mini|hochkant=1.8|Charles De Wolf Brownell: The Charter Oak, 1857 Die Charter Oak war eine stattliche alte Eiche in der Stadt Hartford, die eine besondere Rolle in der Folklore des amerikanischen Bundesstaats Connecticut spielt. Sie war lange eines der Wahrzeichen Hartfords, bis sie in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1855 in einem Sturm fiel.
Der Legende nach versteckten im Jahr 1687 die Siedler Connecticuts im hohlen Stamm dieses Baumes die charter (Charta) ihrer Kolonie, als der neue königliche Gouverneur Edmund Andros versuchte, sie zu beschlagnahmen. Die Charter garantierte als eine Art Verfassung die weitreichende Selbstverwaltung der Colony of Connecticut, und so ist die Charter Oak als „Behüterin der Verfassung“ und Symbol des Freiheitswillens heute eines der offiziellen Embleme des Staates Connecticut; 1947 wurde die Amerikanische Weiß-Eiche (Quercus alba) per Gesetz zum „Staatsbaum“ Connecticuts erklärt.
Historischer Kontext mini|Die Festnahme Andros’ in der Boston Rebellion 1689 in einer Darstellung des 19. Jahrhunderts Hintergrund der Legende sind die in den 1680er Jahren verstärkten Bestrebungen des englischen Königshauses, die Kolonien in Nordamerika stärker unter seine Kontrolle zu bringen. Insbesondere die Kolonien in Neuengland hatten sich bis dahin weitreichender Autonomie erfreut. Ihre Rechte waren vor allem in den königlichen Charters verankert, die teils seit ihrer Gründung Bestand hatten. Die Charter Connecticuts wurde 1662 vom jungen Charles II. erteilt und stellte seither neben den Fundamental Orders of Connecticut von 1639 eine Art Verfassung der Kolonie dar.
Nachdem Verhandlungen über eine Neuordnung der Machtverhältnisse gescheitert waren, widerrief Charles 1684 zunächst die Charta der Massachusetts Bay Colony. Sein Nachfolger James II. strebte dann ab 1685 eine „Konsolidierung“ aller englischen Kolonien nördlich des Delaware River in einem „Dominion of New England“ unter einem vom König ernannten Gouverneur an. Im September 1686 beschloss das Board of Trade, dem nun zu einer Kronkolonie unter dem Gouverneur Joseph Dudley umgewandelten Massachusetts die benachbarten Kolonien, darunter auch Connecticut, anzugliedern. Mit diesem Auftrag erreichte Edmund Andros, der Nachfolger Dudleys, im Dezember 1686 Boston. Nachdem er dort die Amtsgeschäfte geregelt hatte, ritt er mit seiner Entourage im Oktober 1687 nach Hartford, der Hauptstadt Connecticuts, um auch dort offiziell die Macht zu übernehmen. Dazu schloss er förmlich das Amtsbuch der Kolonie und ließ sich ihr Siegel aushändigen.
In Andros’ offiziellen Dokumenten findet sich indes kein Wort über die Charter oder einen Versuch, sie ihm vorzuenthalten, überhaupt findet sich in englischen Quellen kein Hinweis auf diesen Akt kolonialen Widerstandes; so sich die Episode überhaupt zugetragen hat, scheint Andros ihr keine große Bedeutung zugemessen zu haben – wie ein ungenannter Autor 1909 in den Proceedings of the Society of Colonial Wars mutmaßte, erachtete er das Schauspiel womöglich als kindisch.Anon: Three Memorials. In: Papers and Addresses of the Society of Colonial Wars in the State of Connecticut. Band II, S. 122. Dass die amerikanischen Quellen sich ebenfalls darüber ausschweigen, nimmt hingegen kaum wunder, gerade weil das Verstecken der Charter einen Akt der Subversion darstellte, dessen Erfolg von seiner Geheimhaltung abhing.
James II. wurde 1688 im Verlauf der Glorious Revolution gestürzt, sein Statthalter Andros 1689 in einer Revolte der Bürger Bostons gefangen genommen und schließlich abgesetzt; Connecticut wurde als eigenständige Kolonie wiederhergestellt und die Charter von 1662 wieder in Kraft gesetzt.
