mini|Die Davidsstadt im Modell des Israel-Museums Davidsstadt (; ) ist eine geläufige Bezeichnung und Interpretation einer archäologischen Fundstelle in Ostjerusalem. Die Lage, die Umstände der von der israelischen Siedlerorganisation El-Ad verwalteten Ausgrabung und israelische Pläne für das Viertel machen sie zu einer der umstrittensten Ausgrabungsstätten im Nahen Osten.
Lage
mini|Grün: Grenzen des Dorfs Silwan zwischen 1943 und 1946
Geographisch liegt die „Davidsstadt“ auf einem schmalen Höhenrücken südlich des Jerusalemer Tempelberges. Sie wird im Norden durch das Ophel-Plateau und die Gihonquelle begrenzt, im Süden vom Teich von Siloah und dem Hinnomtal. Westlich liegt der Tariq al-Wad (die Talstraße), ein Tal, dank dem als natürlicher Grenze sich der Ort einst gut verteidigen ließ, das heute aber wegen Ablagerungen aus mehreren Jahrhunderten kaum noch als Tal erkennbar ist. Im Osten bildet das Kidrontal die natürliche Grenze. Zumeist bezeichnet man heute allerdings dieses Gebiet samt Ophel als „Davidsstadt“, da sich die am intensivsten diskutierten Funde auf dem Ophel finden. Politisch befinden sich die verschiedenen Ausgrabungsgebiete überwiegend im palästinensischen Quartier Wadi (al-)Hilwa. Hervorgegangen ist dieses aus dem Dorf Silwan, dessen einstige Grenzen auf dem Bild rechts zu sehen sind. Mittlerweile liegt es zwischen der international anerkannten Grünen Linie im Westen und den israelischen Sperranlagen im Osten. Südwestlich grenzt die illegale israelische Siedlung „Ost-Talpiot“ an, nördlich die wahrscheinlich weitgehend illegale Siedlung im „jüdischen Viertel“.Zur jüngeren Geschichte des „jüdischen Viertels“ vgl. Simone Ricca: Reinventing Jerusalem: Israel's Reconstruction of the Jewish Quarter after 1967. New York 2007, S. 47–54; I. B. Tauris, London 2007, ISBN 978-1-84511-387-2. Im Gebiet des Dorfes selbst befinden sich die beiden Siedlungen Ma'ale HaZeitim und Ma'ale David (letztere noch nicht auf der Karte). Diese Lage ist einer der Faktoren, der die Debatten um die „Davidsstadt“ und die Ausgrabungen in Silwan erklärt.
Ausgrabungsgeschichte und antike Geschichte Das Gebiet umfasst mehrere Stätten von großem Interesse für biblische Archäologen, darunter auch den Teich von Siloah, die Gihonquelle und den Hiskija-Tunnel. Die archäologische Erkundung des Gebiets begann im 19. Jahrhundert. Die frühesten Ausgrabungen wurden von Charles Warren im Jahre 1867 vorgenommen. Seitdem wurden und werden bis heute zahlreiche Ausgrabungen durchgeführt.Eine vollständige Liste der Ausgrabungen der Ottomanischen Zeit (englisch), der Britischen Mandatszeit (englisch), der jordanischen Zeit ( In: The Jerusalem Archeological Park; englisch) und der frühen Israelischen Zeit (englisch) stehen auf der Website der Israel Antiquities Authority.
mini|Rot: Israelische Ausgrabungen und Siedlungen.Gelb: Abriss-Pläne Seit 1948 geschehen diese Ausgrabungen illegal, da Silwan außerhalb der Staatsgrenzen Israels auf palästinensischem Gebiet liegt. UN und UNESCO haben diese Ausgrabungen daher mehrfach verurteilt, u. a. besonders öffentlichkeitswirksam mit einem Report aus dem Jahr 2007UNESCO (2007): Report of the UNESCO Technical Mission to the Old City of Jerusalem. Paris. und mit der Entscheidung 38 COM 7A.4 im Jahre 2014, in der erklärt wird:
Einer der Hintergründe dieser Entscheidung ist der, dass 1970 das Gebiet zum „archäologischen Park“ deklariert wurde, was weitere Ausgrabungen erleichterte und es für die Öffentlichkeit auch von Westjerusalem aus gut zugänglich machte. Gleichzeitig hatte die Erklärung zum „Park“ zur Folge, dass die Bewohner von Wadi Hilwa nur noch illegal in ihrer Heimat bauen konnten, palästinensische Gebäude mehrfach abgerissen wurden und Palästinensern hohe Geldstrafen für ihre Bauarbeiten auferlegt wurden.Rannfrid I. Thelle: Contested Antiquities, Contested Histories: The City of David as an Example. In: Konstantinos Chalikias u. a. (Hrsg.): The Future of the Past: From Amphipolis to Mosul. New Approaches to Cultural Heritage Preservation in the Eastern Mediterranean. 2016, S. 11–20, hier S. 15 ().Katharina Galor (2017): Finding Jerusalem. Archaeology between Science and Ideology. Oakland. S. 126–131. Ein UN-Report von 2022 schätzt, dass 970 Palästinensern der Abriss von Wohnhäusern und Vertreibung droht.UN-Generalversammlung (2022): Israeli settlements in the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and the Occupied Syrian Golan. Report of the Secretary General. S. 8. Insbesondere ist seit 2010 geplant, große Teile Silwans zu demolieren, um als archäologische Attraktion einen „Königsgarten“ anzulegen (rechts: gelb).
