Bei den VIII. Olympischen Winterspielen 1960 in Squaw Valley fanden acht Wettbewerbe im nordischen Skisport statt. Diese galten gleichzeitig als 23. Nordische Skiweltmeisterschaften. Neben olympischen Medaillen wurden auch Weltmeisterschaftsmedaillen vergeben. Einzige Ausnahme war die Nordische Kombination, in der es ausschließlich olympische Medaillen gab. Austragungsorte waren das McKinney Creek Stadium und der Papoose Peak Jump.
Erstmals wurde bei den nordischen Wettbewerben im Rahmen von Olympischen Spielen bzw. Weltmeisterschaften die Dominanz der Sportler aus Skandinavien und der Sowjetunion ein wenig angekratzt. Maßgeblich daran beteiligt war das gesamtdeutsche Team mit den beiden Goldmedaillen durch Helmut Recknagel im Skispringen und Georg Thoma in der Nordischen Kombination. Hinzu kam auch die Bronzemedaille des Österreichers Otto Leodolter im Skispringen.
Bilanz Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 2 2 2 6 2 2 2 1 5 3 2 – – 2 4 1 2 4 7 5 1 2 – 3 6 – – 1 1
Medaillengewinner + Langlauf Männer Konkurrenz Gold Silber Bronze 15 km Håkon Brusveen Sixten Jernberg Veikko Hakulinen 30 km Sixten Jernberg Rolf Rämgård Nikolai Anikin 50 km Kalevi Hämäläinen Veikko Hakulinen Rolf Rämgård 4 × 10 km Staffel Toimi AlataloVeikko HakulinenVäinö HuhtalaEero Mäntyranta Hallgeir BrendenHåkon BrusveenHarald GrønningenEinar Østby Nikolai AnikinAlexei KusnezowAnatoli ScheljuchinGennadi Waganow
+ Langlauf Frauen Konkurrenz Gold Silber Bronze 10 km Marija Gussakowa Ljubow Kosyrewa Radja Jeroschina 3 × 5 km Staffel Sonja EdströmIrma JohanssonBritt Strandberg Marija GussakowaRadja JeroschinaLjubow Kosyrewa Toini PöystiSiiri RantanenEeva Ruoppa
+ Skispringen Konkurrenz Gold Silber Bronze Normalschanze Helmut Recknagel Niilo Halonen Otto Leodolter
+ Nordische Kombination Konkurrenz Gold Silber Bronze Einzel Georg Thoma Tormod Knutsen Nikolai Gussakow
Vorschau Die Vorschau im «Sport Zürich» vom 19. Februar 1960 wies vorerst darauf hin, dass die geographische Lage (zum einen der McKinney-Creek auf 2.000 m Seehöhe, zum anderen die südliche Lage ungefähr am gleichen Breitengrad wie Madrid) und dazu auch die hier von der Luftfeuchtigkeit stark abhängige Beschaffenheit des Schnees wichtige Faktoren sein werden. Bei den Weltmeisterschaften 1958 habe es den Eindruck gemacht, als ob bei den Frauen eine Stagnation eingetreten sei. Nun seien jedoch besonders in Schweden neue Namen aufgetaucht, was eine Umschichtung vermuten lasse. Bei den SDS-Rennen in Grindelwald hätten sowohl Polen als auch die Tschechoslowakei sowie überraschenderweise Westdeutschland neue und zum Teil recht vielversprechende Kräfte präsentiert. Allgemein ging man davon aus, dass die meisten Medaillen an die Sowjetunion gehen würden.Sport Zürich, 19. Februar 1960, S. 2 und 3.
Bei den Herren habe Schweden mit Sixten Jernberg das „beste Eisen“ im Feuer. Er könne als einziger klarer Favorit für mindestens einen Sieg bezeichnet werden, zumal er genau zur richtigen Zeit in Hochform sein würde. Auch Rolf Rämgård schiebe sich immer deutlicher in den Vordergrund. Olsson, die „ganze Reihe Larsson“ und andere würden eine sehr beachtenswerte Streitmacht hinter Jernberg bilden. Die „geschlossenste Mannschaft“ dürfte Finnland stellen (vor allem im Staffellauf), obwohl sie wegen Schneemangels in ihrem Training arg behindert gewesen sei. Ob ihr großes Ass Hakulinen seine alte Durchschlagskraft nochmals ausspielen könne, sei nicht ausgeschlossen. Von den Sowjetläufern wisse man, dass sie bereits im Vorwinter eine starke Rekognoszierungsequipe nach Squaw Valley entsandt hätten; ihre „Schachzüge würden also von langer Hand vorbereitet“ sein. Aus Pressemeldungen war zu schließen, dass ihr Training konsequent auf hochgelegenen Stationen stattgefunden habe. Die Mannschaft sei als stark einzuschätzen, wobei voraussichtlich Pawel Koltschin, Anatoli Scheljuchin und Alexander Gubin herausstechen würden. Vieles deute darauf hin, dass nach den Enttäuschungen der Norweger 1956 und 1958 wieder Klasseleute heranreifen. Jedenfalls hätten Andreasen, Jensen und vor allem Stensheim von sich reden gemacht. Der zweifache Olympiasieger Brenden habe sich für diese Spiele empfohlen, doch müsse da noch abgewartet werden. Sicher sei nur, dass er einer der besten Techniker auf der Loipe und äußerst gefährlich sei, wenn es steil und häufig bergauf und ab gehe. Auch Brusveen könne auf den kurzen Strecken nochmals Überraschungen schaffen.
