mini|Friedrich Adler (etwa 1917) Friedrich Wolfgang Adler (* 9. Juli 1879 in Wien; † 2. Jänner 1960 in Zürich) war ein Politiker in der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und Naturwissenschafter. 1916 erschoss er aus Protest gegen die Politik der Regierung im Ersten Weltkrieg den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Stürgkh, wurde dafür zum Tode verurteilt, von Kaiser Karl I. zu 18 Jahren Kerker begnadigt und 1918 amnestiert. Er war 1918 und 1919 wesentlich an der Niederschlagung kommunistischer Putschversuche beteiligt. Von 1923 bis 1940 als (General-)Sekretär der Sozialistischen Arbeiterinternationale tätig, prägte er von 1938 bis 1945 entscheidend die politische Ausrichtung der Exilorganisation der österreichischen Sozialisten (AVOES). Seine deutschnationale Einstellung machte ihn nach 1945 zur politischen Unperson.

Leben Studium, Lehre und erste Kriegsjahre (1897–1916) Friedrich Adler zeigte als Sohn des Gründers und Vorsitzenden der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) Victor Adler bereits in jungen Jahren großes Interesse an der Politik. Seine Mutter Emma Adler war Sozialistin und Schwester der reichsdeutschen Sozialdemokraten Heinrich Braun und Adolf Braun. Aufgrund seiner labilen Gesundheit und seiner Neigung zu FanatismusKarl Sigmund: Ein Fall von Exzess des Mathematischen. Der Standard vom 21. Oktober 2016. wollte ihn jedoch sein Vater von politischen Aktivitäten fernhalten und überredete ihn, nach dem Abitur ein Studium in der Schweiz zu absolvieren. Friedrich ging nach Zürich, erwarb dort 1897 ein Diplom als Fachlehrer für Mathematik und Physik und wurde 1902 zum Dr. phil. promoviert. Im Jahr 1909 bewarb er sich gleichzeitig mit Albert Einstein, dem er seit seiner Studienzeit freundschaftlich verbunden war, um die neu geschaffene Stelle eines Extraordinarius für theoretische Physik, verzichtete dann jedoch zu Einsteins Gunsten. Der Verzicht beruhte vor allem auf seinem verstärkten Engagement in der lokalen Arbeiterbewegung. 1897 wurde er Mitglied im Verband der österreichischen Sozialdemokratie in der Schweiz, 1898 Mitarbeiter der schweizerischen Zeitung Volksrecht, für die er von 1910 bis 1911 als Chefredakteur tätig war. 1901 übernahm er überdies eine Vorstandsfunktion im Verband der Internationalen Arbeitervereine in der Schweiz. Als Einstein im Jahr 1911 an die Universität Prag wechselte, wünschte er sich Adler als Nachfolger. Doch der hatte sich nun endgültig für eine politische Laufbahn entschieden. Er kehrte 1911 nach Wien zurück, wo er neben Otto Bauer als einer der vier Parteisekretäre der SDAP vor allem als Redakteur der programmatischen Monatsschrift Der Kampf arbeitete. Er vertrat dort einen prononciert internationalistischen und pazifistischen Kurs, für den er zunächst kaum Mitstreiter fand. Um so größere Hoffnungen setzte er auf die im Jahr 1889 konstituierte Zweite Internationale, die sich angesichts der Spannungen auf dem Balkan strikt gegen die kriegerische Austragung von Konflikten und für einen Widerstand gegen jede Kriegspolitik des entsprechenden Landes ausgesprochen und entsprechende Resolutionen gefasst hatte.

Der Kriegsausbruch brachte Friedrich Adler zwei bittere Enttäuschungen: Die friedenssichernden Beschlüsse der Zweiten Internationalen wurden fast nirgends umgesetzt, das nationale Interesse überwog bei fast allen Mitgliedern der Internationale. Die zweite Enttäuschung war die Haltung der eigenen Partei. Sie trug nicht nur die Maßnahmen der Regierung mit, sondern unterstützte diese im Kampf gegen das „reaktionäre Zarenregime“. Als am 22. Oktober 1914 im Parteiorgan Arbeiter-Zeitung ein besonders martialisch-patriotischer Artikel des Chefredakteurs Friedrich Austerlitz erschien, war für Adler das Maß voll. Er griff nun in seinen Blättern nicht nur den mit Notverordnungen regierenden Ministerpräsidenten Stürgkh, sondern auch die eigene Parteiführung, und damit auch seinen Vater an. Seine Isolation wuchs. Nachdem er am 20. Oktober 1916 in einer Ansprache eine besonders scharfe Attacke gegen die Parteiführung gerichtet hatte, schien seine Isolation komplett. Einen Tag später griff er zur Waffe.

