mini|Ruinen und Mahnmal der St.-Martin-Kirche am Monte Sole, Marzabotto Als Massaker von Marzabotto, auch Massaker am Monte Sole genannt, werden die massenhaften und systematischen Tötungen und Ermordungen von italienischen Staatsangehörigen aller Altersklassen in der Umgebung von Marzabotto durch deutsche Soldaten zwischen dem 29. September und dem 1. Oktober 1944 bezeichnet. Marzabotto ist eine Apenninen-Gemeinde in der Nähe der italienischen Stadt Bologna in der Emilia-Romagna.

Bei einer als Strafaktion gegen Partisanen der „Stella-Rossa“-Gruppe begründeten Operation sollten nach späterer Darstellung der SS-Angehörigen für Angriffe auf die deutschen Streitkräfte verantwortliche „Banditen und Bandenhelfer“ gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden. Die Ausführung der folgenden Taten konnte maßgeblich Angehörigen der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ zugeordnet werden und gilt in der Gesamtbetrachtung als größtes Kriegsverbrechen der deutschen Streitkräfte auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Die Liste der über 770 Opfer enthält auch die Namen und Geburtsdaten von 213 Kindern unter 13 Jahren. Erwachsene Männer im wehrfähigen Alter fehlen fast völlig auf der Liste.

Dieses große Kriegsverbrechen und die strafrechtliche Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg belastete noch lange das zwischenstaatliche Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland und Italiens. Durch eine wissenschaftliche Aufarbeitung liegen heute mehr Erkenntnisse vor, die nunmehr zu einer regelmäßigen Beteiligung staatlicher deutscher Funktionsträger an der nationalen italienischen Gedenkkultur geführt haben.

Gebiet Die Massaker und die Zerstörungen fanden vom 29. bis 30. September 1944 in bergigem Gelände zwischen den Orten Grizzana und Marzabotto statt. Dieses Gebiet ist von Tälern und Bergen durchzogen. Es handelt sich um ein Felsenplateau, das sich zwischen den Flusstälern von Setta und Reno erhebt. In dem bergigen Gebiet befinden sich mehrere Ansiedlungen und die Stadt Marzabotto, in denen Zivilpersonen und Partisanen damals nebeneinander lebten. In dieses Gebiet drang die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ ein, als sie an der Gotenstellung wegen der vorrückenden alliierten Kräfte zurückweichen musste.

Vorgeschichte Die von Mario Musolesi geführte Partisanenorganisation Stella Rossa (italienisch für "Roter Stern"), von der SS hinsichtlich ihrer Personalstärke maßlos überschätzt, wäre nie in der Lage gewesen, den Nachschubverkehr des Militärs zu gefährden. Vermutet hatte die Waffen-SS, dass sich 2000 Partisanen in dem Gebiet aufhalten. Es waren aber maximal 500. Die Partisanen kontrollierten zwar Teile des Bergmassivs, die SS-Division aber die Verkehrswege.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 238.

Bereits im Juli und auch Anfang September hatte es mehrere Partisanenüberfälle gegeben, die das Militär mit Gegenmaßnahmen beantwortete, die die Partisanen und die Bevölkerung einschüchterten. Beispielsweise gab es am 22. Juli 1944 nach einem Partisanenüberfall eine Gegenmaßnahme des Militärs mit 27 getöteten Zivilisten. Als Partisanen einen Soldaten töteten, wurden zur Vergeltung sechs Bauernhäuser zerstört, sechs „Banditen“ erschossen und zwölf Männer und elf Frauen in Haft genommen. Die sechs Erschossenen waren allerdings Bauern und Landarbeiter und keine Partisanen. Partisanen erschossen am 12. September einen Leutnant und einen Feldwebel, daraufhin wurden 12 Zivilisten erschossen. Als die SS-Division zwei Wochen danach in dem Gebiet eintraf, erfolgten weitere Überfälle. Die Divisionsführung wollte dies nicht weiter hinnehmen und bereitete Ende September ein „Vernichtungsunternehmen“ vor; dabei wurde ein Begriff verwendet, der überaus unüblich für Maßnahmen der Partisanenbekämpfung in Italien im militärischen Sprachgebrauch des deutschen Militärs war.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 239.

