mini|Das Großsteingrab Stöckheim zählt aufgrund seines markanten Decksteins zu den bekanntesten Megalithanlagen Sachsen-Anhalts mini|Regionale Gruppen der Megalithik in Sachsen-Anhalt (nach Beier)
Die Megalithik trat während der Jungsteinzeit fast im gesamten Gebiet von Sachsen-Anhalt auf. Etwa 500 Großsteingräber sind bekannt, von denen 167 erhalten sind. Die Anlagen konzentrieren sich in mehreren Regionen, wobei der Verbreitungsschwerpunkt vor allem in der Altmark und im Landkreis Börde im Norden des Landes liegt. Im Süden kommen megalithische Grabformen nur vereinzelt vor. In Sachsen-Anhalt wurden megalithische Bauten von mehreren Kulturen errichtet bzw. genutzt, die je nach Region durch die Nordische Megalitharchitektur der Trichterbecherkultur (TBK) oder durch die Architektur der in Hessen, Niedersachsen und Westfalen beheimateten Wartberg-Kultur beeinflusst wurden.
Forschungsgeschichte Antiquarische Untersuchungen mini|hochkant|Abbildung von Großsteingräbern in der Historische[n] Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg (1751) Eine erste Erwähnung von Großsteingräbern auf dem Gebiet von Sachsen-Anhalt findet sich bei dem niederländischen Altertumswissenschaftler Jacobus Tollius, der in einem Brief von 1687 auf Gräber in der Nähe von Magdeburg hinweist, ohne dazu nähere Ausführungen zu machen.Schulz: Jacobus Tollius und die Großsteingräber bei Magdeburg. 1959.
Die ersten genaueren Beschreibungen und Abbildungen von Großsteingräbern gehen auf Johann Christoph Bekmann zurück. In seiner 1710 erschienenen „Historie des Fürstenthums Anhalt“ geht er auf Megalithanlagen zwischen Bernburg und Köthen und den angrenzenden Gebieten ein, darunter das Großsteingrab Drosa und das Hünenbett Gehrden.Bekmann: Historie des Fürstenthums Anhalt. 1710, S. 25–27, Taf. 1. 1751 erschien die von ihm begonnene und von seinem Großneffen Bernhard Ludwig Bekmann fertiggestellte „Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg“.Bekmann/Bekmann: Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg. 1751. In dieser Schrift wurden erstmals 36 Großsteingräber der Altmark genauer beschrieben und zwölf davon abgebildet. Hier findet sich auch erstmals eine Untergliederung der Gräber in Hünen- oder Heidenbetten und „Grabaltäre“ ohne umgebende Steinkreise.Bekmann/Bekmann: Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg. 1751, S. 347–351.
Die ersten überlieferten Untersuchungen von Großsteingräbern fanden Ende der 1720er Jahre statt. In der Altmark ließ der Landeshauptmann Wilhelm Ludwig von dem Knesebeck 1728 in der Umgebung von Bierstedt mehrere Gräber öffnen. Über diese Aktivitäten existiert allerdings nur ein knapper, mehrere Jahre später entstandener Bericht, dem sich nicht mehr entnehmen lässt, als dass einige Knochenreste und verzierte Scherben in den Grabkammern gefunden wurden.Hartmut Bock, Barbara Fritsch, Lothar Mittag: Großsteingräber der Altmark. 2006: Großsteingräber der Altmark. 2006, S. 14. Ausführlicher ist der Bericht über eine Grabung am Großsteingrab Grimschleben 1 („Heringsberg“) bei Nienburg im Jahr 1729. Neben einer mehrseitigen Beschreibung des Grabes und der darin gemachten Funde findet sich hier auch eine Skizze der Grabkammer.Abel: Teutsche und Sächsische Alterthümer. Teil 2, 1730, S. 487–492.
Ein für das Jerichower Land wichtiges Dokument stellt eine Chronik des Pfarrers Joachim Gottwalt Abel aus Möckern, aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. Er nennt über vierzig Gräber, von denen nur noch drei existieren.Herms: Die Megalithgräber des Kreises Jerichow I. 1928.
