Fritz Fabritius (* 27. März 1883 in Hermannstadt, Österreich-Ungarn; † 20. Oktober 1957 in Prien am Chiemsee, Deutschland) war ein rumäniendeutscher Politiker. Er ist bekannt für eine 1922 ursprünglich als Wirtschaftsverein gegründete Selbsthilfeorganisation, die er in Erneuerungsbewegung umtaufte und 1933 nach der Machtergreifung Hitlers Teil der nationalsozialistischen Bewegung wurde. 1935 wurde er Landesobmann der Deutschen Volksgemeinschaft in Rumänien und im Februar 1939 zum Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa gewählt. Da er eine „reichsdeutsche Expansion im Südosten“ unterstützte und damit die deutsch-rumänischen Beziehungen gefährdete wurde er abgesetzt und nach Deutschland beordert.

Leben Kindheit, Erziehung, 1883–1922 Fritz Fabritius wurde 1883 in Hermannstadt als Sohn eines Militär-Unterintendanten und dessen Gattin Viktorine Bielz geboren. Er besuchte die Militärschule in Košice () und Hranice na Moravě (), dann die Theresianische Militärakademie in der Burg in Wiener Neustadt. 1907, mit 24 Jahren, wurde ihm, mittlerweile Rittmeister, der Antrag auf Versetzung in den Ruhestand genehmigt. Danach fand er eine Anstellung in der „Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse“.Paul Milata: Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu. Rumäniendeutsche in der Waffen-SS. Böhlau-Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-412-13806-6, S. 349, hier S. 27 ff. und S. 336.

1912 gründete Fabritius, inspiriert von den alldeutschen und völkisch-sozialen Konzeptionen Georg von Schönerers,Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Werner Conze, Adolf Diestelkamp, Rudolf Laun, Peter Rassow, Hans Rothfels: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Band III: Das Schicksal der Deutschen in Rumänien. DTV, 1957, , S. 32E. die „Siebenbürgisch-Sächsische Jugendwehr“, um das „seiner Ansicht nach erstarrte völkische Leben im nationalen Sinne wieder zu beleben.“Siebenbürgen-Institut, SI A XII-3/5,9: Interview mit Fritz Fabritius jr. 29. Juni 1969. 1918 trat Fabritius in den Roland Verein für deutsch-völkische Stammkunde zu Berlin ein; 1921 gehörte er der Schirmherrschaft der deutschen Bauernhochschule e. V. an.Johann Böhm, Wolfgang Knopp: Die Deutschen in Rumänien und die Weimarer Republik 1919–1933, Verlag des Arbeitskreises für Geschichte und Kultur der deutschen Siedlungsgebiete im Südosten Europas e. V., Ippesheim 1993, ISBN 3-928389-02-5, S. 299, hier S. 189.

Gründung der Selbsthilfeorganisation, 1922–1930 Der Bankdirektor der Sparkassa Carl Wolff finanzierte Fabritius 1922 eine Reise nach Deutschland, um im Ausland Lösungen für die lokalen Wirtschaftsprobleme zu erkunden. In Deutschland soll es zu einem Treffen mit dem zu dieser Zeit noch relativ unbekannten Adolf Hitler gekommen sein, allerdings gibt es hierfür keine Belege. Er kehrte voller Begeisterung für Hitler zurück. Im Rahmen des Hermannstädter Sächsischen Landwirtschaftlichen Vereins gründete er 1922 oder 1923 unter der Bezeichnung Selbsthilfe der Kleintierzüchter, Leingärtner, Land- und Heimstättenhungrigen eine Bausparkasse. Die Selbsthilfe folgte seit ihrer Gründung neben agrarpopulistischen (vgl. Poporanismus, Sämänätorismus) und traditionell-autochthonen Ideen auch die Ideologie und Heraldik des Nationalen Sozialismus. Intern verband sie Wirtschaftsmaßnahmen mit Forderungen nach politischen Reformen. Nach anfänglichen Rückschlägen (Neugründung 1927) hatte die Vereinigung 1929 1.620 Mitglieder, nach der Weltwirtschaftskrise verdoppelte sich deren Zahl auf 3200 im Jahr 1931,Günter Schödl: Deutsche Geschichte im Osten Europas: Land an der Donau. Siedler Verlag, München, 1995, ISBN 3-88680-776-2, S. 720, hier S. 560. mit Kapitaleinlagen von 121 Millionen LeiHildrun Glass: Zerbrochene Nachbarschaft. Das deutsch-jüdische Verhältnis in Rumänien (1918-1938). Band 98 von Südosteuropäische Arbeiten, R. Oldenbourg, 1996, ISBN 3-486-56230-4, S. 638, hier S. 323. (etwa 9,5 Millionen US-Dollar in Werten von 2011).globalfinancialdata.com und (Inflation Calculator funktioniert nicht mehr). Nach Werten vom 7. Februar 1929 lag der Wechselkurs für 1 US-Dollar bei 167,20 Lei. Inflationsbereinigt liegt die reale Größe von $1 aus dem Jahr 1929 bei einem Wert von $13.24 im Jahr 2011, dementsprechend hatten die Einlagen einen Wert von etwa $9,5 Millionen in Werten von 2011.

