Als Ostafrikafeldzug werden die Kampfhandlungen während des Zweiten Weltkrieges in Ostafrika zwischen dem faschistischen Königreich Italien und dem britischen Empire bezeichnet, die im Juni 1940 mit italienischen Angriffen auf die benachbarten britischen Kolonien begannen und im November 1941 mit der Niederlage der Italiener in Italienisch-Ostafrika endeten. Truppen aus Britisch-Indien, Südafrika und den sonstigen britischen Kolonien in Afrika sowie der belgischen Force Publique kämpften unter dem Befehl des Middle East Command gemeinsam mit britischen, irregulären äthiopischen und freifranzösischen Einheiten gegen die Italiener und deren einheimische Hilfstruppen, unterstützt durch eine Kompanie deutscher Freiwilliger.
Vorgeschichte Mit dem Sieg über Kaiser Haile Selassie von Abessinien im Italienisch-Äthiopischen Krieg von 1935–1936 hatte der faschistische Diktator Benito Mussolini den lange gehegten italienischen Traum vom Africa Orientale Italiana oder Italienisch-Ostafrika neben dem erst kürzlich befriedeten Italienisch-Libyen verwirklicht. Im Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich („Achse Berlin-Rom“ 1936) hoffte man, diese Positionen gegenüber den Konkurrenten Frankreich und Großbritannien festigen und ausbauen zu können. Im unmittelbaren Vorfeld des durch den deutschen Überfall auf Polen ausgelösten Zweiten Weltkrieges hatte man sich im Mai 1939 im „Stahlpakt“ noch enger an Deutschland gebunden.
Mit der britischen Evakuierung aus Dünkirchen und dem bevorstehenden Fall Frankreichs im Westfeldzug entfiel ein weiterer Grund für Italien, neutral zu bleiben. Am 10. Juni 1940 erklärte Mussolini Frankreich und Großbritannien den Krieg, ließ an der Alpengrenze Frankreich angreifen und britische Stützpunkte im Mittelmeer bombardieren.
Militärische Ausgangslage Neben den offensichtlichen Zielen Ägypten und Sudan (zur Gewinnung einer Landbrücke von Libyen nach Ostafrika) und der isolierten Enklave Britisch-Somaliland bildeten auch Britisch-Ostafrika (heutiges Kenia und Uganda) und Tanganjika verlockende Angriffsziele für die Italiener. Der Vizekönig in Ostafrika, Amadeus, 3. Herzog von Aosta, verfügte bei Kriegsbeginn über etwa 130.000 Mann, davon 100.000 einheimische Zwangsverpflichtete, die in vier Kommandobereiche aufgeteilt waren: je einer für Nord-, Süd- und Ostäthiopien sowie Südsomaliland. Die Größe des Landes und die Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der Kontrolle sowie zur Verteidigung der langen Grenze erforderten die Bemannung weit verstreut liegender Garnisonen durch kleine, meist einheimische Truppenkontingente mit italienischen Offizieren. Für den Kleinkrieg wurde auch auf irreguläre einheimische Truppen () zurückgegriffen. Größere Reserven existierten in zentralen Städten, darunter die Division Granatieri di Savoia aus dem Mutterland und die aus Kolonisten rekrutierte Division Cacciatori d’Africa. Verstärkungen durch Truppen und Nachschub aus dem Mutterland waren aufgrund der strategischen Lage Ostafrikas und der britischen Kontrolle der Seewege, insbesondere des Sueskanals, nach dem Kriegseintritt nicht zu erwarten.
Großbritannien verfügte demgegenüber zu Beginn des Krieges nur über wenige 10.000 Mann in den gefährdeten Kolonien. Die britischen Dominions und Indien waren jedoch 1939 an der Seite des Mutterlandes in den Krieg eingetreten und hatten eigene Expeditionskorps ausgerüstet und für den Einsatz in Übersee bereitgestellt. Teile dieser Truppen wurden ab Anfang 1940 im Nahen Osten auf einen möglichen Einsatz in Europa vorbereitet, andere sollten die afrikanischen Kolonien im Falle des Kriegseintritts Italiens verstärken. Aus Indien waren die für Ägypten vorgesehene 4. und 5. Division im Anmarsch, wo sich außerdem die australischen und neuseeländischen Truppen versammelten. In Ostafrika wurden zwei neue schwarzafrikanische Divisionen und die 1. südafrikanische Division aufgestellt. Des Weiteren wurde mit der Aufstellung von Verbänden aus äthiopischen Flüchtlingen begonnen. Auf diese Weise konnte das für die Briten bisher ungünstige Kräfteverhältnis bis zum Jahresende 1940 nahezu ausgeglichen werden.