Attentat und Folgen (1916–1918) Am 21. Oktober 1916 erschoss Friedrich Adler den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Stürgkh im Speisesaal des Wiener Hotels Meissl & Schadn am Neuen Markt. In der Arbeiter-Zeitung bezeichnete Friedrich Austerlitz die Tat zunächst als „der ganzen sozialistischen Ideenwelt fremd und unbegreiflich“. Adler sei ein Mensch, „der einem Wahne folgt“ und sich in einer „unseligen Tat […] im Fanatismus der Selbstzerstörung […] selbst dahin gibt und grausam vernichtet, was noch ein reiches Blühen versprach.“

Den Mordprozess, in dem Adler von Gustav Harpner vertreten wurde, instrumentalisierte Adler als Bühne für eine Abrechnung mit der eigenen Partei. Er beklagte, dass dort bereits der „bürokratische Apparat die Oberhand über die Zukunftsinteressen des Proletariats gewonnen“ habe. Sein Zorn richtete sich vor allem gegen den reformistischen Karl Renner, dem er „biedere Verlogenheit“, „Prinzipienlosigkeit“ und „Gaukelei“ vorwarf. Unter Leuten wie ihm sei die Partei immer mehr „verchristlichsozialisiert, nationalisiert und verkleinbürgerlicht.“ Sie habe sich dadurch immer mehr zu einer „konterrevolutionären Instanz“ entwickelt, die den Grundsätzen der 2. Internationalen längst untreu geworden sei. Er habe die Parteiführung mehrfach vor dieser Entwicklung gewarnt; man habe ihn jedoch nicht ernst genommen. Er sei dadurch zur Überzeugung gelangt, dass nur eine aufrüttelnde Tat das dringend erforderliche generelle Umdenken einleiten könne. Diese Tat habe er nun gesetzt. Es sei ein Attentat „gegen die österreichische Moral“, zweitens ein „Bekenntnis zur Gewalt“ eines Sozialisten, der auf der Basis des Massenkampfes stehe, der nach den sozialistischen Grundsätzen „mit allen zweckdienlichen Mitteln“ zu führen sei. Seine Tat erhalte durch den im Lande vorherrschenden Absolutismus ihre Legitimität. Sie solle weder den Massenkampf ersetzen noch ihn auslösen, sondern lediglich die „psychologischen Voraussetzungen künftiger Massenaktionen“ in Österreich schaffen.Die vollständigen Äußerungen Friedrich Adlers finden sich als stenographisches Protokoll in: Michael Maier, Georg Spitaler (Hrsg.): Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. Das Attentat gegen den Ersten Weltkrieg. Promedia Verlag, Wien 2017, ISBN 978-3-85371-406-5.

Adler wurde zum Tode verurteilt. Nach dem Prozess textete Austerlitz in der Arbeiter-Zeitung bereits anders als nach der Tat. Er machte Adler zwar nicht zum Märtyrer der Bewegung, aber immerhin zum „Märtyrer seiner Überzeugung“, der sich „in aufrechter Tapferkeit“ eingesetzt habe, um „der Sozialdemokratie zu dienen, um der Idee zu dienen, der sich sein Geist, sein Wille, seine Arbeitskraft für ewig verbunden hat.“ Adler wurde bald danach von Kaiser Karl zu 18 Jahren Haft begnadigt und von demselben im Zuge einer seiner letzten Amtshandlungen im Jahr 1918 aus der Haft entlassen. Die Amnestierung wurde Friedrich Adler am Abend des 9. November 1918 von der Gefängnisdirektion in Krems-Stein mitgeteilt. Da um diese Uhrzeit keine Züge mehr nach Wien verkehrten, verbrachte Adler noch eine Nacht in der Strafanstalt und nahm am 10. November 1918 den Frühzug um 6:34 Uhr nach Wien, wo er von seinem Bruder Karl und seinem Vater Victor am Franz-Josefs-Bahnhof erwartet wurde.