Der Beginn der wissenschaftlichen Archäologie mini|Johann Friedrich Danneil Die erste wissenschaftlich zu nennende Beschäftigung mit den altmärkischen Gräbern fand in den 1830er Jahren statt. Dank finanzieller Unterstützung durch die preußischen Behörden konnte Johann Friedrich Danneil, Schuldirektor aus Salzwedel, die gesamte Mark bereisen und ihren Bestand an Gräbern erfassen.Eine ausführliche Zusammenfassung von Danneils Forschungsarbeit findet sich bei Preuß: Johann Friedrich Danneil und die Großsteingräber der Altmark. 1983. An sechs Gräbern führte er Ausgrabungen durch. Von den Funden, meist nur Scherben und einzelne Feuersteingeräte, zeigte er sich recht enttäuscht und bezeichnete sie als „unbedeutend“. Immerhin erlaubten sie ihm aber eine grobe zeitliche Einordnung. Da er in ihnen keine Metallgegenstände gefunden hatte, folgerte er richtig, dass sie in die Steinzeit gehören müssen und somit älter seien als die bronze- und eisenzeitlichen Grabhügel.
Forschungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Eine erneute Aufnahme aller altmärkischen Gräber fand in den 1890er Jahren durch Eduard Krause und Otto Schoetensack statt. In ihrem Bericht listeten sie 190 Gräber auf, von denen zum Zeitpunkt ihrer Untersuchungen allerdings nur noch 50 existierten.Krause/Schoetensack: Die megalithischen Gräber (Steinkammergräber) Deutschlands. I. Altmark. 1893. Diese Zahl hat sich nicht wesentlich geändert, die größten Zerstörungen hatten zur Zeit der Untersuchungen von Krause und Schoetensack bereits stattgefunden. Eines der letzten vollständig zerstörten Gräber befand sich in Kläden. Seine Überreste wurden wie vielerorts in der Altmark nach dem Ersten Weltkrieg zur Errichtung eines Kriegerdenkmals verwendet.Hartmut Bock, Barbara Fritsch, Lothar Mittag: Großsteingräber der Altmark. 2006: Großsteingräber der Altmark. 2006, S. 186–191.
In den folgenden Jahren tat sich wenig. Es folgten einige weitere Beschreibungen, die sich auf Teile der Altmark beschränkten, sowie einige Notgrabungen. Ein wichtiger Forschungsbeitrag stammt von Paul Kupka, der in den 1920er Jahren erstmals systematisch die in den Gräbern gefundene Keramik auswertete und somit eine Verbindung zwischen den Großsteingräbern und der Altmärkischen Gruppe der Tiefstichkeramik herstellen konnte, die er damals allerdings als Langgrabkeramik bezeichnete.Kupka: Die Wurzeln der mitteldeutschen Steinzeittonware. 1921; Kupka: Bemerkungen zur Zeitbestimmung unserer jüngeren Steinzeitaltertümer. 1926. 1938 und 1939 fanden unter Leitung von Ulrich Fischer in Leetze Grabungen an drei Großsteingräbern statt, die allerdings nur in einem knappen, sechsseitigen Bericht beschrieben wurden.Fischer: Großsteingrabuntersuchungen in der Altmark. 1939.
Südlich der Altmark blieben die Forschungen auf kleinere Gebiete begrenzt. 1905 fand eine Grabung am Großsteingrab Drosa statt.Gorges/Seelmann: Die Riesenstube am Bruchberge bei Drosa (Kr. Köthen). 1905. Ab 1896 fanden Unternehmungen zur systematischen Erfassung aller Gräber zwischen Haldensleben und Marienborn statt. Erste Veröffentlichungen hierzu stammen von Philipp WegenerWegener: Beiträge zur Kenntniß der Steinzeit im Gebiet der Ohre. 1896; Wegener: Zur Vorgeschichte von Neuhaldensleben und Umgegend. 1896. und Wilhelm Blasius.Blasius: Die megalithischen Grabdenkmäler bei Neuhaldensleben.. 1901; Blasius: Vorgeschichtliche Denkmäler zwischen Helmstedt, Harbke und Marienborn. 1901. 1935 fertigte Karl Stuhlmann einen Gesamtplan an, der allerdings nie veröffentlicht wurde.Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. 1991, S. 33.
