Das Gefecht von Dakar (, ), mitunter auch (nach dem alliierten Operationsnamen) als Operation Menace bezeichnet, war während des Zweiten Weltkrieges der erfolglose Versuch der Alliierten beziehungsweise eines britisch-freifranzösischen Kampfverbandes, den strategisch wichtigen und vom Vichy-Regime kontrollierten Hafen Dakar in Französisch-Westafrika (seit 1960 Senegal) unter Kontrolle zu bringen. Die im September 1940 durchgeführte Unternehmung endete indessen mit einem alliierten Rückschlag und der Hafen verblieb vorerst (bis 1942) unter der Kontrolle des Vichy-Regimes.
Vorgeschichte Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 war unklar, wie sich die französische Flotte verhalten würde. Beim Angriff der Briten auf Mers-el-Kébir (Operation Catapult) am 3. Juli 1940 wurde die französische Flotte im Mittelmeer geschwächt. Die verbleibenden Einheiten im Atlantik fürchteten ein ähnliches Schicksal. Zu Kriegsbeginn hatte die französische Flotte im Mittelmeer die italienische Flotte blockiert, dadurch hatte Großbritannien im Atlantik freie Hand.
Nach dem kapitulationsähnlichen Waffenstillstand Frankreichs war auch das Verhalten der einzelnen Kolonien unklar. Während Kamerun und Französisch-Äquatorialafrika mit Ausnahme Gabuns zum Freien Frankreich übertraten, blieben Französisch-Nordafrika, Französisch-Westafrika, Syrien und Französisch-Indochina unter der Kontrolle von Vichy-Frankreich.
mini|Entfernungsmesser einer französischen Küstenbatterie auf der Insel Gorée, Dakar. mini|General de Gaulle mit General Sir Edward Spears, Churchills persönlichem Abgesandten bei den Truppen des Freien Frankreich, auf dem Weg nach Dakar im September 1940 an Bord des niederländischen Dampfers Westernland. De Gaulle glaubte, die französischen Truppen in Dakar überzeugen zu können, die Seite zu wechseln. Dakar war ein gut ausgebauter Marinehafen und besser ausgestattet als das britische Freetown, der einzige Hafen der Alliierten im mittleren Ostatlantik. Zugleich befand sich in Dakar auch das größte Dock (205 Meter Länge) zwischen Gibraltar und Kapstadt, was dem Hafen eine entsprechende logistische und strategische Bedeutung gab.Piekałkiewicz, Janusz: Seekrieg 1939 – 1945. Bechtermünz, Augsburg 1998, S. 101.
Lippman, David H.: Debacle at Dakar, WWII History, July 2011, S. 48–55. Um eine Entscheidung herbeizuführen, entsandten die Alliierten Anfang September 1940 eine Streitmacht unter dem Kommando des britischen Vizeadmirals John Cunningham nach Dakar. Diese bestand aus dem Flugzeugträger Ark Royal (mit rund 45 Flugzeugen an Bord), den beiden Schlachtschiffen Resolution und Barham, den drei Schweren Kreuzern Australia (RAN), Cumberland und Devonshire, den beiden älteren Leichten Kreuzern Delhi und Dragon sowie elf Zerstörern. Dazu kamen noch sechs kleinere Sicherungsschiffe (davon vier freifranzösische Avisos) sowie fünf Frachter und sechs Truppentransporter mit rund 6.400 Mann Landungstruppen an Bord (darunter 2.400 freifranzösische Soldaten beziehungsweise Fremdenlegionäre). Der Auftrag des britisch-freifranzösischen Verbandes war es, den französischen Gouverneur Pierre Boisson zur friedlichen Übergabe beziehungsweise zum Übertritt auf die alliierte Seite aufzufordern oder andernfalls, falls dies nicht gelingen sollte, die Stadt gewaltsam einzunehmen. Gleichwohl jedoch hatte dieser Flottenverband bereits während des Anmarsches erste feindselige Handlungen gegen vichy-französische Schiffe vorgenommen – so hatte am 16. September der Kreuzer Cumberland den von Toulon in Richtung der Elfenbeinküste laufenden vichy-französischen Frachter Poitiers (4.185 BRT) gestoppt und später versenkt (der Frachter hatte unter anderem Munition für die vichy-treuen Truppen in der Elfenbeinküste geladen).Whitley, Mike J.: Kreuzer im Zweiten Weltkrieg. Klassen, Typen, Baudaten. Motorbuch Verlag. Stuttgart 1997, S. 99.