Überlieferung mini|Andros verlangt die Herausgabe der Charter – Schulbuchillustration von 1884 mini|Wadsworth versteckt die Charter – Illustration aus S. G. Goodrichs A Pictorial History of America (1844) Die hergebrachte Version der Geschehnisse um die Charter Oak, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert in zahllosen Schulbüchern nachzulesen war, geht auf Benjamin Trumbulls A Complete History of Connecticut (1797) zurück, einem Werk mit Anspruch auf wissenschaftliche Akkuratesse; Trumbull beruft sich in seiner Darstellung recht unverbindlich auf die „Tradition“.Benjamin Trumbull: A Complete History of Connecticut, Civil and Ecclesiastical, from the Emigration of its First Planters from England, in MDCXXX, to MDCCXIII. Band I, Hudson & Goodwin, Hartford 1797, S. 390–391. Demnach ritt Andros am 31. Oktober 1687 mit einer fünfzig Mann starken Truppe nach Hartford, erklärte die Auflösung der Regierung der Kolonie, und verlangte die Herausgabe ihrer Charter. Seine Verhandlungen mit der Generalversammlung der Kolonie zogen sich bis in den späten Abend, wobei insbesondere der bisherige Gouverneur Robert Treat seinen Widerwillen gegen den Verzicht auf die Privilegien der Kolonie und die Herausgabe der Dokumente, die sie garantierten, zum Ausdruck brachte. Im Laufe der Debatte fanden sich immer mehr Beobachter ein. Plötzlich erloschen alle Kerzen im Raum, und als sie wieder angezündet wurden, war die Charter, die zuvor auf dem Verhandlungstisch gelegen hatte, spurlos verschwunden; Trumbull berichtet, dass sie in der Zwischenzeit von einem Captain Wadsworth fortgebracht und in einem „großen hohlen Baum“ gegenüber dem Anwesen von Samuel Wyllys, eines Magistrats der Kolonie, versteckt wurde. Obwohl er der Charter nicht habhaft werden konnte, übernahm Andros daraufhin die Macht und schloss das Amtsbuch der Kolonie mit dem Vermerk FINIS.
Die bei Trumbull geschilderte Episode wurde im 19. Jahrhundert so populär, dass sie bald eine zentrale Stellung in der Geschichte Connecticuts einnahm. Entsprechend oft haben Historiker die „Tradition“, auf die sich Trumbull beruft, durch konkretere Nachforschungen zu erhellen versucht, sind dabei aber auf bemerkenswert viele Widersprüche in den Quellen gestoßen. Eine annähernd zeitgenössische Quelle, die darauf hinweist, dass die Charter tatsächlich vor Andros versteckt wurde, ist Gershom Bulkeleys Will and Doom (1692); darin heißt es: „Sie [die Kolonisten] haben die charter bewahren können…sie ist in Hartford, in Sicherheit.“ Die Legende hat also wohl einen historischen Kern, doch bleibt nicht nur ungewiss, wann, wo und von wem die Charter versteckt wurde, sondern auch, welche oder wie viele, denn heute sind zwei Ausführungen der Charter bekannt, die beide zweifelsohne zeitgenössisch, also „echt“ sind, deren Provenienz jedoch recht nebulös ist. Ein Exemplar ist in Besitz der Connecticut Historical Society, ein anderes wird auf einer Art Altar in der Connecticut State Library ausgestellt (dessen Flügel zugleich die Türen des Stahltresors sind, in dem es nachts verschlossen wird). Beide Institutionen reklamieren für sich, das Original zu besitzen.
