mini|hochkant=1.3|Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko

Die Adivino-Pyramide (auch: Pyramide des Wahrsagers,National Geographic Society: Research & Exploration, Volume 10, 1994. Pyramide des Zauberers, Pyramide des Zwerges) ist eine mesoamerikanische Tempelpyramide in der antiken präkolumbischen Ruinenstadt Uxmal, Mexiko. Die Pyramide ist das größte und markanteste Bauwerk in Uxmal, welches seit 1996 zum UNESCO-Welterbe gehört.

Beschreibung mini|Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko mini|Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko

Die Adivino-Pyramide ist das Hauptbauwerk des Maya-Ruinenkomplexes von Uxmal im Hügelland im Südwesten von Yucatán. Wie andere Orte der Puuc-Region lag die Hochphase von Uxmal zwischen 600 und 1000 n. Chr., wobei die bedeutendsten Gebäude zwischen 700 und 1000 n. Chr. entstanden. Damals lebten hier etwa 25.000 Menschen. Der Name uxmal bedeutet in der lokalen Maya-Sprache „dreimal erbaut“ und bezieht sich auf die vielen Schichten bei der Konstruktion der wichtigsten Bauten.

Die Ruinen der Zeremonienbauwerke gelten in Bezug auf Entwurf, Anordnung und Ornamentik als Gipfel der späten Maya-Kunst und Maya-Architektur.

Die Adivino-Pyramide dominiert den Mittelpunkt der Anlage und befindet sich am Touristeneingang zum zentralen Hof. Sie befand sich an der Ostseite der Stadt – ihre Westseite überblickt das sogenannte „Nonnenviereck“ (Cuadrángulo de las Monjas) und ist so angelegt, dass die Westtreppe direkt auf den Sonnenuntergang bei der Sommersonnenwende ausgerichtet ist.

Der Bau der ersten Tempelpyramide begann im 6. Jahrhundert n. Chr. In den nächsten 400 Jahren wurde das Bauwerk immer wieder erweitert. Die Pyramide verfiel nach 1000 n. Chr. und wurde während der spanischen Eroberung von Yucatán geplündert.

Der erste detaillierte Bericht von der Wiederentdeckung der Ruinen von Uxmal wurde 1838 von Jean-Frederic Waldeck veröffentlicht. Dieser inspirierte John Lloyd Stephens und seinen Freund und Illustrator Frederick Catherwood, die Anlage zwischen 1839 und 1841 zweimal länger zu besuchen, um die Anordnung des Komplexes zu dokumentieren und aufzuzeichnen. Dies wurde die Grundlage für Stephens Buch Incidents of Travel in the Yucatan.

Die Restaurierung von Uxmal begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Adivino-Pyramide wurde in dieser Zeit instand gesetzt. In den frühen 1970er Jahren wurde ein großes Konservierungsprojekt von Archäologen des Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH) begonnen, um die Seiten und flachen Terrassen der Pyramide zu festigen und die bauliche Integrität des Tempels zu verbessern. Im Jahr 1988 fegte der Hurrikan Gilbert über die Halbinsel Yucatán mit hohen Windstärken und heftigen Regenfällen, was erhebliche Schäden an der Außenseite der Pyramide verursachte. Einer Untersuchung nach dem Hurrikan stellte Risse fest, die in den Wänden der Südseite sowie auf beiden Seiten der westlichen Treppe entstanden waren. Darüber hinaus wurden auch Schäden an den vertikalen Mauern am Fuße der Westseite der Pyramide festgestellt.

Archäologen und Konservatoren des INAH begannen unverzüglich einen Weg für die Konservierung und Stabilisierung der Pyramide zu entwickeln. Es musste die Westfassade verstärkt, sämtliche baulichen Schäden überprüft und bei Bedarf Notfallmaßnahmen eingeleitet werden. Die Lücken unter dem Fundament der Treppe wurden mit Mauerwerk aufgefüllt und mit Zement und Putz gemörtelt. Eine Bewegungsüberwachung wurde an kritischen Punkten eingerichtet, um eine Einsturzgefährdung feststellen zu können. Die Sofortmaßnahmen für die Stabilisierung der Pyramide verhinderten ein Einsturz. 1997 stellten Archäologen jedoch weitere kleine Risse fest, die in den Wänden der Pyramide entstanden waren. Die Konservierungsmaßnahmen sind immer noch im Gange und es ist Besuchern der Stätte verboten, die Pyramide zu besteigen.