Anfangsphase der Kämpfe miniatur|hochkant=1.5|Der Ostafrikafeldzug 1940/41 Der italienische Generalstabschef Pietro Badoglio hatte den Vizekönig Amadeus, Herzog von Aosta, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten angewiesen, sich strikt defensiv zu verhalten. Lediglich bei einer günstigen Entwicklung der Kriegslage an anderen Fronten sollten offensive Operationen in Betracht gezogen werden.
Sudan und Kenia Aosta richtete sich auf einen schließlich zu erwartenden britischen Zangenangriff aus dem Sudan und Kenia ein. In der Zwischenzeit wurden lediglich kleinere italienische Vorstöße durchgeführt, die Italiener besetzten Kassala, Gallabat, Kurmuk und Qeisan an der Grenze zum Sudan sowie Moyale, Mandera, El Wak und Todenyang an der Grenze zu Kenia.
Invasion Britisch-Somalilands
Ein offensichtliches Ziel für die Italiener war das nur schwach verteidigte und isolierte Britisch-Somaliland. Dem britischen Befehlshaber Brigadier Arthur Reginald Chater standen lediglich fünf Bataillone zur Verteidigung der Kolonie zur Verfügung. Nach dem Waffenstillstand Italiens mit Frankreich Ende Juni bestand jedoch im benachbarten Französisch-Somaliland (heutiges Dschibuti) weiterhin eine starke französische Garnison unter dem General Paul Legentilhomme, die sich im Falle eines italienischen Angriffs wahrscheinlich auf die Seite der Briten stellen würde. Erst Ende Juli klärte sich die Situation durch die Installierung des Vichy-treuen Generals Germain an Legentilhommes Stelle.
mini|Italienische Invasion Britisch-Somalilands Am 3. August 1940 begann der Befehlshaber des ostäthiopischen Kommandobereichs Generalleutnant Guglielmo Nasi mit 25.000 Mann die Invasion. Hauptziel war die Einnahme der Hafenstadt und Hauptstadt der Kolonie Berbera. Am 5. August wurde vom westlichen italienischen Flügel Zeila an der Grenze zu Französisch-Somaliland eingenommen, während die mittlere Kolonne Hargeysa einnahm. Der britische Kommandeur ersuchte daraufhin um Verstärkung, die aber nicht rechtzeitig eintraf.
Am 11. August übernahm Major-General Alfred Reade Godwin-Austen das Kommando über die britischen Truppen. Am gleichen Tag begann die Schlacht am Tug Argan, einem ausgetrockneten Flussbett in der Nähe von Adadle, über das die Straße von Hargeysa nach Berbera verläuft. Drei Tage später informierte Godwin-Austen seinen Vorgesetzten in Kairo General Henry Maitland Wilson, der zu der Zeit General Archibald Wavell vertrat, von der Aussichtslosigkeit des Kampfes und ersuchte um die Genehmigung zur Evakuierung seiner Kräfte, die am nächsten Tag erteilt wurde. Die Evakuierung aus Berbera war am 18. August abgeschlossen und am folgenden Tag drangen die Italiener in die Stadt ein.
Mission No. 101 und Arbegnoch Am 12. August 1940 überquerte der britische Oberst Daniel Sandford die sudanesisch-äthiopische Grenze nach Gojjam mit dem Auftrag, die dortige Bevölkerung für den Kampf gegen die Italiener zu gewinnen (Mission No. 101). Bereits zuvor war der entthronte Kaiser Haile Selassie aus Großbritannien nach Afrika zurückgekehrt und hatte sein Quartier Anfang Juli in Khartum aufgeschlagen, um seine Rückkehr nach Äthiopien vorzubereiten. Er begann mit britischer Hilfe mit der Rekrutierung äthiopischer Flüchtlinge und Exilanten zur Aufstellung einer Armee. Die Bezeichnung Arbegnoch (amharisch für „Patrioten“) wurde für diese Truppen, die von Major Orde Wingate organisiert wurden, und für die Guerillakämpfer in Äthiopien benutzt.
Nach der Ankunft der 5. indischen Division im Sudan im September erhielt der britische Befehlshaber im Sudan Lieutenant-General William Platt von Wavell den Auftrag, mit dieser die Rückeroberung Gallabats und anderer Grenzposten vorzubereiten.