Ab 1926 wurde er mit August Georg Kenstler als Schriftleiter Herausgeber der Zeitschrift Sachs' halte Wacht,Johann Böhm: Nationalsozialistische Indoktrination der Deutschen in Rumänien 1932-1944, Verlag Peter Lang, 2008, ISBN 978-3-631-57031-9, S. 253, hier S. 7. von der zwei Ausgaben erschienen.Joseph Trausch, Friedrich Schuller, Hermann Adolf Hienz: Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Deutschen: bio-bibliographisches Handbuch für Wissenschaft, Dichtung und Publizistik, Band 7, Böhlau Verlag Köln Weimar, 2000, ISBN 978-3-412-12599-8, S. 388, XX-Abkürzungen.

Ab 1930 nahmen in der ursprünglich als Wirtschaftsverein gegründeten Selbsthilfe durch den zunehmenden Einfluss jüngerer Nachwuchskräfte politische Tätigkeiten stark zu, ohne dass die Organisation eine politische Führungsrolle übernehmen konnte. Fabritius propagierte einerseits völkische Zusammengehörigkeit, andererseits den Sozialismus der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Er erklärte das demokratische System für gescheitert, obwohl die Selbsthilfe wie keine andere rumäniendeutsche Organisation mit mehr Nachdruck die Demokratisierung des Wahlsystems der regionalen Volksräte als Vertretung der deutschen Minderheit forderte.

Fabritius griff nicht die Kirchen an, betrachtete sich nicht als einen Wegbereiter des nationalsozialistischen Deutschen Reichs und wurde auch von seinen Gegnern nicht als ein solcher verstanden. Im Rahmen eines Minderheitenpolitikers stand er eher den konservativen Kräften näher als dem radikalen Flügel seiner eigenen Bewegung.

Erneuerungsbewegung, 1930–1935 Nach 1930 verschärfte die politisch immer noch machtlose politische Opposition innerhalb der Rumäniendeutschen ihren Ton mit radikalen Lösungen und offensiven Positionen nach einer langen Kette von gescheiterten Versuchen von Veränderung der bestehenden Verhältnisse unter den vorherrschenden konservativen Eliten, die sich nicht auf einen Dialog einließen, und der Bukarester Regierung. Für eine politische Kurskorrektur in den Minderheitenbeziehungen waren nun nicht Gruppierungen wie die Unzufriedenen, Klingsor oder die Banater Jungschwaben der Kristallisationspunkt, sondern die in Erneuerungsbewegung umgetaufte Selbsthilfe von Fabritius. Er kritisierte besonders die erfolglose, passive Politik der Minderheitenführung gegenüber der Hauptstadt. Seit Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Streit zwischen der großbürgerlichen Industriellengruppe um Hans Otto Roth und die kleinbürgerlich-ländliche Gruppe um Rudolf Brandsch das konservative Lager gelähmt.

