mini|Rathaus in Bochum Das Rathaus Bochum gehört zu den wichtigsten Repräsentativbauten des Ruhrgebiets. Obwohl von der spanischen Renaissance beeinflusst und von ornamentloser massiver Bauweise, war es für seine Zeit ein hochmodernes durchrationalisiertes Verwaltungsgebäude. Es markiert den Übergang der Stadt von einer wild wachsenden Montanstadt zu einer modernen Großstadt. Während der Bauphase entstanden weitere repräsentative Großbauten in Bochum wie das Polizeipräsidium oder das Parkhotel Haus Rechen.

Geschichte des Rathauses

Vorgängerbauten Die ersten Rathäuser der Stadt Bochum befanden sich am Alten Markt. Das dritte Rathaus wurde im Jahr 1696 erbaut, ungefähr da, wo heute das Denkmal des Kuhhirten steht. Nach einer Zwischenlösung in den Jahren 1862–1864 bezog man bis 1886 die ehemalige Rentei bei der Propsteikirche. Danach wurde die Stadtverwaltung im ehemaligen Hotel Soedinger Hof an der Alleestraße heimisch. Das Rathaus wurde 1894 um einen Erweiterungsbau sowie einen großen Sitzungssaal erweitert. Da im Zuge des rasanten Wachstums der Industriestadt und mit der Eingemeindung von 1904 Bochums Einwohnerzahlen explodierten, war der Platz bald auch wieder zu klein.

Planungen für das Rathaus Ein erster Architektenwettbewerb zur Neuerrichtung eines angemessenen Rathauses fand 1912–1913 statt. Der erste Platz wurde zweimal vergeben, sowohl an Hermann Billing als auch an den Vorschlag von Carl Friedrich Wilhelm Leonhardt und C. Blattner. Die Neubaupläne wurden wegen des Ersten Weltkrieges zunächst zurückgestellt.

Unruhen, französische Besetzung und Inflation nach dem Ersten Weltkrieg verschoben den Plan weiter. Ein weiterer Architektenwettbewerb wurde dann 1925 ausgerufen. Auch nach diesem erneuten Wettbewerb konnte keiner der Preisträger die Ausführung des Rathauses übernehmen. Gleichwohl wurde der Rathausneubau dringlicher denn je. Mit dem Ziel einer zeitlosen Architektur wurde daher 1926 Karl Roth, der bereits die Rathäuser in Dresden (Neues Rathaus Dresden) (1905–1910), Kassel (Rathaus Kassel) (1905–1909) und Barmen (Rathaus Barmen) (Fertigstellung 1922) entworfen hatte, mit einem neuen Entwurf beauftragt.

Bau des Rathauses mini|Das fertiggestellte Rathaus, um 1931 Bereits 1926 wurde auch mit dem Bau des heutigen Rathauses begonnen. Am 12. Juli 1927 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung unter Anteilnahme der städtischen Körperschaften und zahlreichen Vertretern von Behörden und Verbänden.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1927 und 1928, S. 5–6. Mit dem Abbruch des alten Rathauses wurde, entgegen langläufigen früheren Meinungen,Diverse Publikationen, u. a. Bochumer Ansichten auf alten Postkarten, Stadtarchiv Bochum, 1978, S. 31 bereits Ende 1929 begonnen. Die Bauleitung hatte der Stadtbaumeister Sepp Spannmacher.

Das Rathaus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Am 20. Mai 1931 fand die Eröffnung statt. Bezogen wurde es vom 4. bis zum 19. Mai 1931, die erste Stadtverordnetensitzung fand am 26. Juni des gleichen Jahres statt.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum von 1929 bis 1932, S. 5 ff. War der Rathausbau im Jahr 1926 noch mit 7,50 Millionen Reichsmark veranschlagt, wuchsen die Kosten durch die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland auf die Summe von 9,25 Millionen Reichsmark (nach heutigem Kaufkraftäquivalent ca. 40 Millionen Euro)Aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Probleme und des Geldwertverlustes eine ungefähre Angabe (Stand Juli 2024): Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen, Deutsche Bundesbank. So wurden zum Beispiel 905.000 Reichsmark im August 1930 nachbewilligt.

