Cyberkrieg (, von cyber für Kybernetik) ist zum einen die kriegerische Auseinandersetzung im und um den virtuellen Raum, dem Cyberspace, mit Mitteln vorwiegend aus dem Bereich der Informationstechnik. Cyberkrieg bezeichnet zum anderen die hochtechnisierten Formen des Krieges im Informationszeitalter, die auf einer weitgehenden Computerisierung, Elektronisierung und Vernetzung fast aller militärischen Bereiche und Belange basieren.
Herkunft des Begriffs Cyberkrieg, im Englischen cyberwar, ist ein Kofferwort aus den Wörtern Cyberspace und Krieg (engl. war). Der Begriff soll erstmals im Jahr 1993 von den Wissenschaftlern John Arquilla und David Ronfeldt in ihrer Studie Cyberwar is coming! für die RAND Corporation verwendet worden sein.
Die Begriffe „Information War“ bzw. „Information Operations“ lassen sich bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges zurückführen.Zum Beispiel: Ben Schwan: Krieg und Frieden im Cyberspace: Experten beraten über Abrüstung im Infowar. In: c’t, Nr. 15/2001 In seiner heutigen Bedeutung findet der Begriff „Information Warfare“ seit 1976 Verwendung.
Allgemeines Die eingesetzten Waffen sind Werkzeuge aus dem Bereich der Informatik. Im einfachsten Fall zielen Angriffe auf rechnergestützte Verbindungen, um die Kommunikation auf diesem Wege zu vereiteln. Komplexere Angriffe können auf die Kontrolle spezifischer Computersysteme abzielen. Umgekehrt gehört zum Cyberkrieg die Bereitstellung und Aufrechterhaltung der eigenen Kommunikations- und Kommandostrukturen sowie die Abwehr bzw. Vereitelung gegnerischer Angriffe auf diese.
Ein Beispiel für einen erfolgreichen Cyberangriff findet sich 2007 in Estland, wo nach konzertierten Denial-of-Service-Angriffen Regierungs- und Verwaltungsstellen, ebenso wie die größte Bank Estlands, nicht mehr erreichbar waren. Zudem wirkte sich der Angriff auf Krankenhäuser, Energieversorgungssysteme und Notrufnummern aus.Vgl. zum Beispiel die britische Wochenzeitung The Economist (24. Mai 2007): Defences against cyberwarfare are still rudimentary. That’s scary (abgerufen am 7. Juni 2007) und, unabhängig von Estland, The Christian Science Monitor (14. September 2007): China Emerges as Leader in Cyberwarfare (abgerufen am 16. September 2007) Dies war der weltweit erste Cyberangriff auf einen Staat.
2016 schrieb Myriam Dunn Cavelty:
Ein solcher Cyberkrieg zielt nicht nur auf Kombattanten, sondern auch destabilisierend mit einem Informationskrieg auf die Zivilbevölkerung, welche durch Fake News und Hetztiraden auf Blogs zu Hass und Misstrauen gegen die eigene Regierung aufgehetzt werden soll.Hannes Grassegger: https://www.dasmagazin.ch/2017/09/01/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin/ Stell dir vor, es ist Krieg und keiner merkts, Das Magazin vom 2. September 2017, Seite 8–15 Christian Mölling, Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) erklärt, man wisse mittlerweile relativ gut, wie dieses russische Desinformations-Netzwerk funktioniere: Die Propaganda Russlands ziele immer auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ab, um die gesellschaftliche Kohäsion aufzulösen.
Joshua Davies nannte den aus Russland stammenden Angriff auf Estland im Jahr 2007 Web War One, während die Wissenschaftler Robertz und Kahr, ihrerseits Experten auf dem Gebiet Kriminologie, Sozialwissenschaften und Terrorismus, die Attacke gar als Fallbeispiel für Cyber-Terrorismus erwähnen.Frank J. Robertz, Robert Kahr: Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus: Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt, Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-658-12136-5, Seite 123 Kriegs-Konventionen wie sie bei herkömmlichen Konflikten gelten, existieren noch nicht.Selbst Kühlschränke sind gefährlich. Nowaja gaseta, 17. März 2017.
