Karl Mays Erzgebirgische Dorfgeschichten sind eine Reihe von Erzählungen aus Karl Mays Frühwerk. Eine Auswahl erschien 1903 aus strategischen Gründen zusammen mit zwei Erzählungen des Spätwerks in einer Anthologie unter dem Titel Erzgebirgische Dorfgeschichten. Diese Werke gehören zur Gattung der Dorfgeschichten und spielen in Mays erzgebirgischer Heimat.
Entstehung Dorfgeschichten des Frühwerks miniatur|hochkant|Karl May zur Zeit seines Frühwerks Seit 1840 und noch einmal verstärkt ab 1860 waren Dorfgeschichten stark verbreitet und sehr beliebt.Mahler, Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten'. S. 23. Zu ihrem Erfolg hatten die Werke Berthold Auerbachs beigetragen,Herrmann, Die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ Karl Mays unter dem Aspekt der Dorfgeschichten-Tradition. S. 26 f. mit denen Karl May mutmaßlich bereits während seiner zweiten Haftzeit (1865–1868) in Berührung kam.Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 53 f. Belegt für diese Zeit ist eine Beschäftigung mit dem Dorfgeschichten-Autor Wilhelm Oertel von Horn,Herrmann, Die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ Karl Mays unter dem Aspekt der Dorfgeschichten-Tradition. S. 60. den er in seinem Repertorium C. May (ca. 1867) aufführtMay, Karl: Old Shatterhand in der Heimat. Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 1997, ISBN 3-7802-0079-1, S. 277. und dessen Figurenbeschreibungen später in Die Rose von Ernstthal (1874 oder 1875)Datierung wird derzeit neu diskutiert. eingingen.Kehl, Wolfgang: Die Geheimnisse der Spinnstube – Eine Quellen-Skizze. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 32/1977, S. 10 f. (Onlinefassung) Spätestens während seiner ersten Redakteurstätigkeit (1875/76) beschäftigte sich May näher mit Dorfgeschichten, als er die Erzählung „Fundgrube ‚Vater Abraham‘“ von Elfried von Taura (d. i. August Peters) für sein Blatt Schacht und Hütte redigierte.Kühne, Hartmut: Karl May und E. v. T. In: Claus Roxin (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970. Hansa-Verlag, Hamburg 1970, S. 198–220 (215–218). (Onlinefassung) Da sich May während seines Frühwerks an verschiedenen Richtungen der Unterhaltungsliteratur versuchte, bis er schließlich seine Profession als Autor von Reiseerzählungen fand,Martin Lowsky: Karl May (= Realien zur Literatur, Band 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-476-10231-9, S. 38 ff. sehen verschiedene Autoren in Peters eine Anregung zum Verfassen von Dorfgeschichten.Schmid, Nachwort. S. 467.Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 56.Lorenz, Christoph F.: ’’May auf den Spuren des Evangeliums’’ In: May, Karl: ’’Verschwörung in Wien’’. Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2014, ISBN 978-3-7802-0090-7, S. 537. Andererseits hatte May bereits früh begonnen, den literarischen Markt zu beobachtenScheinhammer-Schmid, Ulrich: [Werkartikel über] Der Scheerenschleifer. In: Ueding: Karl-May-Handbuch. S. 365. und verfolgte daher vermutlich auch die Entwicklung der Dorfgeschichten jener Zeit,Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 53. sodass auch ein ökonomischer Aspekt in Betracht kommt.Mahler, Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten'. S. 33. Als Dorfgeschichten-Schreiber hat sich May allerdings nicht verstandenMahler, Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten'. S. 31. und darum steht er eher unbewusst in der Dorfgeschichten-Tradition.Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 57. Dies führt zu der Problematik, dass nicht alle der sogenannten Erzgebirgischen Dorfgeschichten bedingungslos als Dorfgeschichten zu bezeichnen sindHein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 51. und teilweise eher in der Tradition der Abenteuerliteratur stehen. Nach Pitt Herrmann „entzieh[en sie] sich jeder herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Klassifizierung.“Herrmann, Die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ Karl Mays unter dem Aspekt der Dorfgeschichten-Tradition. S. 114.
