Das Fürstengrab von Leubingen ist das größte erhaltene frühbronzezeitliche Fürstengrab der Aunjetitzer Kultur. Es befindet sich bei Leubingen, einem Ortsteil von Sömmerda (Thüringen). Die Hügelgräber der Aunjetitzer Kultur bilden einen besonderen Grabtypus, der sich durch gewaltige, weithin sichtbare Großgrabhügel mit reichhaltigen Beigaben von den normalen Bestattungen seiner Kultur abhebt und Anlass war, einen ganzen Kulturkreis als Leubinger GruppeAxel Stelzner: Thüringen. Blätter zur Landeskunde. Tabellen zur Geschichte Thüringens. (PDF-Datei; 57 kB), Landeszentrale für politische Bildung THÜRINGEN, 9., überarbeitete Auflage, Jena 2012. zu bezeichnen.

Im Jahr 1877 wurden am Leubinger Hügel Ausgrabungen durchgeführt. Im oberen Bereich wurden slawische Gräber aus der Zeit zwischen 700 und 1000 n. Chr. gefunden. Es handelte sich um Nachbestattungen in der älteren bronzezeitlichen Hügelschüttung. Auf Bodenniveau stießen die Ausgräber auf eine unversehrte, zeltförmige Totenhütte aus Eichenholz, die in die Aunjetitzer Kultur zwischen 2200 und 1600 v. Chr. datiert wird. Um den Grabhügel als monumentales Denkmal zu erhalten, wurde er nach Abschluss der Grabungen wieder auf die ursprünglichen Maße aufgeschüttet.

Lage und Datierung mini|hochkant=0.8|links|Holzbohlen der Totenhütte. Der Grabhügel hatte vor der Ausgrabung eine Höhe von etwa 8,5 Metern, einen Durchmesser von etwa 34 Metern und einen Umfang von etwa 145 Metern. Damit gehört er zu den größten Grabhügeln Mitteleuropas. Die hölzerne Grabkammer konnte dendrochronologisch auf 1942 ± 10 v. Chr. datiert werden.Bernd Becker, Rüdiger Krause, Bernd Kromer: Zur absoluten Chronologie der frühen Bronzezeit. In: Germania. 67, 2, 1989, S. 421–442. Ilona Knapp: Fürst oder Häuptling? Eine Analyse der herausragenden Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologie Digital. Teil 2, Archaeomedia, Freiburg 2001, ISBN 3-935846-00-2, S. 53. Die kleine Unsicherheit der Datierung resultiert aus der Tatsache, dass bei den bearbeiteten Holzstämmen die Waldkante, also die äußeren Jahrringe, nicht mehr erhalten waren.

Der Hügel befindet sich an einem schon damals genutzten Handelsweg in einer Talebene (Thüringer Becken) und stellt mit seiner Höhe einen prominenten Geländepunkt dar.

Neuere Untersuchungen in den Jahren 2017/18 haben ergeben, dass der Hügel nicht nur einen Durchmesser von 34 Metern hat, sondern es konnte nach Ausgrabungen am Hügelfuß nachgewiesen werden, dass der Durchmesser ursprünglich mindestens 50 Meter betrug.Anett Kletzke: Neue Erkenntnisse am Fürstenhügel. Leubinger Hügel ist größer als gedacht. Planer der künftigen Rast- und Tankstätte müssen angedachten Rundweg deshalb neu trassieren. In: Thüringer Allgemeine, Lokalausgabe Sömmerda. 25. Mai 2018, Nr. 119, S. 23.

Die Ausgrabung unter Friedrich Klopfleisch 1877 mini|hochkant=1.4|Skizze aus dem Grabungstagebuch von Friedrich Klopfleisch. Unten links ist der Querschnitt des Grabhügels abgebildet (A1) mit Steinbedeckung der Totenhütte aus der Bronzezeit im unteren Bereich und den jüngeren slawischen Gräbern im oberen Bereich.

Der Grabhügel wurde 1877 unter Leitung des Jenaer Universitätsprofessors Friedrich Klopfleisch ausgegraben. Dieser dokumentierte und beschrieb in seinem Tagebuch die Beschaffenheit des Hügels und die Anordnung der einzelnen Gegenstände, so dass sich der Zustand des Grabes gut rekonstruieren lässt.

Zunächst wurden im oberen Bereich der bronzezeitlichen Hügelschüttung siebzig menschliche Skelette gefunden. Bestattungssitte und Schmuckbeigaben lassen diese slawischen Gräber in die Zeit zwischen 700 und 1000 n. Chr. datieren. Solche Nachbestattungen in älteren Hügelschüttungen sind nicht ungewöhnlich. Auf Bodenniveau stießen die Ausgräber auf eine unversehrte, zeltförmige Totenhütte aus Eichenholz, die in die Aunjetitzer Kultur (2200–1600 v. Chr.) datiert wurde.

