mini|hochkant=1.4|Anwendung von Lernen durch Lehren (LdL) im Unterricht: Schülerin führt neuen Wortschatz ein und bittet die Klasse, Beispielsätze zu bilden.
Lernen durch Lehren (abgekürzt LdL) ist eine handlungsorientierte, konstruktivistische Unterrichtsmethode, bei der Schüler oder Studierende lernen, indem sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln. Es kann in allen Fächern, Schultypen und Altersstufen eingesetzt werden. Begründer des Konzeptes Lernen durch Lehren ist Jean-Pol Martin, der von 1981 bis 2018 das Verfahren zu einem pädagogischen Gesamtkonzept entwickelte und mit Hilfe eines Kontaktnetzes verbreiteteSimon Kolbe (2021): Learning by Teaching - a Resource Orientated Approach Towards Mordern Inclusive Education. In: Mevlüt Aydogmus (Hg.): New Trends and Promising Directions in Modern Education. New Perspectives 2021. Meram/Konya: Palet Yayinlari Verlag, 234-255. Martin hat von Anfang an die Methode auf neurowissenschaftliche Basis gestelltJean-Pol Martin: Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler. Fremdsprachenunterricht auf der lerntheoretischen Basis des Informationsverarbeitungsansatzes. Dissertation. Gunter Narr: Tübingen 1985. S. 56–58. Mit starkem Bezug auf: Gerhard Portele Lernen und Motivation - Ansätze zu einer Theorie intrinsisch motivierten Lernens. Beltz Verlag: Weinheim und Basel.1975. Jean-Pol Martin: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360, ISBN 978-3-556-07336-0..
Definition und Abgrenzung „Wenn Schüler einen Lernstoffabschnitt selbständig erschließen und ihren Mitschülern vorstellen, wenn sie ferner prüfen, ob die Informationen wirklich angekommen sind und wenn sie schließlich durch geeignete Übungen dafür sorgen, dass der Stoff verinnerlicht wird, dann entspricht dies idealtypisch der Methode Lernen durch Lehren (LdL).“Jean-Pol Martin: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? In: Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog. 6. Jahrgang, 2002, Heft 1, S. 71–76.
LdL bezieht sich grundsätzlich auf Verfahren, bei denen Schüler ihre Mitschüler arbeitsteilig im Klassenverband unterrichten. Infolge der Verbreitung der Methode wurde der Terminus „Lernen durch Lehren“ auf andere Unterrichtssettings ausgedehnt, beispielsweise auf Techniken, bei denen ältere Schüler oder Studenten jüngere unterrichten (Tutorensystem).Die Lerneffekte, die durch die Einführung eines neuen Stoffes durch Mitschüler aus dem eigenen Klassenverband erzielt werden, haben eine andere Qualität als wenn ältere Schüler als Tutoren agieren. Im letzteren Fall unterscheidet sich der Unterricht kaum von dem normalen Lehrerunterricht. Da für solche Verfahren andere theoretische Begründungen gelten als für LdL, werden sie im folgenden Artikel nicht behandelt.
Geschichte von Lernen durch Lehren Die Erfahrung, dass durch das Lehren Lernprozesse in Gang gesetzt werden, ist schon seit der Antike bekannt. Der römische Philosoph Seneca schreibt in seinen Epistulae morales an Lucilius: Homines dum docent discunt („Die Menschen lernen, indem sie lehren“).Seneca: Epistulae morales ad Lucilium. Buch I, Brief 7, Abschnitt 8. Hierauf beruht das lateinische Sprichwort Docendo discimus („Durch Lehren lernen wir“), das weltweit zahlreichen Bildungsinstitutionen als Motto dient.
Eine genauere Beschäftigung mit Lernen durch Lehren als didaktisches Konzept erfolgte im englischen Sprachraum ab den 1970er Jahren, wie beispielsweise in dem 1971 erschienenen Buch von Alan Gartner.Alan Gartner u. a.: Children teach children. Learning by teaching. Harper & Row, New York 1971. Besonders förderlich für diese Entwicklung war, dass die Dominanz des Behaviorismus in der Pädagogik durch die kognitivistische Wende verdrängt und der Lernende stärker als Subjekt des Lernprozesses betrachtet wurde.
