mini|Seit 2018 Heimstatt des Instituts für Fennistik und Skandinavistik. Das Gebäude der alten Chirurgie auf dem Lohmeyer-Campus. Die Fennistik Greifswald ist Teil des Instituts für Fennistik und Skandinavistik an der Universität Greifswald. Mit der Begründung des ersten Lektorats für Finnisch in Deutschland 1921 sowie des damaligen Instituts für Finnlandkunde leistete die Universität bei der Etablierung des Forschungsgebietes in Deutschland Pionierarbeit.Manfred Menger: Zur Geschichte des Finnischlektorats an der Universität. In: Deutsch-Finnische Gesellschaft e. V. (Hrsg.): Zwischen zwei Sprachwelten. Festschrift für die Fennistin Kaija Menger zum 75. Geburtstag. Kückenshagen 2009, S. 33–52. 2011 feierten Universität und Lehrstuhl das 90-jährige Bestehen des Finnischunterrichts in Deutschland mit zwei Fachkonferenzen sowie mehreren Ausstellungen. Im Rahmen eines akademischen Festakts zum 100. Jubiläum 2021 wurde der finnischen Sprachwissenschaftlerin Kaisa Häkkinen im Rahmen eines akademischen Festakts die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät verliehen.
mini|Ehemaliges Gebäude des Instituts für Fennistik und Skandinavistik in der Hans-Fallada-Straße, Greifswald
Geschichte Die Beziehungen der Universität Greifswald zu Finnland reichen weit in die Zeit vor der Gründung des ersten Finnischlektorats 1921 zurück, was unter anderem durch die gemeinsame Zeit Vorpommerns und Finnlands unter schwedischer Herrschaft begründet ist. Wissenschaftsgeschichtlich ist die Greifswalder Alma Mater die nach der Göttinger Georgia Augusta wohl wichtigste Geburtsstätte der deutschen Finnlandkunde. Eine große Rolle dabei spielte der Historiker Friedrich Rühs, dessen 1809 veröffentlichtes Werk Finnland und seine Bewohner die erste deutschsprachige Finnlandmonografie darstellte und das deutsche Finnlandbild auf lange Zeit prägte. Eine 1827 herausgegebene Neufassung durch Adolf Iwar Arwidson war sogar in Finnland selbst jahrzehntelang konkurrenzlos.
Im Jahre 1917 beschloss das Preußische Abgeordnetenhaus im Rahmen einer verstärkten Pflege der Auslandsstudien an den Universitäten Preußens, auch Nordeuropa in diese einzubeziehen. Greifswalds traditionelle Beziehungen zu Schweden aufgrund der 170-jährigen Zugehörigkeit zum schwedischen Reich machten die dortige Universität zum idealen Standort des neuzubegründenden Instituts. Am 4. Oktober 1918 wurde das Nordische Institut feierlich eröffnet. Die bis 1933 gültige Satzung nannte als Zweck des Institutes „die Aufgabe, durch Forschung und Lehre die Erkenntnis von Land, Volk und Kultur der nordischen Staaten zu fördern.“ Das neue Institut gehörte keiner Fakultät an, sondern war direkt der Universität unterstellt. Zum Vorstand sowie auch zum Lehrkörper gehörten nicht nur Philologen, sondern auch Geografen, Juristen, Historiker und Nationalökonomen. Dementsprechend vielfältig war das Lehrangebot, das weit über Sprach- und Literaturwissenschaft hinausging. Dennoch lag das Hauptaugenmerk auf den beiden genannten Bereichen, was eine grundlegende Neuerung im deutschen Universitätswesen darstellte.Wilhelm Friese: 75 Jahre Nordisches Institut der Universität Greifswald. Vorabdruck zum 21. Oktober 1993. Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald 1993.