Nimmt man die Personalentscheidungen als Maßstab, die am Parteitag 1917 getroffen wurden, so folgten die Parteifunktionäre Friedrich Adlers Botschaft nicht. Man bestätigte nicht nur den alten Vorstand im Amt, sondern berief mit Karl Renner gerade einen von Adler besonders heftig angegriffenen Funktionär in den Vorstand. Doch abgesehen davon waren die Auswirkungen der Schüsse Adlers unverkennbar. Von der Tat und dem Unmut der darbenden, kriegsmüden Bevölkerung beflügelt, hatte man bereits vor dem Parteitag die Weichen vom Sozialpatriotismus zu Zentrismus und Sozialpazifismus gestellt.

Volksheld und die Revolutionsoption (1918–1919) Der amnestierte Friedrich Adler wurde als Volksheld nicht nur von der eigenen Partei, sondern auch von den Kommunisten umworben, die ihm zweimal vergeblich die Parteiführung antrugen. Adler blieb der Sozialdemokratie treu und bekam mit der Führung der Arbeiterräte eine Schlüsselfunktion übertragen. Am 12. November 1918 scheiterte der erste Versuch der Kommunisten, die Macht an sich zu reißen. Die Lage blieb jedoch explosiv, da sich nun auch das kommunistische Ungarn unter Béla Kun in das Geschehen einbrachte. Am 12. Juni 1919 wurden Friedrich Adler die Pläne für einen weiteren kommunistischen Putschversuch unter Führung von Vertretern der Dritten Internationalen zugespielt. Am Folgetag legte er diese Pläne bei der Konferenz der Arbeiterräte auf den Tisch. Sein leidenschaftlicher Appell, diese Aktion nicht zu unterstützen, wurde verstanden, der Putschversuch im Keim erstickt. Nicht ohne Berechtigung stellte Otto Bauer, stellvertretender Parteivorsitzender und Chefideologe der SDAP, später fest, dass die „zielbewusste Führung Friedrich Adlers in den Arbeiterräten, Julius Deutsch und seines Freundeskreises in den Soldatenräten … den Kampf entschieden haben.“

Internationalist (1920–1940) Am 11. November 1918 starb Victor Adler, am nächsten Tag wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen, drei Tage später wurde die Parteiführung an Karl Seitz übertragen, der eher dem pragmatischen Parteiflügel zuzuordnen war. Die eigentliche Führung der Partei übernahm jedoch der stellvertretende Parteivorsitzende und Chefideologe Otto Bauer. Die SDAP ging nun in eine Koalition mit den stimmenschwächeren Christlichsozialen, er selbst übernahm das Außenressort, trat aber einige Monate später zurück, als der ersehnte Anschluss an das sozialistische Deutschland am Veto der Siegermächte scheiterte. Bauers nächster Plan war die Umsetzung der Idee vom „Integralen Sozialismus“, auch „Dritter Weg“ genannt. Es war dies der Versuch, die in die (sozialdemokratisch-reformistische) 2. Internationale und die am 4. März 1919 gegründete (kommunistische) 3. Internationale gespaltene Arbeiterbewegung wieder zusammenzuführen. Diesem Zweck sollte die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (von der Dritten Internationale als 2 1/2 Internationale verhöhnt) dienen. Sie sollte die Reformisten zum Übergang in den „revolutionären Kampf“ bewegen und das Sowjetregime zum friedlichen Abbau der inneren Diktatur anregen, die durch eine „soziale Demokratie zu ersetzen“ sei. Adler war ebenso wie Otto Bauer von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit dieser Initiative zutiefst überzeugt und führte auch den Vorsitz dieser Arbeitsgemeinschaft. Die erste Konferenz unter Anwesenheit von Vertretern aller drei Gruppierungen, die am 2. April 1922 in Berlin begann,Braunthal: Adler. S. 295. zeigte jedoch klar die Unvereinbarkeit der Standpunkte auf. Die Arbeitsgemeinschaft kehrte daraufhin in den Schoß der 2. Internationalen zurück, die am 21. März 1923 in Hamburg zusammentrat und die Sozialistische Arbeiterinternationale gründete. Friedrich Adler und Thomas Shaw wurden zu Generalsekretären gewählt, doch bald war es Adler allein, der bis 1940 die Fäden dieser Organisation zog. Dazu Braunthal, selbst zeitweilig Mitarbeiter Adlers bei der „Arbeitsgemeinschaft“:Braunthal: Adler. S. 300.