mini|Alt und neu am Neuen Weg Neuer Weg ist die historische Bezeichnung für die einstige Erweiterung der Stadt Bayreuth nördlich des Roten Mains.
Name mini|Neuer Weg auf einem Stadtplan von 1854 Der Name geht auf eine Straße zurück, die im Ersten Stadtbuch aus dem 15. Jahrhundert erwähnt wird: „Nach Christi gepurt tausend vierhundert und im vierundvirtzigsten jare ward der wegk gepflastert enhalb des Rotmayns am Neuenweg bey der zygelhutten“. Daraus entwickelte sich die bis ins 20. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung des Stadtteils.
Lage Neuer Weg umfasste ursprünglich in etwa das Gebiet zwischen dem Fluss, der Friedrich-Puchta-Straße, der Carl-Schüller-Straße und der Bahnhofstraße. In diesem Artikel werden auch die angrenzenden Bereiche Bahnhofsviertel, Spinnereiviertel und das Gebiet um den Wilhelmsplatz behandelt.
Geschichte und Beschreibung mini|Schulstraße 26, ehemalige Wärmestube und Offenes Jugendzentrum, im Hintergrund die Christuskirche am Wilhelmsplatz Die Vorstadt Neuer Weg entstand vermutlich im 14. Jahrhundert. Sie bot insbesondere für arme und sozial schwache Bevölkerungsgruppen Lebensraum. Die Bausubstanz war entsprechend wenig spektakulär. Der Bau der nahen Spinnereien brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Fabrikarbeiter in das Viertel. Jahrzehntelang wies es eine starke Quartiersidentität auf. Der gesellige Verein „Neia Wecha Gma“ (Neuer Weger Gemeinde) richtete alljährlich das „Neia-Wecha-Kerwa“ genannte Volksfest aus.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 122 ff.Kerwa = Kirchweih, allerdings besaß der Neue Weg keine eigene Kirche.
Einer der bekanntesten Einwohner war der 1661 geborene Johann Söllner. Dem aus Schwarzach bei Kulmbach stammenden Sohn eines Schneiders wurde nachgesagt, er habe 1683 als Bäckergeselle bei der Belagerung Wiens die Minierarbeit des Feinds wahrgenommen und so die Stadt vor der Eroberung durch die Türken bewahrt. 1693 ließ er sich zunächst im Bayreuther Stadtteil Kreuz nieder und erwarb 1698 den Vorläufer des heutigen Anwesens Bahnhofstraße 13. Dort betrieb er 18 Jahre lang eine Schankwirtschaft und ließ zur Lagerung des Biers einen großen Felsenkeller anlegen. Er starb 1716 als wohlhabender Mann, dessen Erben ihm auf dem Friedhof Sankt Georgen ein Grabdenkmal errichten ließen, das ihn überlebensgroß als Halbrelief zeigt.Karl Müssel: Ein Gastwirt aus dem Neuen Weg in: Heimatkurier 2/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6 f.
mini|links|Hochwasser in der Mittelstraße, Februar 1909 mini|Regulierung des Roten Mains, rechts hinter der Ludwigsbrücke Häuser auf der ehemaligen Herrenwiese, um 1915 mini|links|Schulstraße um 1907 mini|Soldatenräte auf der Schulstraßenbrücke, November 1918 In der Flussaue gelegen war der Neue Weg stets hochwassergefährdet. Aus dem Jahr 1845 ist der Pegelhöchststand des 19. Jahrhunderts überliefert. In der Gründerzeit nach 1875 wurde die „Herrenwiese“ südlich des Roten Mains bebaut, wodurch sie als natürliche Flutmulde verlorenging. Im Februar 1909 trat das befürchtete Jahrhunderthochwasser ein. Am Vormittag des 4. Februar trat der Fluss über seine Ufer, und innerhalb weniger Stunden spitzte sich die Lage dramatisch zu. In einer Krisensitzung beschloss der Magistrat tags darauf weitreichende Hilfsmaßnahmen, darunter unentgeltliches Verteilen von Brennmaterial und die Unterbringung Betroffener in Gasthäusern. Beim Höchststand am 6. Februar standen die Häuser am Roten Main bis zu 2,7 Meter unter Wasser. Mehr als hundert Meter der Flussböschung wurden von den Fluten mitgerissen.Bernd Mayer: Als die Sintflut über die Stadt hereinbrach in: Heimatkurier 5/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 ff.
Die Flutkatastrophen von 1907 und 1909 waren der Anlass für die zwischen 1913 und 1916 erfolgte Mainregulierung. Das Flussbett wurde verbreitert und kanalisiert. Mit dem Bau des Stadtkernrings verschwand es 1968/69 teilweise unter einer Betondecke,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 119. wobei die an der Stelle der Neuen Kasernbrücke 1904/05 erbaute Ludwigsbrücke abgerissen wurde.