Als Reaktion auf die illegalen Ausgrabungen gründeten israelische Archäologen die Menschenrechtsorganisation Emek Shaveh (zu deutsch ungefähr: „Tal der Gleichberechtigung“), die sich hauptsächlich für gerechte archäologische Praxis insbesondere im Gebiet der „Davidsstadt“ engagiert. Dank Emek Shaveh sind illegale archäologische Aktivitäten Israels gut dokumentiert. Der israelische NGO Monitor klassifiziert Emek Shaveh deshalb als eine Israel „dämonisierende“ Organisation.NGO Monitor: Emek Shaveh. Abgerufen am 5. Januar 2024. Doch auch viele andere Menschenrechtsorganisationen haben sich kritisch geäußert, darunter besonders prominent Amnesty International,Amnesty International (2019): Destination: Occupation. Digital tourism and Israel#s Illegal Settlements in the Occupied Palestinian Territories. London, S. 60–64. Human Rights WatchHuman Rights Watch (2014): Israel: Military Choking Palestinian Village, Planning Tourist Site. Abgerufen am 5. Januar 2024. und B’Tselem.B’Tselem (2014): Jerusalem Walls National Park. Abgerufen am 5. Januar 2024. Auch UN-Generalsekretär António Guterres forderte Israel mehrfach auf, Abrisse und Vertreibungen in Silwan umgehend einzustellen.Michael Hernandez (2021): UN chief urges Israel to end demolitions in East Jerusalem. Abgerufen am 5. Januar 2021.
Kupferzeit (4500–3500 v. Chr.) Funde aus der Kupfersteinzeit sind Tonscherben, die in den Spalten des gewachsenen Felses von Macalister und DuncanR. A. Macalister, J. G. Duncan: Excavations on the hill of Ophel, Jerusalem, 1923–1925. London 1926 (englisch). ausgegraben wurden. Dabei wurden auch eine Reihe von künstlichen Bearbeitungen im Fels entdeckt. Dazu gehörten Glättungen und Rinnen, die in den Fels geschnitten worden waren, aber auch mehrere kleine Becken, von denen man vermutet, dass sie zum Mahlen von Oliven oder Getreide oder zum Sammeln von RegenwasserMazar, Eilat: Excavations at the Summit of the City of David, Preliminary Report of Seasons 2005–2007. Shoham, Jerusalem / New York 2009, S. 21 (englisch). verwendet wurden.
Bronzezeit (3500–1200 v. Chr.)
Die archäologischen Funde aus dem bronzezeitlichen Jerusalem hat 2011 hilfreich Aren M. Maeir zusammengefasst.Aren M. Maeir (2011): The Archaeology of Early Jerusalem: From the Late Proto-Historic Periods (Ca. 5th Millennium BCE) to the End of the Bronze Age (Ca. 1200 BCE). In: Katharina Galor, Gideon Avni (Hrsg.): Unearthing Jerusalem. 150 Years of Archaeological Research in the Holy City. Eisenbrauns. S. 171–187. Aus den Amarna-Briefen ist bekannt, dass Jerusalem in der späten Bronzezeit (1550–1200 v. Chr.) ein kanaanäischer Stadtstaat namens „Urusalima“ war. Belegt ist auch der Name eines der Jerusalemer Könige – „Abdi-Hepa“ –, der nahelegt, dass Jerusalem einst von den Hurritern erobert worden war und diese sich dort niedergelassen hatten.
Dass Jerusalem in der Bronzezeit eine wichtige Stadt war, lässt sich hauptsächlich durch archäologische Funde im Bereich der „Davidsstadt“ aus der Mittleren Bronzezeit II (2000–1550 v. Chr.) belegen: Nahe der Gihon-Quelle wurde hier mit dem sog. „Quellen-Turm“ ein Wehrturm nebst einer massiven Mauer ausgegraben, die wahrscheinlich dieselbe sichern sollten; außerdem mehrere Gräber am Ölberg, teilweise mit luxuriösen Grabbeigaben. Gegen Ende der MB II entstand auf dem Höhenkamm im Gebiet der „Davidsstadt“ eine befestigte Kleinstadt.
