mini|Siedlungsgebiete der Burgunden während ihrer Südbewegung Das Volk bzw. der Kriegerverband der Burgunden, auch Burgunder, wird traditionell den Ostgermanen zugerechnet. In der Spätantike begründeten burgundische Krieger an der Rhone ein eigenständiges Föderatenreich, das im 6. Jahrhundert im Frankenreich aufging. Zuvor war der Versuch, ein burgundisches regnum am Rhein zu etablieren, im Jahr 436 gescheitert.

Herkunft – frühestes Auftreten Plinius der Ältere erwähnte die Burgunden zuerst (als Burgundiones, Lesart auch Burgodiones) und bezeichnete sie als Teilvolk der Vandilier.Plinius, Naturalis historia 4,99 Tacitus nennt diesen Namen nicht. Die wichtigste historische Nachricht über die ursprünglichen Siedlungsgebiete der Burgunden überlieferte der Geograf Claudius PtolemäusClaudius Ptolemäus, Geographike 2,11,8 für die Mitte des 2. Jahrhunderts. Danach lebten sie östlich der Semnonen und nördlich der Lugier zwischen der Vistula (Weichsel) und dem die westliche Grenze bildenden Fluss Suebus (Oder-Spree-Havel-Unterlauf), das heißt im heutigen westlichen Polen (Hinterpommern) und Teilen Brandenburgs. mini|Burgunder Funde der Luboszyce-Kultur in spätrömischer Zeit (3. bis 5. Jahrhundert n. Chr.) Archäologisch gesehen sind die frühesten Siedlungsgebiete der von Tacitus nicht erwähnten Burgunden vielleicht in einer Kulturgruppe fassbar, die als Lebus-Lausitz-Gruppe oder Luboszyce-Kultur bezeichnet wird und die ihren Schwerpunkt an der mittleren Oder in den Gebieten des heutigen Brandenburg, Westpolen (Hinterpommern) und der Lausitz hatte. Vurgundaib nennt Paulus Diaconus ein Gebiet in dieser Großregion, in dem sich die Langobarden auf ihrem Marsch von der mittleren Elbe nach Pannonien zeitweise aufhielten.Paulus Diaconus, Hist. Lang. 1,13.

Nach Ptolemäus reichte das Territorium der Burgunden bis zur Weichsel; südlich schloss sich der Lugierbund an.Ptolemäus, Geographike 2,11,15; 2,11,18. Östlich der Weichsel im Sarmatenland siedelten laut Ptolemaios von Nord nach Süd die Veneder (an der Küste), die Gythonen (Goten), und noch weiter südlich die Frugundionen, die möglicherweise ein Teilstamm der Burgunden waren, die sich auf der Suche nach Schutz vor den Vandalen den Goten angeschlossen hatten. Der Historiker Zosimos (um 500) erwähnt solche Splittergruppen, Urugunden genannt, beim Einfall verschiedener Völker in das Römische Reich an der unteren Donau um 256/257. Diese östliche Gruppe von Burgunden scheint sich bis ins Gebiet des Asowschen Meeres ausgebreitet und vollkommen mit den Hunnen assimiliert zu haben, nachdem sie um 291 von den Goten fast vollständig geschlagen wurden. Wie bei allen spätantiken gentes ist allerdings auch bei den Burgunden davon auszugehen, dass nicht ganze „Völker“ wanderten, sondern nur kleine Gruppen, wobei im Erfolgsfall größere Verbände entstehen konnten, die sich immer wieder neu zusammensetzten und dabei auf einen „Traditionskern“ beriefen, zu dem insbesondere ein älterer, prestigeträchtiger Name („Goten“, „Burgunden“ etc.) gehörte. Die moderne Forschung (Herwig Wolfram u. a.) nimmt zudem an, dass diese „Großstämme“ zumeist erst durch den Kontakt mit dem Römischen Reich entstanden.

Der Name der Insel Bornholm lautete nach dem 8. Jahrhundert altnordisch Burgundarholmr („Insel der Burgunden“). Die Insel galt seitdem als Zwischenstation auf deren Wanderung ins Weichselgebiet. In der modernen Forschung wird die These einer Zwischenstation abgelehnt; auch die Herkunft der Burgunden aus Bornholm ist umstritten.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-53614-4, S. 11.

Jörg Oberste: Der Schatz der Nibelungen. Mythos und Geschichte. Lübbe, Bergisch Gladbach 2008, ISBN 978-3-7857-2318-0, S. 169.

