Henri Bédarida (* 9. März 1887 in Lyon; † 22. Dezember 1957 in Paris) war ein französischer Italianist, Literaturwissenschaftler und Historiker.

Leben Bédarida war der Sohn eines kaufmännischen Angestellten, der aus dem italienischen Livorno kam, und einer Zimmermannstochter aus Roanne. Er war gläubiger und praktizierender Katholik. Nach dem Besuch katholischer Schulen leistete er Militärdienst und studierte dann an der geisteswissenschaftlichen Fakultät zu Paris (Sorbonne), wo er 1910 mit der Licence und 1911 mit dem Diplôme d’études supérieures abschloss. Im Ersten Weltkrieg diente Bédarida aufgrund seiner Sprachkenntnisse zeitweise in der Postkontrolle, als Übersetzer sowie in einer Propaganda- und Informationsmission in den Ausbildungszentren für junge italienische Soldaten. 1919 bestand er die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) im Fach Italienisch als Bester des Jahrgangs.Christophe Charle: Bédarida (Henri). In: Les professeurs de la faculté des lettres de Paris – Dictionnaire biographique 1909-1939. Publications de l'Institut national de recherche pédagogique, 1986, S. 25–27.Guy Caplat: Bédarida (Henri). In: L’Inspection générale de l’Instruction publique au XXe siècle. Dictionnaire biographique des inspecteurs généraux et des inspecteurs de l’Académie de Paris, 1914–1939. Publications de l’Institut national de recherche pédagogique, 1997, S. 168–170.

Nach wenigen Monaten als Italienischlehrer an Lycées in Digne-les-Bains und Annecy ging er 1920 als Lektor an die Universität Bologna und 1922 an das Institut français in Florenz. Parallel stellte Bédarida seine beiden Qualifikationsschriften (Thèses) über Parma und Frankreich von 1748 bis 1789 (Paris 1927, Genf 1977; italienisch Mailand 1985) sowie Die ersten Bourbonen von Parma und Spanien (1731–1802). Analytisches Verzeichnis der wichtigsten Quellen, die im spanischen Staatsarchiv und in der Nationalbibliothek von Madrid aufbewahrt werden (Paris 1927, Florenz/Paris 1969) fertig, aufgrund derer ihm 1927 in Paris das Doctorat d’État verliehen wurde. Danach setzte er seine Lehrtätigkeit zunächst am Institut français in Neapel, am Lycée du Parc in Lyon sowie als Lehrbeauftragter an der Universität Lyon fort.

An der Universität Grenoble wurde er 1931 zum Maître de conférences und drei Jahre später zum Professor für italienische Sprache und Literatur ernannt. Ab 1935 lehrte Bédarida als Maître de conférences an der Sorbonne, wo er 1937 wurde er als Nachfolger von Henri Hauvette auf den Lehrstuhl für italienische Sprache und Literatur berufen wurde. Diesen hatte er bis zu seinem Tod 1957 inne. Die oberste französische Bildungsbehörde Inspection générale de l’Instruction publique beauftragte ihn von 1936 bis 1946 als Referenten für den Italienischunterricht an Sekundarschulen. Zudem war Bédarida von 1937 bis 1957 Präsident der nationalen Prüfungskommissionen sowohl für die Agrégation als auch das CAPES im Fach Italienisch. Er stand der Société des études italiennes vor und gab deren Zeitschrift Revue des études italiennes heraus.

Als Reserveoffizier wurde Bédarida zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mobilisiert und diente als Leiter der Abteilung Italien und Balkan im 5. Büro des Generalstabs der französischen Armee (militärischer Nachrichtendienst). Nach der französischen Niederlage im Juli 1940 engagierte er sich in der katholischen Résistance und protestierte gegen die Rassenpolitik des Vichy-Regimes. Er war der erste Vorsitzende des 1941 im Geheimen gegründeten Centre catholique des intellectuels français (CCIF). Nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung 1944 gehörte er dem Comité consultatif des Universités an.

Bédarida spielte eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der französisch-italienischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Er organisierte Treffen zwischen Vertretern des Vatikans und Intellektuellen in Genua (1952) und Saint-Alban-Leysse (1953). Im letzten Jahr der französischen Kolonialherrschaft in Indien übernahm er 1954 einen Auftrag des dortigen Gouverneurs und leitete die Prüfungskommission für das Baccalauréat in Pondichéry. Ab 1955 war er stellvertretender Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät zu Paris. Von 1955 bis zu seinem Tod zählte Bédarida zu den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates in der Sachbuchreihe Rowohlts deutsche Enzyklopädie.

Henri Bédarida heiratete 1924 Germaine Vanderpol, die Tochter des Ingenieurs und Pazifisten Alfred Vanderpol, des Gründers der Liga französischer Katholiken für den Frieden. Das Paar bekam drei Söhne, darunter der Historiker François Bédarida (1916–2001).

Schriften (Übersetzer) Benedetto Croce: Histoire de l’Italie contemporaine (1871–1915), Paris 1929 A l’apogée de la puissance bourbonienne. Parme dans la politique française au XVIIIe siècle, Paris 1930 Théophile Gautier et l’Italie, Paris 1934 (mit Paul Hazard) L’influence française en Italie au dix-huitième siècle, Paris 1934 (Hrsg.) Gabriele d’Annunzio, Textes inédits, versions nouvelles, souvenirs et essais, Paris 1942 (Übersetzer) Francesco Perri, Le Disciple inconnu. Roman historique de l’époque du Christ, Paris 1946 (Original: Il discepolo ignoto, Mailand 1940) (Hrsg.) A travers l’art italien du XVe au XXe siècle. Essais, notes et commentaires, Paris 1949 (Hrsg.) Pensée humaniste et tradition chrétienne aux XVe et XVIe siècles. Essais, notes et documents, Paris 1950 (Übersetzer) Benedetto Croce: Histoire de l’Europe au dix-neuvième siècle, Paris 1959, 1973, 1994 (Original 1935)

Literatur Henri Bédarida: A travers trois siècles de littérature italienne. [Hommage à Henri Bédarida, par Carlo Pellegrini], Paris 1957 (Gesammelte Schriften) Christophe Charle: Les professeurs de la Faculté des Lettres de Paris, Bd. 2, Paris 1986 Jean-Claude Polet: Patrimoine littéraire européen. Anthologie en langue française, Bd. 13, Brüssel 2000, S. 840

Weblinks

Catalogue général Le Centre universitaire catholique (mit Foto)

Einzelnachweise

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