Venezianische Ospedali waren soziale Einrichtungen in Venedig, die neben karitativen Zwecken der musikalischen Ausbildung ihrer weiblichen Zöglinge dienten. Sie gelten als Vorläufer der Konservatorien des 19. Jahrhunderts.

Die vier großen venezianischen Ospedali (= Ospedali Grandi), das Ospedale della Pietà, das Ospedale degli Incurabili, das Ospedale di Santa Maria dei Derelitti und das Ospedale di San Lazzaro dei Mendicanti, waren wie die Scuole und die Hospize Teil eines karitativen Netzwerks, das vielfältige Fürsorgeleistungen für Bedürftige der Stadt erbrachte.

mini|Francesco Guardi: Galakonzert eines venezianischen weiblichen Orchesters und Chores, gebildet aus den Ospedali, zu Ehren des russischen Thronfolgerpaares in der Sala dei filarmonici in den alten Prokuratien, 1782 Seit dem 16. Jahrhundert bis zum Ende der Republik waren die vier Ospedali neben dem Chor des Markusdoms Zentren des Musiklebens in Venedig und europaweite Attraktion für Musiker und Reisende. Die ausschließlich aus Musikerinnen bestehenden Cori trugen durch ihre Präsenz an der täglichen Liturgie der Ospedali-Kirchen, durch ihre Sonn- und Feiertagskonzerte und ihre Mitwirkung bei Staatsakten wie den zahlreichen Dogenprozessionen wesentlich zur Selbstinszenierung und Propaganda der Serenissima als einzigartiges und unerreichtes Zentrum von Kultur und Luxus in Europa bei.

Historischer Hintergrund Zu den Einrichtungen der Armen- und Gesundheitsfürsorge gehörten in Venedig neben den zahlreichen Hospizen (Ospizio) auch Spitäler und Quarantänestationen. Marin Sanudo listet im 16. Jahrhundert 34 Spitäler auf,Marin Sanudo: De origine, situ et magistratibus urbis Venetae ovvero La Città di Venezia. Mailand 1980, S. 170 f. für 1797 werden 115 Hospize gezählt, darunter 12 Spitäler (Ospedali).Kurt Heller: Venedig, Köln 1999, S. 591. Seit 1485 waren die Proveditori alla sanità für das Hospizwesen zuständig, ab 1556 gab es eine eigene Behörde, der Magistrato alla sanità.Repubblica serenissima: provveditori alla sanità pubblica. veneziamuseo.it Ab 1565 wurden drei Aufseher für die Hospize (Provveditori agli ospedali e luogi pii) eingesetzt. Drei der Ospedali Grandi sind aus Hospizen hervorgegangen, wie sie zunächst von den Ritterorden, später von religiösen Ordensgemeinschaften betrieben wurden. Das Ospedale della Pietà wurde 1346 als Waisenhaus und Heim für Findlinge (= esposti) gegründet.

Eine intensive Pflege geistlicher Musik ist in Venedig mit Beginn des 14. Jahrhunderts belegt. Als erster Organist am Markusdom ist 1316 ein Mistro Zuchetto belegt, dem bereits mehrere Orgeln für die Begleitung der Liturgie zur Verfügung standen.Allgemeine musikalische Zeitung, 1832, 34, S. 280. Zeitgleich mit der Expansionspolitik Venedigs auf das Festland zu Beginn des 15. Jahrhunderts erlebte das Musikleben der Stadt einen einzigartigen Aufschwung. Musik begleitete die Feste des Kirchenjahres und die mit ihnen verbundenen Staatsauftritte von Doge und Signoria. 1527 kam der Flame Adrian Willaert nach Venedig, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1562 das Amt eines Kapellmeisters am Markusdom bekleidete. Komponisten aus ganz Europa kamen nach Venedig, um von Willaert zu lernen, der wesentlich am Entstehen der Venezianischen Schule und ihren musikalischen Innovationen wie der Doppelchörigkeit beteiligt war.

Mit der Erfindung des Notendrucks mit beweglichen Lettern durch Ottaviano dei Petrucci Ende des 15. Jahrhunderts setzte in Venedig, dem damaligen Zentrum des Buchdrucks, eine reiche Produktion von Musikalien ein und machte eine schnelle und weitreichende Verbreitung der in Venedig entstandenen neuen Musik möglich.

