mini|Zirkulation im Arktischen Ozean, mit Beaufortwirbel. Der Beaufortwirbel (, BG) ist eine großräumige, antizyklonale (im Uhrzeigersinn rotierende) Ozeanzirkulation im westlichen Arktischen Ozean, zentriert über dem Kanadischen Becken nördlich der Beaufortsee. Er ist das größte Süßwasserreservoir des Arktischen Ozeans und eine Schlüsselkomponente des arktischen Klimasystems: Der Wirbel akkumuliert Süßwasser aus Flusseinträgen, Meereisschmelze, Niederschlag und pazifischem Zufluss über die Beringstraße und speichert es in einer Fläche, die größer ist als der Golf von Mexiko. Die Stärke, Ausdehnung und der Süßwassergehalt des Beaufortwirbels werden durch die atmosphärische Zirkulation über dem Beaufort-Hochdruckgebiet (Beaufort High) gesteuert und variieren auf saisonalen bis multidekadischen Zeitskalen. Ein plötzliches Freisetzen des gespeicherten Süßwassers in den Nordatlantik könnte die Tiefenwasserbildung in der Labradorsee hemmen und damit die atlantische meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) beeinflussen.Andrey Proshutinsky, Richard Krishfield, Mary-Louise Timmermans, John Toole, Eddy Carmack, Fiona McLaughlin, William J. Williams, Sarah Zimmermann, Motoyo Itoh, Koji Shimada (2009): Beaufort Gyre freshwater reservoir: state and variability from observations. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 114 (2009), Ausgabe C1. DOI:10.1029/2008JC005104.Mary-Louise Timmermans, John M. Toole (2023): The Arctic Ocean's Beaufort Gyre. In: Annual Review of Marine Science. Band 15 (2023), S. 223–248. DOI:10.1146/annurev-marine-032122-012034.
Historisch kreiste Meereis im Beaufortwirbel über mehrere Jahre, es überlebte dabei mehrere Sommer und wuchs zu dickem, mehrjährigem Eis heran. Das älteste und dickste Eis der Arktis mit Presseisrücken von bis zu 10 Metern Dicke sammelte sich so vor allem nördlich der kanadischen Küste an.
In den letzten Jahrzehnten hat die Erwärmung der Arktis zu einem massiven Rückgang des Meereises im Wirbel geführt – das Eis wird sowohl jünger als auch dünner, und das gesamte Eisvolumen des Arktischen Ozeans nimmt stetig ab.
Antrieb und Mechanismus
mini|Die sich verändernden Komponenten des Energiehaushalts des Beaufortwirbels.
Der Beaufortwirbel wird primär durch das atmosphärische Beaufort High angetrieben, ein semi-permanentes Hochdruckgebiet über dem westlichen Arktischen Ozean.Andrey Proshutinsky, M. A. Johnson (1997): Two circulation regimes of the wind-driven Arctic Ocean. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 102 (1997), Ausgabe C6, S. 12493–12514. DOI:10.1029/97JC00738. Die damit verbundenen antizyklonalen Winde erzeugen über die Ekman-Dynamik eine konvergente Oberflächenströmung: Der resultierende Ekman-Transport pumpt Oberflächenwasser zum Zentrum des Wirbels hin und nach unten (Ekman-Pumpen), wobei die Isopyknen im Zentrum abgesenkt werden. Dies führt zu einer kuppelförmigen Aufwölbung der dynamischen Meeresoberfläche von rund 30–40 cm über dem Wirbel, die satellitenaltimetrisch nachweisbar ist.Katharine A. Giles, Seymour W. Laxon, Andy L. Ridout, Duncan J. Wingham, Sheldon Bacon (2012): Western Arctic Ocean freshwater storage increased by wind-driven spin-up of the Beaufort Gyre. In: Nature Geoscience. Band 5 (2012), S. 194–197. DOI:10.1038/ngeo1379.Thomas W. K. Armitage, Sheldon Bacon, Andy L. Ridout, Sam F. Thomas, Yevgeny Aksenov, Duncan J. Wingham (2016): Arctic sea surface height variability and change from satellite radar altimetry and GRACE, 2003–2014. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 121 (2016), Ausgabe 6, S. 4303–4322. DOI:10.1002/2015JC011579. Der induzierte Druckgradient treibt eine geostrophische, antizyklonale Strömung an, die den Wirbel aufrechterhält.
mini|Ice-ocean Governor, Winddruck und Eddydiffusivität. Die Übertragung des Windimpulses auf den Ozean wird entscheidend durch das Meereis moduliert. In Gegenwart einer geschlossenen Eisdecke wird die Windkraft nicht direkt auf die Wasseroberfläche, sondern auf das Eis übertragen; die resultierende Oberflächenspannung hängt dann von der Relativgeschwindigkeit zwischen Eisdrift und Ozeanströmung ab. Dieser Mechanismus wurde als Ice-ocean governor beschrieben:Gianluca Meneghello, John Marshall, Jean-Michel Campin, Edward Doddridge, Mary-Louise Timmermans (2018): The ice–ocean governor: ice–ocean stress feedback limits Beaufort Gyre spin-up. In: Geophysical Research Letters. Band 45 (2018), Ausgabe 20, S. 11,293–11,299. DOI:10.1029/2018GL080171.Gianluca Meneghello, Edward Doddridge, John Marshall, Jeffery Scott, Jean-Michel Campin (2020): Exploring the role of the "ice–ocean governor" and mesoscale eddies in the equilibration of the Beaufort Gyre: lessons from observations. In: Journal of Physical Oceanography. Band 50 (2020), Ausgabe 1, S. 269–277. DOI:10.1175/JPO-D-18-0223.1. Wenn die geostrophische Strömung des Wirbels sich der Eisdriftgeschwindigkeit annähert, geht die Relativgeschwindigkeit gegen null und das Ekman-Pumpen wird effektiv abgeschaltet – eine negative Rückkopplung, die die Aufblähung des Wirbels begrenzt. Mit fortschreitendem Rückgang des arktischen Meereises wird dieser Mechanismus geschwächt, da offenes Wasser die direkte Windeinwirkung auf den Ozean verstärkt.Thomas W. K. Armitage, Georgy E. Manucharyan, Alek A. Petty, Ron Kwok, Andrew F. Thompson (2020): Enhanced eddy activity in the Beaufort Gyre in response to sea ice loss. In: Nature Communications. Band 11 (2020), Artikel 761. DOI:10.1038/s41467-020-14449-z.
Neben dem Ice-Ocean Governor tragen mesoskalige Wirbel (Eddys) zur Gleichgewichtsfindung des Beaufortwirbels bei. Barokline Instabilitäten der Wirbelströmung erzeugen Eddys, die Süßwasser lateral aus dem Zentrum hinaustransportieren und so den Isopyknalneigungen entgegenwirken – ein Mechanismus analog zur Rolle der Eddys im Antarktischen Zirkumpolarstrom.Georgy E. Manucharyan, Michael A. Spall (2016): Wind-driven freshwater buildup and release in the Beaufort Gyre constrained by mesoscale eddies. In: Geophysical Research Letters. Band 43 (2016), Ausgabe 1, S. 273–282. DOI:10.1002/2015GL065957. Doddridge et al. formulierten 2019 eine vereinheitlichte Theorie,Edward W. Doddridge, Gianluca Meneghello, John Marshall, Jeffery Scott, Camille Lique (2019): A three-way balance in the Beaufort Gyre: the ice–ocean governor, wind stress, and eddy diffusivity. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. 124 (2019), Ausgabe 5, S. 3107–3124. DOI:10.1029/2018JC014897. die beide Mechanismen – Ice-ocean Governor und Eddydiffusivität – als Dreiergleichgewicht mit dem Wind zusammenführt.
Vertikale Struktur und Wassermassen
Die Hydrographie des Beaufortwirbels zeigt eine charakteristische Schichtung, die sich in fünf „Etagen“ gliedern lässt:Andrey Proshutinsky, Richard Krishfield, Mary-Louise Timmermans (2020): Introduction to special collection on Arctic Ocean Modeling and Observational Synthesis (FAMOS) 2: Beaufort Gyre Phenomenon. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 125 (2020), Ausgabe 2, e2019JC015400. DOI:10.1029/2019JC015400.
Deckschicht (mixed layer): Die obersten 10–50 m werden saisonal durch Eisbildung, Schmelzwasser und Windmischung umgewälzt. Die Salinität schwankt zwischen etwa 27 und 31 Practical Salinity Units (PSU), die Temperatur liegt nahe dem Gefrierpunkt (rund −1,8 °C). Pazifische Sommerwasserschicht (Pacific Summer Water, PSW): Zwischen rund 30 m und der 33-PSU-Isohaline liegt relativ warmes Wasser pazifischen Ursprungs, das im Sommer über die Beringstraße und die Tschuktschensee in den Arktischen Ozean einströmt. Diese Schicht hat sich seit 2003 markant erwärmt.Mary-Louise Timmermans, Isabela Le Bras, Jeff O’Brien, Annika Margevich, Paul Macoun, Bill Williams, Sarah Zimmermann (2025): Introduction to the Special Collection on the Arctic Ocean's Changing Beaufort Gyre. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 130 (2025), Ausgabe 7, e2025JC023013. DOI:10.1029/2025JC023013. Pazifische Winterwasserschicht (Pacific Winter Water, PWW): Kälteres, salzreicheres pazifisches Wasser, das im Winter über den Tschuktschenschelf transformiert wird. Es bildet einen wesentlichen Teil der kalten Halokline des Arktischen Ozeans, die das warme Atlantikwasser darunter von der Eisdecke darüber isoliert. Atlantisches Wasser (Atlantic Water, AW): Ab etwa 200–800 m Tiefe findet sich relativ warmes (bis zu 1,5 °C), salzreiches Wasser, das über die Framstraße und die Barentssee in den Arktischen Ozean einströmt. Diese Schicht enthält genügend Wärme, um das gesamte arktische Meereis mehrfach abzuschmelzen, wird aber durch die Halokline von der Meeresoberfläche getrennt. Tiefenwasser (deep water): Unterhalb von rund 800–1000 m liegt kaltes, nahezu homogenes Tiefenwasser des Kanadischen Beckens.
Die Isolation des warmen Atlantischen Wassers durch die Halokline ist von zentraler Bedeutung für die Stabilität des arktischen Meereises. Eine Ausdünnung der kalten Halokline, wie sie für das vergangene Jahrzehnt dokumentiert ist,Peigen Lin, Robert S. Pickart, Harry Heorton, Michel Tsamados, Motoyo Itoh, Takashi Kikuchi (2023): Recent state transition of the Arctic Ocean's Beaufort Gyre. In: Nature Geoscience. Band 16 (2023), S. 485–491. DOI:10.1038/s41561-023-01184-5. erhöht potenziell den vertikalen Wärmetransport an die Eisunterseite und könnte den Meereisrückgang beschleunigen.
Süßwassergehalt und Variabilität
Akkumulation seit den 2000er-Jahren
mini|Der Beaufortwirbel – das größte Süßwasserreservoir der Arktis. Der Süßwassergehalt des Beaufortwirbels wird relativ zu einer Referenzsalinität von 34,8 PSU berechnet und in Metern Äquivalenthöhe angegeben. Die klimatologischen Werte der 1950er- bis 1980er-Jahre betrugen rund 15–17 m im Zentrum des Wirbels, was einem Gesamtvolumen von etwa 15.000 km³ entsprach. Seit Mitte der 2000er-Jahre hat der Süßwassergehalt dramatisch zugenommen: Forscher beziffern den Anstieg zwischen 2003 und 2018 auf rund 40 Prozent (etwa 6400 km³ zusätzliches Süßwasser). Die maximale Äquivalenthöhe im Zentrum erreichte Werte von über 22 m.Andrey Proshutinsky, R. Krishfield, J. M. Toole, M.-L. Timmermans, W. Williams, S. Zimmermann, M. Yamamoto-Kawai, T. W. K. Armitage, D. Dukhovskoy, E. Golber, M. Hafez, M. Karcher, R. Mackay, B. Mosier, A. T. Nguyen, C. Peralta-Ferriz, S. Pfirman, H. Regan, R. Somavilla (2019): Analysis of the Beaufort Gyre freshwater content in 2003–2018. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 124 (2019), Ausgabe 12, S. 9658–9689. DOI:10.1029/2019JC015281.
Diese Akkumulation wurde durch mehrere Faktoren angetrieben: verstärkte antizyklonale Winde im Zusammenhang mit einer persistenten positiven Phase der Arktischen Oszillation des Beaufort-Hochdruckgebiets, vermehrte Meereisschmelze, die direktes Süßwasser liefert und zugleich die Windkopplung an den Ozean verstärkt,Qiang Wang, Claudia Wekerle, Sergey Danilov, Nikolay Koldunov, Dmitry Sidorenko, Dmitry Sein, Benjamin Rabe, Thomas Jung (2018): Arctic sea ice decline significantly contributed to the unprecedented liquid freshwater accumulation in the Beaufort Gyre of the Arctic Ocean. In: Geophysical Research Letters. Band 45 (2018), Ausgabe 10, S. 4956–4964. DOI:10.1029/2018GL077901. sowie möglicherweise verstärkte Flusswasserzufuhr aus den großen sibirischen und nordamerikanischen Flüssen.Bruce J. Peterson, James McClelland, Ruth Curry, Robert M. Holmes, John E. Walsh, Knut Aagaard (2006): Trajectory shifts in the Arctic and Subarctic freshwater cycle. In: Science. Band 313 (2006), Ausgabe 5790, S. 1061–1066. DOI:10.1126/science.1122593.
Zustandswechsel und Stabilisierung