Massaker Nachfolgend sind vor allem die größeren Massaker dargestellt, die verübt wurden. Es gab noch zahlreiche weitere Tötungen. Zunächst wurde von einer Opferzahl von 1830 ausgegangen, die bis in die 1990er Jahre verwendet wurde. Aufgrund zahlreicher Studien geht man inzwischen von 770 Getöteten aus.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 250.

Vorbereitung Die gesamte militärische Leitung und Vorbereitung übertrug SS-General Max Simon, der Divisionskommandant 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“, an den Obersturmbannführer Helmut Looß, der am 28. September 1944 den Einsatzbefehl erhielt. Looß, dritter Generalstabsoffizier (Ic) der Division und verantwortlich für „Bandenbekämpfung“, war bereits zwischen 1943 und 1944 Kommandeur des Sonderkommandos 7a an der Ostfront und nach seiner Versetzung zur 16. SS-Panzergrenadier-Division maßgeblich für den Tod von Zivilisten bei den Massakern von Fivizzano, Sant’Anna di Stazzema und weiteren Massakern in Italien verantwortlich gewesen. Für die Führung der Kampfeinheiten waren die jeweiligen Kommandeure zuständig. SS-Sturmbannführer Walter Reder, der die SS-Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16 führte, nahm an den Massakern nicht unmittelbar teil, weil er am Knie verletzt war, und leitete über Funk seine Einheit von einem Befehlsstand aus.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 239/240.

Der genaue Wortlaut der Befehle an die Kompanien ist nicht bekannt.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 239. Dass die absichtliche Tötung von Zivilisten von der militärischen Führung in diesem Massaker angeordnet wurde, ist von mehreren Soldaten bezeugt worden. Reder habe die mündliche Weisung erteilt, dass alle diejenigen Personen, die sich in der Nähe von bewaffneten Partisanen befinden, zu erschießen seien.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 240 und 241.

Die SS-Panzer-Aufklärungsabteilung 16 von Reder stellte die wichtigsten Truppen. Sie war der Hauptakteur. Des Weiteren waren Teile des SS-Panzer-Regiments 35, die SS-Divisions-Begleit-Kompanie, Batterie-SS-Flak-Abteilung 16 und SS-Panzer-Abteilung 16 mit ihren Sturmgeschützen beteiligt. Die Luftwaffe kommandierte Teile des Flak-Regiments 105 ab. Das Heer stellte das IV. (Russische) Bataillon des Grenadier-Regiments 1059 der 362. Infanterie-Division und mehrere Alarmeinheiten bereit.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 239.

Das Ziel war, die Partisanen einzuschließen und in einem konzentrierten Angriff zu vernichten. Das Vorgehen der Kampfeinheiten ist wie folgt beschrieben worden: Das gesamte Gelände absperren sollten das IV. (Russische) Bataillon und die Alarmeinheiten. Reders Einheiten sollten über das Tal der Setta ins Zentrum vordringen. Von den Flanken sollten die anderen oben genannten Kampfeinheiten eindringen.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 240.

29. September 1944 SS-Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16 Bei Tagesanbruch des 29. September begann die Operation. Um 9:00 Uhr kam es zu einem heftigen Feuergefecht mit Partisanen bei Cadotto, wobei die beteiligte Kompanie 20 Männer verlor. Dies waren die einzigen Verluste des Reder-Bataillons im Verlauf der gesamten Operation. Während sich der Kampf mit den Partisanen in Cadotto hinzog, drangen andere Kampfgruppen in die Häuser ein und räumten diese. Frauen, Kinder und alte Männer, etwa 30 an der Zahl, wurden auf Befehl SS-Obersturmführer Willfried SegebrechtWilfried Segebrecht auf www.ns-taeter-italien.org an die Wand gestellt und mit Maschinengewehren erschossen. Dabei machten sie keinen Unterschied zwischen bewaffneten Partisanen und Zivilisten.