Musik war in Venedig seit dem 15. Jahrhundert bis zum Ende der Republik allgegenwärtig. Feierlich begangen und mit Musik begleitet wurden neben den Hochfesten und den vielen Patroziniumsfesten auch die Feste der Schutzheiligen der Stadt Venedig; dazu gehören neben dem Evangelisten Markus auch die Jungfrau Maria und der hl. Theodor. Laut Baldauf-Berdes musste an über 200 Tagen im Jahr eines Heiligen gedacht werden. In der Zeit, als sich die vier Ospedali als musikalische Zentren herausbildeten, waren in Venedig neben 26 Kirchenfesten 84 Staatsaktionen zu beachten. Für die festlichen Ereignisse wie die Krönung eines Dogen oder die jährliche Vermählung des Dogen mit dem Meer komponierten die „Maestri“ am Markusdom Motetten und Psalmenvertonungen.

Willaert hatte am Markusdom Sonntagskonzerte eingeführt, was bald auch von den sogenannten „Cori“ (Orchester und Chor), der Ospedali nachgeahmt wurde und zu einer Attraktion für Venedigtouristen wurde.Jane Baldauf-Berdes: Women Musicians of Venice. Oxford 1996, S. 223 f.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelten sich die Ospedali zu musikalischen Konservatorien, in denen virtuose Sängerinnen und Instrumentalistinnen ausgebildet wurden. Einige dieser „Figlie di coro“ verbrachten dort als Berufsmusikerinnen ihr ganzes Leben und garantierten so eine ungebrochene Tradition hoher venezianischer Musikkultur. Ihre Lehrtätigkeit wurde unterstützt und vervollkommnet durch die zahlreichen namhaften Gastmusiker, sei es aus Venedig oder aus den anderen europäischen Zentren der Musik, die die Ausbildung der Musikerinnen auf höchstem Niveau vorantrieben.

Ospedale di San Lazzaro dei Mendicanti mini|Guardi: Kanal, Ospedale und Kirche San Lazzaro dei Mendicanti, um 1780 San Lazzaro dei Mendicanti ist das älteste der vier venezianischen Ospedali. Es geht zurück auf ein Hospiz für Leprakranke in der Nähe von San Trovaso. 1224 zog das Hospiz um auf die gleichnamige Insel San Lazzaro. Geweiht war es dem hl. Lazarus, dem Patron der Leprakranken, die Erweiterung des Namens dei Medicanti ist auf die Dominikaner, zurückzuführen, einem Orden, dessen Brüder das Haus führten.

Als die Dominikaner Anfang des 17. Jahrhunderts nach Venedig zurückkehrten, errichteten sie auf dem weiträumigen Gelände hinter der Scuola Grande di San Marco, das der Große Rat 1565 erworben hatte, ein Hospital. Ab 1601 begann man, sich auch verwaister Kinder anzunehmen, sie zu erziehen und auszubilden, bis das Haus schließlich ein reines Waisenhaus wurde. 1604 nahm man erstmals zwölf Mädchen auf, die als Sängerinnen ausgebildet wurden. In kurzer Zeit entwickelte sich das Mendicanti zu einem der vier großen venezianischen Ospedali. 1704 hatte der „Coro“ aus Sängerinnen und Instrumentalistinnen 60 Mitglieder, im Jahr 1761 war die Anzahl auf 70 angestiegen.

Mit Ende der Republik wurde das Haus geschlossen, im Jahr 1806 als Militärkrankenhaus genutzt und ab 1819 als allgemeines Krankenhaus geführt. smac.provincia.venezia.it Heute gehört das Gebäude zum Komplex des Ospedale Civile SS. Giovanni e Paolo di Venezia.

Die Klosterkirche von San Lazzaro dei Mendicanti wurde zwischen 1601 und 1631 nach einem Entwurf von Vincenzo Scamozzi erbaut. Die Fassade, entworfen von Giuseppe Sardi, basiert auf einer Scamozzi zugeschriebenen Skizze.

Lehrer Carlo Filago, 1637–39 Maestro di coro, Maestro d’istrumenti Giovanni Antonio Rigatti, 1639–43 Maestro di coro Gian Domenico Partenio (vor 1650–1701), Maestro di coro Giovanni Legrenzi (1626–1690), 1683 Maestro di coro Carlo Francesco Pollarolo (um 1653–1723), 1696–1718 Maestro di coroJulie Anne Sadie: Companion to Baroque Music. Berkeley 1998, S. 35; books.google.de Johann Adolf Hasse (1699–1783), 1727 Maestro di coro Antonio Biffi, 1700–30 Maestro di coro Antonio Lotti (1667–1740), 1701 Maestro di coro Giuseppe Saratelli (1714–1762), 1732–39 Maestro di coroGiacomo Giuseppe Saratelli. musiklexikon.net Baldassare Galuppi, 1740–52 Maestro di coro Ferdinando Bertoni, 1752–97 Maestro di coro