Konstruktion und Gestaltung Die Adivino-Pyramide dominiert Uxmal und gilt wegen ihrer gerundeten Seiten, ihrer erheblichen Höhe, steil ansteigenden Außenwänden und Treppen und dem ungewöhnlichen elliptischen Fundament als einzigartig. Grob behauene Steine verkleiden den Körper der Pyramide, wobei diese Steine mittlerweile größtenteils von Stabilisierungsarbeiten aus jüngster Zeit stammen.

mini|Türen der Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko mini|Detail Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko mini|Schnitt der Adivino-Pyramide mit der Verteilung der verschiedenen Tempel mini|Adivino-Pyramide, Uxmal, Mexiko mini|Ornamente am oberen Tempel der Pyramide

Ausmaße Die genaue Höhe der Adivino-Pyramide ist umstritten und wurde sowohl mit 131 Fuß (ca. 40 m) wie auch 90,5 Fuß (ca. 27,5 m) angegeben. Die anerkannte Höhe beträgt 115 Fuß (ca. 35 m). Das Fundament bemisst ungefähr 227 × 162 Fuß (ca. 69 × 49 m). Obwohl keine genauen Abmessungen vorliegen, ist die Pyramide das größte Bauwerk in Uxmal sowie eines der markantesten Maya-Bauwerke auf der Halbinsel Yucatán.

Bauphasen Der Bau der Pyramide wurde in über drei Jahrhunderten während des Endes der Klassik der Maya-Hochkultur in verschiedenen Phasen umgesetzt. Marta Foncerrada del Molina datiert in ihrem Buch Fechas de radiocarbono en el area Maya den Beginn der Bauarbeiten an der Adivino-Pyramide auf das 6. Jahrhundert, die sich periodisch bis ins 10. Jahrhundert fortsetzen: „Diese Einstufung bezieht sich auf die Radiokohlenstoffdatierung auf 560 n. Chr. (± 50 Jahre) für den unteren Westteil des Tempels wie auf Foncerradas stilistische Datierung für die inneren Tempel I und II“.Originalzitat: „This placement depends both on the A.D. 560 ± 50 radiocarbon date for the Lower West Temple, as well as on Foncerrada’s stylistic dates for inner Temples I and II“ Jeff K. Kowalski: The House of the Governor: A Maya palace at Uxmal, Yucatan, Mexico. Norman: University of Oklahoma Press, 1987, S. 47.

Insgesamt kann die Entstehung der Pyramide in mindestens fünf Bauphasen unterteilt werden, wobei die verschiedenen Bauteile traditionell als „Tempel“ bezeichnet werden, was jedoch nichts über deren eigentliche Funktion aussagt. Damit folgten die Mayas einer traditionellen Praxis in der Konstruktion der Pyramide: Sie erweiterten Schritt für Schritt die Ausmaße, indem sie auf bestehende Baustufen neue Bauabschnitte aufsetzten. So wie die Pyramide heute dasteht, ist sie das Ergebnis von fünf ineinander geschachtelten Tempeln. Teile des ersten Tempels sind sichtbar, wenn man die westliche Treppe hinaufsteigt. Der zweite und dritte Tempel können von der östlichen Treppe aus betreten werden – durch eine innenliegende Kammer auf der zweiten Ebene. Der dritte Tempel bildet vor dem vierten Tempel einen Narthex. Der vierte Tempel ist von der Westseite deutlich sichtbar. Wenn man die östliche Treppe bis ganz nach oben steigt, wird der fünfte Tempel sichtbar, der sich über dem zweiten und dritten Tempel befindet.Henri Stierlin: Living Architecture: Mayan. Fribourg: Office du livre, 1964, S. 66.

Tempel I Der erste Tempel ist der älteste Bauteil und von der Westseite am Fuße der Pyramide sichtbar. Dieser Teil stammt ungefähr aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. Dies lässt sich aus der Radiokohlenstoffdatierung und aus dem Datum über dem Türsturz schließen.

Der Tempel I war ursprünglich ein eigenständiges Gebäude. Er bildet die östliche Begrenzung des sogenannten „Vogelhofes“, dessen Randbebauung zu dieser Zeit jedoch noch nicht vollständig war. Die Treppe vom „Vogelhof“, die zum Tempel IV führt, geht über die Fassade des ersten Tempels hinweg. Damit überdeckt diese Treppe den Tempel I teilweise, so dass der Zugang zum Tempel I durch einen überwölbten Durchgang geschaffen wurde, der heute zugemauert ist.

