwa hundert Jahre später (1920) fand der amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys eine erste Erklärung für das „Jahr ohne Sommer“. Er führte die Klimaveränderung auf den vulkanischen Winter infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien zurück. Dieser war im April 1815 mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex ausgebrochen und tötete in der Region etwa 70.000 Menschen. Er hatte neben ungefähr 150 km³ Staub und Asche auch Schwefelverbindungen, die auf ein Schwefeldioxidäquivalent von 130 Megatonnen geschätzt werden, hoch in die Atmosphäre geschleudert, wo sie sich verteilten und wie ein Schleier um den gesamten Erdball legten. Die Abkühlung des Weltklimas durch den Ausbruch hielt noch bis 1819 an.Diesen Kausalzusammenhang belegen auch andere große Vulkaneruptionen, siehe zum Beispiel Krakatau#Auswirkungen weltweit (1883). Eine 2019 veröffentlichte Attributionsstudie bestätigte die dominante Rolle, die die Tambora-Eruption höchstwahrscheinlich bei der sommerlichen Kühle spielte. Wahrscheinlich trug sie auch zu den feuchten Verhältnissen der Zeit bei.
Aerosolablagerungen in grönländischen und antarktischen Bohrkernen deuten allerdings darauf hin, dass der Ausbruch des Tambora nicht alleinige Ursache dafür war, dass das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 zum weltweit kältesten der letzten 500 Jahre wurde. Vielmehr wird eine vergleichbar große Vorläufereruption vermutet. Aufgrund von Berichten aus Kolumbien könnte ein solcher Vulkanausbruch Ende des Jahres 1808/Anfang des Jahres 1809 stattgefunden haben. Außerdem nimmt man an, dass die erheblich reduzierte Sonnenaktivität während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, das sogenannte Daltonminimum, zur Abkühlung beigetragen hat.
Folgen Die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur sank kurzzeitig um etwa 0,4 bis 0,8 Grad Celsius.
Überschwemmungen In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer.Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preussen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 1991, S. 126–177. In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 m Meereshöhe und am 2. und 30. Juli bis in tiefe Lagen.Ausbruch 1815 – Hungersnot in der Zentralschweiz. In: Neue Luzerner Zeitung vom 17. April 2010. So lag z. B. im Juni 1816 noch Schnee in Weggis (436 m. ü. M).Christian Pfister: Das Klima der Schweiz von 1525 bis 1860 und seine Bedeutung in der Geschichte von Bevölkerung und Landwirtschaft, 2 Bde., Bd. 1: Klimageschichte der Schweiz 1525 – 1860, Bern 1984, S. 140. Durch die geringere Schneeschmelze im Vorjahr und die angesammelten zusätzlichen Schneemengen, zum Beispiel in den Alpen, führte die Schneeschmelze örtlich zu katastrophalen Überschwemmungen. Im Schweizer Jura etwa bildeten Neuenburger-, Murten- und Bielersee 1816 den ganzen Sommer hindurch einen einzigen See.Christian Pfister: Das Klima der Schweiz von 1525 bis 1860 und seine Bedeutung in der Geschichte von Bevölkerung und Landwirtschaft, 2 Bde., Bd. 1: Klimageschichte der Schweiz 1525 – 1860, Bern 1984, S. 140.
Ernteeinbußen Anfang Juli und Ende August 1816 gab es im Nordosten der Vereinigten Staaten Nachtfrostperioden. Im Osten Kanadas und in Neuengland fiel Schnee, der in Québec eine Höhe von 30 Zentimetern erreichte. Aus North Carolina gibt es Berichte über außergewöhnliche Trockenheit. Die Wachstumsperiode fiel drastisch kürzer aus. Dies führte zu schweren Ernteeinbußen, besonders auf den Grenzertragsflächen Neuenglands. Dort dezimierte Futtermangel auch den Viehbestand.
Die niedrigen Temperaturen und heftige Niederschläge führten auch auf den britischen Inseln und in Teilen Kontinentaleuropas zu Ernterückgängen.Krämer, Daniel: Die Menschen grasten nun mit dem Vieh. Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17. Schwabe, Basel 2015, S. 210–213.
Preissteigerungen Im Nordosten der USA stiegen die Getreidepreise um etwa das 1,5-fache. In Kanada hingegen konnte, wahrscheinlich auch durch Exportbeschränkungen, eine Notlage vermieden werden.
Der Getreidepreis in Europa erreichte erst im Folgejahr (1817) das Anderthalbfache des Niveaus von 1815.John D. Post: A Study in Meteorological and Trade Cycle History: The Economic Chrisis Following the Napoleonic Wars. In: The Journal of Economic History. 34 (1974), S. 315–349. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg. Hier erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815. An einzelnen abgelegenen Orten wurde auch das Vierfache erreicht, im schweizerischen Bodenseehafen Rorschach das Fünffache.Tausende Hungertote in der Schweiz
In Osteuropa (geprägt vom Kontinentalklima) und Skandinavien waren dagegen kaum Auswirkungen feststellbar. So stieg in Polen der Getreidepreis von 1815 bis 1817 wegen der verstärkten Exportnachfrage lediglich um ein Viertel.