Anschließend zogen die Soldaten weiter, in Casoncello nahmen sie alle Zivilisten fest, die ihnen auf ihrem Marsch begegneten, und brachten sie bis San Giovanni. Als sie gegen 11:00 Uhr ankamen, trieben sie die dortigen Bewohner aus einem Luftschutztunnel, in dem sie sich versteckt hatten. Sie führten beide Gruppen zusammen und erschossen insgesamt 49 Zivilisten mit Maschinengewehren, darunter waren 19 Kinder unter 13 Jahren.

Auf dem Friedhof von Casaglia trieben sie 80 Personen zusammen, die erschossen wurden, darunter 39 Kinder. Nach diesem Massaker zog eine Soldatengruppe weiter nach Caprara, wo sie etwa 35 bis 50 Bewohner zusammentrieben und in eine Kapelle eingesperrten. Anschließend warfen sie Handgranaten in den Raum und schossen mit Handfeuerwaffen hinein. Später blieb eine Gruppe von etwa 40 Personen auf einem höher gelegenen Gehöft unbehelligt. Als von dort eine Gruppe von 10 Personen, zwei Frauen und acht Kinder bzw. Säuglinge, ins Tal hinabstieg, wurden sie aufgegriffen und erschossen.

In der Siedlung Cerpiano wurden etwa 50 Frauen und Kinder in einen Raum gesperrt und von Handgranaten und Schüssen getötet. Anschließend blieben Soldaten als Posten zurück. Sie erschossen die Verletzten, als diese die Kapelle verlassen wollten.

mini|Gedenktafel für den Pfarrer Marchioni Eine Kampfgruppe ging von Gardeletta aus durch mehrere Ortschaften, aus denen Einwohner und Partisanen in die Berge und Wälder geflohen waren. Etwa 100 Personen waren aus den Orten in die Kirche von Casaglia geflüchtet. Diese mussten sie verlassen und wurden auf dem Friedhof festgehalten. Der 26-jährige Pfarrer Don Ubaldo Marchioni wurde nach dem Verbleib der Männer und Partisanen befragt. Er konnte keine Auskunft geben und wurde getötet. Anschließend wurden etwa 80 Frauen und Kinder auf dem Friedhof von den SS-Männern erschossen. Eine Gruppe SS-Männer zog weiter nach Caprara. Dort wurden 35 bis 50 Personen in einen Raum eingesperrt und unter Einsatz von Handgranaten und Maschinengewehren getötet. Anschließend zündeten sie das Haus an. Die Hälfte der Getöteten waren Kinder.

Mindestens sechs der größeren Massaker und eine nicht bezifferbare Zahl von kleineren Erschießungen konnten der SS-Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16 zugeordnet werden.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 239/246.

Weitere Einheiten Während der SS-Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16 eindeutig Taten und Namen zugeordnet werden können, ist dies bei den anderen Einheiten schwieriger.

Beim Bauernhof Creda wurden 70 Personen mit Maschinengewehren erschossen, nahezu nur Frauen und Kinder. Dieselben SS-Männer töteten auf dem Bauernhof Maccagnano acht Frauen und vier Kinder und auf dem Bauernhof Vallego weitere 11 Personen, acht Frauen, zwei Kinder und einen 72-jährigen Mann.

Es gab lediglich wenige Fälle, in denen Menschen verschont wurden: 60 Zivilisten konnten durch die Fürsprache einer deutschsprechenden Italienerin vor dem Erschießen bewahrt werden.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 246/247.

30. September 1944