Im Jahr 1900 wurde in Bayreuth das erste Automobil erworben und eine Fahrerlaubnis erteilt. Bis 1910 blieb die Zahl der gemeldeten Personenkraftwagen knapp über dem einstelligen Bereich, dazu kamen jedoch zunehmend Lastkraftwagen. Bereits 1911 musste sich der Stadtmagistrat daher mit Anwohnerprotesten aus dem Neuen Weg befassen, die über Lärm- und Geruchsbelästigung durch Spinnerei-Lastautos klagten.Bernd Mayer: Mit „Auto-Heil“ in eine neue Zeit in: Heimatkurier 3/2000 des Nordbayerischen Kuriers, S. 15 f. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bayreuther Einkaufswelt von einer Vielzahl kleiner Geschäfte („Bembalaslädla“) geprägt. Allein im Neuen Weg gab es mehr als hundert solcher Läden.
Beim ersten Luftangriff auf die Stadt am 5. April 1945 war das Gebiet Ziel der US-amerikanischen Bombenabwürfe. Besonders der Bereich um den Wilhelmsplatz wurde im Zuge von zwei Angriffswellen um 10.30 und 11.30 Uhr stark zerstört, sieben Feuerwehrmänner kamen dort im Einsatz ums Leben. Auch in der Goethestraße, der Friedrich-von-Schiller-Straße und der Nibelungenstraße wurden ganze Häuserzeilen vernichtet, ebenso das erste Bahnhofsgebäude aus den 1850er Jahren. Später wurden Blindgänger gefunden, so im August 1996 eine Fünf-Zentner-Bombe amerikanischer Bauart in der Friedrich-Puchta-Straße.Vor 25 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 30. August 2021, S. 8. Eines der wenigen vom Bombenkrieg verschonten Häuser auf der Nordseite der Mainstraße75 Jahre Kriegsende in: Nordbayerischer Kurier vom 6. April 2020, S. 10. mit der Gaststätte Frühhaber (seit 1989 Jazzkneipe „Podium“)Hier spielte die Musik bei kurier.de vom 31. Oktober 2012, abgerufen am 6. April 2020 wurde 2012 abgerissen.Stadthaus an der Mainstraße feiert Richtfest in: Nordbayerischer Kurier vom 19. Mai 2015, S. 11.
1970 verschwand mit dem alten Eckhaus zur Mainstraße das Haus Schulstraße 12 (Sattlerei Walter).Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 134. Die Häuser zwischen der Mainstraße und dem Roten Main wurden ebenfalls in den 1970er Jahren abgebrochen.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 126. Das Kino Kammer-Lichtspiele existierte, in seinen letzten 20 Jahren als „Kino-Center“,Vor 25 Jahren. Ende – Abspann fürs Kino-Center in: Nordbayerischer Kurier vom 14. Februar 2022, S. 8. von 1925 bis 1997 in der Schulstraße 15.Kammer-Lichtspiele bei allekinos.com, abgerufen am 30. November 2014 Den Abriss des im Neuen Weg gelegenen letzten Bauernhauses der Stadt genehmigte der Stadtrat im März 1992 ohne Gegenstimme.
Das Haus Schulstraße 26 war eine Stiftung des Fabrikanten Otto Rose. Es wurde 1901 als Wärmestube mit getrennten Räumen für Männer und Frauen errichtet und als solche bis Anfang der 1920er Jahre genutzt. Am 15. Oktober jenes Jahres wurde in dem Gebäude zudem das erste Bayreuther Arbeitsamt eingerichtet.Bernd Mayer: Jahrhundertjubiläum des Arbeitsamtes in: Heimatkurier 4/2001 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14. Von 1974 bis 1982 beherbergte es das Offene Jugendzentrum, eine Einrichtung, die von den dort verkehrenden Jugendlichen in Selbstverwaltung geführt wurde.„Wir waren eine Provokation“ im Nordbayerischen Kurier vom 30. Oktober 2014, S. 11.
Im Januar 1989 wurde auf einer freien Fläche zwischen dem betonierten Bett des Roten Mains und der Mainstraße ein mehrstöckiges Taubenhaus aufgestellt. Optisch eine Augenweide, wurde es von den angedachten Bewohnern jedoch nicht angenommen.