Völkerwanderung Im Zuge der Südbewegung verschiedener germanischer Gruppen verließen wohl auch Teile der Burgunden ihre Siedlungsgebiete an der Oder. Die erste sichere Erwähnung von Kriegergruppen, die sich selbst als Burgundi bezeichneten, im Rhein-Donau-Gebiet gehört in das Jahr 278, als sie mit Vandalen verbündet unter dem Anführer Igillos von den Römern unter Kaiser Probus am Fluss Ligys (wohl der Lech bei Augsburg) geschlagen wurden. Diese Niederlage führte offenbar dazu, dass Burgunden in der Folgezeit als östliche oder nördliche Nachbarn der Alamannen auftraten und die Gebiete am Main besiedelten, die durch den Abzug der Alamannen ins Dekumatland ausgedünnt waren. Im Jahre 286 fielen Burgunden gemeinsam mit Alamannen, Herulern und Chaibonen in linksrheinisches Gebiet (Gallien) ein. Nur kurz darauf, im Jahr 291 wird zum ersten Mal über Streitigkeiten zwischen Burgunden und Alamannen berichtet, als Burgunden offenbar in Gebiete der Alamannen einfielen. Als sich im vierten Jahrhundert die Feindseligkeiten zwischen Römern und Alamannen verstärkten, traten Burgunden zunehmend als Verbündete der Römer gegen die Alamannen auf. Nach dem Abzug eines großen Teiles der römischen Truppen vom Rhein im Jahr 401 war der Weg über den Fluss frei. Der Übergang bei Mainz am 31. Dezember 406 (siehe Rheinübergang von 406) setzte vermutlich die Landnahme des nördlichen Alamannenlandes bis zum unteren Neckarbergland voraus. Die verbliebenen römischen Truppen und die in weströmischen Diensten kämpfenden Franken wurden von Vandalen, Sueben, Alanen und Burgunden überrannt (siehe auch Völkerwanderung). Die Gründe hierfür sind umstritten. Mehrere Forscher glauben, die Burgunden und Vandalen seien ihrerseits vor angreifenden Hunnen geflohen, andere hingegen vermuten einen Zusammenhang mit den Bürgerkriegen, die damals im Weströmischen Reich wüteten.

Wo genau die Siedlungsgebiete der Burgunden vor 406 lagen, ist trotz intensiver Forschung immer noch weitgehend unbekannt. Aus den Gebieten um Kocher und Jagst liegen keine entsprechenden ostgermanischen Funde vor, obwohl in dieser Gegend häufig jene Salzquellen gesucht werden, um die Burgunden und Alamannen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts nach Ammianus Marcellinus kämpften. Ostgermanische Funde auf der Wettenburg bei Urphar deuten jedoch darauf hin, dass dort burgundische Einheiten in römischen Diensten stationiert waren. Sogar der Sitz eines burgundischen rex bzw. ein ostgermanisch-burgundisches Föderaten-Lager wurde dort vermutet. Wahrscheinlich lag das burgundische Territorium seit dem Ende des 4. Jahrhunderts im Mainmündungsgebiet und im Bereich vom unteren Neckar bis zum Rhein.Karlheinz Fuchs (Hrsg.): Die Alamannen (Ausstellungskatalog). Theiss, Stuttgart 20014, ISBN 3-8062-1535-9 (19971, ISBN 3-8062-1302-X).

Burgundenreich am Rhein Burgundische Krieger zogen nach dem Rheinübergang nicht weiter nach Gallien, sondern schlossen wie auch die Alamannen und Franken einen Vertrag (foedus) mit dem römischen Usurpator Konstantin III., der ihnen im Gegenzug annona zusicherte. Wo genau sie sich allerdings in der Folgezeit niederließen, ist umstritten. Nach Olympiodoros von Theben (dessen Werk aber nur fragmentarisch erhalten ist) erhoben im Jahr 411 Burgunden unter ihrem Anführer Gundahar (auch als Gundihar oder Gunthahar überliefert) gemeinsam mit Alanen unter Goar in Mundiacum in der Provinz Germania II den Gallorömer Jovinus zum Gegenkaiser. Die ältere Forschung hat dies in der Regel dahingehend „verbessert“, dass das unbekannte Mundiacum mit Moguntiacum (= Mogontiacum bzw. Mainz) in der Provinz Germania I gleichgesetzt wurde. Dies wird mittlerweile jedoch teils in Frage gestellt. Ergänzt werden die spärlichen literarischen Hinweise auf ein Burgundenreich am Rhein ansonsten nur durch die Notiz des Chronisten Prosper Tiro von Aquitanien zum Jahr 413 über die Ansiedlung von burgundischen Kriegern am Rhein. Dabei wurde der Bündnisvertrag offenbar noch einmal erneuert, diesmal allerdings mit dem legitimen Kaiser Flavius Honorius als Vertragspartner, und die Burgunden verpflichteten sich, gemeinsam mit weströmischen Truppen als foederati die Rheingrenze zu sichern.

