mini|Der finnische Filmregisseur Mika Kaurismäki (2009)

Der finnische Film hat eine lange Geschichte. Die erste Filmproduktion in Finnland entstand 1907. Höhepunkte waren unter anderem das „goldene Zeitenalter“ der 1930er Jahre, die „Neue Welle“ der 1960er Jahre oder die „jungen Wilden“ der 1980er Jahre – darunter die bekannten Filmemacher Mika Kaurismäki und Aki Kaurismäki.

Die Finnische FilmstiftungDie Finnische Filmstiftung (Suomen Elokuvasäätiö) (Englisch) (Suomen Elokuvasäätiö) spielt eine wichtige Rolle für den finnischen Film, indem sie Fördergelder für die Produktion von Filmen in dem dünn bevölkerten Land (5,4 Millionen Einwohner) zur Verfügung stellt.Artikel über Aki und Mika Kaurismäki sowie über den Aufschwung des finnischen Films zu Beginn der 2000er Jahre auf www.zeit.de, abgerufen am 20. Mai 2012

Geschichte

1896–1920: Vor der Unabhängigkeit

Erste öffentliche Filmvorführungen gab die Firma der Gebrüder Lumière in Helsinki bereits 1896 – ein Jahr nach der Erfindung des Filmemachens.

1904 wurden die ersten Filmaufnahmen in Finnland gemacht. Es ist unbekannt, wer den ersten Film in Finnland drehte. Die erste finnische Filmfirma Atelier Apollo wurde 1906 vom Ingenieur K. E. Ståhlberg gegründet. Sie produzierte überwiegend Dokumentarkurzfilme, aber auch den ersten finnischen Langfilm SalaviinanpolttajatSalaviinanpolttajat auf www.imdb.de (Die Schwarzbrenner) (1907) (Regie: Teuvo Puro). labkultur.tv, abgerufen am 20. Mai 2012 Von Anfang an war die finnische Filmindustrie in der Hauptstadt Helsinki angesiedelt. Dennoch gab es ab 1907 für ein paar Jahre eine nennenswerte Filmfirma (Oy Maat ja Kansat) in Tampere, die Dokumentarkurzfilme produzierte.

Nach 1907 gab es eine Periode (1909–1911) als keine finnischen Filme produziert wurden – zum Teil wegen der politischen Situation in Finnland, das damals als autonomes Großfürstentum Finnland ein Teil Russlands war und dadurch von den weltweiten politischen Umständen beeinflusst wurde.

Teuvo Puro führte auch beim ersten abendfüllenden finnischen Spielfilm SylviSylvi auf www.imdb.de Regie – nach dem Theaterstück von Minna Canth. Der Film wurde 1911 neben zwei anderen abendfüllenden Literaturadaptionen gedreht, aber erst 1913 erstmals aufgeführt. Die Filmemacher hatten nicht genügend Geld, um die Filme sofort in das nächste Labor in Kopenhagen zum Entwickeln zu schicken. Daher blieb das Filmmaterial zu lange liegen und zwei der drei Filme waren ruiniert.

In den Jahren, die Sylvi folgten, entstanden die ersten Filmfirmen, die Langfilme produzierten (wie Hjalmar V. Pohjanheimos Lyyra-Filmi), die sowohl lustige Kurzfilme wie auch Kunstfilme produzierten. Erik Estlander versuchte auch, größer angelegte Filmproduktionen zu machen und baute 1916 ein Studio mit Glaswänden und Glasdach in Helsinki. Am Ende desselben Jahres verboten die russischen Behörden sämtliche filmischen Aktivitäten in Finnland. 1917 erklärte sich Finnland für unabhängig und 1918 kam es zum finnischen Bürgerkrieg. Erst ab 1920 – nach dem Ende der politischen Wirren um die Unabhängigkeit des Landes – wurden wieder Filme gedreht.

So blieb die finnische Filmindustrie der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinter der Kreativität der skandinavischen Nachbarländer Schweden und Dänemark zurück. Darüber hinaus ging das meiste Filmmaterial, das vor der Unabhängigkeit entstanden war, verloren. Von den Langfilmen sind nur 13 Minuten von Sylvi erhalten.

1920–1930: Stummfilmjahre

Als sich nach dem finnischen Bürgerkrieg die politische Situation langsam beruhigte und stabilisierte, konnte sich die finnische Gesellschaft und deren Kultur wieder entwickeln. Dies betraf auch die Filmkunst: Es wurden wieder zunehmend Filme gedreht, die zu einem wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens in Finnland wurden.