Im 15-km-Rennen könnte der Fall eintreten, dass einige Routinierte durch jüngere Athleten zurückversetzt würden, das Leistungsniveau habe sich angeglichen. In Lahti habe sich der Franzose Mermet auf Rang 16 hervorschieben können, diesmal sei dies eher dem Italiener De Florian zuzutrauen oder den Polen Mateja und Rysula. Eine gute Platzierung eines Schweizers gehöre nicht unbedingt „ins Reich der Märchen“. Die stärkste Staffel hinter den Skandinaviern und Sowjets dürfte wiederum Italien stellen, auch Polen müsse beachtet werden. Rang sechs für die Schweizer Staffel wäre ein Erfolg. Auf den längeren Distanzen würden die nordischen und russischen Kanonen ihre Überlegenheit noch deutlicher ausspielen. Seitens der Schweiz werde auf Fritz Kocher gesetzt, der dazu fähig wäre, falls er seine Formkrise überwunden habe und sich in guter Verfassung befände.
In der Kombination würden die Norweger „traditionsgemäß“ mit den aussichtsreichsten Anwärtern (Knutsen, Gundersen, Steinersen, Larsen) anrücken, ernstzunehmende Bewerber seien die Finnen. Der polnische Bronzegewinner von 1956, Franciszek Gąsienica Groń, scheine wieder in Form zu sein. Während die Österreicher und Tschechen kaum stark genug seien, um sich in Geltung zu bringen, würde der „erlauchten Gesellschaft“ durch die Deutschen Thoma und Flauger Konkurrenz erwachsen, die ihre Trümpfe auf der Schanze ausspielen würde. Es wäre keine Überraschung, wenn eine Medaille nach Deutschland wandern würde. Über die UdSSR-Läufer wisse man zu wenig; es seien Vertreter mit einiger Klasse in einem der beiden Wettkämpfe gestellt worden, doch sie wären „nicht ausgeglichen genug“ gewesen, um sich auf die vorderen Plätze der Gesamtwertung zu schieben.
Ein Dutzend Springer sei zu einer Medaille fähig. Im Vordergrund stünden die Finnen mit dem aktuellen Weltmeister Kärkinen, mit dem „jungen, außerordentlichen Talent“ Halonen; mindestens eine Medaille scheine sicher zu sein. Die Norweger hätten „Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt“, um in ihrer Domäne wieder mitzureden. Die DDR habe Harry Glaß zwar durch einen Unfall (Sturz bei der Vierschanzentournee 1959/60 auf der Bergiselschanze) verloren, aber in Recknagel einen Sieganwärter, auch die Westdeutschen seien mit einem Mann der „Extraklasse“, Bolkart, vertreten. Weitere Anwärter für vordere Plätze seien die beiden Schweden Lindqvist und Eriksson und auch einer aus Österreichs Spitzentrio. Der einzige Vertreter der Schweiz, Andreas Däscher, habe in dieser Saison noch nichts Überragendes geleistet und bisher immer verkrampft gewirkt. Wenn nicht alles trüge, würden die Spiele mit einer „sehr hochstehenden Sprungkonkurrenz“ abgeschlossen werden.
Langlauf Männer 15 km Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Håkon Brusveen 51:55,5 2 Sixten Jernberg 51:58,6 3 Veikko Hakulinen 52:03,0 4 Gennadi Waganow 52:18,0 Einar Østby 52:18,0 6 Eero Mäntyranta 52:40,6 7 Janne Stefansson 52:41,0 8 Rolf Rämgård 52:47,3 9 Marcello De Dorigo 52:53,5 10 Nikolai Anikin 52:55,0 24 Cuno Werner 55:25,6 27 Alphonse Baume 55:58,9 31 Lorenz Possa 56:30,1 32 Enno Röder 56:54,4 37 Marcel Huguenin 57:36,7 38 Werner Haase 57:40,3 39 Konrad Hischier 57:43,9 42 Siegfried Weiß 58:04,6 Datum: 23. Februar 1960, 08:00 Uhr 54 Teilnehmer aus 19 Ländern, alle in der Wertung
Alle drei Medaillengewinner hatten Rennerfahrung von sieben bis zehn Jahren. Die Goldmedaille holte Brusveen, der während seiner bisherigen Laufbahn immer im Schatten von Brenden gestanden war. Die Norweger, die in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten waren, hatten nach dem Sieg von Georg Thoma in der Kombination bereits befürchtet, im Loipensport sieglos zu bleiben. Nun aber rückte durch das gute mannschaftliche Ergebnis die Chance auf eine Staffelmedaille wieder näher, nachdem die Sowjet-Starter glattweg versagt hatten, denn drei von ihnen waren langsamer als der beste Mitteleuropäer. Beispielsweise landete Anikin, der in den Vorberichten zu den Medaillenanwärtern gezählt worden war, abgeschlagen auf Rang 10.«Der Norweger Haakon Brusveen vor Jernberg und Hakulinen im 15-km-Langlauf». In: Sport Zürich, 24. Februar 1960, S. 2.
