Reichenau ist eine Gemeinde im Landkreis Konstanz in Baden-Württemberg. Sie umfasst die zum UNESCO-Welterbe zählende gleichnamige Insel und Flächen auf dem Festland.
Geographie Ausdehnung und Gliederung des Gemeindegebiets Die Gemeinde Reichenau setzt sich zusammen aus insgesamt sechs oder sieben getrennten Gebietsteilen oder Gemarkungsstücken,LeoBW Landeskundliches Informationssystem Baden-Württemberg: Reichenau je nachdem, ob man Schopflen auf dem Reichenauer Damm als einen von der Insel separaten Gebietsteil betrachtet. Die fünf übrigen Gebietsteile liegen auf der Halbinsel Bodanrück:
mini|hochkant=3.6|links|Gemarkungsplan von 1876 mit allen Gebietsteilen und Exklaven, mit Flurnamen mini|Die Insel Reichenau von Norden: dahinter der Rheinsee und der schweizerische Seerücken, unten der Gnadenseemini|Die Reichenau vom Bodanrück her, im Vordergrund Schloss Hegne (Johannes Schurter, 1925)
Nr. Gebietsteil(Gemarkungsstück) Fläche(ha) BevölkerungSchätzung2008 BevölkerungVZ 1961 BevölkerungVZ 1905 BevölkerungVZ 1885 WGS 84-Koordinaten 1 Insel Reichenau 444 3203 2353 1484 1523 2 Schopflen 134 – – – – 3 „Festland“ 261 1909 1687 27 8 4 Gewann Schlafbach 242 9 7 3 6 5 Flur Zugwiesen 54 – – – – 6 Schönenberg (Exklave) 125 – – – – 7 Gewann Galgenacker 12 – – – – Gemeinde Reichenau 1272 5121 4047 1514 1537
Insel Reichenau mini|Rechts mündet der Seerhein von Konstanz her, unten das schweizerische Ufer des Untersees, oberhalb der Reichenau der Bodanrück, dahinter der Überlinger See, Überlingen und das Linzgau Die Insel Reichenau liegt im Untersee, dem westlichsten Teil des Bodensees. Sie hat eine Fläche von 444 Hektar und eine Bevölkerung von rund 3200 (Schätzung 2008). Sie ist durch den 1838 errichteten Reichenauer Damm mit dem Festland verbunden. Die Insel ist das historische, kulturelle und verwaltungsmäßige Zentrum der Gemeinde. Sie weist drei Ortsteile auf. Diese haben jedoch keine stark ausgeprägten Siedlungskerne, sondern sind eher Streusiedlungen. Deshalb wurden früher innerhalb dieser Inselbereiche noch weitere Weiler und allein stehende Häuser und Häusergruppen namentlich benannt (siehe Inselartikel). Die Inselortsteile sind: Oberzell im Südosten Mittelzell im Zentrum der Insel Niederzell im Nordwesten
Damm und Allee mini|Pappelallee auf dem Reichenau-Damm Der 1838 errichtete Reichenauer Damm, der eine Fläche von 18 Hektar einnimmt, verbindet die Insel Reichenau über die auf seiner Südseite gelegene Burgruine Schopflen mit dem Festland. Er verläuft über eine Untiefe, die schon vorher bei niedrigem Wasserstand mit Pferden begangen werden konnte, was den Standort der mittelalterlichen Burg Schopflen erklärt. Auf ihm verläuft die Landesstraße L 221 Konstanz-Reichenau (Pirminstraße) als 1300 Meter lange Pappelallee. Nur der Bruckgraben, ein 10 Meter breiter und 95 Meter langer Durchlass für Boote, unterbricht den Damm. Die niedrige Reichenauer Brücke überquert den Bruckgraben, der den Rheinsee im Süden mit dem Gnadensee im Norden verbindet, zur Insel Reichenau. Unmittelbar vor der Reichenauer Brücke steht auf der Nordseite der Straße eine Statue des Heiligen Pirmin. Zu diesem Gebietsteil sind auch die Moosgebiete nördlich und südlich des Reichenauer Dammes zu rechnen.