mini|Einzug der ersten Erntewagen nach der großen Hungersnot am 4. August 1817 in Ravensburg mini|„Feierlicher Einzug des ersten Erndte-Wagens in Heilbronn“ im Jahr 1817, nach einer Lithografie von Franz Friedrich Schmidt.Die verschiedenen Texte beinhalten links oben: „Geschrieben / und / ausgezeignet / von / Heinrich / Sinzinger / Weingärtner“, oben Mitte: „Zum Angedencken der Grossen / Theuerung / 1817 / Du bester Trost der Armen / Du Herr der ganzen Welt O Vater / Voll Erbarmen, der alles trägt und hält, Schau / Her auf unsere Noth. Erbarme Dich der Deinen, Die Armen / Gehn und weinen und Schmachten Herr nach Brodt“ (vgl. Gesangbuch für die evangelische Kirchgemeinde zu Bunzlau. Bunzlau: Carl Friedrich Appun, 21826, S. 495, Nr. 621, Strophe 1). Die Tabelle rechts neben dem Kiliansturm: + Tabelle Menge Preis 1 Schef[fel] Dinkel 32 [Gulden] 1 Schef[fel] Kernen 80 [Gulden] 1 Schef[fel] Weizen 72 [Gulden] 1 Schef[fel] Korn 52 [Gulden] 1 Schef[fel] Gersten 54 [Gulden] 1 Schef[fel] Haber 20 [Gulden] 1 Schef[fel] Ackerbonen [Gulden] 1 Schef[fel] Erbsen 51 [Gulden] 1 Schef[fel] Linsen 54 [Gulden] 1 Schef[fel] Cartofel 24 [Gulden] 8 Pfund Brot 1 [Gulden] 40 [Kreuzer] 2 Loth Weck 1 [Kreuzer] 1 Maas Wein 1 [Gulden] 36 [Kreuzer] 1 Maas Bier 18 [Kreuzer] 1 Pfund Butter 48 [Kreuzer] 1 Pfund Ochsenfleisch 18 [Kreuzer] 1 Pfund Schweinefleisch 18 [Kreuzer] Links unten: „Den 8. Julius wurde / der erste Erndt-Wa / gen in die Stadt ge / fürt. Von Heinrich / Sicherer. Der wurdt / von allen Schulkindern begleidet Von dem Sülmertohr bis auf / den Marktplaz. In der Stadt herum und in die Zendscheuern. / Mit dem Gesang: Sey Lob und Ehr (Evangelisches Gesangbuch 326) und Nun danket alle Gott (EG 321).“ Rechts unten: „D[oktor] M[artin] L[uther] / Fest / Den 31. October wurde auch das 3. Roevermacionsfest oder Jubel / Fest gefeiert. Welches alle Hundert Jahr Gefeiert wurde. Welches / das 3. |Segulo war. Und haben dabey die Schulkindern / Denckmunz erhalten“. Vgl. Haus der Stadtgeschichte (Heilbronn), Quellen- und Arbeitsblätter.
Hungersnot
In populärwissenschaftlichen Darstellungen wird der Rückgang der Ernte als Folge des „Jahres ohne Sommer“ oft als die Ursache der Hungersnot von 1816/17 dargestellt. Einer genaueren Betrachtung hält diese Darstellung jedoch nicht stand, denn gerade in den von der Hungersnot besonders stark betroffenen Gebieten war der Ernterückgang keineswegs dramatisch: Im Königreich Württemberg ging die Ernte im Sommer 1816 im Vergleich zum langjährigen Mittel um 16 Prozent zurück, im Kanton Zürich waren es rund 17 Prozent.Zu den Ernteerträgen von 1816 vgl. Hans Medick: Teuerung, Hunger und «moralische Ökonomie von oben». Die Hungerkrise der Jahre 1816–17 in Württemberg. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde 15, 1985, S. 39–44. Sowie Kaspar Kägi: Viele meiner Schulkameraden erkannte ich gar nicht mehr, so sehr waren sie durch den Hunger entstellt. Die Hungerkrise von 1816/17 im Kanton Zürich, Zürich 2011, S. 26–27. Abgerufen am 5. Februar 2026. Noch im 18. Jahrhundert waren hingegen Abweichungen von über 30 (im Vergleich zum langjährigen Mittel) nicht selten, was aber keineswegs immer zu Hungerkrisen führte.Karl Gunnar Persson: Grain Markets in Europe, 1500 – 1900. Cambridge 1999, S. 52–54.
In der neueren historischen Forschung werden Hungerkrisen nicht monokausal erklärt, sondern als Resultat eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Faktoren betrachtet.Sara Millman, Robert W. Kates: Towards understanding hunger. In: Lucile F. Newman (Hg.): Hunger in History: Food Shortage, Poverty and Deprivation, Cambridge 1990, S. 3–24, hier: S. 9–15. Exemplarisch lässt sich dies an der Hungersnot von 1816/17 in der Schweiz aufzeigen. Gemäß dem Historiker John D. Post litt kein Land stärker unter der Hungersnot von 1816/17.John D. Post: The Last Great Subsistence Crisis in the Western World. Baltimore 1977, S. 21.