Zu den in Dakar liegenden Flottenkräften Vichy-Frankreichs gehörte das zu 95 % fertiggestellte Schlachtschiff Richelieu, eine der fortschrittlichsten Schlachtschiffkonstruktionen der Epoche. Die Richelieu hatte Brest am 18. Juni 1940, wenige Tage vor der Einnahme durch die Wehrmacht, verlassen. Bis Ende Juni 1940 operierte die Richelieu noch gemeinsam von Dakar aus mit dem britischen Flugzeugträger Hermes. Nach der Niederlage Frankreichs trennte sich die Hermes von der Richelieu, verlegte aufs offene Meer vor Dakar und bildete mit dem australischen Schweren Kreuzer Australia den Kern einer neuen Kampfgruppe. Nach der Konsolidierung der neuen französischen Vichy-Regierung (am 2. Juli 1940) und der massiven Verschlechterung der britisch-französischen Beziehungen nach dem britischen Angriff auf Mers-el-Kébir am 3. Juli 1940, wurde auch die in Dakar liegende Richelieu Ziel eines britischen Angriffs und wurde am 8. Juli 1940 von Trägerflugzeugen des Flugzeugträgers Hermes, mit dem sie nur zwei Wochen zuvor noch gemeinsam operiert hatte, attackiert. Dabei erhielt das Schlachtschiff einen Lufttorpedotreffer,Breyer, Siegfried: Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer 1905–1970. Verlag J. F. Lehmanns. München 1970, S. 459. der das Schiff vorerst zum Verbleib im Hafen zwang (gleichwohl war die schwere 38-cm-Artillerie noch vollständig einsatzbereit).
Aus Toulon waren am 9. September 1940 die drei vichy-französischen Kreuzer Gloire, Georges Leygues und Montcalm sowie drei Zerstörer in Richtung Gabun ausgelaufen, um dort die Herrschaft des Vichy-Regimes sicherzustellen. Sechs Tage später erreichte dieser Verband zwecks Treibstoffergänzung Dakar und lief von dort am 18. September wieder aus mit dem Ziel Gabun. Als der Kreuzer Gloire durch einen Maschinenschaden aufgehalten wurde und zurückfiel, wurde er von britischen Schiffen abgefangen und unter Gewaltandrohung nach Casablanca umgeleitet. Die übrigen französischen Schiffe brachen daraufhin am 19. September den Weitermarsch nach Gabun ab, liefen nach Dakar zurück und vereinigten sich dort mit der Richelieu, einigen weiteren Kleinkampfschiffen und drei französischen U-Booten des 1500-Tonnen-Typs (Bévéziers, Ajax und Persée). Die Vichy-Flottenstreitkräfte in Dakar standen unter dem Kommando von Contre-Amiral Marcel Landriau, er unterstand dabei dem Gouverneur für Dakar beziehungsweise die Kolonie Französisch-Westafrika, Pierre Boisson. mini|links|Zwei der mittlerweile aufgegebenen und verrosteten 24-cm-Geschütze auf der Insel Gorée (Aufnahme aus dem Jahr 2007).
Zum Zeitpunkt des alliierten Angriffs lagen in Dakar, neben der Richelieu und den drei U-Booten, die beiden Kreuzer Georges Leygues und Montcalm, die Zerstörer L'Audacieux, Le Fantasque, Le Malin und Le Hardi, sechs kleinere Patrouillenfahrzeuge beziehungsweise Kolonialavisos und fünf Hilfskreuzer. Darüber hinaus wurde Dakar von mehreren Küstenbatterien, die über insgesamt 23 Geschütze verfügten, vergleichsweise stark gesichert. Darunter befanden sich siebenMarder, Arthur J.: Operation Menace. The Dakar Expedition and the Dudley North Affair. Seaforth Publishing. Barnsley 2016, S. 107. 24-cm-Geschütze (je zwei auf der Insel Gorée und im Bezirk Hann-Bel Air sowie drei bei Cap Manuel), zwei 15,5-cm-Geschütze und acht 13,86-cm-Geschütze. Außerdem waren in Dakar zwei Staffeln der 1. Gruppe des vichy-treuen Jagdgeschwaders 4 (Groupe de Chasse 1/4) mit etwa zwei Dutzend Jagdflugzeugen des Typs Curtiss Hawk stationiert.