Megalithikforschung in der DDR Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts nur wenige Untersuchungen von Großsteingräbern. Während Ewald Schuldt in Mecklenburg-Vorpommern in den 1960er Jahren über 100 Megalithanlagen ausgrub, wurden in Sachsen-Anhalt lediglich einige im Haldensleber Forst durch Friedrich SchletteSchlette: Die Untersuchung einer Großsteingrabgruppe im Bebertal, Haldenslebener Forst. 1962. und Joachim PreußPreuß: Megalithgräber mit Alttiefstichkeramik im Haldenslebener Forst. 1973. erforscht.
Weiterhin gab es Bemühungen, ein Gesamtverzeichnis der Großsteingräber Sachsen-Anhalts zu erstellen. Aufbauend auf den Ergebnissen Krauses und Schoetensacks sowie eigenen, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg vorgenommenen Vermessungen im Haldensleber Forst, war es zunächst Ernst Sprockhoff, der seinem zwischen 1966 und 1975 erschienenen „Atlas der Megalithgräber Deutschlands“ auch einen Band zu Sachsen-Anhalt hinzufügen wollte. Durch den kriegsbedingten Verlust seiner Aufzeichnungen und die Teilung Deutschlands scheiterte dieses Vorhaben. Weitere Dokumentationen der Anlagen im Haldensleber Forst durch E. und W. Saal, Dieter Kaufmann und Erhard Schröter dienten dem erneuten Versuch einer Gesamtdarstellung; eine Publikation kam allerdings nicht zustande.Fritsch/Müller: Großsteingräber in Sachsen-Anhalt. 2012, S. 121. Eine zusätzliche Erschwernis stellte der Umstand dar, dass die Gräber bei Marienborn durch die deutsche Teilung im militärischen Sperrgebiet lagen.
Forschungen seit 1990 mini|Das rekonstruierte Großsteingrab Lüdelsen 3 nach der Grabung 2007 1991 konnte Hans-Jürgen Beier in seiner Habilitationsschrift erstmals ein listenhaftes Gesamtverzeichnis aller Großsteingräber Ostdeutschlands vorlegen.Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. 1991, Teil 2. Im Verlauf der 1990er Jahre tat sich wenig im Bezug auf die Megalithforschung. Erst 2003 erfolgte unter Leitung von Hartmut Bock, Barbara Fritsch und Lothar Mittag eine erneute Bestandsaufnahme der altmärkischen Gräber. Hierbei wurden 47 bekannte Gräber systematisch vermessen und ein weiteres neu entdeckt.Hartmut Bock, Barbara Fritsch, Lothar Mittag: Großsteingräber der Altmark. 2006: Großsteingräber der Altmark. 2006. An diese Aufnahme schloss sich ein Grabungsprojekt der Universität Kiel an, bei dem 2007 das Grab Lüdelsen 3Demnick et al.: Der Großdolmen Lüdelsen 3 in der westlichen Altmark (Sachsen-Anhalt). 2008; Demnick et al.: Das Großsteingrab Lüdelsen 3 in der westlichen Altmark (Sachsen-Anhalt). 2011. und 2009 bis 2010 das Grab Lüdelsen 6Landesmuseum für Vorgeschichte – Fund des Monats, Mai 2011: Mai: Wandern zwischen Hünengräbern – Der neue archäologisch-historische Wanderweg in Lüdelsen. unter Leitung von Denis Demnick ausgegraben wurden. Ein weiteres Forschungsprojekt begann 2009 im Haldensleber Forst. Die hier besonders zahlreichen Gräber sollen im Zusammenhang mit benachbarten Siedlungen und Grabenwerken erforscht werden.Entstehung, Funktion und Landschaftsbezug von Großsteingräbern, Grabenwerken und Siedlungen der Trichterbecherkulturen in der Region Haldensleben-Hundisburg.
Grabtypen mini|Schema Ganggrab (Querschnitt) 1=Trag-, 2=Deckstein, 3=Erdhügel, 4=Dichtung, 5=Verkeilsteine, 6=Zugang, 7= Schwellenstein. 8=Bodenplatten, 9=Unterbodendepots, 10=Zwischenmauerwerk 11=Randsteine mini|Beispiel für ein Ganggrab: Leetze 6