Das Rennen begann bei Minus 7 bis 8,5 Grad und unter strahlend blauem Himmel. Es waren nur etwa 100 Zuschauer im Zielstadion erschienen, der Startintervall betrug 30 Sekunden. Der Schnee war hart und trocken, es gab keinerlei Wachsprobleme. Nachdem die Sowjetunion auf den erkälteten Koltschin verzichten musste, rechnete man fest mit einem Skandinavier-Sieg. Die Strecke bestand aus einer einzigen Schleife, die jedoch von jener in der Nordischen Kombination sehr verschieden war. Die größte Schwierigkeit befand sich von Kilometer 6,5 bis 9, wo sich eine 1,5 km lange Rampe mit 96 m Höhendifferenz (gefolgt von einer recht steilen Abfahrt) befand. Eine zweite Rampe von 800 m Länge und 40 m Höhendifferenz brachte die Loipe auf ihren höchsten Punkt von 2045 m. Brusveen begann vorsichtig; er lag nach den ersten 5 km auf Platz 5 (hinter Stefansson, Jernberg, Rämgård und Waganow) und schob sich nach 10 km auf Platz 2 hinter Jernberg vor. Ihm als gutem Abfahrer kam der letzte Streckenteil entgegen, während sich Jernberg hier nicht so sicher fühlte. Der norwegische Skiverbandspräsident Thorbjørn Nordahl hob nach Rennschluss Brusveens Außenseiterrolle hervor, als er zugab, dass dieser „beinahe wegen seiner mittelmäßigen Vorsaisonsleistungen nicht mitgenommen worden wäre“, er habe erst zwei Tage vor dem Abflug die Flugkarte erhalten.
30 km Platz Land Sportler Zeit (h) 1 Sixten Jernberg 1:51:03,9 2 Rolf Rämgård 1:51:16,9 3 Nikolai Anikin 1:52:28,2 4 Gennadi Waganow 1:52:28,2 5 Lennart Larsson 1:53:53,2 6 Veikko Hakulinen 1:54:02,0 7 Toimi Alatalo 1:54:06,5 8 Alexei Kusnezow 1:54:23,9 9 Hallgeir Brenden 1:55:19,8 10 Oddmund Jensen 1:55:35,0 21 Helmut Weidlich 2:01:25,8 24 Alphonse Baume 2:02:04,2 26 Josef Maier 2:02:10,6 28 Marcel Huguenin 2:03:25,6 29 Rudolf Dannhauer 2:03:38,9 32 Lorenz Possa 2:05:41,2 33 Siegfried Hug 2:05:48,2 Datum: 19. Februar 1960, 08:00 Uhr 48 Teilnehmer aus 17 Ländern, davon 45 klassiert
Erster Starter war Oddmund Jensen aus Norwegen. Schon nach 5 km zeichnete sich der Erfolg des hohen Favoriten Jernberg ab, der 18 Sekunden vor seinem Landsmann Rämgård lag, wobei die Schweden an diesem Tag überhaupt die überragenden Läufer waren. Zwar war das Stadion gut hergerichtet – es gab eine voll besetzte Pressetribüne und Zwischenzeitmeldungen nach allen 5 Kilometern – aber das Rennen fand praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, was an der technisch offensichtlich nicht zu verhindernden Spaltung der Spiele weit weg vom eigentlichen Olympiaort lag. Jernberg begann, als hätte er nur 10 Kilometer vor sich, Rämgård erstarkte gegen Schluss und rückte ihm gefährlich nahe. Die Sowjetläufer bestätigten sich als ungemein starke Langläufer. Alle Finnen litten unter einem Seitenstechen, was verwunderlich war, da sie in einem Trainingslauf vor vier Tagen nichts gespürt hatten. Die Norweger führten ihr Vorsagen auf schlecht gewachste Skier zurück; Brenden wurde schon beim ersten Aufstieg von heftigem Seitenstechen befallen und musste bei 10 km warten, ehe er wieder aufdrehen konnte.«Sixten Jernberg (Schweden) gewinnt Goldmedaille im schweren 30-km-Lauf». In: Sport Zürich, 22. Februar 1960, S. 2.
50 km