Der Nördliche See-Elefant (Mirounga angustirostris) ist eine von zwei Arten der See-Elefanten. Er ist im Ostpazifik an der Küste Nordamerikas von Niederkalifornien bis Alaska und den Aleuten verbreitet, wobei sich die Kolonien der Tiere auf den Bereich der Baja California und der kalifornischen Küste beschränken. Den größten Teil ihres Lebens verbringen die Tiere im Meer, nur zum Fellwechsel und für die dreimonatige Paarungs- und Wurfzeit bilden sie große Kolonien an der Küste und auf vorgelagerten Inseln.
Gemeinsam mit dem noch etwas größeren Südlichen See-Elefanten (Mirounga leonina) zählt der Nördliche See-Elefant zu den größten Arten der Robben und zugleich den größten Raubtierarten. Die Bullen erreichen eine Körpergröße von über vier Metern und ein Gewicht von bis zu 2.500 Kilogramm. Die Weibchen sind deutlich kleiner mit einer Körpergröße von maximal drei Metern und einem Gewicht von 600 bis 800 Kilogramm. Nördliche See-Elefanten ernähren sich in erster Linie von Fischen und Kopffüßern, als potenzielle Fressfeinde spielen vor allem der Schwertwal (Orcinus orca) und der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) eine Rolle.
Nachdem die Tiere aufgrund der starken Bejagung im 19. Jahrhundert fast ausgerottet worden waren, wurden sie Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten unter Schutz gestellt und haben sich seitdem zahlenmäßig gut erholt. Heute gilt die Art als nicht mehr bedroht, die Bestände werden auf über 170.000 Tiere geschätzt.
Merkmale mini|Kolonie des Nördlichen See-Elefanten im Año Nuevo State Park; Weibchen beim Fellwechsel mini|Ausgewachsener männlicher See-Elefant am Point Reyes National Seashore, Kalifornien mini|See-Elefant während des Fellwechsels Allgemeine Merkmale Die See-Elefanten weisen in ihrer Körpergröße und ihrem Aussehen einen starken Sexualdimorphismus auf. Die Bullen des Nördlichen See-Elefanten erreichen eine Durchschnittslänge von 3,80 bis 4,10 Metern bei einem Gewicht von etwa 1800 Kilogramm und eine Maximallänge von 4,20 Metern bei einem Gewicht von 2500 Kilogramm. Die Weibchen sind mit einer durchschnittlichen Körperlänge von 2,80 bis 3,00 Metern und einem durchschnittlichen Gewicht von 600 bis 800 Kilogramm deutlich kleiner als die Männchen. Die Tiere haben ihr Maximalgewicht bei der Ankunft in der Kolonie im Spätherbst, nachdem sie den Sommer und Herbst weitgehend mit der Nahrungssuche verbracht haben. Während der drei Monate in der Kolonie nehmen sie etwa die Hälfte des Gewichts wieder ab. Das Gewicht kann sehr stark schwanken und nach der Geburt können die Weibchen innerhalb der Stillzeit von etwa 25 Tagen die Hälfte ihres Gewichts verlieren.
Die Körperfärbung der ausgewachsenen Tiere ist auf der Rückenseite braun bis dunkelbraun und auf der Bauchseite hell sandfarben. Die Jungtiere sind nach der Geburt und während der Stillzeit über den ersten Lebensmonat schwarz, danach kommt es zu einem Fellwechsel und sie werden silbergrau und später schokoladenbraun an der Rückenseite und sandfarben bauchseits. Vor allem bei den Männchen verdickt sich die Haut am Nacken und an der Kehle und verhornt stark. Das Fell besteht aus einzelnen sehr kurzen und rauen Haaren. Einmal im Jahr kommt es zu einem Fellwechsel an Land, bei dem die Tiere die Haare und die oberste Schicht der Haut in größeren Flecken abreiben und durch die darunterliegende neue Epidermis ersetzen. Der neue Haarwuchs beginnt wenige Tage nach der Erneuerung. Der Fellwechsel, der bei den Jungtieren und Weibchen im April bis Mai, den Jungmännchen im späten Mai bis Juni und den ausgewachsenen Männchen im Juli bis August stattfindet, geschieht während einer mehrwöchigen Rast an Land.