Im Innenhof lagen ursprünglich die Zugänge zu den drei Kassenhallen, die vor der Einführung des bargeldlosen Verkehrs den Steuer-, Lohn-, Sozial- und sonstigen Zahlungen dienten. Linker Hand war die Steuerkasse, rechts die Hauptstelle der Sparkasse, im Kellergeschoss unter den Räumen befand sich der jeweilige Tresor. Unterhalb des Sitzungssaales befand sich die Stadthauptkasse. Hierunter lag ebenfalls ein Tresor, der auch heute noch existiert. So entwickelte sich das Sprichwort, dass die Ratsherren auf dem Geld sitzen. Heute befindet sich hier das um 1980 eingerichtete Trauzimmer des Standesamts. mini|Stolperstein für Dr. Ruer Wegen angeblich übertriebener Pracht am Rathaus griffen die Nationalsozialisten den damaligen jüdischen Oberbürgermeister Otto Ruer (1879–1933) an und trieben ihn in den Selbstmord. Ruer hatte wegen der Angriffe auf seine Person viele Schmuckarbeiten am Rathaus eingestellt. Zum Andenken an Otto Ruer wurde vor dem Rathaus am 31. Mai 2005 ein Stolperstein verlegt.Lebenslauf von Dr. Otto Ruer im Rahmen der Stolperstein-Dokumentation Der Pate ist der Alt-Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber.

Trotz der Angriffe der Nationalsozialisten wegen angeblicher Verschwendung beim Bau rühmten sich die neuen Machthaber 1934 in einer Beschreibung mit der Schönheit des Rathauses. So wurden die zehn Bronzefiguren im Innenhof 1938 in Westfalen im Bild von Richard Langer „zu den besten Kunstwerken der Jahre vor dem Umbruch“ bezeichnet. Der städtische Bauleiter Sepp Spannmacher führte dazu aus: „Wenn man in Betracht zieht, daß all diese Kunstwerke in einer Zeit entstanden sind – 1927 bis 1930 ! –, die in der Auffassung von Architektur und bildener Kunst der heutigen so ganz fremd gegenüberstant, kann dem Architekten und den Künstlern nur dankbar sein und die Stadt selbst nur beglückwünschen, daß sie sich gegen alle Anfeindungen und alles Unverständnis der damals maßgebenden Kreise durchgesetzt haben und ihrer gesunden und deutschen Kunstauffassung so beharrlich treu geblieben sind, daß sowohl der Gesamtbau wie die einzelnen Kunstwerke des Rathauses heute in der Zeit der Wiedergeburt deutscher Kunst nicht bloß in Ehren bestehen könnnen, sondern auch die Anerkennung finden, die allem wirklich Guten einmal zuteil wird.“ Nur zwei Jahre später galten sie als süßlich und veraltet. Wie viele Kunstwerke wurden die Bronzeskulpturen und weitere Zierstücke für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Sie wurden Anfang April 1940 demontiert und dem Führer „zu seinem Geburtstag“ geschenkt.

Vor dem Rathaus wurde im Winter 1935 die vom Bochumer Verein gegossene Olympiaglocke präsentiert, bevor sie nach Berlin überführt und im Glockenturm aufgehängt wurde.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Rathaus etliche Schäden. Bei den ersten Großangriffen im Mai und Juni 1943 (Battle of the Ruhr) brannten das Dachgeschoss und 5. Obergeschoss aus, der Ostflügel an der damaligen Mühlenstraße mit der Sparkasse erhielt einen direkten Treffer. Im Oktober wurde das Standesamt stark beschädigt und der Trausaal zerstört. Das Rathaus erlitt bei der schwersten Bombardierung am 4. November 1944 direkte Treffer, durch die der Glockenturm und der Sitzungssaal zerstört wurden; trotz des erneuten Brandes des Daches konnte eine komplette Zerstörung verhindert werden. Durch die Schäden im Dachgeschoss ging auch das komplette Bauaktenarchiv der Stadt Bochum verloren. Auch die Steinmetzarbeiten mit Ausnahme kleiner Löwenköpfe über dem Portal wurden zerstört. Dass der größte Teil des Rathauses konnte aber, dank der Überdeckung der oberen Geschossflächen durch Plattenbalkendecken aus Stahlbeton, überstehen. So blieben u. a. der Innenausbau der Hauptdezernate, also die repräsentativen Flure und Büros im Südflügel sowie der kleine Sitzungssaal erhalten (labyrinthartige Figuration des Marmorfußbodens, Decken- und Wandvertäfelungen).

Wiederaufbau und Umbauten Teile der Kriegsschäden, wie der zerstörte Sitzungssaal und der Glockenturm, wurden 1951 behoben oder neu gebaut. Die bis 1952 dauernde Wiederherstellung, welche das Hochbauamt und das Planungsamt ausführten, wurde von Karl Hellrung geleitet. Das Dach und die oberen Stockwerke wurden 1962 auf die jetzige Höhe fertiggestellt. Im April 1972 wurde in den ehemaligen Räumen des Ratskellers mit dem „Informationszentrum Ruhr-Bochum“ eine damals neuartige Bürgerberatung eingerichtet. Neben Informationen, welche von der Stadt Bochum und dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) in Kooperation angeboten wurden, gab es Veranstaltungen, Ausstellungen und Konzerte. Nach Darstellung der Stadt war es das erste Zentrum dieser Art in Deutschland.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1972, S. 24 Der repräsentative Flur vor den Räumen des Oberbürgermeisters wird seit 1977 als Raum für Empfänge und Veranstaltungen genutzt.Rathausflur als Empfangsraum – Biertheke neben OB-Zimmer. WAZ, 6. Juli 1977. In dem rechten Teil des Sockelgeschosses kam es Anfang 1982 zu Ladeneinbauten eines örtlichen Sportwarenhändlers.

Durch den Aufkauf der ehemaligen Schürzenfabrik Pongs und Zahn Anfang 1960 in unmittelbarer Nähe des Rathauses konnte die in der Innenstadt verstreut liegende Verwaltung mehr zentralisiert werden.Westfälische Rundschau, 27. Februar 1960 Die Druckerei neben dem Rathaus zog zur gleichen Zeit an die Hüttenstraße, auch deren Gebäude wurde aufgekauft. Anfang der 1980er Jahre wurden weitere Gebäude errichtet. Das Bildungs- und Verwaltungszentrum (BVZ) (Architekturbüro Bahlo, Köhnke, Stosberg und Partner) wurde im September 1980 eröffnet. In das Gebäude zogen unter anderem die Stadtbücherei und die Volkshochschule. Teils auf der Fläche der ehemaligen Schürzenfabrik wurde das Rathauscenter im Jahr 1982 errichtet. Das private Gebäude wurde von Anfang an so konzipiert, dass es neben Einkaufsgeschäften auch Verwaltungsräume beherbergen soll.

Im Jahr 2000 wurden Teilbereiche des historischen Rathauses zwecks Einrichtung von Bürgerbüros sowie Anlaufstellen für den Umweltservice, die Polizei und die städtischen Verkehrsbetriebe (BOGESTRA) umgebaut (Planung: Architekten Schröder Schulte-Ladbeck, Dortmund). Die Eröffnung fand am 4. Dezember 2000 statt. In den 2000ern wurde der Westflügel und von 2018 bis 2021 der Ostflügel kernsaniert. Mit der Eröffnung am 20. August 2021 erhielt das Rathaus auch einen neuen Haupteingang unter dem Balkon.

Architektur und Ausstattung

Rathausbau und Kunstwerke Der Darmstädter Architekt Karl Roth schuf ein hochmodernes Bürogebäude mit 300 Büroräumen, 20 Sitzungszimmern sowie 180 weiteren Räumen im historischen Gewand des spanischen Klosters in El Escorial (1562–1584) und damit im Stil der ornamentlosen spanischen Renaissance. Das Gebäude weist einen symmetrischen Grundriss auf. Das lange Hochdach zum Eingangsbereich schließt bei ca. 35 Metern Gebäudehöhe ab. Die Außenseite ist schlicht gehalten und das Eingangsportal sowie der zweistöckige Vorbau an der rechten Front sind die einzigen Fassaden-Schmuckelemente. Der Sockel des Gebäudes besteht aus hartem Granitstein, für die Fassade wurden Muschelkalk und für das Dach Schiefer in Altdeutscher Deckung verwendet. Der Vorbau, der in den Rathausplatz ragt, soll an die alten Rathäuser mit ihren auf Stelen ruhenden Räumen erinnern.

Das Rathaus erhielt kunstvolle Bronzegitter, Skulpturen aus Bronze sowie meisterhafte Steinmetzarbeiten durch namhafte deutsche Künstler: August Vogel (1887–1932), Paul Wynand (1879–1956), Richard Langer (1879–1950), Richard Guhr (1873–1956) und Augusto Varnesi (1866–1941). In den Fluren und Repräsentationsräumen des Hauses wurden Marmor, Kupfer, Bronze und dunkle Holztäfelungen verwendet. Dabei wurde, auch wegen der Wirtschaftskrise, auf lokale Handwerksbetriebe und deutsche Materialien zurückgegriffen. Die Geländer in den Treppenräumen stammen von der Firma Korte und Möbel und Wandvertäfelungen von den Werkstätten J. Dickerhoff, beides Bochumer Firmen.

Der 40 × 46 Meter messende Innenhof wird von vier Seiten vollständig umschlossen. In der Symmetrieachse des Ratshofes liegt auch der Rathaussitzungssaal (Wiederherstellung 1951 nach Plänen von Ferdinand Keilmann), sodass zu seinen beiden Seiten Nebenhöfe entstanden. Hier befinden sich bis heute ein Glockenspiel und zwei Brunnen. Glocken