mini|Rekonstruktion der ursprünglichen Grabausstattung von George Andrew Reisner
Das Grab der Hetepheres I. (auch G 7000x) ist ein altägyptisches Schachtgrab in Gizeh. Es ist Teil des Ostfriedhofs der Cheops-Pyramide (Nekropole G 7000) und liegt unweit der Nordostecke der nördlichen Königinnenpyramide G I-a. Die ägyptische Königin Hetepheres I. war Mutter des Cheops und vermutlich Gemahlin des Snofru.
Das Grab wurde 1925 von Mitarbeitern des Ägyptologen George Andrew Reisner entdeckt. Ein Schacht führt über 27 m tief zu einer Kammer, die noch weite Teile der Grabausstattung der Königin enthielt. Die organischen Materialien der Funde waren schon vergangen und nur noch Staub und kleinste Bruchstücke blieben übrig. Es war in aufwändiger Arbeit möglich, viele Gegenstände zu rekonstruieren. Berühmt wurde das Grab durch Stil und Reichtum der königlichen Grabausstattung. Es ist die besterhaltene Grabausstattung einer Königin des Alten Reiches.Peter Jánosi: Die Pyramidenanlagen der Königinnen. Wien 1996, S. 13.
Das Grab war allerdings nicht unberaubt. Der Alabaster-Sarkophag wurde leer vorgefunden, dafür war der versiegelte Kanopenkasten mit den Eingeweiden noch intakt. Bis heute wurde für diese Fundumstände noch keine befriedigende Erklärung gefunden. Sicherlich war es nicht das reguläre Grab der Königsmutter. Möglicherweise handelt es sich um ein verstecktes Grab (Cachette) zum Schutz vor Grabräubern oder um ein Notgrab.R. Gundacker: Hetepheres I. und das Rätsel ihrer Bestattung. In: Sokar. Nr. 12, 2006, S. 36–37.
Entdeckung und Erforschung mini|Lage des Grabes G7000x der Hetepheres im Ostfriedhof der Cheops-Pyramide
Seit 1905 leitete George Andrew Reisner Ausgrabungen im Umfeld der Pyramiden von Gizeh. Als der Fotograf des amerikanischen Teams am 2. Februar 1925 nach einem geeigneten Standort für gute Aufnahmen an der Ostseite der Cheops-Pyramide suchte, rutschte ein Bein des Kamerastativs in eine ungewöhnliche Felsspalte, die sich als verdeckte Mündung eines Schachts und einer Treppe erwies. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Reisner in den USA auf. Nachdem die Archäologen in zweiwöchiger Arbeit den Schacht und die Treppe vom Geröll gereinigt hatten, stießen sie auf den seit der Antike verschlossenen Eingang der Grabkammer. Am 8. März 1925 öffnete Alan Rowe, der stellvertretende Leiter der Ausgrabungen, erstmals die Kammer. Sie war voll aufgeschichteter Dinge. Die organischen Materialien waren schon vergangen, nur Staub und kleinste Bruchstücke waren übriggeblieben. Der gesamte Boden des Raumes war mit Goldblech angefüllt, das von den mit Gold beschlagenen Möbeln stammte, die dort einst deponiert waren. Bereits bei der Entdeckung war klar, dass es sich nicht um eine ungestörte Bestattung handelte, da Keramikobjekte zerschmettert waren und Leinenzeug verstreut herumlag.
Am 12. März ordnete Reisner an, die Kammer bis zu seiner Rückkehr nach Ägypten wieder zu verschließen. Erst am 21. Januar 1926 wurde sie unter seiner Leitung erneut geöffnet. In 321 Arbeitstagen machte vor allem der damals noch junge Dows Dunham akribisch genaue Aufzeichnungen von jedem Objekt. Die Arbeit erwies sich als gefährlich: Ein Stein löste sich von der Kammerdecke und Dunham kam nur unverletzt davon, weil er einen Helm trug.Nicholas Reeves: Ancient Egypt, The Great Discoveries: A year-by-year Chronicle, London 2000, ISBN 0-500-05105-4, S. 170. Neben Reisner und Dunham war auch Noel Wheeler bei der Leerung der Kammer beteiligt. Ergebnis dieser Arbeit waren insgesamt 1701 Manuskriptseiten mit Plänen und Notizen und 1057 Fotografien. Dadurch war es möglich, die ursprüngliche Lage der zerfallenen Objekte zu bestimmen und auch die Anordnung der gesamten Grabausstattung zu rekonstruieren. Obwohl Rekonstruktionen von Bruchstücken zum Alltag der Archäologen und mancher Ägyptologen gehören, ist diese Rekonstruktion eine besonders herausragende Leistung.George Andrew Reisner: A history of the Giza necropolis, Vol. 2: The tomb of Hetep-Heres, the mother of Cheops: a study of Egyptian civilization in the Old Kingdom. completed and revised by William Stevenson Smith, Oxford University Press, Oxford 1955, S. XXV–XXVI.; Miroslav Verner: Die Pyramiden (= rororo-Sachbuch. Band 60890). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-60890-1, S. 242–246; Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. München 1997, S. 117.