Die erste Monographie in Deutschland zum Thema Lernen durch Lehren wurde von Rudolf Krüger 1975Rudolf Krüger: Projekt „Lernen durch Lehren“. Schüler als Tutoren von Mitschülern. Klinkhardt, Bad Heilbronn 1975. veröffentlicht. 1985 veröffentlichte Wolfgang Steinig eine Studie über einen sechswöchigen Unterrichtsversuch in Deutsch als Fremdsprache mit niederländischen Schülerinnen und Schülern. In altersheterogenen Lerndyaden („Zweierschaften“) mit Lernenden des ersten und dritten Deutschlernjahres wurden kreative Lernaufgaben ohne Anwesenheit einer Lehrkraft in der Fremdsprache bearbeitet.Wolfgang Steinig: Schüler machen Fremdsprachenunterricht. Narr, Tübingen 1985. Zum gleichen Zeitpunkt wurde die Dissertation von Jean-Pol Martin zu Lernen durch Lehren im Französischunterricht veröffentlicht.Jean-Pol Martin: Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler. Fremdsprachenunterricht auf der lerntheoretischen Basis des Informationsverarbeitungsansatzes. Dissertation. Narr, Tübingen 1985. Hier lag der Schwerpunkt auf der Interaktion im Klassenverband. Zum ersten Mal wurde versucht, das Verfahren theoretisch – lernpsychologisch und neurophysiologisch sowie diskursanalytisch – zu begründen.
Chronologisch betrachtet, wurden in der Folge die Aufsätze von Udo Kettwig 1986,Udo Kettwig: Lernen durch Lehren, ein Plädoyer für lehrendes Lernen. In: Die deutsche Schule. Nr. 4, 1986, S. 474–485. Theodor F. Klassen 1988,Theodor F. Klassen: Lernen durch Lehren, das Beispiel der Jenaplanschule Ulmbach. In: Zeitschrift Pädagogik. Nr. 11, 1988, S. 26–29. und das von Ursula Drews 1997 herausgegebene Themenheft: Schüler als LehrendeUrsula Drews (Hrsg.): Themenheft: Schüler als Lehrende. In: Pädagogik. 11/49 Beltz-Verlag, Weinheim 1997. Im Einzelnen: Johannes Bastian: Schülerinnen und Schüler als Lehrende – oder Lernen durch Lehren. S. 6–10; Meinert A. Meyer: Schülermitbeteiligung und didaktische Kompetenz. S. 11–14; Lutz Lehmann: „und morgen leiten wir …“ Schritte zur Übernahme von Leitungsaufgaben durch Schüler. S. 16–18; Elke Andresen: Lernen durch Lehren – Schüler(innen) helfen Schüler(innen). S. 20–22; Team der Jenaplanschule in Jena: An unserer Schule lernt und lehrt jeder. S. 23–25; Hans Oswald: Was lernen Kinder von Kindern? Beispiele aus verschiedenen Interaktionsbereichen. S. 27–29. publiziert. In diesen Schriften, auch im 1997 erschienenen Themenheft, wurden die zwölf Jahre vorher veröffentlichten Arbeiten von Steinig und Martin sowie die zwischen 1983 und 1997 zahlreich im Umfeld von Martin erschienenen Publikationen nicht einbezogen. Dies zeigt, dass verschiedene Gruppen unabhängig voneinander an dem Thema Lernen durch Lehren arbeiteten und sich nur mangelhaft gegenseitig rezipierten. Nach 1997 wurde weiterhin über Lernen durch Lehren intensiv geforscht und wissenschaftlich publiziert. Der jüngste Artikel in einer breit zugänglichen Fachzeitschrift erschien 2015, verfasst von Laura Cau, einer ehemaligen Schülerin und Studentin von Jean-Pol Martin.Laura Cau: Lernen durch Lehren – ganz konkret. In: Pädagogik. Heft 2, Beltz, Weinheim 2015, S. 20–23. 2018 veröffentlichte Martin einen seine Theorie zusammenfassenden Aufsatz in Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule (Carl Link Verlag)Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360, ISBN 978-3-556-07336-0.. Gegenwärtig erfährt Lernen durch Lehren eine breite Präsenz im Schulbereich dank der umfangreichen Aktivitäten von Isabelle Schuhladen Le BourhisIsabelle Schuhladen Le Bourhis: Lernen durch Lehren: Eine Methode für das 21. Jahrhundert. In: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin, Margret Ruep (Hrsg.): Neue Menschenrechte? Bestandsaufnahme eines bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Gabriele Schäfer Verlag. Herne. 2020. S. 190–215 .
