mini|Die Lage des Kastells Dunaszekcső am niederpannonischen Donaulimes mini|Im Vordergrund liegt das auf einem mächtigen Lößsockel errichtete Kastell Lugio/Florentia; auf der gegenüberliegenden Flussseite, an der kleinen Lichtung des Ufersaums, befand sich der spätantike Ländeburgus. mini|Der Burgberg von einem südöstlichen Standort über die Donau hinweg gesehen mini|Detail des Lößhügels an der südlichen Abbruchkante Das Kastell Dunaszekcső ( in der Spätantike umbenannt in ) war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus zuständig war. Die Donau bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die Baureste der Anlage befinden sich auf einem mächtigen Lößplateau unmittelbar über dem westlichen Flussufer. Die Anhöhe wird an ihren nördlichen, westlichen und südlichen Flanken von dem im ungarischen Komitat Baranya liegenden Dorf Dunaszekcső (früher Szekcső) umschlossen.
Lage Der die Landschaft dominierende ovale Lößhügel, der in die Überlieferung als „Várhegy“ (Burghügel) eingegangen ist, erhebt sich mit seinen steil abfallenden Hängen mehr als 40 Meter über der Donau. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurde die Anhöhe besiedelt. Davon zeugen Funde und Reste von Befestigungsanlagen der Bronzezeit sowie der keltischen Epoche, während der in der nahen Umgebung ein Oppidum entstand. 1913 fanden sich auf dem Burgberg 900 keltische Münzen.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 123. Auch die Römer erkannten rasch das strategische Potential des Plateaus. Neben der Garnison entwickelte sich das Lagerdorf (Vicus) zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, da eine Fernstraße über den Fluss hinweg nach Osten in das von den oftmals kriegerischen sarmatischen Jazygen besiedelte Barbaricum und bis weiter nach Dakien führte.András Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 223.
Forschungsgeschichte Lugio wird literarisch erstmals von Claudius PtolemäusClaudius Ptolemäus, Geographie II. 15,3 im 2. Jahrhundert n. Chr. zwischen Lussonium und Teutoburgium erwähnt. Weitere Namensnennungen finden sich im Itinerarium Antonini, einem Reichsstraßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert, als LugioneItinerarium Antonini 244, 2. und auf der Tabula Peutingeriana, einer kartografischen Darstellung des römischen Straßennetzes im 4. Jahrhundert gleichfalls als Lugione. Weitere Nennungen unter diesem Namen stammen aus der Notitia dignitatum, einem römischen Staatshandbuch aus dem 5. JahrhundertNotitia dignitatum occ. 22, 53, 58. sowie im 7. Jahrhundert durch den Geograph von Ravenna.Geograph von Ravenna 220, 7. Der Codex Iustinianus, eine Gesetzessammlung aus dem 6. Jahrhundert, nennt den Ort Lucione.Codex Iustinianus IX 20, 10-11. Am Ende des 3. Jahrhunderts erscheint der Name Florentia,Olivér Gábor: Lugio Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 130. der in den späteren antiken Publikationen allerdings nicht wieder aufgegriffen wird.
Karten, die Ungarn nach der so verheerenden türkischen Besatzungszeit zeigen, dokumentieren erstmals den Kastellplatz, über dem damals eine später abgebrochene Burg stand. Der Kirchenmann Stephanus Salagius (István Szalágyi, 1739–1796) war der erste, der die antike Stätte beschrieb. Ihm folgte der Gelehrte Matthias Petrus Katancsich (Matija Petar Katančić) (1750–1825), der Lugio identifizierte. Viel später führten der Archäologiepionier Flóris Rómer (1815–1889) und in der Folge Mór Wosinsky (1854–1907) sowie nach dem Zweiten Weltkrieg auch der Archäologe Zsolt Visy sowie Mihály Kőhegyi Geländebegehungen durch. Bis weit in das 20. Jahrhundert waren jedoch nur die Befunde aus einigen unsystematische Ausgrabungen bekannt, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden hatten. Daneben standen den Archäologen die Lesefunde aus den Prospektionen sowie einige gute Luftaufnahmen zur Verfügung.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 124.
Ein Plan unbekannter Herkunft, der um 1900 angefertigt wurde, zeigt die damals noch erhaltenen Kastellmauern. Wie an so vielen antiken Plätzen in Europa hat erst die Neuzeit wichtige archäologische Strukturen, Funde und Befunde vor ihrer Untersuchung vernichtet. Da Lößgründe sehr fruchtbar sind, wurde das Plateau intensiv für den Weinbau genutzt. Teilweise sind zudem ganze Lößbänke aus dem Hang gebrochen und der Berg mit modernen Kellern durchlöchert worden. Das römische Kastell litt durch den uneingeschränkten Steinraub der Einheimischen und Schatzgräber plünderten alles, was sie finden konnten. Daneben hinterließen illegalen Raubgräber schwere Zerstörungen an den Kulturschichten des Lagerdorfes (Vicus) der Garnison. Notgrabungen im Kastell führten in der Folge Valéria Kováts und Borbála Maráz durch. Das Lagerdorf selbst wurde seit 1998 durch den Archäologen Olivér Gábor systematisch erforscht.
Baugeschichte Auf dem Burgberg siedelten im ersten Jahrhundert v. Chr. Kelten, die möglicherweise ihr eigenes Geld herstellten. Nach der Okkupation Pannoniens ab 9 n. Chr. wurden auch die Römer auf die Gegend aufmerksam. Bereits die schon früh gemachten Oberflächenfunde wiesen ein großes Spektrum an norditalischer Terra Sigillata auf. Daher konnte bereits der Archäologe Lajos Nagy († 1947) die Gründung Lugios in das 1. Jahrhundert n. Chr. datieren. Die Herkunft zweier Scherben wurde nach Arretium (Arezzo) verortet. Eine Sigillate besaß die Form Drag. 15/17.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 106.