Im November 1920 erhielt das Nordische Institut eine Finnlandabteilung, die im Februar 1922 durch Ministeriumserlass als Institut für Finnlandkunde weitgehend selbstständig wurde. Die Aufgabe dieses Instituts war im Wesentlichen deckungsgleich mit der des Nordischen Instituts, allerdings mit Finnland im Fokus. Entscheidend war die Vermittlung der finnischen Sprache, wofür 1921 ein Lektorat eingerichtet wurde, das erste Finnischlektorat auf deutschem Boden. Finanziell unterstützt wurde dieses Vorhaben durch die Kordelinische Stiftung in Finnland mit jährlich 12.000 Finnmark. In finnischen Wissenschaftskreisen bestand großes Interesse an der Finnlandforschung in Greifswald, was sich auch in der Gründung einer „Gesellschaft von Freunden der finnischen Abteilung am Nordischen Institut“ in Helsinki zeigte.Rainer Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. Mit vergleichenden Betrachtungen zur Greifswalder Nordeuropa-Forschung nach 1945. Überarbeitung der Dissertation von 1984, Greifswald 1997. Der erste Finnischlektor Greifswalds – und damit auch Deutschlands – war der Oberlehrer Arvid Rosenqvist, ein Germanist, der ab Oktober 1921 seine „Finnischen Übungen“ anbot. Neben dem Sprachunterricht gehörten zum Aufgabengebiet des Lektors auch Bibliotheksarbeit sowie ein bis zwei Wochenstunden Vorlesungen, deren Themen je nach Kenntnis und Interesse des jeweiligen Lektors von Literatur und Kultur über finnougrische Sprachgeschichte bis zur finnischen Wirtschaft reichten.
Der erste Direktor des Instituts für Finnlandkunde, der Geographieprofessor Gustav Braun, sah dessen Ausrichtung eher im geographischen und wirtschaftlichen Bereich, was sich auch in der Wahl von Rosenqvists Nachfolger widerspiegelte, Yrjö Vemmel, ein Diplomkaufmann ohne philologische Ausbildung.
Das IfF veröffentlichte im Zeitraum von seiner Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg mehrere wissenschaftliche Serien: die Schriften aus dem Institut für Finnlandkunde (1923–1928) mit umfangreichen Abhandlungen, die Berichte (seit 1922) mit kleineren Beiträgen zu verschiedensten Themen, die Mitteilungen (1921–1938) mit größeren und kleineren Aufsätzen, eine Pressekorrespondenz (bis 1927, wieder ab 1934) sowie gemeinsam mit dem Nordischen Institut die Vierteljahresschrift Nordische Rundschau (seit 1928), die 1936 als Sondernummer ein illustriertes Kalevala-Heft herausbrachte. Im besagten Zeitraum wurde das Vorlesungsprogramm des Instituts auch durch zahlreiche Gastvorträge aus Finnland bereichert, unter anderem von V. A. Koskenniemi und P. Katara.Manfred Menger, Dörte Putensen: Finnlandkundliche Traditionen der Universität Greifswald. In: Pauli Kettunen, A. Kultanen, Timo Soikkanen (Hrsg.): Jäljillä. Kirjoituksia historian ongelmista. Osa 2, Turku 2000, S. 37–59.
Ab 1933 änderte sich einiges für das Institut. Aufgrund seiner Ausrichtung auf ein nordisches Land fiel ihm besonderes Interesse von Seiten der Nationalsozialisten zu. Obwohl man bei der Forschungsarbeit um Objektivität bemüht war, verfielen doch einige Wissenschaftler der herrschenden Ideologie und räumten dem Thema Rassenprobleme in den Publikationen bedeutend mehr Raum ein als zuvor. Auch beteiligte sich das Institut an der Intensivierung der deutsch-finnischen Militärbeziehungen. Lehre und Forschung standen bis zum Kriegsbeginn weiterhin im Vordergrund, erst 1939 änderte sich das Aufgabengebiet des Instituts für Finnlandkunde grundlegend. Die Forschungsarbeit wurde stark eingeschränkt, die Publikationstätigkeit eingestellt und das Institut aufgefordert, seine „Auslandsbeziehungen in den Dienst des deutschen Abwehrkampfes zu stellen.“ Der Finnischunterricht sowie auch restliche Institutsarbeit wurden durch den Einzug der Mitarbeiter zum Militärdienst stark beeinträchtigt. Aufgrund der genannten Entwicklungen war das Institut nach Kriegsende sowohl in Finnland als auch bei den Machtorganen in Nachkriegsdeutschland kompromittiert, was einen Neuanfang des Fachgebiets erforderlich machte.
