Das Corps Hercynia ist eine farbentragende und pflichtschlagende Studentenverbindung, die dem Dachverband des Weinheimer Senioren-Convents (WSC) angehört. Das Corps Hercynia ist die älteste der am Hochschulort Clausthal gegründeten und heute noch bestehenden Studentenverbindungen.

An der Technischen Universität Clausthal bildet Hercynia zusammen mit den Weinheimer Corps Montania und Borussia den Senioren-Convent zu Clausthal.

Zirkel, Wahlspruch und Couleur Bis 1900 waren die Farben des Corps Hellblau-Weiß-Hellblau. Da es aber häufig zu Verwechselungen mit den Stadtfarben von Clausthal und einiger anderer Vereine kam, änderte man diese in Hellblau-Weiß-Dunkelblau. Das zweifarbige Fuchsenband hat die Farben Hellblau-Weiß. Mütze und Tönnchen sind hellblau. Anstelle der bei vielen Verbindungen üblichen Pekesche wird bei feierlichen Anlässen der Bergkittel getragen.

Der Zirkel setzt sich aus den Anfangsbuchstaben H(ercynia) v(ivat) c(rescat) f(loreat) (lat.: „Hercynia möge leben, wachsen und erblühen“) zusammen. Der Wahlspruch lautet „Famam extendere factis, hoc virtutis opus“ (nach Vergils Aeneis, Buch 10, 467, lat., so viel wie „den Ruhm durch Taten auszudehnen, das ist das Werk der Tapferkeit“), als Waffenspruch wählte man „Glückauf“, um die Verbundenheit mit dem Oberharzer Bergbau zu betonen.

Geschichte

Gründung des Corps und erste Jahre An der Bergschule Clausthal verbot die Bergschulordnung von 1859 mit dem sogenannten „Regulativ“ den Zusammenschluss zu „Corps-Verbindungen oder Landsmannschaften“. Die Regelung galt auch noch, nachdem die Bergschule im Jahr 1864 zur Bergakademie erhoben worden war. Dies führte dazu, dass viele Bergschüler an die Bergakademien in Berlin oder Freiberg auswichen, wo schon damals die volle akademische Freiheit herrschte.200 Jahre TU Clausthal, S. 66–67 Trotz dieses Regulativs und obwohl bereits zwei Verbindungen wieder aufgelöst worden waren, wurde das Corps Hercynia am 19. April 1866 im Zechenhaus Voigtslust bei Clausthal unter dem Tarnnamen „Verbindung zur Beförderung der Gemütlichkeit und Einigkeit unter den Mitgliedern“ gegründet. Die Gründungsmitglieder stammten sämtlich aus Clausthaler Bergmannsfamilien und waren am Clausthaler Gymnasium Mitglieder einer Schülerverbindung Concordia gewesen.

Bereits in der ersten Verfassung des Corps vom 1. Juni 1866 waren der Charakter einer schlagenden Verbindung, Wahlspruch und Waffenspruch festgelegt worden. Als Farben wählte man „Hellblau-Weiß-Hellblau“ – die Stadtfarben von Clausthal. Die erste Mensur wurde am 15. November 1866 in Göttingen ausgetragen, die erste Clausthaler Mensur am 23. Februar 1867 im Zechenhaus Voigtslust.

Erst am 9. Mai 1867 wagte man den nächsten Schritt und erklärte sich öffentlich zum „Corps Hercynia“. In der Folge verkündete Bergrat Roemer, der Direktor der damaligen Bergakademie, am 4. Juli 1867 die Auflösung der Verbindung. Eine von allen Professoren der Bergakademie unterstützte Eingabe der Hercynen beim Berg- und Forstamt, der damals vorgesetzten Stelle der Bergakademie, führte dort zu einem Umdenken, denn man befürchtete, dass bei einem Weiterbestehen des Verbotes noch mehr Studierende an andere Hochschulen abwandern würden. So wurde am 27. Oktober 1867 durch Bergrat von Groddeck, den Nachfolger Roemers, das Verbot von mensurbeflissenen Verbindungen endgültig aufgehoben.

Nach Aufhebung dieses Regulativs wurden an der Bergakademie weitere Verbindungen gegründet. Bis zur Jahrhundertwende waren dies 1868 das Corps Montania, 1875 das Corps Borussia, 1890 der Abendschoppen Clausthaler Studierender als Vorgänger der Burschenschaft Schlägel und Eisen, 1892 der Akademische Kegelclub Glück Auf als Vorgänger der Turnerschaft Germania und 1903 der Verein Deutscher Studenten in Clausthal (VdSt).200 Jahre TU Clausthal, S. 70

Am 23. November 1867 wurde ein Senioren-Convent (SC) gegründet, dem je drei Mitglieder der Hercynia und des Vereins zum lustigen Arschleder – dem 1867 gegründeten Vorgänger des heutigen Corps Montania – angehörten. Aufgabe des Senioren-Convents war es, die häufigen Streitigkeiten zwischen den Studierenden der Bergakademie zu schlichten. Nach der Gründung des Corps Montania am 11. Juli 1868 ging hieraus der Clausthaler SC hervor. Als drittes Mitglied wurde 1892 das bereits 1875 gegründete Corps Borussia in den Clausthaler SC aufgenommen.

Auf Vermittlung des Freiberger SC waren die Corps des Clausthaler SC am 22. Mai 1874 in den WSC aufgenommen worden.Chronik Hercynia 1966, S. 56ff 1883 kam es zu Streitigkeiten im WSC, da an den beiden Bergakademien Clausthal und Freiberg nicht das Maturitätsprinzip galt. Studierende konnten hier auch ohne Reifezeugnis als Hospitanten zugelassen werden und nach einer Wartezeit von einem Jahr und einer Aufnahmeprüfung als reguläre Studenten zugelassen werden. Als im WSC ein Antrag, die Corps der beiden Bergakademien aus diesem Grund auszuschließen, scheiterte, traten die anderen Hochschulen aus dem Verband aus und gründeten den WSC im folgenden Jahr neu. Der alte WSC wurde von den Clausthalern und Freibergern noch fünf Jahre weitergeführt. Erst nachdem 1905 durch einen Ministererlass das Maturitätsprinzip auch für Bergakademie Clausthal galt, wurde der Clausthaler SC am 6. Mai 1905 wieder in den WSC aufgenommen.Chronik Hercynia 1935, S. 11, 33

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Bergakademie geschlossen, da sowohl die Studenten als auch ein Teil des Lehrkörpers zum Kriegsdienst eingezogen worden waren.200 Jahre TU Clausthal, S. 76–77 Während dieser Zeit ruhte auch der Corpsbetrieb.

Von 1919 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Im Januar 1919 wurde der Vorlesungsbetrieb an der Bergakademie wieder aufgenommen, damit wurde auch der unterbrochene Corpsbetrieb wieder fortgesetzt. In der Folgezeit stieg die Zahl der Studierenden an der Bergakademie kontinuierlich an. Waren im Sommersemester 1919 erst 205 Studenten eingeschrieben, so war deren Zahl 1921 bereits auf 497 gestiegen und erreichte im Wintersemester 1923/24 mit 913 Studierenden ihren Höchststand.200 Jahre TU Clausthal, S. 71–74 In der Folge gründeten sich in Clausthal auch viele neue Verbindungen, die aber nach wenigen Jahren wegen der nun rückläufigen Studentenzahlen wieder suspendieren mussten.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wirkte sich auch an der Bergakademie Clausthal aus. Die Aktiven mussten dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) beitreten und der Corpsbetrieb wurde weitgehend durch Schulungs- und Kameradschaftsabende der SA verdrängt.Chronik Hercynia 1966, S. 77 Dennoch hatte die Leitung der Clausthaler Studentenschaft bis 1935 in den Händen korporierter Studenten gelegen, die zugleich Funktionäre des NS-Studentenbundes waren. Führer der Clausthaler Studentenschaft wurde im Sommer 1933 der dem Corps Montania angehörige Gerhard Dräger, der auch Hochschulgruppenführer des NSDStB war. Auch in der Folgezeit stellten Corpsstudenten den Studentenführer, so im WS 1933/34 der Montane Werner Köhler, SS 1934 bis SS 1935 der Borusse Walter von der Linden und im WS 1935/36 der Hercyne Friedrich Stolze.

Unter dem Druck des NSDStB löste der WSC sich am 20. Oktober 1935 auf. Dem folgten die Clausthaler Corps am 6. November 1935. Im Gegensatz zu den Aktivitates blieben aber die Altherrenschaften der Corps erhalten. Die Fahnen aller Clausthaler Korporationen wurden am 25. September 1937 in einem Festakt dem Rektor der Bergakademie übergeben und in der Aula aufgestellt, wo sie bis 1945 verblieben. Ab 1946 wurden die Fahnen an die wieder erstandenen Verbindungen zurückgegeben.