Der Boden war sorgfältig geglättet, mit Steinen ausgelegt und mit Holzdielen bedeckt. Die Grundfläche der Grabkammer maß 3,90 m × 2,10 m und war nord-südlich orientiert. Die schrägen Seitenwände bestanden aus Eichenbohlen, die mit Zapfen im Boden befestigt und an den oberen Enden durch Sparren verankert waren. Darauf befand sich eine 15 cm dicke Schilflage, die außen mit Kalkmörtel bedeckt war. Über der Totenhütte wölbte sich eine bis 2,5 m mächtige Steinabdeckung aus weißem und rotem Sandstein, der aus dem Umkreis mit Entfernungen bis zu 30 km herbeigeschafft wurde. Die Erdschicht über den Steinen war 70 cm dick festgestampft; die äußerste Schicht bestand aus lockerem Boden.

Nachbildungen der Grabkammer befinden sich im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar, im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) und in der Leubinger Heimatstube. Von der Heimatstube leiten Hinweisschilder den Besucher zum Grabhügel, der nach der Ausgrabung wieder aufgeschüttet wurde und heute ein Bodendenkmal ist.

Die Bestattung und die Grabbeigaben mini|hochkant=0.8|links|Skizze der Totenhütte mit den Beigaben. mini|Die zeltförmige Totenhütte und die Steinpackung darüber mini|Skizze der Grabbeigaben aus dem Grabungstagebuch von Klopfleisch.

Nach den Aufzeichnungen von Friedrich Klopfleisch barg die Grabkammer eine Doppelbestattung, wobei die Hauptbestattung ein älterer männlicher Erwachsener mit Altersgicht und abgenutzten Zähnen war. Er lag mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken, den Kopf in Richtung Norden.Paul Höfer: Der Leubinger Grabhügel. In: Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. Band 5, 1906, S. 1–59.

Als quer über den Hüften des Toten liegend wurde das Skelett eines etwa zehnjährigen Kindes beschrieben. Es waren nur zwei Röhrenknochen der Arme erhalten, bei denen das Alter bestimmt werden konnte; andere Knochen des Kinderskeletts wurden nicht gefunden. Da Klopfleisch der Ansicht war, die fehlenden Knochen seien vergangen, zeichnete er sie in seiner Skizze mit ein. Zum Zeitpunkt der Graböffnung fand keine anthropologische Untersuchung statt. Der Ausgräber war sich also nicht sicher, ob es sich um eine Totenfolge oder um ein gleichzeitig verstorbenes Kind handelte. Da aber nur die beiden Knochen gefunden wurden, ist anzuzweifeln, ob überhaupt ein Kind bestattet wurde – möglicherweise waren die Knochen nur als Beigabe mit im Grab. Die Zeichnung Klopfleischs von der Totenhütte zeigt demnach nicht die tatsächliche Befundsituation, sondern bei den Skeletten eine Rekonstruktion nach Meinung des Ausgräbers.

Unterhalb des linken Fußes des Toten befand sich ein großes Tongefäß (ca. 35 cm hoch), das von Steinen umgeben war. Scherben von mehreren anderen Gefäßen befanden sich am Boden der Grablege. Am rechten Fuß lagen ein steinerner Amboss- oder Probierstein und ein Schuhleistenkeil aus Serpentin. An Letzterem befanden sich Reste von Riemen zur Befestigung an einem Stiel. Dieser reichte nach Klopfleisch bis zur rechten Hand des Toten.

Oberhalb davon waren ein Stabdolch und drei Dolchklingen aus Bronze gekreuzt und nord-südlich bzw. ost-westlich orientiert niedergelegt. Die Dolche hatten ursprünglich mit breitem Bronzedraht umwickelte Griffe aus Weißdorn- und Eschenholz und steckten in Dolchscheiden aus Leder und Eichenrinde. Dies konnte durch mikroskopische Untersuchungen festgestellt werden. In der Nähe des rechten Fußes lagen zwei gekreuzte Randleistenbeile mit Resten der Holzstiele. Beim oberen Dolchpaar, in Reichweite der rechten Hand, lagen drei Bronzemeißel. Rechts neben dem Toten waren in Kopfhöhe mehrere Goldgegenstände niedergelegt. Es handelte sich um zwei Ösenkopfnadeln, zwei Noppenringe, ein Spiralröllchen und einen Armring. Das Gesamtgewicht des Goldes betrug 256,113 g.