Nachdem die gesamte Kammer ausgeräumt war, folgte am 3. März 1927 die mit Spannung erwartete Öffnung des Sarkophags in Anwesenheit einer namhaften Gesellschaft. Doch die Ausgräber wurden enttäuscht: Er war leer. Lindon Smith, der an der Öffnung beteiligt war, berichtete darüber:
Am 18. April 1927 wurde der 2,2 Tonnen schwere Sarkophag geborgen und am 21. Mai die vermauerte Nische geöffnet, in der man den noch intakten Kanopenkasten fand.G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955, S. XXV–XXVI. Erst nach 25-jähriger sorgfältiger Rekonstruktionsarbeit wurde der gesamte Grabbefund publiziert.G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955.
Architektur mini|hochkant|Schnitt durch das Schachtgrab der Hetepheres
Das Grab weist keinen Oberbau auf. Als Zugang verläuft eine zwölfstufige Treppe in einer Breite von 55 cm auf den Schacht zu, zuerst offen in einer Länge von 3,4 m, dann weitere 95 cm im Fels. In einer Tiefe von 3 m trifft sie auf den Schacht. Die Mündung des Schachts misst 1,75 m (nord-süd) × 2,37 m (ost-west). Die Breite verengt sich bald auf 1,35 m bis 1,55 m. Am oberen Rand des Schachts konnten Einschnitte für Balken festgestellt werden, die wahrscheinlich der Senkung des Sarkophags dienten. An den Schachtwänden sind Einbuchtungen ausgearbeitet, die den Arbeitern das Hinauf- und Hinunterklettern ermöglichten.
In einer Tiefe von 7,47 m wurde in der Westwand eine 2,10 m hohe und 1,67 m tiefe Nische erreicht. Diese verschloss eine 92 cm × 67 cm große Fläche, die einen gehörnten Schädel und drei Beinknochen eines Stieres enthielt, die in eine verfallene Schilfmatte eingewickelt waren. Daneben gab es zwei Weinkrüge und einen Kalkstein, von dem Rowe annahm, dass er dem rituellen Zerschlagen des Stierschädels diente, ein Silber- und einige Basalt- und Holzkohlefragmente.G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955, S. 13–22. Diese bilden ein mit der Einbringung der Beigaben zusammenhängendes Opfer.R. Gundacker: Hetepheres I. und das Rätsel ihrer Bestattung. In: Sokar. Nr. 12, 2006, S. 32.
In einer Tiefe von 27,42 m mündet der Schacht in den 1,92 m hohen Eingang zur Grabkammer. Diese führt 5,22 m südwärts, mit einer unterschiedlichen Breite von 2,67 bis 2,77 m. Gleich hinter dem Eingang befindet sich in der nordwestlichen Ecke eine 1,21 m tiefe und 1,40 m × 1,60 m große Vertiefung im Boden, die mit Schutt und Staub aufgefüllt wurde. Somit war für den Raum wahrscheinlich eine ursprüngliche Höhe von 3,16 m geplant, die auch genügend Platz für die Aufstellung des Baldachins geboten hätte. Ein 40 cm tiefer Einschnitt im Fels verläuft über dem Sarkophag von der Decke 95 cm tief nach unten über eine Länge von 2,60 m. Dieser wurde teilweise mit Steinschutt gefüllt, als die Kammer im gegenwärtigen Zustand verwendet wurde. Ein weiterer, 75 cm tiefer und 2,76 m langer Einschnitt enthielt den Kanopenkasten und wurde sorgfältig mit Mauerwerk und Gips verschlossen.
Die Grabausstattung Die meisten der gefundenen Gegenstände werden heute im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt. Die Objekte tragen sowohl die Inventarnummern JE (Journal d'Entrée du Musée) als auch RT (Registre Temporaire). Kleinere Stücke und originalgetreue Kopien größerer Gegenstände befinden sich im Museum of Fine Arts in Boston (MFA). Roman Gundacker teilt die Grabbeigaben auf Grund der Inschriften in zwei Gruppen: Zum einen jene Gegenstände, die ursprünglich nur dem Hof beziehungsweise dem König Snofru gehörten und erst nach dessen Herrschaft in ihren Besitz gelangten und zum anderen jüngere Objekte, deren Herstellungsdatum in die Regierungszeit des Cheops fällt und somit vermutlich zum Haushalt der Hetepheres als Königsmutter gehörten. Es bleibt unklar, inwiefern Möbel und andere Beigaben eigens für die Grabausstattung hergestellt wurden.R. Gundacker: Hetepheres I. und das Rätsel ihrer Bestattung. In: Sokar. Nr. 12, 2006, S. 30–39.