May war vom erzieherischen Einfluss der Literatur überzeugt und hatte bereits mit den von ihm gegründeten Blättern literaturpädagogische Ziele verfolgt.Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 55 f. Allerdings war ihm bewusst, dass Belehrung nicht übertrieben werden durfte, und darum verwendete er triviale Mittel, um Hochliteratur nachzuahmen.Mahler, Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten'. S. 35 f. Entsprechend lassen sich Mays Dorfgeschichten der sendungsbewussten Trivialliteratur zuordnen.Hein, Die »Erzgebirgischen Dorfgeschichten«. S. 64 f. Nach Hermann Wohlgschaft wollte May „den Leser (und den Autor) ermahnen und warnen, ihn erschrecken und aufrütteln“, „sich selbst und seine Leser zum Guten erziehen.“Wohlgschaft, Hermann: Karl May – Leben und Werk. 3 Bände. Bücherhaus, Bargfeld, 2005, ISBN 3-930713-93-4, S. 435 f. Klammern im Original. Diese Texte dienten auch selbsttherapeutischen Zwecken nach seinen Vaganten- und Haftzeiten (1864–1874). Laut Rudolf Mahler „(übernehmen) die Dorfgeschichten eine Ordnungsfunktion durch die Betonung des gesetzlichen Elements und zwar des menschlichen wie des göttlichen“Mahler, Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten'. S. 38. und Helmut Schmiedt stellt fest: „das gründliche Ausformulieren eines letztlich doch gerechten gesellschaftlichen Zustandes […] stabilisiert die Fähigkeit zur Anpassung und soll May gefeit machen gegen weitere gefährliche Irritationen.“Schmiedt, Helmut: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. 2., völlig überarbeitete und ergänzte Auflage. Athenäus Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1987, ISBN 3-610-08902-4, S. 44. Fast alle Werke Mays enthalten Anspielungen auf dessen Biografie;Wohlgschaft, Karl May. S. 355. allerdings verarbeitete er in diesen Erzählungen zudem die authentischen Eindrücke seiner erzgebirgischen Heimat und des Sozialmilieus.Petzel, Michael, Wehnert, Jürgen: Das neue Lexikon rund um Karl May. Lexikon Imprint Verlag, Berlin, 2002, ISBN 3-89602-509-0, S. 108. Im Gegensatz zu den meisten anderen Werken Mays (und den beiden späten Dorfgeschichten) fehlt der Humor,Schmid, Nachwort. S. 473. denn laut Michael Zaremba „(haben) die zahlreichen tragischen Episoden in den frühen ›Erzgebirgischen Dorfgeschichten‹ eine räumliche und zeitliche Nähe [zu Mays] erlebte[m] Trauma, die einen heiteren Grundton erschwerte.“Zaremba, Michael: Strukturen des Humors bei Karl May. In: Claus Roxin, Helmut Schmiedt, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1998. Hansa Verlag, Husum 1998, ISBN 3-920421-72-8, S. 164–176 (173). (Onlinefassung)
Folgt man Mays publizierten Angaben, begann er kurz nach 1873 die Erzgebirgischen Dorfgeschichten zu schreiben.Schmid, Nachwort. S. 475. Laut einer privaten, undatierten Notiz schrieb May Erzgebirgische... von 1866 an; abgedruckt in: Karl May: Auch »über den Wassern«. Mit Anmerkungen von Hansotto Hatzig und Ekkehard Bartsch. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1976. Hansa-Verlag, Hamburg 1976, ISBN 3-920421-31-0, S. 230–272 (271, Anm. 59). (Onlinefassung) Tatsächlich erschien die älteste bekannte Erzählung, Die Rose von Ernstthal, 1874 oder 1875. Dieser Text lässt sich allerdings nur bedingt der Gattung Dorfgeschichte zuordnen, sondern ist vielmehr durch Kleinstadt- und Soldatenmilieu geprägt,Hein, Jürgen: [Werkartikel zu] Die Rose von Ernstthal. In: Ueding, Karl-May-Handbuch. S. 371–373. ist gleichfalls eine historische Erzählung und bildet ein Bindeglied zu Mays Geschichten über den „Alten Dessauer“. Mit einem zentralen Thema in Dorfgeschichten, dem Gegensatzpaar Stadt und Land, beschäftigte sich May danach in einem gleichnamigen Kapitel seiner Geographischen Predigten (1875/76). Erst 1877 erschien mit Der Dukatenhof die nächste Dorfgeschichte. In dieser waren bereits alle wesentlichen Motive der noch folgenden Erzählungen vorhanden.Schmid, Nachwort. S. 469. Bis 1879 folgten neun weitere Erzgebirgische Dorfgeschichten und laut Roland Schmid „zeichnet sich bei vergleichender Betrachtung eine unverkennbare Entwicklung der schriftstellerischen Gewandtheit ab.“Schmid, Nachwort. S. 468.
Zwar entstanden ab 1880 zunächst keine Dorfgeschichten mehr, aber sie hatten Einfluss auf die folgenden Werke. Denn die Figuren, Handlungselemente und Schauplätze waren hier – ebenso wie auch in anderen Frühwerken – bereits vorgeformt, die May nun in seinen Kolportageromanen und Reiseerzählungen in fremde Länder übertrug und dort weiter ausarbeitete.Botschen, Engelbert: Die Vorwegnahme des Werkes am Beispiel der Humoresken und Dorfgeschichten. In: Meier, Herbert (Hrsg.): Karl May. Unter den Werbern. Seltene Originaltexte, Band II. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, S. 182 f. (Onlinefassung)Schmid, Nachwort. S. 466. Überdies hatten die Dorfgeschichten Anteil an der Entwicklung des Ur-Ich in Mays frühen Abenteuererzählungen zu einem Heilsbringer in den Reiseerzählungen.Rainer Jeglin: Herrgottsengel, Rebell und Missionar. Anmerkungen zum Rettungsstil bei Karl May. Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 24/1980. S. 1–56. (Onlinefassung)
Spätwerk und Buchausgabe miniatur|hochkant|Karl May ein Jahr nach Erscheinen der Spätwerks-Dorfgeschichten (mit Ehefrau Klara)