In der weiteren Umgebung des Grabhügels gab es weitere Funde der Aunjetitzer Kultur. 1953–1955 wurde bei Großbrembach ein Gräberfeld ausgegraben und im Jahre 2011 wurden bei Dermsdorf ein Beilhort und die Pfostensetzung eines frühbronzezeitlichen Langhauses entdeckt. Das Gebäude hatte eine Fläche von 462 m² und war damit eines der größten der mitteldeutschen Frühbronzezeit. Keramikfunde machen die zeitliche Nähe zum Fürstengrab wahrscheinlich, denn sie weisen ähnliche Verzierungen und Formen wie die Leubinger Beigaben auf. Vor der Stirnseite des Langhauses wurde ein umfangreicher, aus Bronzebeilen bestehender Hortfund gemacht, der auf eine herausragende Stellung der Bewohner des Hauses schließen lässt.Katharina Bolle: Fürstliches Wohngebäude aus der Bronzezeit entdeckt. Spektrum.de, 7. Juli 2011. Abgerufen am 14. März 2015.

Interpretationen Beigaben mini|links|hochkant=0.8|Klinge eines Bronzedolches mini|hochkant=0.6|Der Amboss- oder Probierstein aus dem Fürstengrab

Die Beigabe in Gräbern der Aunjetitzer Kultur bestand normalerweise aus nur einem Keramikgefäß. Bei etwa zehn Prozent der Toten befand sich auch ein einzelner Bronzegegenstand, meist eine Axt. Die Toten lagen in der Regel in einfachen Erdgruben auf der linken Seite, die Arme und Beine angewinkelt (Hocker) in Nord-Süd-Ausrichtung.Herbert Ullrich: Das Aunjetitzer Gräberfeld von Großbrembach. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens. Weimar 1972.

Der Tote im Grabhügel hingegen lag auf dem Rücken mit ausgestreckten Beinen (Streckergrab). Ihm wurden mehrere Gefäße sowie mehrere Bronze- und einige Goldartefakte mitgegeben. Diese Überausstattung,S. Hansen: „Überausstattung“ in Gräbern und Horten der Frühbronzezeit. In: J. Müller (Hrsg.): Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 2001, Universitätsforschung zur Prähistorischen Archäologie 90, Bonn 2002, S. 151–173. eine Repräsentation von Reichtum durch eine ungewöhnliche Beigabenfülle, wird vor allem anhand des Goldschmucks deutlich:

„Goldener Armschmuck ist in der entwickelten Frühbronzezeit in Mitteldeutschland und im Karpatenbecken erstmals nachgewiesen und wird sogleich zu einem vorrangigen Symbol von Macht und Status besonderer Vertreter einer männlichen Elite. In Mitteldeutschland wird dies durch eine entsprechende Prunkgrabsitte deutlich, für die es, bezogen auf die gehäufte Beigabe goldener Artefakte, keine Entsprechungen im übrigen zentralen Kontinentaleuropa gibt.“Carola Metzner-Nebelsick: Die Ringe der Macht – Überlegungen zur Kontinuität frühbronzezeitlicher Herrschaftssymbole in Europa. In: Der Griff nach den Sternen … Band 1, S. 194.

Durch die Überausstattung und den Goldschmuck sowie den aufwändigen Hügelaufbau mit Totenkammer, Steinpackung und Erdaufschüttung hebt sich der Tote deutlich von den anderen zeitgleichen Bestattungen ab. Die Art der Niederlegung kann auch als bewusster Rückgriff der neuen Eliten auf alte Bestattungssitten der Schnurkeramik im Neolithikum interpretiert werden, um eine lange Traditions- und Abstammungslinie zu konstituieren:

„Die in neolithischer Tradition errichteten Gräber der Aunjetitzer Kultur zeigen in direkter Weise die Vermittlung traditioneller Werte durch ein bestimmtes Individuum, sie zeigen auch deutlich dessen Berufung auf Deszendenzlinien im Gegensatz zur ‚Restbevölkerung‘, die in nicht-neolithischer Weise bestattet wurde; ihr scheinen die Abstammungsrechte abgesprochen oder zumindest nur für eine kurze Deszendenzlinie zugesprochen worden zu sein.“Ilona Knapp: „Fürst“ oder „Häuptling“? Eine Analyse herausragender Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologische Informationen. 22/2, 1999, S. 266.

Für die Traditionsthese spricht auch, dass dem Toten Steingeräte (Ambossstein und Schuhleistenkeil) mit ins Grab gegeben wurden. Der Schuhleistenkeil war eine typische Beigabe der Schnurkeramik und kam in der Aunjetitzer Kultur außer in den Fürstengräbern nicht mehr vor.

Damit wird eine herausgehobene Stellung des Toten im Vergleich zur Restbevölkerung herausgestellt. Wahrscheinlich wurde dies auch noch durch religiöse Rituale betont. Die Dolche und Beile lagen in strenger Ausrichtung der Himmelsachsen (ost-westlich nach Sonnenauf- und -untergang sowie nord-südlich nach dem Mittagshöchststand wie der Tote selbst).