Der erste Tempel ist typisch für den klassischen Puuc-Stil. Es besteht aus zwei parallelen Reihen von je fünf Räumen, wobei die östliche (hintere) Reihe durch die Räume der westlichen Reihe einst erschlossen wurde. Am Ende jeder Reihe befand sich ursprünglich ein quer verlaufender Raum. Der mittlere Eingang ist heute nicht mehr sichtbar. Einige dieser Räume wurden wahrscheinlich während der letzten Bauphase der Pyramide aus statischen Gründen mit Geröllstein-Mauerwerk verfüllt.H. E. D. Pollock: The Puuc. An architectural survey of the hill country of Yucatan and northern Campeche, Mexico. Peabody Museum of Archaeology and Ethnology, Cambridge MA 1980, ISBN 0-87365-693-8. Jede Tür hatte an den Ecken eingesetzte, dicke Ecksäulen sowie Türbalken, die aus je zwei Holzbalken bestanden. Jedoch sind diese Balken nur noch an einer Stelle erhalten. Bei einem der Balken wurde eine Radiokarbondatierung vorgenommen, die diesen auf 740–760 n. Chr. datiert (Labor-Nummer Hei 15505). Das Vertrauensintervall beträgt 1 Sigma, was bedeutet, dass der Baum mit einer 68-%-Wahrscheinlichkeit in diesem Zeitraum gefällt wurde.

mini|links|Tempel I – verfüllte Räume mini|links|Fries mit Hieroglyphen und Reliefszene

Die Fassade des ersten Tempels ist mit Masken des Regengottes Chaac verziert, was charakteristisch für den Chenes- und den Puuc-Stil der Maya-Architektur ist, auch wenn die Masken zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt wurden. Der Rest des Bauteils wird durch spätere Bauphasen des Pyramidenbaus verdeckt. Der Durchgang, der zu diesem Bauteil führte, wurde nach den heftigen Regenfällen des Hurrikan Gilbert (1988) gesperrt, um den Denkmalschutz bei diesem Gebäude sicherzustellen.

Die Fassadengestaltung setzt sich aus einem Sockel mit drei Elementen zusammen: Um das ganze Gebäude zieht sich eine Reihe niedriger kleiner Säulen, die sich mit glatten Flächen abwechseln und von zwei glatten Bändern eingefasst sind. Glatte Verkleidungssteine gestalten die untere Wandfläche. Die Bereiche zwischen den Türen sowie zwischen den Türen und Ecken haben je drei Felder, die mit jeweils drei kleinen Säulen ausgestaltet sind, die über die gesamte Höhe der unteren Wand verlaufen. Diese Säulenfelder unterscheiden sich von den kleinen Säulen des Sockels. Bemerkenswert ist das mittlere Gesims, dessen ungewöhnlich vielfältige und starke Dekoration auffällt. Es setzt sich aus übergroßen, monolithischen Bestandteilen zusammen, wobei die Schauseiten nach außen und unten vorkragen. Dabei wurde der untere Rand mit zapfenartigen, einfach gestuften Elementen geschmückt, die die Form des „ik“-Symbols haben. Dies gleicht in etwa einem „T“ mit drei gleich langen Balken. Die Schauseite ist reich verziert. Hier findet sich ein Flachrelief mit Fischen, Ranken, figürlichen Motiven, gekreuzten Langknochen, einzelnen kurzen Hieroglyphentexten sowie Flechtbändern. Oberhalb dieses untersten Elements befindet sich eine durchgehende Reihe von gekröpften kleinen Säulen. Darüber liegt ein weiteres Band. Dieses erinnert an flach liegende, kleine Säulen, die um ihren Umfang regelmäßige Einschnitte aufweisen.

mini|hochkant|Rüsselmasken über dem zentralen Eingang unterhalb der (späteren) Treppe, heute nicht mehr sichtbar

Die darüber befindliche Wandfläche ist glatt und nur über den Eingängen mit doppelt übereinander gesetzten, großen Chaac-Masken unterbrochen. Über dem mittleren Eingang (er liegt unter einer später erbauten Treppe) befand sich eine vollplastische Darstellung der „Königin von Uxmal“ (Reina de Uxmal). Dabei handelt es sich tatsächlich um das Gesicht eines Priesters, das aus dem Rachen einer stilisierten Schlange herauskommt und teilweise tätowiert ist. Im Rahmen von Restaurierungsarbeiten wurde diese Skulptur entfernt. Darüber sind zwei sehr gut erhaltene, große Rüsselmasken, die aber seit den letzten Restaurierungsmaßnahmen nicht mehr besichtigt werden können, da der Durchgang aus Stabilitätsgründen geschlossen werden musste. Das obere Gesims ist heute nicht mehr in ursprünglicher Lagerung erhalten. Aus Elementen, die im Schutt gefunden wurden, schließt man, dass die Gestaltung des oberen Gesimses dem des mittleren Gesims geähnelt haben könnte.

Tempel II