Etwa 20 Jahre lang funktionierte dieses Arrangement recht gut, und Westrom konnte den Rhein noch einmal in seiner ganzen Länge beherrschen. Nach Ansicht einiger Forscher lassen sich burgundische Hilfstruppen archäologisch in römischen Grenzkastellen (etwa in Gellep-Stratum, möglicherweise auch in AltiaiaHeinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990; Lizenzausgabe Nikol Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-933203-60-0. S. 303) nachweisen. Orosius († um 418) behauptete in seinen letzten Lebensjahren, die Burgunden seien nunmehr Christen und überdies keine Feinde mehr, sondern Beschützer der Römer (Hist. adv. pag. 7,32). Vermutlich um diese Zeit entstand auch die von Orosius in diesem Zusammenhang überlieferte, aber falsche Etymologie des Namens Burgundi als „diejenigen, welche die burgi (Kastelle) besetzen“.

Doch Gundahars Bemühungen, seinen Machtbereich unter Ausnutzung erneuter innerrömischer Konflikte nach Westen (in die Provinz Belgica I) auszudehnen, brachte die Burgunden schließlich in Konflikt mit den Römern. Im Jahr 435 wurde ein burgundisches Heer vom weströmischen Heermeister Aëtius besiegt und musste sich wieder in die Germania I zurückziehen. Ein Jahr darauf wurde das Burgundenreich am Rhein von hunnischen Hilfstruppen Westroms endgültig vernichtet, wobei Gundahar getötet wurde. Dieses Ereignis stellt den historischen Kern der Nibelungensage und dem Nibelungenlied dar, wobei Attila, das Vorbild für den mittelhochdeutschen Etzel bzw. altnordischen Atli der Sage, in Wahrheit keine Rolle beim Untergang des rheinischen Burgundenreiches spielte. Gundahar wurde in der Sage als König Gunther bezeichnet.

Das um 1200 entstandene Nibelungenlied nennt dieses Volk Burgonden und seinen König Gunther, dessen Sitz in Worms verortet wird. Das Burgund des 12. Jahrhunderts lag jedoch um Arles (Königreich Arles) sowie weiter nördlich (Herzogtum Burgund in der Region um Dijon), während die Burgunden des 5. Jahrhunderts einige Jahre nach der Zerschlagung ihres Reichs am Rhein in der Gegend südlich des Genfer Sees angesiedelt wurden (siehe unten). Um die Unterschiede zu betonen, ist es in der Forschung üblich, nur das Volk der Nibelungensage als Burgunden, das historische Volk hingegen als Burgunder zu bezeichnen.

Umsiedlung nach Savoyen, Ausdehnung ins Rhonetal, Biel und Frankreich Einige Jahre nach der katastrophalen burgundischen Niederlage gegen die Römer und Hunnen im Jahr 436 hatten sich die überlebenden Krieger neu formiert und strebten danach, wieder in kaiserliche Dienste zu treten. Dies war der Anlass ihrer wahrscheinlich nach römischem Einquartierungsrecht vollzogenen Ansiedlung im Jahre 443 als foederati in der heutigen Westschweiz und der Sapaudia. Diese südöstliche Region der Provinz Maxima Sequanorum umfasste das Gebiet von Genf, Hochsavoyen, die Westschweiz und Teile des schweizerischen Mittellandes bis an die Mündung der Aare in den Rhein, vielleicht sogar bis in den Bodenseeraum.Jean-Daniel Morerod, Justin Favrod: Entstehung eines sozialen Raumes (5.–13. Jahrhundert). In: Georg Kreis: Die Geschichte der Schweiz. Schwabe, Basel 2014, S. 86. Ein Versuch der Ausdehnung in Richtung Mittelmeer scheiterte bald darauf am Widerstand der dort bereits siedelnden Westgoten. 451 kämpften die Burgunden an der Seite von Aëtius auf den Katalaunischen Feldern gegen Attila. Danach kam es zu einer engeren Anlehnung an das Römische Reich und ab dem Jahr 500 zur Verbündung zwischen dem Frankenkönig Chlodwig und Godegisil, König von Besançon, gegen dessen Bruder Gundebald. Chlodwig nutzte die Rivalitäten unter den vier Söhnen von Gundjoch (436–473) aus, um seinen Einflussbereich in die neuen Burgundensitze in der Sapaudia auszudehnen, ohne das Gebiet aber zu besetzen. Dies unter anderem, weil seine Frau Clotilde (oder Chrodechild) dem burgundischen Geschlecht entstammte und eine Nichte des überfallenen Gundebald war. So kam es dazu, dass Gundebald Chlodwig Tribut versprach, was ihm wiederum die Möglichkeit eröffnete, seinen verräterischen Bruder nach Avignon zu verfolgen, wo er ihn stellte und tötete.