Selchow (niedersorbisch Želchow) ist ein Ortsteil der Kleinstadt Storkow (Mark) im Landkreis Oder-Spree des Landes Brandenburg. Das 2003 eingemeindete Dorf wurde 1321 erstmals urkundlich erwähnt und hatte 2021 267 Einwohner.
Geographie und Naturraum mini|links|Landschaft südlich des Dorfkerns an der K 6746 Die Gemarkung Selchows erstreckt sich im Naturpark Dahme-Heideseen an den Westufern des Großen Wochowsees und Großen Selchower Sees sowie am Nordufer des Schweriner Sees. Die drei Seen sind Teil der sechs Seen umfassenden Groß Schauener Seenkette, deren Wasserflächen, teils mit den angrenzenden Uferpartien, komplett zum Storkower Ortsteil Bugk gehören.Brandenburg-Viewer, Digitale Topographische Karten 1:10.000 (Menu – „Mehr Daten“ – anklicken und entsprechend auswählen; zu den Gemarkungsgrenzen „Liegenschaftskataster“ und dort „Gemarkungen“ zuschalten.) Das naturgeschützte Gebiet um die Seenkette wurde 2001 von der Heinz Sielmann Stiftung erworben. In Sielmanns Naturlandschaft Groß Schauener Seen widmet sich die Stiftung dem Erhalt der Seen und des Lebensraums verschiedener Tierarten wie zum Beispiel Fischadler, Fischotter oder Fledermaus. Der „Aussichtsturm Selchow“ nahe dem Großen Wochowsee bietet einen Überblick über das angrenzende Naturschutzgebiet. Der zehn Meter hohe hölzerne Aussichts- und Vogelbeobachtungsturm wurde 1993 mit Mitteln des Umweltministeriums Brandenburg errichtet und 2005 nebst der angrenzenden Feuchtwiese von der Sielmann-Stiftung erworben. 2009 ließ die Stiftung, unterstützt durch Mittel des Landes Brandenburg aus der Konzessionsabgabe Lotto, den Turm sanieren und mit einem Dach ausstatten. Der Turm bildet den Endpunkt eines Natur-Erlebniswegs, der an der Fischerei Köllnitz beginnt.Informationsschild der Heinz Sielmann Stiftung Natur-Erlebnisweg Aussichtsturm Selchow am Turm. Stand: September 2009. Im Südwesten umfasst die Selchower Gemarkung einen Teil des Naturschutzgebiets Linowsee-Dutzendsee.
Das Angerdorf selbst liegt rund 1000 Meter landeinwärts an der Kreisstraße K 6746, die an der Fischerei Köllnitz, einem Wohnplatz des Storkower Ortsteils Groß Schauen, von der Bundesstraße 246 abzweigt und über Selchow nach Schwerin führt und dort endet.
Geschichte mini|178x178px|Wappen der v. Löschebrand Der Name des 1321 als Selco erstmals urkundlich erwähnten Ortes leitet sich von Dorf des Selich oder Schelich ab, möglicherweise der Name des slawischen Ortsgründers.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. (= Brandenburgischen Historischen Studien. Band 13). be.bra wissenschaft verlag, Berlin-Brandenburg 2005, ISBN 3-937233-30-X, S. 158. Der gleichnamige See wurde bereits 1316–1319 mit dem Eintrag in stagno Selcowe in einer Urkunde verzeichnet, die in den von Hermann Krabbo und Georg Winter bearbeiteten und 1955 neu herausgegebenen Regesten der Markgrafen von Brandenburg aus askanischem Hause enthalten ist.Gerhard Schlimpert (Begr.), Reinhard E. Fischer (Bearb.), K. Gutschmidt u. a. (Hrsg.): Die Gewässernamen Brandenburgs. (= Brandenburgisches Namenbuch. Teil 10; Berliner Beiträge zur Namenforschung. Band 11). Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1996, ISBN 3-7400-1001-0, S. 263; die Urkundennummer bei Krabbo/Winter lautet 2737. Im Urkundeninventar wird eine Urkunde vom 3. November 1444 aufgeführt, nach der ein Otto Briescht (?) zu Briest die Dörfer Selchow, Kehrig und Bugk für 69 Schock Groschen verpfändete. Er war damals Vasall des Friedrich von Bieberstein.