Suomi-Filmi

Dank der erfolgreichen Filmproduktionsfirma Suomi-Filmi (gegründet unter dem Namen Suomen Filmikuvaamo im Jahre 1919) und deren kreativen Leiter Erkki Karu kam die Filmproduktion in den 1920er Jahren wieder in Gang. Er führte bei den wichtigsten Filmen jener Zeit Regie und war damit die Hauptfigur im finnischen Kino, bevor er bereits 1935 im Alter von 48 Jahren verstarb. Sein Film NummisuutaritNummisuutarit auf www.imdb.de gilt als entscheidendes Meisterwerk der Stummfilmära. Es handelt sich dabei um eine frisch erzählte Komödie über Leute vom Lande nach dem Theaterstück von Aleksis Kivi mit einer leicht experimentellen Kameraarbeit des deutschen Kameramanns Kurt Jäger. Auch drehte er den ersten Film, der international vertrieben wurde (Koskenlaskijan morsian von 1923). Bis heute gilt Karu als wohl einflussreichster und bedeutendster Regisseur der Stummfilmzeit Finnlands.

Zuschauer der bäuerlich geprägten ländlichen Regionen mochten Geschichten über die Menschen vom Lande von Suomi-Filmi. Während der Stummfilmzeit blieb Suomi-Filmi diesen Themen treu. Hin und wieder gab es jedoch auch Ansätze mehr städtische oder „europäische“ Filme zu machen – doch diese floppten.

Ein anderer wichtiger Regisseur bei Suomi-Filmi war Teuvo Puro, der den ersten abendfüllenden Film der Produktionsfirma und einen der wenigen finnischen Horrorfilme drehte. Eine Kuriosität der letzten beiden Stummfilmjahre war Carl von Haartman, ein Soldat und Abenteurer, der als Militärberater in Hollywood gearbeitet hatte. Deswegen glaubte man, dass er Filme drehen könnte. Seine beiden Oberschicht-Spionage-Dramen von 1929 und 1930 fielen jedoch beim Publikum durch.

Andere Produktionsfirmen

Suomi-Filmi dominierte die finnische Filmproduktion in den 1920er Jahren deutlich. So produzierte Suomi-Filmi zwischen 1919 und 1930 23 der insgesamt 37 abendfüllenden Spielfilme. Andere Filmproduktionsfirmen, die hin und wieder gegründet wurden, verschwanden nach ein bis zwei Filmen wieder vom Markt.

Die bedeutendste Filmfirma neben Suomi-Filmi tauchte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auf, als der deutsche Kameramann Kurt Jäger Suomi-Filmi verließ und seine eigene Firma (Komedia-Filmi) gründete. Komedia-Filmi war mit der Filmverleihfirma Ufanamet verbunden, die zu jener Zeit den Filmverleih in Finnland dominierte. Diese Kombination war eine ernstzunehmende Konkurrenz für Suomi-Filmi, so dass Suomi-Filmi damit begann ihre neuen Konkurrenten zu diffamieren: Sie unterstellten Komedia-Filmi und Ufanamet, dass sie ausländische Eindringlinge seien. Schließlich gingen beide Konkurrenten bankrott.

1929 hatten zwei Filme der neuen kleinen Filmproduktionsfirma Fennica Premiere, bei denen Valentin Vaala Regie führte, der später der bedeutendste Regisseur des goldenen Zeitalters des finnischen Kinos wurde. Als er seinen ersten Film Mustat silmätMustat silmät auf www.imdb.de drehte, war er gerade einmal 17 Jahre alt. Sein Hauptdarsteller Theodor Tugai (später Teuvo Tulio) war erst 14 Jahre alt. Dieser Film und dessen unmittelbar folgendes Remake MustalaishurmaajaMustalaishurmaaja auf www.imdb.de waren leidenschaftliche Dramen mit orientalischem Einfluss. Unglücklicherweise hat nur das Remake überlebt, da die Filmemacher das einzige Negativ von Mustat silmät zerstörten, indem sie dieses ins Meer warfen, weil sie das Remake als weit besser erachteten.

Es gab auch Firmen, die außerhalb der Hauptstadt Filme produzierten – in Viipuri, Oulu und Tampere.

1931–1933: Die ersten Tonfilme

Die Blütezeit des finnischen Films begann mit dem Tonfilm. Die ersten Experimente mit Ton wurden von Lahyn-Filmi aus Turku unternommen. Der erste Ton-Langfilm mit Liedern aus dem Jahre 1931 wurde vom Firmenchef Yrjö Nyerg (später: Norta) inszeniert: Sano se suomeksi.Sano se suomeksi auf www.imdb.com Der Film entsprach mehr einer Sammlung von Musical-Revue-Nummern als einem Spielfilm.