Einige Verwirrung herrschte zunächst in der Frage, in welchem Baum die Charter versteckt wurde. Der erste schriftliche Hinweis, dass sie überhaupt in einem Baum versteckt wurde, findet sich erst in George Chalmers 1780 in London erschienenen Political Annals of the Present United Colonies; jedoch nennt Chalmers nicht eine Eiche, sondern eine Ulme, in der die Kolonisten einst ihre Charter versteckt hätten und die bis zu diesem Tage als „Behüterin der Verfassung“ und somit als „heilig“ angesehen würde (they now concealed their charter in a venerable elm; which to this day is deemed sacred, as the preserver of their constitution).George Chalmers: Political Annals of the Present United Colonies, from Their Settlement to the Peace of 1763. J. Bowen, London 1780, S. 298. Diese Ulme nennt auch zwei Jahre später Samuel Peters (der wiederum wohl Chalmers Gewährsmann war) in seiner General History of Connecticut als eine der „Kuriositäten“ Hartfords.Samuel Peters: A General History of Connecticut… J. Bew, London 1782, S. 166, S. 89. Dass es vielmehr eine Eiche war, in der die Charter versteckt wurde, ist erstmals 1789 in Jedidiah Morses American Geography nachzulesen; Morse nennt zudem ------ Wandsworth [sic] als den Vollbringer dieser Tat.Jedidiah Morse: The American Geography, Elizabethtown 1789. (S. 240 in der 3. Auflage, John John, Dublin 1794.) 1805 berichtete Abiel Holmes in seinen American Annals, dass die Eiche (Trumbull hatte nur von einem Baum gesprochen), die einst als Versteck diente, auf dem Grundstück der Familie Wyllys stehe und von dieser aufopferungsvoll gehegt würde. Einige ihrer Äste seien nun abgebrochen, doch sei sie nach wie vor dicht belaubt. Ihr Stamm messe 7 Fuß im Durchmesser und 21 Fuß im Umfang. Die Höhlung nahe der Wurzeln, die einst als Versteck für die Charter gedient hatte, sei aber mittlerweile wieder zugewachsen, ganz „als ob sie die göttliche Bestimmung, für die sie sich geöffnet hatte, erfüllt habe.“Abiel Holmes: American Annals, or, A Chronological History of America from its Discovery in MCCCCXCII to MDCCCVI. Band I, W. Hillard, Cambridge, Mass. 1805, S. 470.
mini|links|Die königliche Charter von 1662 – hier das Exemplar der Connecticut State Library Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Holmes erkundigte sich John Gorham Palfrey, der Verfasser der History of New England during the Stuart Dynasty (1870), bei den Nachkommen Trumbulls nach dessen Bürgen für die „Tradition“; diese vermuteten, dass er von der Episode vermutlich von George Wyllys, einem Enkel Samuel Wyllys, erfahren habe. Palfrey fand weiter heraus, dass der Rat Connecticuts im Jahr 1715 Joseph Wadsworth eine Entlohnung von 20 Shilling zusprach, da er der Kolonie den Dienst erwiesen habe, die Duplicate Charter – also das Duplikat der Charter – in schwierigen Zeiten in Sicherheit zu bringen und es seither sicher zu verwahren.
Dass schon seit 1662 ein Duplikat der Charter existiert hatte, geht aus den offiziellen englischen Dokumenten hervor, in denen die Zahlung der Gebühren für die Ausfertigung sowohl der Charter wie einer Kopie verzeichnet ist. Noch im selben Jahr wurden sie von Gouverneur John Winthrop nach Connecticut gebracht, wo der Erhalt der Charter und des Duplikats in den Akten quittiert wurde. Wenn Wadsworth aber nur das Duplikat versteckte, bleibt die Frage, was mit dem Original geschah. Albert Carlos Bates (von der Connecticut Historical Society) argumentierte um 1900, dass Winthrop 1662 mitnichten beide Exemplare nach Connecticut brachte, sondern vielmehr eines in England zur Verwahrung bei einem gewissen James Porter beließ: Wie Bates nachweisen konnte, wies der Rat Connecticuts 1686 seinen Agenten in London an, diese Kopie an sich zu nehmen, um damit zu Hofe besser für die Rechte der Kolonie streiten zu können. Das Exemplar der Charter, das Wadsworth 1687 versteckte und noch 1715 bewahrte, war nach Bates Theorie also das einzige, das die Kolonie hatte.Albert Carlos Bates: The Charter Oak. S. 7–8.
In Jeremy Dummers The Defence of the New England Charters (1721) heißt es hingegen, Andros sei nach Hartford geritten und habe die Charter in seine Gewalt gebracht. Palfrey erklärt sich den scheinbaren Widerspruch so, dass Andros die Charter tatsächlich beschlagnahmt habe; das Duplikat mag tatsächlich, wie in der Aktennotiz zu Wadsworths späterer Entlohnung nachzulesen, in Sicherheit gebracht worden sein, doch habe Andros von dessen Existenz nichts gewusst und so überhaupt nicht geahnt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe, was wiederum erklären würde, warum in seinen Papieren keine Rede davon ist.John Gorham Palfrey: History of New England during the Stuart Dynasty. S. 543 (Fußnote). Gemäß dieser Theorie befanden sich entgegen Bates’ Vermutung also durchaus beide Exemplare der Charter in Connecticut, von denen jedoch nur eines – das Duplikat – vor Andros versteckt wurde.