Methoden und Entwicklung des Cyberkriegs miniatur|Beispiel: Umfassende Interoperabilität und Kommunikation zwischen den Untereinheiten im urbanen Umfeld will das projektierte Heterogeneous Urban RSTA Team (HURT) des Information Processing Technology Office der Defense Advanced Research Projects Agency gewährleisten Übliche Verfahren des Cyberkriegs umfassen: Spionage: Das unbemerkte Eindringen in fremde Computersysteme oder Kommunikationskanäle zum Zwecke der Informationsgewinnung: durch Software: Trojaner oder Backdoors (Exploits)Christoph Wolfert: Applikationssicherheit: Die größten Schwachstellen in Web-Anwendungen. In: Computerwoche, 23. Juni 2009Stephen Northcutt et al.: Penetration Testing: Assessing Your Overall Security Before Attackers Do. (PDF; 1,5 MB) SANS Analyst Program, 2006 (Whitepaper, speziell für Unternehmensanwendungen)OWASP – the free and open application security community durch Phishing, Spoofing oder Brute Force Angriffe (Cracking) durch Hardware: am Endgerät durch Abhörgeräte, zwischen Sender und Empfänger durch ortsfeste oder mobile Abhörstationen Psychologische Kriegsführung: Diverse Formen von Social Engineering, etwa gezielte Manipulation durch Fake News oder Social Bots, die Propaganda verbreiten Sabotage: Einschleusen von kompromittierter Soft- oder Hardware, die bewusst fehlerhaft arbeitet oder Fremdsteuerung erlaubt: durch Schadprogramme (wie oben, historisch z. B. Stuxnet) durch Denial-of-Service-Attacken, um feindliche Dienste zu stören oder vollständig zu unterdrücken durch physische Angriffe auf Hardware (z. B. Kabel-, Antennen- und Satellitenverbindungen), bspw. durch Kampfmittel, die auf Strahlungsemission beruhen und hierdurch elektronische Geräte stören, etwa EMP-Waffen oder Airborne Tactical Laser.Andrew Buncombe: In: The Independent. 5. März 2005.
Strategische Konzepte C4ISR, also die Vernetzung aller Führungs-, Informations- und Überwachungssysteme zur Gewinnung eines exakten Lagebildes, um die Entscheidungsfindung und Führungsfähigkeit der Streitkräfteführung zu verbessern, zuerst bei den US-amerikanischen Streitkräften technisch und organisatorisch institutionalisiert, ist heute bei den meisten Armeen der Welt etabliert; in den US-Strategieplanungen wird der Cyberspace neben Land, Luft, See und Weltraum als fundamentaler Bestandteil des war theatre kategorisiert – wobei Space (also das Weltall) und Cyberspace unter der Verantwortlichkeit der US-Luftwaffe meist zusammengefasst werden.Lt Col Paul Berg, USAF: In: Air & Space Power Journal, 20. Februar 2007 Sie unterhält darüber hinaus seit 2002 u. a. das AFIT Center for Cyberspace Research (CCR). (Pressemitteilung v. Juni 2008, PDF, 2 S.)Lewis Page: Pentagon: China threatens space and cyberspace. In: The Register. 30. Mai 2007.
Geschichte Für eine Reihe von Autoren gilt der Kosovokrieg 1999 als der erste „richtige Cyberkrieg“ zwischen Staaten, bei dem beide Seiten entsprechende Kampfmittel auf dem Schlachtfeld einsetzten. Auch die umfassende Steuerung und Kontrolle des Kriegsgeschehens mittels weltraumgestützter Systeme trat hier auf NATO-Seite bestimmend hervor.
Die Allianz etwa störte und manipulierte serbische Flugabwehrsysteme u. a. durch Einsatz hochfrequenter Mikrowellenstrahlung, griff das jugoslawische Telefonnetz an und brach auf elektronischem Weg in russische, griechische und zyprische Banken ein, um Konten des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević zu sabotieren und leerzuräumen. Serbische Kräfte störten ihrerseits u. a. NATO-Server und hörten ungeschützte NATO-Kommunikation ab.
Nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch NATO-Bomber mischten sich auch chinesische Hacker ein und griffen Websites an, versandten virenverseuchte E-Mails und schalteten Propaganda.vgl. Heinz-Michael Winkels: Information Warfare: Militärische Operationen mit und in Informationsnetzwerken. Vortrag zum Parlamentarischen Stammtisch „Mars & Minerva“, Berlin, 21. Oktober 2003 (PDF; 1,1 MB). Attackiert wurden u. a. die Internetpräsenzen des US-Energieministeriums und des National Park Service. Die Website des Weißen Hauses musste sogar für drei Tage geschlossen werden.