Wie alle Robben besitzen auch die See-Elefanten zu Flossen umgestaltete Gliedmaßen. Die Augen sind wie bei allen Robben sehr groß, um im Wasser und in größeren Tiefen eine maximal mögliche Sicht zu haben. Die Nase der Männchen beginnt im Alter von drei bis fünf Jahren sich zu einem Rüssel zu vergrößern. Er entwickelt sich bis zum Erreichen der Geschlechtsreife im achten bis zehnten Lebensjahr zu einem auffälligen männlichen sekundären Geschlechtsmerkmal. Der Rüssel verstärkt die Intensität der Rufe der männlichen Tiere während der Paarungszeit.
Vom Südlichen See-Elefanten unterscheidet sich die nördliche Art dadurch, dass sie etwas kleiner ist und die Geschlechtsunterschiede weniger extrem sind; der Rüssel des Männchens ist allerdings größer (bis 30 cm) als beim Südlichen See-Elefanten.
Merkmale des Schädels und des Skeletts
mini|Schädel eines Nördlichen See-Elefanten Bei beiden Geschlechtern sind die Zähne vor allem zum Packen und Festhalten der Beute ausgebildet, die dann im Ganzen geschluckt wird. Die Tiere besitzen im Oberkiefer pro Seite jeweils zwei Schneidezähne, einen kräftigen Eckzahn, drei Vorbackenzähne und eine variable Anzahl Backenzähne. Im Unterkieferast ist nur ein Schneidezahn vorhanden. Insgesamt besitzen die Tiere 30 Zähne, die Postcaninae sind allerdings nahezu funktionslos und unterstützen die großen Eckzähne beim Festhalten der Beutetiere. Die Eckzähne sind bei beiden Geschlechtern vergrößert und scharf, bei den männlichen Tieren sind sie allerdings sehr viel kräftiger ausgebildet als bei den Weibchen. Die kräftigen Eckzähne werden von den Männchen zudem bei Rivalenkämpfen während der Paarungszeit eingesetzt.
Die Wirbelsäule besteht aus 39 bis 40 Wirbeln, von denen 7 zur Halswirbelsäule, 15 zu Brustwirbelsäule, 5 zur Lendenwirbelsäule, 3 zum Kreuzbein und 9 bis 10 zur Schwanzwirbelsäule gehören. Dabei besitzen nur die vorderen und die hinteren Wirbel einen ventralen Kiel und die leicht abgeflachten Lendenwirbel können einen zweiten Kiel besitzen, wodurch eine ventrale Grube gebildet wird. Die Knochendichte ist als Anpassung an die schwimmende und tauchende Lebensweise vergleichsweise gering.
Genetische Merkmale Der Nördliche See-Elefant besitzt einen Karyotyp aus 34 Chromosomen. Die genetische Variabilität innerhalb der Art ist sehr gering und bei Untersuchungen verschiedener Blutproteine konnte kein Polymorphismus festgestellt werden. Zurückgeführt wird diese geringe Variabilität auf die Effekte der Beinahe-Ausrottung der Tiere und der Neuetablierung aus einer vergleichsweise kleinen Gründerpopulation mit einem entsprechenden genetischen Drift. Durch die Untersuchung von Mikrosatelliten, kurzen nichtcodierenden Abschnitten der DNA, konnte die geringe Variabilität erneut gezeigt werden; zugleich wurde diskutiert, dass es durch die Aufteilung der Population auf die verschiedenen Paarungsstrände und vor allem die Ortstreue der Tiere zu ihren Heimatstränden wieder zu einer höheren genetischen Diversität zwischen den Tieren der nördlichen Strände und denen der südlicheren kommen kann.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Nördlichen See-Elefantenrot: Koloniegebietegelb: Meeresregion mit wandernden Einzeltieren; Im Norden verteilen sich die Männchen, im Süden die Weibchen. Der Nördliche See-Elefant lebt im nordöstlichen Pazifik und im Norden des östlichen Zentralpazifiks bis zum westlichen Rand der Aleuten. Einzeltiere können in seltenen Fällen bis in die Beringstraße, Hawaii oder den Norden der japanischen Inseln vordringen.