Im Jahre 1945 wurde die Institutstätigkeit vollständig eingestellt, die Zukunft der Greifswalder Finnlandkunde war ungewiss. Erst 1954 wurde das Nordische Institut reaktiviert und 1955 genehmigte das Staatssekretariat für Hochschulwesen der DDR die Einrichtung eines Finnischlektorats. Lektor wurde Reino Järvinen, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg diese Position innegehabt hatte. Seine erste Aufgabe war die Neuordnung der Fachbibliothek, ab Februar 1956 erteilte er wieder Finnischunterricht. Entsprechend der Greifswalder Tradition und den außenpolitischen Absichten der DDR war die Ausrichtung des neuen Nordischen Instituts, dem die Greifswalder Finnlandkunde angegliedert wurde, nicht rein philologisch. So wurden neben Sprache, Literatur und Kultur Finnlands auch dessen Ökonomie, Innenpolitik und internationalen Beziehungen gelehrt. Aufgabe des Institutes war es, Fachleute für nordeuropäische Fragen auszubilden. Dieses Ausbildungsprofil wurde später dahingehend geändert, dass nunmehr Sprachmittler (Übersetzer und Dolmetscher) und Regionalwissenschaftler ausgebildet wurden. Die Immatrikulation für Fennistik war im Zwei-Jahres-Turnus möglich. 1977 wurde in Greifswald ein Lehrstuhl für Fennistik geschaffen, der wie bereits das Lektorat 1921 ein Novum auf deutschem Boden war. Erster Lehrstuhlinhaber war Kurt Schmidt. Aufgrund der politischen Lage war der direkte Kontakt der Studierenden zu Finnland stark eingeschränkt, was die Lektorinnen durch Kontakt zu Muttersprachlern bei Betreuungsaufgaben und Dolmetschereinsätzen teilweise zu kompensieren versuchten.
Die Einschränkungen in Lehre und Forschung wurden durch die Wende 1989 über Nacht aufgehoben, sie löste jedoch auch andere Vorgänge aus, die letztendlich dazu führten, dass keiner der ursprünglichen mit Finnland befassten Mitarbeiter am Institut verblieb. Der Lehrstuhl für Fennistik blieb jedoch bestehen, und das neue Kultusministerium in Mecklenburg-Vorpommern betrachtete den Fortbestand des Studienganges als wünschenswert. Die nicht-philologisch ausgerichteten Teile des Lehrangebots wurden jedoch gestrichen. Der Finnischunterricht wurde kontinuierlich weitergeführt und der seit 1993 vakante Lehrstuhl im Frühjahr 1994 von Pekka Lehtimäki (1934–2013) und sechs Jahre später von Sirkka-Liisa Hahmo übernommen. Das Nordische Institut war seit 2008 als „Nordische Abteilung“ Teil des Institutes für fremdsprachliche Philologien. Im Jahr 2013 hat es seine Eigenständigkeit zurückerhalten und heißt nunmehr Institut für Fennistik und Skandinavistik. Die Studierendenzahl befindet sich in den letzten Jahren im stetigen Wachstum.Uni Greifswald:
Derzeit (Stand 2021) studieren ca. 50 Studierende Fennistik in Greifswald. Lehrstuhlinhaber ist seit 2008 Marko Pantermöller, der vorher sechs Jahre lang als Assistent am Lehrstuhl tätig war. Das Lektorat für Finnisch hat seit dem Wintersemester 2016 Dr. Jutta Salminen inne. Des Weiteren sind Dr. des. Yvonne Bindrim und Dr. Thekla Musäus als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen mit Lehrverpflichtung am Lehrstuhl beschäftigt. Reine Forschungsaufgaben leisten im Rahmen von Drittmittelprojekten die Mitarbeiter Dr. Santeri Junttila und Benjamin Schweitzer. Die Greifswalder Fennistik ist Erasmus-Partnerhochschule der Universitäten in Helsinki, Turku, Tampere, Jyväskylä, Tallinn und Tartu sowie der Universität Ostfinnland.Uni Greifswald:
Studierende und Lehrkörper der Fennistik sind jedes Jahr bei der Ausrichtung des Nordischen Klangs in Greifswald, des größten skandinavischen Kulturfestivals außerhalb Skandinaviens, beteiligt, an dem regelmäßig namhafte Musiker und Autoren aus Finnland teilnehmen.
Lehrangebot Am Lehrstuhl für Fennistik in Greifswald kann das Fachgebiet sowohl als eines von zwei Fächern im Bachelor sowie darauf aufbauend als Schwerpunktfach im integrierten linguistischen Masterstudiengang Sprachliche Vielfalt studiert werden. Beide Studiengänge beinhalten neben dem Sprachunterricht im Finnischen (sowie für Masterstudenten auch in Finnlands zweiter Landessprache, dem Schwedischen) Seminare und Vorlesungen zu Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Landes- und Kulturstudien. In Zusammenarbeit mit der Greifswalder Skandinavistik werden auch Kenntnisse der skandinavischen Literatur- und Kulturgeschichte vermittelt.Uni Greifswald: Im Oktober 2019 wurde mit Unterstützung des estnischen Bildungsministeriums ein Gastlektorat für estnische Sprache und Kultur am Lehrstuhl für Fennistik eingerichtet.