Ein weiteres Beispiel eines Cyber-Angriffs ereignete sich im April und Mai 2007 in Estland, als sich im Zuge der Verlegung eines sowjetischen Soldatendenkmals in der Hauptstadt Tallinn die politischen Spannungen mit Russland verschärften. Es kam daraufhin seit dem 27. April 2007 zu zahlreichen Hackerangriffen, die mehrere Wochen anhielten und sich gegen staatliche Organe, darunter das estnische Parlament, der Staatspräsident sowie diverse Ministerien, Banken und Medien richteten.
Im Jahr 2008 wurde ein russischstämmiger estnischer Staatsbürger angeklagt und verurteilt. Im März 2009 bekannte sich Konstantin Goloskokow, ein Funktionär der regierungsnahen russischen Jugendorganisation Naschi, als Drahtzieher der Angriffe. Die russische Regierung wies in der Folge jedoch alle Vorwürfe zurück.
In den letzten Jahren stockte das Militär seine Kapazitäten weiter auf. Im Jahr 2016 sind allein in den Vereinigten Staaten und Russland jeweils mehr als 4000 Militärangehörige ausschließlich mit Cyberwar-Aktivitäten betraut.Der Spiegel: „Cyber-Kalifat“: Russland soll hinter Hackerangriffen des IS stecken vom 18. Juni 2016
Nach Angaben der Washington Post führten die Vereinigten Staaten 2018 erstmals einen Cyberangriff auf Russland durch, als sie kurz vor und während der Wahlen in den Vereinigten Staaten am 6. November 2018 die als Troll-Fabrik bekannte Internet Research Agency in St. Petersburg durch offensive Mittel vom Internet trennten.Ellen Nakashima: U.S. Cyber Command operation disrupted Internet access of Russian troll factory on day of 2018 midterms. In: Washington Post. 26. Februar 2019. (englisch) Paul Rosenzweig, Jura-Professor der Georgetown University und ehemaliger Deputy Assistant Secretary for Policy im Department of Homeland Security unter George W. Bush, ordnete den Angriff als Überschreiten des Rubikon für den Cyberkrieg und das bedeutsamste Ereignis der derzeitigen Weltlage ein. Für besonders auffällig hält er, dass diese Tat kaum Aufmerksamkeit erregte. Er nimmt an, dass sich ein Standard für Cyberoperationen unterhalb des Niveaus eines Krieges entwickeln wird.Paul Rosenzweig: The New Contours of Cyber Conflict. In: Lawfare. 27. Februar 2019.
Geschichtlicher Abriss der Entwicklung von Cyberkrieg-Konzepten in den Vereinigten Staaten Im Jahr 1992 war die geheime Direktive TS-3600.1 des Verteidigungsministeriums zum „Information Warfare“ erlassen worden. Ein Jahr später eröffnete die US-Luftwaffe in San Antonio (Texas) das Air Force Information Warfare Center mit damals 1000 Mitarbeitern. Im Jahr 1995 absolvierten an der National Defence University in Washington, D.C. die ersten in Informationskriegsführung ausgebildeten Soldaten ihre Offizierlehrgänge.Alfred Baumann: I-WAR: Informationstechnik und Krieg. In: tecchannel.de, 20. März 2003. Abgerufen am 22. August 2018. 1994 war dort die School for Information Warfare and Strategy ins Leben gerufen worden.
Im Januar 1995 erstellte die US-Navy die Instruktion OPNAVINST 3430.26 (PDF; 1,82 MB; 21 S.) Department of the Navy, 18. Januar 1995 zur Umsetzung des Informationskriegs. Ab demselben Jahr begannen die Vereinigten Staaten, maßgeblich unter der Leitung von Vizeadmiral Arthur K. Cebrowski (1942–2005; von Oktober 2001 bis Januar 2005 war er Direktor des Office of Force Transformation des Pentagon), das Konzept des „Network Centric Warfare“ zu entwickeln; dessen Ziel ist es, Informationsüberlegenheit unmittelbar in militärische Überlegenheit umzusetzen.
Unter Federführung des FBI gründeten 1998 verschiedene US-Behörden das National Infrastructure Protection Center (NIPC), das mit Privatfirmen kooperierte und das zur Aufgabe hatte, den Schutz vitaler Infrastrukturen zu koordinieren und zu organisieren.