mini|hochkant|Der geöffnete Alabastersarkophag (JE 51899) in der Grabkammer
Der unbeschriftete Alabaster-Sarkophag (JE 51899) stand an der Ostwand der Grabkammer, einen Meter hinter dem Eingang. Er misst 2 m × 85 cm bei einer Höhe von 80 cm. Der Deckel zeigt an der Außenseite eine Dicke von 5 cm, dies liegt aber an einem 5 cm breiten und 4 cm tiefen Vorsprung, der ihn fixierte. Die Enden des Deckels hatten jeweils zwei vorstehende Handgriffe. Die Ausgräber stellten fest, dass ein Metallwerkzeug entlang des oberen Randes des Kastens verwendet wurde, um den Deckel aufzuhebeln und Splitter des oberen Randes wurden entlang der Wandseite, in einem mit Leinen gefüllten Kasten in der Südecke des Grabes und entlang der Südwand des Grabes gefunden. Dies waren erste Hinweise darauf, dass der Inhalt des Sarges gestört wurde und tatsächlich wurde er leer vorgefunden.G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955, S. 15–16.
mini|hochkant|links|Kanopentruhe (JE 52452) mit Flüssigkeit nach Entfernen des Deckels
In einer Vertiefung in der Westwand stand der Kanopenkasten aus Alabaster (JE 52452). Er wurde weit in die Vertiefung gesetzt und vom Mauerverputz abgedichtet. Er ruhte auf einem kleinen, hölzernen Schlitten, von dem die Läufer identifiziert werden konnten, der für eine Rekonstruktion aber zu schlecht erhalten war. Die quadratische Truhe ist 48,2 cm breit und 35 cm hoch. Der Deckel hat zwei kleine, vorspringende Griffleisten und ruhte flach, ohne Vorsprung auf dem Kasten. Das Innere ist in vier 26,2 cm tiefe Abteile durch schmale Wände geteilt. Eines enthielt verweste organische Stoffe, drei etwa 5 cm tief eine gelbliche Flüssigkeit, die aus einer 3-prozentigen Natronlauge bestand. In dieser lag das Kanopen-Gebinde, das die Eingeweide der Hetepheres enthielt. In der Mitte des Deckels war ein Lehmsiegel, der einen Strang befestigte, der um die Truhe verlief. Das Siegel wurde von einem kleinen, durchlöcherten Keramikdeckel geschützt. Die Lehmoberfläche war stark beschädigt. Sicherlich wurde auf ihr die „Leichenhalle des Cheops“ erwähnt, so wie auf den anderen Siegeln, die im Grab gefunden wurden.G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955, S. 15, S. 21–22.
mini|Orignialgetreue Kopie des Bettes im Museum of Fine Arts Boston nach dem Original im Ägyptischen Museum Kairo (JE 53261).
Das 177,8 cm lange und 97 cm breite Bett (JE 53261) ist vom Kopf- bis zum Fußende deutlich nach unten geneigt, von 35,5 cm Höhe bis 21,5 cm am Fußende. Abgesehen von den Füßen und der Liegefläche ist das Holzbett mit Blattgold überzogen. Wie im alten Ägypten üblich, enthält es kein Kopfteil, sondern ein Holzpanel an der Fußseite, das durch zwei mit Kupfer überzogenen Holzzapfen in ebenfalls mit Kupfer überzogenen Vertiefungen im Bettgestell befestigt wurde. Als einziger Teil ist die Innenseite des Fußbrettes verziert: alternierend mit eingelegten Federn und Rosetten, die in den typischen Farben Blaugrün und Schwarz gehalten sind. Die Füße in Form von Löwenbeinen weisen zum Kopfende hin und sind mit dünnen Lederschnüren an den Seitenteilen befestigt. Die mit Gold und Silber verkleidete Kopfstütze lagerte in einer Goldschatulle.Maria Sole Croce: Die Grabausstattung der Königin Hetepheres. In: Alessandro Bongioanni, Maria Sole Croce (Hrsg.): Ägyptisches Museum Kairo (National Geographic Art Guide), Hamburg 2002, S. 88–89.; G. A. Reisner: A history of the Giza necropolis. Vol. 2, Oxford 1955, S. 32–33.
mini|links|Armsessel (JE 53263) der Hetepheres im Ägyptischen Museum in Kairo