Verlauf mini|Der britische Flugzeugträger Ark Royal mit Trägerflugzeugen des Typs Fairey Swordfish. Trägerflugzeuge des britischen Flugzeugträgers warfen in den Morgenstunden des 23. September 1940 Flugblätter ab, in denen die Besatzung von Dakar zur Aufgabe aufgefordert wurde. Etwa zur gleichen Zeit rief General de Gaulle ferner die Truppen in Dakar über Funksprüche zum Übertritt auf die alliierte Seite auf. Diese Aufforderungen wurden jedoch von den Vichy-Kräften abgelehnt.Pemsel, Helmut: Seeherrschaft. Eine maritime Weltgeschichte von der Dampfschiffahrt bis zur Gegenwart. 2. Band. Weltbild-Verlag, Augsburg 1995, S. 544f. Darauf starteten von der Ark Royal zwei kleine freifranzösische Caudron-Verbindungsflugzeuge sowie ein britisches Flugzeug mit freifranzösischen Offizieren an Bord und landeten um 5:54 Uhr auf dem Flugplatz Ouakam;Marder: Operation Menace, S. 109.Genau genommen existiert dieses Flugfeld heute nicht mehr und das Gebiet ist mittlerweile städtisch überbaut; der heutige Flughafen von Dakar ist der Flughafen Dakar-Léopold Sédar Senghor. In manchen Publikationen wird allerdings zwischen Ouakam und dem Flughafen Dakar nicht unterschieden. die Besatzungen, die eine eventuelle Kapitulation der Vichy-Einheiten hätten aushandeln sollen, wurden aber sofort festgesetzt und gefangen genommen.
Nachdem ersichtlich geworden war, dass die Vichy-Kräfte sich nicht ergeben würden – zudem hatten gegen 10:05 Uhr die drei 24-cm-Geschütze bei Cap Manuel ein sporadisches Feuer auf die versammelten alliierten Schiffe eröffnet, das die britischen Schiffe ab 11:04 Uhr erwidertenMarder: Operation Menace, S. 118. –, landeten in den Mittagsstunden, etwa gegen 13:30 Uhr, Teile von de Gaulles 13. Halbbrigade der Fremdenlegion an der Küste nahe Rufisque (südöstlich von Dakar). Mittlerweile war jedoch von der Landseite her starker Nebel aufgezogen, was die Anlandungen erschwerte. Dieser und starkes Abwehrfeuer der Verteidiger – der freifranzösische Aviso Commandant Duboc erhielt einen direkten Artillerietreffer in die Brückenaufbauten (drei Gefallene)Marder: Operation Menace, S. 125. und musste sich unter dem Schutz eines künstlichen Rauchschleiers zurückziehen – ließen das Vorhaben scheitern und den Landungstruppen gelang kein Ausbruch aus ihrem Landekopf. Zudem verloren in dieser Zeit de Gaulle und Geschwaderchef Cunningham den Funkkontakt zueinander,Chin, Rachel: Britain, France and the Discourses of Empire during the Second World War. Cambridge University Press. Cambridge 2022, S. 117. was die Koordination der Landungsoperation weiter erschwerte. De Gaulle befahl darauf in den späten Nachmittagsstunden den Abbruch des Angriffs und ließ die angelandeten Truppen wieder einschiffen, um nicht „Blut von Franzosen durch Franzosen“ zu vergießen.Churchill, Winston Spencer: The Second World War: the Finest Hour. Houghton Mifflin Company, Boston, 1949.dakar.1940.free.fr: Journée du 23 Septembre - Debarqument à Rufisque
Der Großzerstörer L'Audacieux, der in den Mittagsstunden des 23. September aus dem Hafen von Dakar ausgelaufen war, um die alliierten Truppentransporter anzugreifen,Whitley, Mike J.: Zerstörer im Zweiten Weltkrieg. Technik, Klassen, Typen. Motorbuch Verlag. 2. Auflage, Stuttgart 1997, S. 62. wurde von dem Schweren Kreuzer Australia abgefangen und durch Artilleriefeuer schwer beschädigt. Der in Brand geratene Zerstörer musste von seiner Besatzung gegen 16:30 Uhr nordwestlich von Rufisque am Ufer auf Grund gesetzt werden. Das gestrandete Schiff brannte dort noch für zwei weitere Tage und obgleich es nicht sank, war es faktisch als konstruktiver Totalverlust anzusehen.Das Schiff wurde im März 1941 abgeborgen und behelfsmäßig repariert, allerdings bis Kriegsende nicht mehr instandgesetzt. Die Besatzung zählte später 81 Gefallene und Vermisste (insgesamt standen die Verluste an Bord dieses Schiffes somit stellvertretend und alleine für knapp 90 Prozent aller Verluste der Vichy-Kräfte – 92 Gefallene – während der Kämpfe um Dakar). 186 Überlebende wurden später von dem Aviso La Surprise gerettet.Marder: Operation Menace, S. 124. mini|links|Untergang des Vichy-U-Bootes Ajax. Das Bild entstand von Bord des britischen Zerstörers Fortune.