Ospedale degli incurabili mini|Ospedale degli Incurabili, Zattere Um 1496 gab es die ersten Syphilis-Fälle in der Stadt, 1530 kam in Venedig Girolamo Fracastoros Gedicht über die Syphilis heraus zu einem Zeitpunkt, als das Ausmaß der Infektion nicht mehr zu übersehen war. Maria Grimani, Maria Malipiero und weitere Frauen aus der venezianischen Oberschicht, die dem Oratorium der göttlichen Liebe und Gaetano da Thiene nahestanden, erwarben ein Grundstück an den Zattere, um dort Unterkünfte für die „unheilbar Erkrankten“, die Incurabili, einzurichten. Nach dem Rückzug der Theatiner aus Venedig nahmen sich die Jesuiten des Hauses an, unter ihnen Francisco de Xavier. Unterkunft und medizinische Versorgung der Kranken wurde durch einen Fonds finanziert.George Grove (Hrsg.): A Dictionary of Music and Musicians, Vol. 4, London 1900, S. 809; Wikisource 1522 erfolgte die erste Visitation durch den Dogen Antonio Grimani, ein Zeichen für die Kontrolle des Ospedale durch die Staatsmacht.

Im gleichen Jahr erhielt das Incurabili die päpstliche Erlaubnis, die Messe zu feiern, 1525 ernannte Clemens VII. das Ospedale di Messer Gesù degli Incurabili zu einem Arcispedale, der gleiche Rang, wie ihn auch das päpstliche Santo Spirito in Sassia in Rom einnahm. Auf Initiative des Papstes wurden zwei Clarissen als Priorinnen eingesetzt. Die Wertschätzung des Ospedale durch den Papst förderte den Spendenfluss für das Incurabili. Ab 1531 nahm man auch ehemalige Prostituierte auf und 16 Mädchen aus Adel und Bürgertum, deren Eltern keine standesgemäße Erziehung finanzieren konnten.

Nach 1565 erbaute Jacopo Sansovino eine neue Kirche für das Incurabili, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurde. Sansovino errichtete einen Kirchenraum, der mit seiner flachen Decke aus Holz und drei übereinanderliegenden Balkonen speziell für die Erfordernisse des mehrchörigen Gesangs geeignet war und wegen seiner guten Akustik berühmt war.Norbert Huse, Wolfgang Wolters: Venedig. 2. Auflage. München 1996, S. 106.

Lehrer Giovanni Domenico Partenio (vor 1650–1701), 1685–89 Maestro di coro Carlo Francesco Pollarolo (um 1653–1723), 1696–1722 Maestro di coroSadie: Companion to Baroque Music, S. 35; books.google.de Johann Adolf Hasse (1699–1783), zwischen 1727 und 1771 mit zahlreichen Unterbrechungen Maestro di coro Antonio Lotti (1667–1740), 1722–40 Maestro di coro Gioacchino Cocchi (ca. 1720–1804), 1751–1756 Maestro di coro Florian Leopold Gassmann (1757–1762) Maestro di coro

Pio Ospedale della Pietà

Schon seit 1335 soll sich der Franziskaner Fra’ Petruccio d’Assisi um die Findlinge in Venedig gekümmert und Spenden für ihren Unterhalt gesammelt haben. 1336 ist das erste Legat zugunsten des Pietà aktenkundig. Betreut wurde die Einrichtung von Anfang an durch eine Gruppe von Frauen, die sich Sorelle de Santa Maria della Pietà nannten und sich bei den Zisterzienserinnen im Kloster Celesta trafen. 1340 kam es zu einer weiteren Stiftung durch den Kaufmann Domenico Trevisan. Ab 1343 nahm sich eine Laienvereinigung, die dem Kloster San Francesco della Vigna nahestand, der männlichen Waisenkinder an. Mit Senatsbeschluss von 1346 wurde ein eigenes Waisenhaus für diese Kinder gegründet. Die beiden Waisenhäuser waren also an der Peripherie der Stadt und weit voneinander entfernt angesiedelt.

1353 setzte der Große Rat eine Priorin ein. Eine Stiftung der Lucrezia Dolfin ermöglichte die Übersiedlung des Waisenhauses an seinen endgültigen Standort an der Riva degli Schiavoni in unmittelbarer Nähe zum politischen und kulturellen Zentrum der Stadt. Ab 1485 stand das Pietà wie auch die anderen ospedali unter der Aufsicht des Magistrato della sanità. 1540 bestimmte der Große Rat drei Adlige als Berater des bisher allein von Frauen geführten Hauses.Jane Baldauf-Berdes: Women Musicians of Venice. Oxford 1996, S. 46–51. mini|150px|„Babyklappe“, Spendenkasten und Tafel von 1548 Aufgenommen wurden ausnahmslos alle Säuglinge, die in der scalfetta, der „Babyklappe“, abgelegt wurden. Die Säuglinge wurden zunächst bei Ammen untergebracht und kehrten als Zweijährige in das Waisenhaus zurück.