Ein erstes mutmaßliches Holz-Erde-Kastell wird daher für die flavische Zeit (69–96) angenommen. Es soll sich vielleicht auf dem Püspök- (Bischofs-) Hügel befunden haben, der nordöstlich des Burgberges und südlich des eigentlichen keltischen Oppidums liegt. Das darauffolgende Steinkastell entstand während der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. auf dem Burgberg und wurde während der Markomannenkriege (166–180) zerstört. Gegen Ende des 3. und während des 4. Jahrhunderts ist die erneuerte Fortifikationen mehrfach wiederhergestellt worden. Da die Ostseite des Burgberges von der Donau abgeschwemmt worden ist, kann nur noch die Längenausdehnung des Kastells genau vermessen werden. Je nach Forschermeinung wird daher der Umfang der Anlage mit 175Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 105. × ca. 75–130 Metern angegeben.
Am Ende des 4. Jahrhunderts räumte das Militär offensichtlich große Flächen innerhalb des Kastells. Nur eine Restbesatzung verblieb, die Bestattungen auf dem ehemaligen Garnisonsgelände zuließ. Diese Entwicklung lässt sich an vielen römischen Militärstandorten entlang der Donau beobachten. Als letzte Spuren antiken Lebens sind auch im frühen 5. Jahrhundert noch Gräber im Kastellbereich nachzuweisen.
Die besondere Bedeutung Lugios während der beginnenden spätrömischen Epoche wird durch die Anwesenheit des Kaisers Diokletian (284–305) unterstrichen, der hier am 5. November 293 zwei Erlasse herausgab. Nach Diokletian wurde Lugio in Florentia umbenannt.
Truppe und Militärpersonen 2001 stellte der Epigraphiker Barnabás Lőrincz (1951–2012) seine Truppenaufstellung der Prinzipatszeit für Pannonien zusammen. Diese Aufstellung, zusammen mit anderen Forschermeinungen und der Ergänzung des spätantiken Truppenkontingents wird in der Liste weiter unten behandelt. Früher wurde die Cohors II Asturum et Callaecorum (equitata) – (2. teilberittene Kohorte der Asturer und Callaecier), die seit der Flavierzeit in Pannonien stationiert war und nach der Provinzteilung (101–106) den Streitkräften Niederpannoniens zugeschlagen wurde, während der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Lugio. oder Ad Militare verortet.Barnabás Lőrincz: Die Truppe und der Truppenkommandeur des Diplomempfängers CIL XVI 113. In: Acta classica Universitatis Scientiarum Debreceniensis. 33, 1997 (1999), S. 241–248; hier: 232–233. Für Lőrincz blieb der pannonische Standort dieser Einheit nach der Auswertung neuerer Forschungsergebnisse jedoch unbekannt.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 29.
Zeitstellung Truppenname Bemerkung 41 (?) bis 54 n. Chr. Cohors I Alpinorum equitataVon 41 (?) bis 54 lag die 1. teilberittene Kohorte der Alpenbewohner in Dunaszekcső und war möglicherweise von 54 bis 69 nach Carnuntum abkommandiert. Zwischen 70 und 101 ist sie im ungarischen Binnenkastell Gorsium nachweisbar, von wo aus sie anschließend von 101 bis 118/119 nach Vetus Salina an den Donaulimes verlegt wurde.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 51. Zeitgleich existierte allerdings eine Kohorte desselben Namens, die sich von 103–106 in der römischen Provinz Moesia superior (Obermösien) nachweisen lässt.Ioan Piso: Das Militärdiplom von Drobeta In: An der Nordgrenze des Römischen Reiches. Ausgewählte Studien (1972–2003). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08729-X, S. 126. Im Anschluss daran haben die „Alpenbewohner“ in Matrica ihren Dienst geleistet und lagen hier bis zum Ausbruch der Markomannenkriege.Péter Kovács: Neue römische Inschriften im Matrica-Museum (Százhalombatta). In: Acta antiqua Academiae scientiarum Hungaricae. 36, Budapest 1995, S. 255. Ein Inschriftenbruchstück aus Lugio nennt Tiberius Claudius Magiatus, einen Reiter der Cohors I Alpinorum equitata.
Nach 202 hat ein Kommandeur (Praefectus cohortis) der Kohorte einen Votivaltar in Lussonium gestiftet.. Dort wird auch der damalige Stationierungsort der „Alpenbewohner“ zu suchen sein. um 140 bis um 250 n. Chr. Cohors VII Breucorum civium Romanorum equitataEin zwischen 1 und 85 n. Chr. entstandener Grabstein eines Soldaten der Cohors VII Breucorum bezeugt die Anwesenheit dieser Truppe für diese Zeit in Mainz-Weisenau.. Im Jahr 100 n. Chr. befand sich die 7. teilberittene Kohorte der Breuker römischen Bürgerrechts in Obermösien.Miroslava Mirković: Moesia Superior. Eine Provinz an der mittleren Donau. von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3782-3, S. 36. Eine in das 2. Jahrhundert datierte Inschrift nennt eine Vexillation der Breuker im syrischen Berytus (Beirut).. Ein aus Pannonien stammender Soldat der Truppe wurde offensichtlich während eines Einsatzes im kleinasiatischen Gordion durch seinen Erben, einem Feldzeichenträger der Einheit, begraben.. Eine weitere Inschrift nennt die Truppe mit ihrem damaligen Kommandeur in Knodhara auf Zypern..