Lernen durch Lehren (LdL) Martins semantisches Feld Für die Theorie von Jean-Pol Martin – insbesondere für Lernen durch Lehren (LdL) und die Neuen Menschenrechte (NMR) – wirken folgende zentralen Begriffe und Prinzipien systemisch zusammen: Grundbedürfnisse (NMR): Denken, Gesundheit, Sicherheit, soziale Einbindung, Selbstverwirklichung und Partizipation, Sinn. Kognitive und psychologische Steuergrößen: Denken als Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung, Kontrolle, exploratives Verhalten, kognitive Landkarte, Flow-Effekt. Systemische und dialektische Prinzipien: Antinomien, dialektisches Denken, Top-down und Bottom-up, Zentripetalkraft und Zentrifugalkraft, Linearität und Nichtlinearität, Homöostase, Integration und Differenzierung, Zentralisierung und Dezentralisierung. Kybernetische und biologische Grundlagen: Neuronenverhalten, Selbstreferenzialität, Kohärenz, Bedürfnis, Glück, Prävention, Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit, Lebenserhaltung.Alle Begriffe sind zu finden in: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360, ISBN 978-3-556-07336-0.mini|Jean-Pol Martin, 2005 Jean-Pol Martin kam 1980 durch die Lektüre von Ludger Schifflers Buch Interaktiver FremdsprachenunterrichtLudger Schiffler: Interaktiver Fremdsprachenunterricht. Klett, Stuttgart 1980. auf die Idee, seine Schüler sich im Französischunterricht gegenseitig unterrichten zu lassen. Die erzielten Erfolge bewogen ihn, die entsprechende Technik in Fortbildungsveranstaltungen vorzustellen. Da er auf Widerstand stieß,Damals herrschte in der Didaktik der Instruktionismus, bei dem Lehrer ihre Schüler frontal unterweisen, und in der Fremdsprachendidaktik dominierte der Behaviorismus, der Lernprozesse über Imitation und Repetition der vom Lehrer angebotenen Muster einleiten will. begann er dieses von ihm zunächst als schlichte Unterrichtstechnik betrachtete Verfahren wissenschaftlich zu untermauern (Dissertation 1985Jean-Pol Martin: Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler – Fremdsprachenunterricht auf der lerntheoretischen Basis des Informationsverarbeitungsansatzes. Dissertation Universität Gießen 1985. Narr Verlag, Tübingen 1985, ISBN 3-87808-435-8.) und mithilfe des FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht) systematisch und als Langzeitstudie zu dokumentieren.Jean-Pol Martin: Aktive Schüler Lernen besser – Neue Wege im Französischunterricht. FWU, München-Grünwald 1983; Jean-Pol Martin: Schüler organisieren ihren Unterricht selbst. Neue Wege im Französischunterricht. FWU, München-Grünwald 1984; Jean-Pol Martin: Schüler zwischen formaler Sprache und freiem Ausdruck – Neue Wege im Französischunterricht. FWU, München-Grünwald 1987; Jean-Pol Martin: Paris-Torcy. Schüler erkunden die Villes Nouvelles. FWU, München-Grünwald 1987; Jean-Pol Martin: Zum Aufbau von Basiswissen in der 11. Klasse – Neue Wege im Französischunterricht. FWU, München-Grünwald 1987. Gleichzeitig war Martin bemüht, das Curriculum, das den Französischunterricht vom ersten Lernjahr bis zum Abitur umfasste, theoretisch zu fundieren, und legte mit seiner Habilitation die entsprechende Schrift vor.Jean-Pol Martin: Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht. Habilitation. Narr, Tübingen 1994.