Bahnhofsviertel mini|Bahnhofstraße um 1910 Erschlossen wurde das Gebiet über eine den Roten Main querende Brücke, die im 16. Jahrhundert mit den Steinen einer – als Folge der Reformation – abgebrochenen Kapelle errichtet wurde. Zur Zeit der Markgräfin Wilhelmine entstand dort die 1752 erbaute Neue Kasernbrücke, die den südlich des Roten Mains gelegenen Abschnitt der Jägerstraße (seit 1889: Luitpoldplatz) mit dem nördlichen (seit 1889: Bahnhofstraße) verband. Nach den Richard-Wagner-Festspielen des Sommers 1904 wurde diese fünfbogige Sandsteinbrücke abgebrochen, da sie sich für die erhöhte Verkehrsbelastung bei den Festspielen sowie den Vieh- und Schweinemärkten als zu schmal erwies. Am 17. Juni 1905 nahm der hierfür angereiste Prinz Ludwig den Taufakt der neuen Brücke als Namenspate selbst vor. Die 15 Meter breite, großstädtisch anmutende Ludwigsbrücke aus Granit des Waldsteins bestand nur bis 1968.Kurt Herterich: Vom Bayreuther Schloßturm zum Festspielhügel, S. 78 f.Bernd Mayer: „Wo ist den das Wasser?“ fragte der Prinz in: Heimatkurier 2/2005 (Beilage des Nordbayerischen Kuriers), S. 17. Seitdem befindet sich an der Stelle auf dem gedeckelten Roten Main der verkehrsreiche Annecyplatz, was aus heutiger Sicht zu den „Bausünden der Stadtplanung“ gerechnet wird.
mini|links|Neue Kasernbrücke, Bahnhofstraße und namengebende Mainkaserne, um 1900 Das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs stammt aus dem Jahr 1879, sein von der Post weiterhin genutzter Vorgänger fiel 1945 den Bomben zum Opfer. Am 11. April 1945 zwischen 14.53 und 15.03 Uhr griffen 110 Flugzeuge der 4. Bomber-Gruppe des britischen Bomber Command die von zwei vorhergehenden Angriffen bereits stark beschädigte Stadt an. Aufgrund seiner Lage um den Hauptbahnhof sowie in der Achse zwischen den zu Rüstungsbetrieben umfunktionierten Großspinnereien wurde das Bahnhofsviertel weitgehend zerstört. Da ausländische Zwangsarbeiter bei Fliegerangriffen nicht in die Luftschutzkeller durften, kamen 60 von ihnen unter der Eisenbahnbrücke in der Tunnelstraße ums Leben.
mini|links|Ludwigsbrücke um 1908 mini|Leuchtschrift Gluehwürmchen Feuersalamander auf dem Kolpinghaus mini|links|Annecyplatz an der Stelle der Ludwigsbrücke auf dem gedeckelten Roten Main und neues Gebäude Bahnhofstraße 1 An der Bahnhofstraße (vor 1889 Jägerstraße)Kurt Herterich: Vom Bayreuther Schloßturm zum Festspielhügel, S. 97. wurde 1954 die Ruine des einst namengebenden, 1760 nach Plänen von Carl von Gontard erbauten Jägerhauses abgetragen, womit, so der Stadthistoriker Bernd Mayer, die „zweite Zerstörung der Stadt begann“.Bernd Mayer: Baudenkmäler – vernichtet für immer im Heimatkurier des Nordbayerischen Kuriers, 2/2005, S. 7. Das Gebäude diente einst als hochfürstliches Jägerei- und Zeughaus. Reich gegliedert, mit einem über drei Achsen laufenden Portikus, „repräsentierte es in besonderem Maß die damalige Baukunst“.Helmut Haas: Zur Bauhistorie In: Heimatkurier 1/2004 des Nordbayerischen Kuriers, S. 13. Hinter dem Jägerhaus stand der markgräfliche „Jagdzeugstadel“, Aufbewahrungsort für das umfangreiche Jagdzubehör von Garnen und Netzen bis hin zu Karren und Kutschen. Der Dachfirst dieses langen Gebäudes überragte sogar die davorliegende Mainkaserne und das Jägerhaus selbst.Sylvia Habermann: Ein verschollenes zauberhafte Aquarell in: Heimatkurier 1/2010 des Nordbayerischen Kuriers, S. 13. 1956 wurde an der Stelle das Kino „Filmpalast“ eröffnet. bei filmtheater.square7.ch, abgerufen am 6. April 2020 Das mit 900 Plätzen seinerzeit größte Lichtspielhaus der Stadt existierte aber nur für wenige Jahre,Kurt Herterich: Vom Bayreuther Schloßturm zum Festspielhügel, S. 113. 1970 wurde das Gebäude an eine Bank verkauft.Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 5. Juni 2020, S. 8.