Suomi-Filmi änderte seine Filmproduktion von Stumm- zu Tonfilm im selben Jahr. Der erste finnische Film mit Filmmusik wurde 1931 von Suomi-Filmi produziert: Aatamin puvussa ja vähän Eevankin.Aatamin puvussa ja vähän Eevankin auf www.imdb.de Dieser basierte auf dem beliebten, gleichnamigen Theaterstück von Agapetus (Pseudonym von Yrjö Soini). Der Soundtrack umfasste ausschließlich Musik und einige Toneffekte. Der erste wirkliche Tonfilm von Suomi-Filmi war Tukkipojan morsianTukkipojan morsian auf www.imdb.de – ein Drama auf dem Lande aus dem Jahre 1931, bei dem Erkki Karu Regie führte.

1934–1939: Das goldene Zeitalter

Das Studiosystem

1933 wurde der Firmengründer Erkki Karu bei Suomi-Filmi gefeuert. Er gründete daraufhin eine neue Filmproduktionsfirma (Suomen FilmiteollisuusSuomen Filmiteollisuus auf www.imdb.com), die als Logo die Initialen SF benutzte. Dieser Firma gelang es besser als früheren Konkurrenten mit Suomi-Filmi mitzuhalten und nach ein paar erfolgreichen Komödien, bei denen Karu Regie führte, war sie ebenso bedeutend wie Suomi-Filmi.

Der Wettbewerb zwischen den beiden Firmen war fruchtbar: Am Ende der 1930er Jahre wurden jährlich etwa 20 abendfüllende Spielfilme produziert. Die Qualität der Produktionen war hoch, die inhaltliche Bandbreite nahm zu und die Beliebtheit von Filmen aus dem eigenen Land stieg bei den Finnen an. So entstand mit eigenen Stars und kreativen Produzenten in Finnland ein Mini-Hollywood. Neben den beiden großen Studios waren auch kleinere Produktionsfirmen erfolgreich.

Auch der Tonfilm hatte dazu geführt, dass das Interesse der finnischen Bevölkerung an einheimischen Filmen zunahm. Der große Durchbruch für den finnischen Tonfilm war Siltalan pehtooriSiltalan pehtoori auf www.imdb.com von 1934 – eine gelungene Komödie von Suomi-Filmi, die über 900.000 Zuschauer in die Kinos lockte. Weitere sehr erfolgreiche Filme jener Ära waren AktivistitAktivistit auf www.imdb.com (1939) von Risto Orko, JuhaJuha auf www.imdb.de (1935) von Nyrkii Tapiovaara oder Juurakon HuldaJuurakon Hulda auf www.imdb.de (1937) von Valentin Vaala. Doch erst der Spielfilm Kulkurin valssiKulkurin valssi auf www.imdb.de (1941) von T.J. Särkkä konnte bei den Zuschauerzahlen die Millionen-Marke überschreiten.

Suomi-Filmi

Nach dem Rauswurf von Erkki Karu wurde dieser durch Risto Orko als Chef von Suomi-Filmi ersetzt. Er leitet Suomi-Filmi bis in die 1990er Jahre – lange nachdem die Firma aufgehört hatte Filme zu produzieren. Orko inszenierte Siltalan pehtooriSiltalan pehtoori auf www.imdb.de und führte danach noch einige Mal Regie – unter anderem bei zwei historisch-patriotischen Dramen Ende der 1930er Jahre: Jääkärin morsianJääkärin morsian auf www.imdb.com (1938) und AktivistitAktivistit auf www.imdb.com (1939). Die meisten Filme, bei denen er Regie führte, wurden zu Klassikern.

Der wichtigste Regisseur bei Suomi-Filmi wurde in den 1930er Jahren Valentin Vaala, der eine besonders kreative Schaffensperiode Ende der 1930er Jahre hatte. Bevor er zu Suomi-Filmi kam, hatte er nach der Stummfilm-Ära noch drei Filme für seine erste Firma Fennica gedreht. Als er mit dem vierten Tonfilm begann, ging die Firma pleite und er ging zu Suomi-Filmi. Sein erster Film bei Suomi-Filmi war die eher bescheidene Komödie Kaikki rakastavatKaikki rakastavat auf www.imdb.com aus dem Jahre 1935. Trotzdem war sie sehr erfolgreich und führte zwei der beliebtesten finnischen Filmstars ein: Ansa Ikonen und Tauno Palo.

Vaalas letzte Fennica-Filme waren Großstadtkomödien – ein Genre, das er beim neuen Studio Suomi-Filmi erfolgreich mit seinen zwei folgenden leichten Filmen VaimokeVaimoke auf www.imdb.com und MiehekeMieheke auf www.imdb.com (beide von 1936) weiterentwickelte. Juurakon HuldaJuurakon Hulda auf www.imdb.com (1937) war ein weit ernsthafterer Versuch Valentin Vaalas im selben Genre: eine sozialkritische Geschichte über ein Mädchen vom Lande, das in der großen Stadt ankommt und unausweichlich mit Problemen aufgrund der Ungleichheit der Geschlechter konfrontiert wird. Der Film und dessen Thema wurden mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommen.