Unter einer Proteinurie (deutsch EiweißharnenBrockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage. Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1992, 17. Band, ISBN 3-7653-1117-0, S. 551.) versteht man die übermäßige Ausscheidung von Proteinen über den Urin. Die Obergrenze für eine normale (physiologische) Proteinausscheidung wird mit weniger als 150 Milligramm pro Tag angesetzt. Eine erhöhte Proteinausscheidung kann ein harmloses, vorübergehendes Ereignis sein und wird dann als benigne reversible Proteinurie bezeichnet. So definieren der aktuelle Medizin-Duden die Proteinurie einfach als „Ausscheidung von Proteinen mit dem Harn“Medizin-Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 667. und Willibald Pschyrembel kürzer als „Ausscheidung von Proteinen im Harn.“Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 1429. Das Reallexikon der Medizin beschreibt die Proteinurie noch kürzer als „Eiweißausscheidung im Urin“ und verweist zur Erklärung auf die Albuminurie.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 5. Ordner (Membra–R-Zellen-Adenom), München / Berlin / Wien 1973, ISBN 3-541-84005-6, S. P 286. Früher galten die Proteinurie und die Albuminurie als synonym.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 123.–153. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1959, S. 713.
Anhaltend erhöhte Proteinmengen im Urin sind allerdings nicht nur die Folge verschiedener Erkrankungen, sondern auch eine wichtige eigenständige Ursache für das Fortschreiten einer Nierenerkrankung. Deswegen definierte Wolfgang Piper die Proteinurie als „vermehrte Einweißausscheidung im Harn oder Störung des Verteilungsmusters der physiologisch ausgeschiedenen Proteine“;Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007 | 2008. 1. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1518. analog auch Gerd Harald Herold: „Unter Proteinurie versteht man eine Ausscheidung von mehr als 150 mg Eiweiß in 24 Stunden oder eine Abweichung vom physiologischen Proteinuriemuster.“Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2026. Selbstverlag, Köln 2026, ISBN 978-3-9821166-5-5, S. 597 f.
Eine Unterform der Proteinurie ist die Albuminurie (siehe unten: Kapitel Bestandteile), so z. B. die Marschalbuminurie als harmlose Begleiterscheinung der Sporthämaturie.
Grundlagen Erstmals wissenschaftlich nachgewiesen wurden Proteine im Urin (und damit die Möglichkeit einer verminderten „Eiweißdichtigkeit“ der Niere) 1770 von Domenico Cotugno.Joachim Frey: Krankheiten der Niere, des Wasser- und Salzhaushaltes, der Harnwege und der männlichen Geschlechtsorgane. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 893–996, hier: S. 910–912. Die zuvor zufällig erfolgte Beobachtung und erste Beschreibung der Albuminurie durch Frederik Dekkers (1644–1720) hatte keine Auswirkungen auf die damalige Praxis gehabt und war in Vergessenheit geraten. Einen Zusammenhang von Albuminurie bei „Wassersucht“ und Nierenerkrankungen beobachteten auch der schottisch-amerikanische Arzt William Charles Wells und der englische Arzt John BlackallJohn Blackall: Observations on the Nature and Cure of Dropsies, and Particulary on the Presence of the Coagulable Part of the Blood in the Dropsical Urine. 1813. (1771–1860).Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 62–63 und 80–83.
Eine wichtige Funktion der Nieren ist das Filtern des Blutplasmas, dies geschieht in den Glomeruli der Nierenkörperchen. Proteine ab einer Molekülmasse (früher: Molekulargewicht) von 80 Kilodalton (kDa) – beispielsweise Globuline – werden durch diesen „Filter“ (slits in den Fußfortsätzen der Podozyten) zurückgehalten. Dagegen passieren Stoffe bis zu einer Molekülmasse von 6–15 kDa diese Barriere. Neben dieser Größenselektivität (englisch: size selectivity) gibt es auch eine Ladungsselektivität (charge selectivity), die stark negativ geladene Proteine zurückhält.Karl Schärer: Nephrotisches Syndrom. In: Karl Schärer, Otto Mehls (Hrsg.): Pädiatrische Nephrologie. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2002, ISBN 3-540-41912-8, Kapitel Proteinurie, S. 207 f.
Albumin mit seiner Molekülmasse von 66–69 kDa wird zu 99,97 % zurückgehalten. Der Siebkoeffizient für Albumine liegt somit bei etwa 0,0003 (oder bei 0,3 Promille). Grund ist die starke negative Ladung des Albuminmoleküls, die eine vermehrte Filtration verhindert. Für gleich große Moleküle mit fehlender oder gar positiver Ladung ist der glomeruläre Filter durchlässiger.Rainer Klinke, Stefan Silbernagl (Hrsg.): Lehrbuch der Physiologie. 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-13-796004-5, S. 300f.
Die in den Primärharn gelangenden Proteine werden in makro- und mikromolekulare Proteine eingeteilt, wobei die Grenze bei der Molekülmasse des Albumin gezogen wird. Diese Proteine werden (zusammen mit Wasser) im proximalen Tubulus zu 96 Prozent rückresorbiert. Diese sogenannte tubuläre Rückresorption erfolgt über die Vermittlung der Rezeptoren des Megalin-Cubilin-KomplexesErik Ilsø Christensen, Henrik Birn: Megalin and cubilin: Synergistic endocytic receptors in renal proximal tubule. In: American Journal of Physiology – Renal Physiology, 2001, Band 280, Nr. 4, S. F562–F573. doi:10.1152/ajprenal.2001.280.4.F562 als eine spezifische, ATP-abhängige Endozytose. Es gelangen also auch unter physiologischen Bedingungen geringe Mengen an Proteinen in den Endharn.
Pathophysiologie Die Ursachen einer pathologischen Proteinurie sind Veränderungen, die bei der eigentlichen Urinbildung zum Tragen kommen oder mit dieser selbst nichts zu tun haben. Erstere werden als renale Formen in glomeruläre und tubuläre Proteinurien, letztere in prärenale (beziehungsweise präglomeruläre) und postrenale Formen unterteilt.
Die prärenal gelegenen Ursachen führen zu einem Überangebot an Proteinen und damit zu einer sogenannten Überlaufproteinurie. Mit diesen pathologisch erhöhten Konzentrationen von (niedermolekularen; auch: niedrigmolekularen) Proteinen im Serum kommt es konsequenterweise zu einer vermehrten Filtration und einem Überschreiten der Kapazität zur Resorption dieser Proteine im Nierenkanälchen.
Eine im Glomerulum lokalisierte Störung – meist handelt es sich dabei um eine Entzündung (Glomerulonephritis) – bewirkt einen durchlässigeren Filter, sodass die Resorptionskapazität im Tubulus ebenso überschritten wird.
Bei Störungen der Tubulusfunktion ist die Rückresorption von Wasser und von Proteinen beeinträchtigt. Tubulopathien führen also zu einer vermehrten Diurese und damit zu einer Polyurie unter Mitnahme von Proteinen. Auch normale Konzentrationen von Eiweißen im Primärharn führen damit zu einer signifikanten Proteinurie.
Bei postrenalen Störungen stammen die Proteine aus den ableitenden Harnwegen.
Bei einer Proteinausscheidung im Urin von mehr als 3–3,5 g pro 24 Stunden, bei Kindern von mehr als 1 Gramm pro Quadratmeter Körperoberfläche innerhalb von 24 Stunden, wird von einer sogenannten großen Proteinurie gesprochen. Diese führt in der Regel zur Entstehung eines nephrotischen Syndroms.
Normalwerte der Proteinurie Eine Proteinmasse von < 150 mg/Tag ist physiologisch. Eine Proteinmasse von > 150 mg/Tag ist pathologisch.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 1429.
Jede Albuminurie ist eine Proteinurie, aber nicht jede Proteinurie ist eine Albuminurie. Die Proteinurie ist der Oberbegriff für das vermehrte Auftreten beliebiger Proteine im Urin. Dazu können gehören: Albumin (etwa 20 bis 40 Prozent) Immunglobuline (etwa 5 bis 10 Prozent) Leichtketten (Bence-Jones-Proteine) β2-Mikroglobulin (weniger als 1 Prozent) α1-Mikroglobulin (weniger als 5 Prozent) Tamm-Horsfall-Protein (Uromodulin) (etwa 30 bis 50 Prozent)
Deswegen betragen die (methodenabhängigen) Referenzwerte für die Albuminurie etwa ein Drittel der Referenzwerte für die Proteinurie.Igor Tamm, Frank L. Horsfall: A mucoprotein derived from human urine which reacts with influenza, mumps, and Newcastle disease viruses. In: The Journal of Experimental Medicine. Band 95, 1952, S. 71–97. doi:10.1084/jem.95.1.71.
Ätiologie Ursächlich für die Entstehung einer Proteinurie sind: Medizinische Universität Wien – AKH Consilium akute und chronische Glomerulonephritiden, Stoffwechselerkrankung wie der Diabetes mellitus, Systemkrankheiten wie Amyloidose, systemischer Lupus erythematodes u. a., kardiale und vaskuläre Ursachen, v. a. die arterielle Hypertonie, hämatologische Erkrankungen wie die Sichelzellenanämie oder das Multiple Myelom, angeborene Erkrankungen wie das kongenitale nephrotische SyndromKarl Schärer: Nephrotisches Syndrom. In: Karl Schärer, Otto Mehls (Hrsg.): Pädiatrische Nephrologie. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2002, ISBN 3-540-41912-8, Kapitel Heredität, S. 207. oder das Alport-Syndrom, Komplikationen der Schwangerschaft wie die Präeklampsie, eine Nierentransplantation, insbesondere auch eine chronische Transplantatabstoßung, Medikamente oder Gifte, Allergene, Mikroorganismen, Viren und Knochenmarksentzündungen.
Bestandteile Neben der Menge ist auch die Zusammensetzung der Proteine von Bedeutung. So kann auch bei geringfügiger Proteinurie eine Erkrankung vorliegen, wenn ein pathologisches Verteilungsmuster vorliegt. Dies gilt besonders bei systemischen Erkrankungen wie einem Diabetes mellitus, einer arteriellen Hypertonie oder einem Lupus erythematodes.Amit X. Garg, Bryce A. Kiberd, William F. Clark, R. Brian Haynes, Catherine M. Clase: Albuminuria and renal insufficiency prevalence guides population screening: Results from the NHANES III. In: Kidney International, 2002, 61. Jahrgang, S. 2165–2175. PMID 12028457
Von 500 im Urin gesunder Personen vorhandenen Proteinen ist ein Großteil noch nicht identifiziert, wobei empfindlichere Messmethoden wie Radioimmunassay oder Nephelometrie Abhilfe schaffen. BioramaJürgen E. Scherberich: proteinurie.de
Die wichtigsten Harnproteine sind Albumin, Globuline (Alpha-1-Mikroglobuline und Alpha-2-Makroglobuline), Uromodulin (= Tamm-Horsfall-Protein), das in der Niere gebildete mengenmäßig wichtigste physiologische Protein, Antikörperleichtketten (Kappa- und Lambda-Leichtketten).
Albumin: Albumin kann ebenso bei Störungen der glomerulären Filtration wie bei einer mangelnden tubulären Rückresorption vermehrt ausgeschieden werden. Eine klinisch isolierte Albuminausscheidung wird als Albuminurie, die mit gängigen Harnstreifen nicht feststellbare, bei einer Zuckerkrankheit aber klinisch bedeutsame geringfügige Albuminausscheidung als Mikroalbuminurie bezeichnet.
Unterscheidungen Man unterscheidet (neben der Einteilung in benigne und maligne beziehungsweise in reversible und irreversible Formen):Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007 | 2008. 1. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1518.Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, Sachverzeichnis S. 856. akzidentelle Proteinurie Arbeitsproteinurie asymptomatische Proteinurie diätetische Proteinurie echte Proteinurie essenzielle Proteinurie extrarenale Proteinurie falsche Proteinurie febrile Proteinurie funktionelle Proteinurie glomeruläre Proteinurie große Proteinurie (in der Schwangerschaft)Tomas Lenz, Jan Gossmann: Nephrologische Schwangerschaftserkrankungen. In: Helmut Geiger, Dietger Jonas, Tomas Lenz, Wolfgang Kramer (Hrsg.): Nierenerkrankungen. Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 2003, ISBN 3-7945-2177-3, S. 195. intermittierende Proteinurie