Festland Der wichtigste Festlands-Gebietsteil der Gemeinde, mit einer Fläche von 261 Hektar und einer Bevölkerung von 1900 (Schätzung 2008), schließt sich im Osten an den Reichenauer Damm an, der bei der Kindlebildkapelle beginnt. Erst mit dem Bau der Eisenbahn in den 1860er Jahren entstanden hier erste Wohnplätze, nämlich Bahnhof und Bahnwärterhäuser. Wegen der Begrenzung der Bautätigkeit auf der Insel erfolgte die Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte vorwiegend in diesem Gemeindebereich. Folgende Ortsteile liegen hier: die Waldsiedlung im Westen mit 570 Einwohnern (Schätzung 2008). Anfangs stand hier ein Bahnwärterhaus, genannt Im Gaisbühl. die ausgedehnte Siedlung Lindenbühl im Osten, die in jüngster Zeit stark gewachsen ist, mit 1139 Einwohnern (ursprünglich Häuser im BahnhofsgebietDas Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VI: Regierungsbezirk Freiburg. Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007174-2. S. 758–761.). Die Siedlung ist zusammengewachsen mit der Siedlung Eichbühl, einem Ortsteil des Konstanzer Stadtteils Wollmatingen, der sich östlich anschließt. Die Grenze zwischen Lindenbühl und Eichbühl verläuft etwa entlang des Illenau-Wegs. das Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) mit 200 Einwohnern. Dieses wurde 1913 als psychiatrische badische Heil- und Pflegeanstalt gegründet, in der kombiniert Psychotherapie und Sozialpsychiatrie praktiziert wurden. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden ab dem Jahr 1934 Zwangssterilisationen durchgeführt und 1940 die Schließung der Anstalt beschlossen.Thomas Zoch: Vom Alltag im Seelenabgrund. In: Südkurier vom 2. Mai 2013, S. 27 Bis zum März 1941 wurde die Anstalt in Umsetzung der Aktion T4 komplett geräumt. 508 Patienten wurden mit den grauen Bussen in die NS-Tötungsanstalt Grafeneck verschleppt und dort ermordet. Gedenktag an die Opfer des NationalsozialismusHeinz Faulstich: Von der Irrenfürsorge zur ‚Euthanasie‘. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945. Heute erinnert ein Mahnmal – auf dem Klinikgelände vor dem Haus 20 – an die Opfer der Tötungsaktion. Bereits im April 1941 wurde in den ehemaligen Anstaltsgebäuden der Schulungsbetrieb der neugegründeten Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) Reichenau aufgenommen, die bis 1945 bestand. 1949 erfolgte die Wiedereröffnung der psychiatrischen Klinik. Zum 1. Januar 1996 wurde das Psychiatrische Landeskrankenhaus Reichenau in eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts mit dem gegenwärtigen Namen umgewandelt. Seit dem Jahr 2000 ist das Zentrum Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Konstanz.www.medizinfo.de (PDF; 370 kB)Hans-Jürgen Seelos, Klaus Hoffmann (Hrsg.): 100 Jahre Eröffnung des heutigen Zentrums für Psychiatrie Reichenau. Psychiatrie-Verlag, Köln, 2013, ISBN 3-88414-536-3 (Maßregelvollzug, Suchtkranke, Demenz, Nationalsozialistische Zeit). Besprochen bei Beate Schierle: Als die Psychiatrie der Region ihre Unschuld verlor. In: Südkurier, 16. August 2013. Gelegentlich wird die Einrichtung zum Ortsteil Lindenbühl im weiteren Sinne gerechnet.
Schlafbach Das Gewann Schlafbach ist eine etwa 242 Hektar große unechte Exklave im Nordwesten, am nördlichen Seeufer des Gnadensees, zwischen der Gemeinde Radolfzell und der Gemeinde Allensbach. Hier liegt der gleichnamige kleine Ortsteil: die Siedlung Schlafbach, 9 Einwohner (ursprünglich ein Bahnwärterhaus)
Zugwiesen Eine weitere unechte, unbewohnte Exklave ist die Flur Zugwiesen am Nordufer des Seerheins, auch ein Gewann. Das Gebiet mit annähernd dreieckigem Grundriss und mit einer Fläche von rund 54 Hektar ist vom Konstanzer Stadtteil Industriegebiet umgeben, und zwar vom Wollmatinger Ried im Westen (davon abgegrenzt durch den Gottlieber Weg) und vom Ortsteil Unterlohn im Osten. Im Süden ist das Gebiet durch den Seerhein begrenzt. Am gegenüberliegenden Südufer des hier 100 bis 300 Meter breiten Seerheins liegen die Gemeinde Tägerwilen (Schweiz) und die Gemarkung Tägermoos. Die Exklave gehört zum Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried.
Schönenberg Eine echte Exklave ist ein über 3000 Meter langer und 50 bis 650 Meter breiter bergiger Waldstreifen zwischen der Gemeinde Allensbach (Ortsteil Hegne) und dem Konstanzer Stadtteil Dettingen um die Erhebungen, von Westen nach Osten: Gockelsberg, Junisberg, Schönenberg (499,6 m) und Brückleberg (514,7 m, auf der Grenze zur Gemarkung Hegne der Gemeinde Allensbach), mit einer Fläche von 125 Hektar. Auch ein kleines Wiesengebiet im Westen ist Teil dieser Exklave, nämlich das Gewann In Blenden, unmittelbar östlich des Gockelbergs.