Aus der späten Bronzezeit dagegen, also der Zeit der Amarna-Briefe, wurde wenig gefunden, obwohl die Amarna-Briefe sicher machen, dass Jerusalem weiterhin besiedelt war und obwohl auch die Gräber am Ölberg weiterhin genutzt wurden. Maeir fasst zusammen:
Erst aus der frühen Eisenzeit lässt sich wieder intensivere Bautätigkeit nachweisen. Eine ähnliche Siedlungsgeschichte haben nordwestlich der Ort Gibeon, den man bisweilen ebenfalls als hurritischen Ort auffasst,Z. B. Joseph Blenkinsopp (1967): Gibeon and the Gibeonites from the Settlement to Solomon. Dissertation. S. 64. und die benachbarten Orte Dotan und Hefer (Tell al-Muhaffar), unter denen letzterer ebenfalls ein kanaanäischer Stadtstaat gewesen war und die nahe an Taanach lagen, wo man in der späten Bronzezeit ebenfalls Hurriter vermutet.Z. B. A. Gustavs (1927): Die Personennamen in den Tontafeln von Tell Ta'annek. Eine Studie zur Ethnographie Nordpalästinas zur El-Amarna-Zeit. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. ZDPV. 51/3, S. 169–218. Wegen der spärlichen Schriftquellen aus der fraglichen Zeit wird diese merkwürdige Siedlungsgeschichte von Historikern noch nicht gut verstanden.
Mediales Echo auf zwei Inschriftenfunde
Im 21. Jhd. fanden in der israelischen Presse zwei Inschriftenfunde aus dem Gebiet der „Davidsstadt“ lauten Widerhall, da mit ihnen gestützt werden sollte, dass trotz des archäologischen Befundes Jerusalem auch zur späten Bronzezeit eine bedeutende Stadt war.
Den lautesten Widerhall fand 2022 Gershon Galil, Professor für Biblische Studien und Alte Geschichte an der Universität Haifa, als er kundtat, einen Stein mit einer Inschrift aus dem 15. Jhd. gefunden zu haben. Er interpretierte den Inhalt der „Inschrift“ als: „Verflucht, verflucht, du bist des Todes, oh Fürst der Stadt!“. In israelischen Zeitungen wurde viel darüber berichtet,Michael Horovitz: 3,500-year-old stone is inscribed with curse on Jerusalem governor, claims professor. In: The Times of Israel. 7. Juli 2022.Ruth Schuster: Archaeologists Reveal Oldest Inscription in Jerusalem: A Canaanite Curse. In: Haʾaretz. 10. Juli 2022.Natalie Lisbona: Eerie 3000 year old curse unearthed in Jerusalem. In: The Jewish Chronicle. 14. Juli 2022. da er aus seinem Fund die weitreichende Folgerung ableitete, dass Jerusalem um 1500 „nicht nur eine befestigte Stadt, sondern auch noch ein sehr wichtiges kulturelles und kultisches Zentrum“ gewesen sei (was sich auch dann nicht aus der Inschrift ableiten lässt, wenn man Galils Interpretation teilt).Von akademischen Fachkollegen wurde Galil daraufhin heftig kritisiert, weil er seinen Fund erstens nicht zum Peer Review in einer wissenschaftlichen Zeitschrift und zweitens nur mit einem Foto von schlechter Qualität veröffentlicht hatte, weil drittens seine Rekonstruktion der Inschrift sich nicht mit dem zu decken scheint, was auf dem Foto erkennbar ist, und weil Galil viertens für seine Rekonstruktion und Interpretation der „proto-kanaanäischen“ Inschrift orthographische Annahmen machte, die für das Proto-Kanaanäische kaum haltbar sind. Unter den wenigen Forschern, die sich bisher dazu geäußert haben, teilt man weitestgehend die Ansicht von Christopher Rollston, dass Galils Interpretation nur Fehlinterpretation eines nur mit einem Muster verzierten Steins ist.S. v. a. den Blog-Eintrag Chris Rollston Responds to Gershon Galil: A Guest Post. In: Zwinglius redividus und Daniel Wrights digitale Aufbereitung von Galils Foto in: Academia.edu.
Zusätzliches Gewicht erhält Rollstons Kritik dadurch, dass Galil im selben Jahr auf dem Berg Ebal ein Täfelchen mit einer sehr ähnlichen Inschrift („Verflucht, verflucht, verflucht, verflucht durch den Gott JHW: Verflucht bist du des Todes.“) gefunden haben will, das Täfelchen unter ähnlichen Umständen veröffentlichte, Galils Interpretation aber ähnlich kritisch gesehen wurde.Ariel David: New Studies Debunk Controversial Biblical „Curse Tablet“ From Mt. Ebal. In: Haʾaretz. 30. November 2023.