Nach der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 gelang der Erneuerungsbewegung der politische Durchbruch. Sie verstanden sich nun nicht mehr als oppositionelle Randgruppe, sondern als Teil der internationalen nationalsozialistischen Bewegung. Nach konservativen Berichten warben die Erneuerer, die seit Mai 1932 in Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) umgetauft wurde, mehr mit Wahlgeschenken und weniger mit Argumenten. Zusätzlich gaben sie das Versprechen, im Falle eines Wahlsieges in Zukunft noch mehr Reichszuwendungen zu erhalten. Wirtschaftsmaßnahmen der NS-Ortsgruppen nach dem Konzept einer Hilfe zur Selbsthilfe ließen mehr noch als die Versprechen auf finanzielle Zuschüsse aus Deutschland die ärmeren Bauern für Fabritius stimmen. Zu Beginn des Jahres 1934 änderte die NSDR ihren Namen in „Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien“ (NEDR).Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006

Deutsche Volksgemeinschaft in Rumänien, 1935–1938 Am 29. Juni 1935 wurde Fabritius infolge der Wahlsiege in den regionalen Volksräten mit 49 Stimmen bei 18 konservativen Enthaltungen zum Vorsitzenden der rumäniendeutschen Dachorganisation gewählt und benannte diese in Deutsche Volksgemeinschaft in Rumänien um. Der Verband erhielt ein vom Nationalsozialismus inspiriertes Volksprogramm, gegen das sich weder die Konservativen noch die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien auflehnten, wohl aber die radikale Fraktion der Erneuerer. Diese radikale Fraktion unter Waldemar Gust und Alfred Bonfert hatte am 10. Februar 1935 zunächst noch mit der Zustimmung Fabritius’ die Deutsche Volkspartei Rumäniens (DVR) gegründet. Die Radikalen beanstandeten, dass das Volksprogramm nicht dem „eigentlichen Geist des Nationalsozialismus“ entsprach. Bis zum Oktober 1938 prägte der Konflikt zwischen der Volksgemeinschaft und der DVR die politische Diskussion der Rumäniendeutschen. Der „Streit trennte Hofnachbarn und entzweite Familien, Kinder prügelten sich auf der Straße und riefen ‚Fabritius soll regier'n, Bonfert soll krepier'n‘ oder umgekehrt (je nach Einstellung der Eltern)“, in den Städten tobten Saalschlachten.Georg Weber, Renate Weber: Zendersch: eine siebenbürgische Gemeinde im Wandel. Delp, 1985, ISBN 3-7689-0222-6, S. 751, hier S. 265. Die Länge des Konfliktes spiegelte nicht die wahren Kräfteverhältnisse wider, da eine Zweidrittelmehrheit eindeutig zu Fabritius stand. Die Volkspartei wurde einzig vom Volksrat der Bukowina () und von Kreisausschüssen im Burzenland unterstützt.Wolfgang Miege: Das Dritte Reich und die Deutsche Volksgruppe in Rumänien 1933–38. Band 18 von Europäische Hochschulschriften: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Europaische Hochschulschriften, Verlag Herbert Lang, 1972, ISBN 3-261-00761-3, S. 346, hier S. 170.

Gleichschaltung, 1938 Am 26. Oktober 1938 lud die Sonderbeauftragte in Rumänien Edit von Coler Fabritius und Helmuth Wolff, Vorsitzender des Deutschen Volksrats für Siebenbürgen in die Bukarester Wohnung des deutschen Gesandtschaftsrats Stelzer ein. Am nächsten Vormittag sprach sie ebenfalls in Bukarest, in der Wohnung des Vertreters der NSDAP/AO, Landesgruppenleiter der Auslandsorganisation der NSDAP in Rumänien Artur Adolf Konradi, mit Bonfert, dem Landesbauernführer Hans Kaufmes und Waldemar Gust, dem Kreisleiter für Siebenbürgen Ost. Am Abend des 27. Oktobers kamen beide Parteien zu einer Einigung, in der Fabritius als Landesobmann der Volksgemeinschaft bestätigt wurde. Die DVR-Organisationen wurden aufgelöst und in die Volksgemeinschaft eingegliedert. Vermutungen legen nahe, dass sie als Beauftragte des Deutschen Reiches den Radikalen mit der Streichung ihrer Finanzierung durch die NSDAP gedroht hatte. Am 6. November 1938 wurde die „Versöhnung“ mit einer Massenkundgebung in Timișoara gefeiert. Fabritius stellte nach diesen Coler-Gesprächen keine Autonomieforderungen für die rumäniendeutsche Minderheit mehr. Mit seinem Stab erledigte er nur noch das Tagesgeschäft der Volksgemeinschaft. Bei bedeutenden Angelegenheiten wie Pressemitteilungen, Strategiefragen oder Bestimmung des Führungspersonals wurden Entscheidungen vom Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi) telegrafisch übermittelt.