1463 kam Selchow in den Besitz der von Löschebrands, die Dorf und Gut über 400 Jahre lang bis über 1880 besaßen. Namhaft wurde Julius Otto Eduard von Löschebrand, bis 1853 Landrat des Kreises Beeskow-Storkow. Das Gut Selchow hatte nach dem 1879 amtlich publizierten General-Adressbuch der Rittergutsbesitzer der Provinz Brandenburg einen Umfang von 546,53 ha. Davon waren 131,87 ha Forsten. Verwalter war zu jener Zeit der Ober-Amtmann Schadow. Als Eigentümer wurden immer noch geführt die Geschwister von Löschebrand, Kinder des genannten Landrats. Gut Selchow ging als Besitz weiter an die Freiherren von Rheinbaben, einer ursächlich als Schlesien stammenden Familie, über eine Vererbung. Elise von Löschebrand (1822–1868), Gutsbesitzerin auf dem Nachbargut Sauen, war die erste Ehefrau des Heinrich Freiherr von Rheinbaben (1815–1885). Und so fiel das Gutseigentum an ihren gemeinsamen Sohn Leo Max Freiherr von Rheinbaben (1849–1918). Leo, Hauptmann a. D. und Rechtsritter des Johanniterordens, war liiert mit der US-Amerikanerin Bertie Tholen (1865–1942), sie lebte als Witwe in Potsdam. Das Ehepaar Rheinbaben hatte die Kinder Günther Freiherr von Rheinbaben, Landrat des Kreises Osthavelland, und Heinz Freiherr von Rheinbaben (1888–1918), gefallen Leutnant im 1. Garde-Regiment zu Fuß. Ihr Vater wirkte als Landwirt vor Ort, schon um 1896 ist Leo Freiherr von Rheinbaben der neue Gutsherr in Selchow. Landwirtschaftlich ging er neue Wege, züchtete Simmenthaler Rindvieh, Yorkshire-Schweine und Merino-Schafe.
Später besaß der Banker Paul Mankiewitz das Gut Selchow. Auf ihn geht auch der Bau des Landhauses Selchow mit Gutshauscharakter zurück. Nachdem Paul Mankiewitz 1924 auf seinem Gut Selchow verstorben war, ging das Haus an seine Söhne. Namentlich führte eine Mankiewitz’sche Gustverwaltungs-Gesellschaft die Besitzung, vertreten durch den Administrator Herbert Baumann. Zum Gut Selchow gehörten so 1929 etwa 560 ha Gesamtfläche, davon 185 ha Forsten. Die Erbengemeinschaft der Brüder wurde nach 1933 enteignet.
Selchow gehörte als Gemeinde bis zur DDR-Länderreform 1952 zum Landkreis Beeskow-Storkow. Am 26. Oktober 2003 wurde Selchow nach Storkow (Mark) eingemeindet.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2003
Bauten mini|Dorfkirche von 1866 Zu den Baudenkmälern der Region Storkow zählen die Selchower Dorfkirche und das gegenüberliegende Pfarrhaus. Auch das lange baufällige Selchower Schloss beziehungsweise Landhaus, das seit 2013 restauriert wird, steht unter Denkmalschutz. Es wurde 1913 im Neubarockstil erbaut. Sehenswert ist zudem die ehemalige Schule, die wie die Kirche, das historische Spritzenhaus und das Kriegerdenkmal auf dem Anger steht. 100-jährige Linden und Kastanien umgeben die Gebäude.
Kirche
Nachdem die alte Selchower Kirche am 3. Oktober 1860 durch ein Feuer vernichtet worden war, wurde das neue Kirchengebäude 1865–1866 nach Plänen von Friedrich August Stüler in neuromanischen Formen errichtet und am 3. Oktober 1866 eingeweiht. Die Patronatsloge des Backsteinbaus geht auf die Gutsbesitzerfamilie von Löschebrand zurück. Der Davidstern im Fenster der Loge wurde nachträglich durch die Familie von Paul Mankiewitz eingelassen. Der Bankier hatte das Rittergut schon 1901 gekauft und 1913 das Schloss Selchow/Landhaus Selchow bauen lassen. Die Kirche wurde mehrfach restauriert und saniert; Ende der 1990er-Jahre erfolgte eine aufwändige Innensanierung. Das Triptychon an der Wand, das ursprünglich für den Altar vorgesehen war, stammt von der Grafikerin und Malerin Renate Niethammer.Tourist-Information Burg Storkow in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Storkower Land: Evangelische Kirche zu Selchow.Stand November 2010.