Konferenz von Khartum Am 28. Oktober, dem Tag des italienischen Angriffs auf Griechenland, begann eine Konferenz in Khartum, an der der britische Kriegsminister Anthony Eden, der südafrikanische Premierminister Jan Christiaan Smuts, Kaiser Haile Selassie und die britischen Generäle Wavell, Platt, Douglas P. Dickinson und dessen designierter Nachfolger als Befehlshaber in Britisch-Ostafrika Alan Cunningham teilnahmen, um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Wavell äußerte die Überzeugung, dass man nunmehr ausreichend Truppen zur Verteidigung besaß und bald zu offensiven Operationen übergehen könne. Platt schlug vor, nach der Rückeroberung Gallabats, die im November erfolgen sollte, mit Operationen gegen Kassala zu beginnen. Dickinson wollte in Kenia im Gebiet östlich des Turkana-Sees operieren, da er für einen Angriff auf Kismaayo nicht über genügend Ressourcen verfügte. Smuts sprach sich dafür aus, den Angriff auf Kassala mit Aktionen von Kenia aus zu verknüpfen, insbesondere um die von den Italienern in Südsomaliland ausgehende Bedrohung für Mombasa zu beseitigen. Eden schlug schließlich vor, die Offensive gegen Kassala für Januar 1941 einzuplanen und Vorbereitungen für einen gleichzeitigen Angriff aus Kenia zu treffen.Playfair: The Early Successes against Italy. S. 392 f.
Bis zur britischen Offensive mini|Britisch-südafrikanische Truppen mit erbeuteter italienischer Flagge im zurückeroberten Moyale 1941 Die Operation zur Rückeroberung Gallabats schlug im November nach Anfangserfolgen fehl. Allerdings begann sich die strategische Gesamtlage nach den verheerenden Niederlagen der Italiener in Griechenland und Ägypten (→ Operation Compass) zu ändern. Ab Mitte Dezember wurde die kampferprobte 4. indische Division (Noel Beresford-Peirse) aus Ägypten in den Sudan verschoben, um Platt ein offensives Vorgehen zu ermöglichen. An der Südfront wurde am 16. Dezember ein erfolgreicher Vorstoß auf El Wak an der somalischen Grenze unternommen. Dieser und ähnliche Vorfälle verunsicherten die Italiener zusehends. Mit Beginn des neuen Jahres verdichteten sich die Anzeichen, dass die Italiener Kassala freiwillig räumen würden. Aosta hatte mit Zustimmung Mussolinis entschieden, seine Verteidigung auf das vorteilhaftere Hochland von Abessinien zu beschränken und die Grenzposten aufzugeben. Er nahm dabei die ungünstigen Auswirkungen eines Rückzugs auf die Moral der einheimischen Truppen in Kauf.
Der Beginn der britischen Offensive aus dem Sudan wurde für den 19. Januar festgelegt. Cunningham, der ursprünglich das Ende der Regenzeit abwarten wollte, fühlte sich ebenfalls zu einem offensiveren Vorgehen als geplant in der Lage und erhielt Ende Januar die Erlaubnis, seinen Angriff bis nach Kismaayo vorzutragen.Playfair: The Early Successes against Italy. S. 393 ff.
Die Aussicht, bald gegen einen deutschen Angriff auf Griechenland vorgehen zu müssen, veranlasste Wavell jedoch zur Vorsicht. Er untersagte Platt vorerst, seine Offensive auf Äthiopien auszudehnen und warnte ihn, dass ihm nach der Eroberung Eritreas wieder Truppen entzogen werden könnten. Cunningham erhielt die Erlaubnis, wenn möglich bis Mogadischu vorzustoßen, wurde aber ebenfalls gewarnt, dass die 1. südafrikanische Division bald anderweitig Verwendung finden könnte.
Die britische Offensive gegen Italienisch-Ostafrika Feldzug gegen Eritrea mini|Der Feldzug gegen Eritrea Am 19. Januar 1941 überschritten die beiden indischen Divisionen Platts die Grenze zu Eritrea.Eritrea war bis 1936 eine eigenständige Kolonie gewesen, seitdem bildete es eine Provinz von Italienisch-Ostafrika. Die Italiener hatten Kassala bereits geräumt und zogen sich ins Landesinnere zurück. Wavell befahl daraufhin Platt, nachzustoßen, um wenn möglich Asmara, die Hauptstadt der Provinz, zu erreichen. Gegen Monatsende kam es zu Gefechten um Agordat und Barentu, an denen auch die Deutsche Freiwillige Motorisierte Kompanie in Eritrea beteiligt war.