Die Studenten wurden nun in Kameradschaften des NS-Studentenbundes zusammengefasst, in die alle Erstsemester eintreten mussten. Gab es in Clausthal anfänglich nur eine solche Organisation (die „Urkameradschaft“ ab 1935), geführt durch den Hercynen Lemke bis WS 1936/37 und danach durch den Hercynen Hans-Joachim Schütte, so bildeten sich 1937 an der Bergakademie innerhalb des NSDStB drei verschiedene Kameradschaften heraus, die sich im Wesentlichen an den alten Verbandsstrukturen orientierten. Dies waren: „Kameradschaft I“, benannt nach Emil Thuy, bestehend aus ehemaligen Mitgliedern von Germania, Rhenania und Glückauf, Treffpunkt war das Haus der ehemaligen Turnerschaft Germania an der "Bremer Höhe". „Kameradschaft II“ (genannt „Schlägel und Eisen“) aus ehem. Mitgliedern von Schlägel und Eisen, Alemannia (bzw. Hercynia Marburg) und des VDSt, Treffpunkt war das Haus der ehem. Burschenschaft "Schlägel und Eisen" an der Adolf-Ey-Straße. „Kameradschaft III“ (benannt nach Kurt Elliesen, einem Clausthaler Hercynen, der 1921 im Kampf gegen polnische Insurgenten in Oberschlesien gefallen warGeorg Müller, TU Clausthal, S. 18), bestehend aus den drei Corps, Treffpunkt war das Haus des ehem. Corps Borussia.

Kameradschaft III Am 15. November 1937 erfolgte die Neugründung einer Kameradschaft aller drei Corps mit Sitz auf dem Preußenhaus unter Übernahme der corpsstudentischen Mitglieder der Urkameradschaft. Dennoch bildete sich laut einem Beschwerdebrief des Kameradschafts-Mitglieds Wilhelm Emme an die Reichsstudentenführung vom 24. März 1939 intern wieder drei Fraktionen nach der Herkunft aus den beteiligten Corps in der Kameradschaft heraus. Ein Teil der Kameraden verkehrte demnach weiter auf dem Haus Montanias. Ein NS-Altherrenschaft unter Beteiligung aller drei Clausthaler Corps wurde am 10. April 1938 gegründet. Altherrenschaftsführer war der Montane Ferdinand Raab. Die Mustersatzung des NS-Altherrenbundes wurde von keinem der drei Corps angenommen, eine Verleihung eines Kameradschaftsnamens unterblieb bis Kriegsende. Dies deutet ebenso wie der nur von einem Teil der Alten Herren vollzogene Beitritt zur neuen NS-Altherrenschaft darauf hin, dass die Kameradschaft nie als vollwertiger Ersatz für das eigene Corps empfunden wurde.Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 353–354.

Nachdem der Kameradschaftsbetrieb im Herbsttrimester 1939 und Sommersemester 1941 wegen Schließung der Bergakademie zeitweise geruht hatte, wurde er im WS 1941/42 unter Führung von Hans Schmid durch den Beitritt 13 neuer Mitglieder auf dem Montanenhaus wieder aufgenommen. Gefochten wurde wie vom NSDStB vorgeschrieben mit dem leichten Säbel. Altherrenschaftsführer Raab brachte gegenüber der Reichsstudentenführung aber brieflich den Wunsch vor, die Bestimmungsmensur wieder zu erneuern. Am 12. November 1943 wurde dem Kameradschaftsmitglied Hauptmann Heinrich Jung, gefallen als Flugzeugführer im Osten, posthum das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 354.

Der Kameradschaftsbetrieb endete mit dem Einmarsch der US-Amerikaner am 13. April 1945.

Nachkriegszeit Nachdem Professor Gerhard Krüger, seit Dezember 1945 als Rektor der Bergakademie eingesetzt, sich erfolgreich gegen Bestrebungen der britischen Besatzungsmacht gewandt hatte, die Bergakademie zu schließen, wurde der Vorlesungsbetrieb am 12. Juni 1946 wieder aufgenommen. Im ersten Semester war die Zahl der Studierenden noch auf 200 beschränkt worden, stieg aber in der Folgezeit rasch an und im Sommersemester 1950 waren bereits 721 Studenten immatrikuliert.200 Jahre TU Clausthal, S. 81