Galgenacker Das Gewann Galgenacker ist ein 900 Meter langer sowie rund 70 bis 190 Meter tiefer Uferstreifen des Gnadensees gegenüber der Insel, der im Norden von der Bahnlinie begrenzt wird und diese im östlichen Teil mit einschließt. Der Name Galgenacker kommt von der früheren Funktion als Hinrichtungsstätte von Reichenau, da auf der Insel selbst keine Todesurteile vollstreckt werden durften.
Nachbargemeinden Konstanz Industriegebiet (Stadtteil) Wollmatingen (Stadtteil, frühere Gemeinde umfasste auch den heutigen Stadtteil) Dettingen (Stadtteil) Allensbach Allensbach (Gemarkung, ursprüngliche Gemeinde) Hegne (Gemarkung, frühere Gemeinde) Kaltbrunn (Gemarkung, frühere Gemeinde) Radolfzell Markelfingen (Gemarkung, frühere Gemeinde)
Der zentrale Festlandsteil mit der Waldsiedlung und Lindenbühl grenzt im Osten an Konstanz (Wollmatingen) und im Westen an Allensbach (Hegne). Schlafbach grenzt im Osten an die Gemarkung Allensbach und im Norden an Kaltbrunn (beide Gemeinde Allensbach) sowie im Westen an Radolfzell (Markelfingen).
Klima Durch die temperaturausgleichende Wirkung des Bodensees, die positiven Auswirkungen des Alpenföhns und die daraus resultierende hohe Zahl an Sonnentagen ist das Klima nicht nur auf der Insel, sondern auch noch im benachbarten Festlandsgebiet von Reichenau besonders mild.
Eingemeindungen Die Gemeinde Reichenau war nie von einer Gemeindereform bzw. von Eingemeindungen betroffen.
Schutzgebiete
Reichenau hat Anteile an den Naturschutzgebieten Wollmatinger Ried-Untersee-Gnadensee und Bodenseeufer (Gmk. Allensbach, Hegne, Reichenau) sowie an den Landschaftsschutzgebieten Bodanrück und Bodenseeufer. Auf der Insel liegt das Landschaftsschutzgebiet Reichenau, der Reichenauer Damm ist als dienendes Landschaftsschutzgebiet zum Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried-Untersee-Gnadensee ausgewiesen.
Außerdem hat die Stadt Anteil am FFH-Gebieten Bodanrück und westl. Bodensee sowie an den Vogelschutzgebieten Bodanrück und Untersee des Bodensees.Daten- und Kartendienst der LUBW
Politik Verwaltungsgemeinschaft Die Gemeinde gehört der Vereinbarten Verwaltungsgemeinschaft der Stadt Konstanz an.
Gemeinderat Der Gemeinderat in Reichenau besteht aus den 14 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt.
Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte zu folgendem Endergebnis.Wahlinformationen des Kommunalen Rechenzentrums Stuttgart
Parteien und Wählergemeinschaften %2024 Sitze2024 %2019 Sitze2019 %2014 Sitze2014 FWR Freie Wähler Reichenau 41,04 5 38,1 5 37,8 5 CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 35,35 5 32,6 5 35,2 5 FLN Freie Liste Natur und Grüne 12,11 2 19,7 3 18,3 3 SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 11,49 2 9,7 1 8,7 1 Gesamt 100 14 100 14 100 14 Wahlbeteiligung 68,23 % 66,6 % 60,0 %
Bürgermeister
1945–1947: Georg Beck 1947–1969: Karl Beck 1969–1993: Eduard Reisbeck 1993–2009: Volker SteffensFrüherer Reichenauer Bürgermeister Volker Steffens stirbt während Autofahrt auf B33, Südkurier, 6. November 2014 2009–2026: Wolfgang Zoll seit 2026: Philipp Stolz
Wappen
Kultur und Sehenswürdigkeiten 2000 erklärte die UNESCO die Insel Reichenau als „herausragendes Beispiel für die religiöse und kulturelle Rolle eines großen Benediktinerklosters im Mittelalter“ sowie „aufgrund der drei romanischen Kirchen der Insel aus dem 9. bis 11. Jahrhundert als Veranschaulichung der frühmittelalterlichen Architektur in Mitteleuropa“ zum Weltkulturerbe.
Das Königskloster Reichenau „war eines der innovativsten kulturellen und politischen Zentren des Regnum Teutonicums und besaß im 10. und 11. Jahrhundert eine einflussreiche Malschule“: Die Hauptwerke der Reichenauer Handschriften wurden 2003 als „kulturgeschichtlich einzigartige Dokumente, die exemplarisch das kollektive Gedächtnis der Menschheit repräsentieren“, zum UNESCO-Weltdokumentenerbe hinzugefügt.