Die Gemeinde ist Teil der Evangelischen Kirchengemeinde Storkower Land im Kirchenkreis Fürstenwalde-Strausberg der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).
Landhaus Selchow mini|Landhaus Selchow 2013 während der Sanierung mini|Brunnenfigur im Frühjahr 1995 Das Gutshaus/Herrenhaus des ehemaligen Rittergutes Selchow ist unter dem Namen „Landhaus Selchow“ in der Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen; in jüngerer Zeit (Stand 2013) wird es zunehmend als „Schloss Selchow“ bezeichnet. Das Landhaus wurde 1913 von dem Architekten Alfred Breslauer für den genannten Bankier Paul Mankiewitz gebaut.Märkische Landsitze des Berliner Bürgertums. Lexikon: Berliner in der Mark. Siehe Eintrag unter „M“ – Mankiewitz, Paul. Der neubarocke Putzbau mit dreiachsigem Mittelrisalit liegt unter einem Mansardwalmdach in einer zwei Hektar umfassenden Gartenanlage. Bis Ende der 1990er Jahre gab es aus der Bauzeit an einem Springbrunnen vor dem Haus die bronzenen Brunnenfiguren eines Hundes und einer Schwanengruppe.
In der NS-Zeit wurde die jüdische Familie Mankiewitz gezwungen, das Gut zu verkaufen und emigrierte nach Argentinien beziehungsweise Großbritannien. In der DDR-Zeit beherbergte es zunächst eine LPG, dann den Konsum, anschließend eine Bank und zuletzt das Kinderferienlager des Fleischkombinats Eisenhüttenstadt.
Seit 1991 stand das Haus leer und war zuletzt baufällig. 2012 wurde es von Christoph Kamps, der in Berlin und New York eine Agentur für Markenkommunikation betreibt, und von seiner Frau Susanne Groß, Schauspielerin am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, erworben. Seit 2013 lässt das Paar die Anlage mit eigenen und mit EU-Mitteln unter dem Namen „Schloss Selchow“ sanieren und restaurieren. Die neuen Besitzer wollen das Haus als Kultur- und Veranstaltungsort öffentlich zugänglich machen. Beispielsweise sind Fahrradgruppen, Yoga-Kurse und Workshops angedacht. Die Investition ziele nicht auf einen Gewinn, vielmehr wollen die Besitzer nach eigener Angabe ein Stück Geschichte wieder erlebbar werden lassen und Menschen, denen es um Natur und Nachhaltigkeit gehe, der Natur wieder ein Stück näher bringen.Elke Lang:
Infrastruktur und Dorfleben
Im Jahr 2012 führte die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) in der Kernstadt Storkow und in zehn der vierzehn Storkower Ortsteile (sämtlich umliegende Dörfer) eine Dörferbefragung durch, darunter auch in Selchow. Zwar sind die erhobenen Daten […] weder repräsentativ für die Gesamtbevölkerung noch genügen Sie den Standards empirischer Sozialforschung vollständig, dennoch liefern sie Fakten und Hinweise auf die Infrastruktur und das Dorfleben. In der Studie beschreiben die Autoren das Dorfbild unter anderem wie folgt:
Kommunale Selbstverwaltung, Einrichtungen und Mobilität mini|Freiwillige Feuerwehr Selchow mini|Gasthaus „Zur grauen Wildgans“
Die Interessen Selchows in der Stadt Storkow vertritt ein Ortsvorsteher und ein Ortsbeirat (stellvertretender Ortsvorsteher). Die Eingemeindung nach Storkow im Jahr 2003 und die damit verbundene Abhängigkeit sehen die Selchower – wie die Bewohner der meisten anderen Ortsteile auch – eher kritisch und erleben sie als Beschneidung ihrer Handlungsfähigkeit. Allerdings attestieren sie ihrem Ortsvorsteher und -beirat, dass sie sich sehr engagiert für die Belange der Dorfbewohner einsetzen und fühlen sich sehr gut vertreten.HNE Eberswalde: Dörferbefragung … Band 1: Übergreifende Analysen: … 2012, S. 5; Band 2: Ortsteilbeschreibungen. 2012, S. 108.