Die Tiere verbringen etwa 90 % ihrer Lebenszeit im Meer und bilden nur zur Wurf- und Paarungszeit sowie zum Fellwechsel Kolonien an Land, in denen sich eine große Anzahl der Tiere ansammelt. Die Kolonien befinden sich entlang der nordamerikanischen Westküste auf mehreren vorgelagerten Inseln und an Festlandplätzen von der Baja California, Mexiko, bis Nordkalifornien. Einige wenige Kolonien werden nördlich von Kalifornien an den Küsten Oregons, Washingtons und des südlichen British Columbia gebildet.
Bei den vom Nördlichen See-Elefanten zur Koloniebildung genutzten Küstengebieten handelt es sich um sandige bis steinige oder schlammige Uferregionen und vorgelagerte Inseln. Insgesamt sind mehr als 15 Kolonieplätze der Nördlichen See-Elefanten bekannt, wobei Año Nuevo Island in Zentralkalifornien zwischen San Francisco und Santa Cruz eine der größten darstellt. Als größte Festlandkolonie gilt die Piedras Blancas Rookery bei San Simeon.
Lebensweise und Ökologie mini|Paarung des Nördlichen See-Elefanten: Das Bild zeigt ein männliches und ein weibliches Tier sowie ein Jungtier. Nördliche See-Elefanten verbringen den größten Teil ihres Lebens im Meer, wobei sie nur gelegentlich an der Meeresoberfläche auftauchen. 85 bis 90 % ihres Lebens verbringen sie tauchend unter Wasser. Sie tauchen durchschnittlich bis etwa 500 bis 600 Meter tief, die bekannten Maximaltiefen liegen bei etwa 1500 Metern. Dabei sind sie in der Lage, bei einem Tauchgang 20 bis 70 Minuten unter Wasser zu verbringen. Im Meer sind sie Einzelgänger und Männchen und Weibchen leben und jagen unabhängig voneinander.
Wanderungen Die See-Elefanten finden sich zweimal im Jahr in ihren Kolonien ein. Dabei findet die Paarungs- und Wurfzeit vom Dezember bis März statt, später im Jahr kommen die Tiere zudem abhängig von ihrem Alter und Geschlecht zum Pelzwechsel an Land. Danach ziehen sie in den Nordpazifik und den Golf von Alaska. Die erwachsenen Männchen wandern dabei weiter nach Norden und Westen als die Weibchen, wobei einzelne wandernde Tiere auch schon an den Küsten von Hawaii, in Japan und auf den Midwayinseln sowie im Bereich der Beringstraße gesichtet wurden.
Zwischen den Geschlechtern gibt es große Unterschiede bei den Wanderungsgewohnheiten und beim Jagdverhalten. Bei Untersuchungen des Wanderverhaltens der Tiere des Año Nuevo State Parks über Satellitenbeobachtungen und Sender an den Tieren für die Telemetrie konnte nachgewiesen werden, dass die Männchen nach dem Verlassen der Strände mit einer Geschwindigkeit von etwa 90 Kilometern pro Tag (± 27 km/d) direkt nach Norden in die Meeresgebiete von der Küste Oregons bis zu den westlichen Aleuten schwimmen und dabei Strecken von etwa 540 bis fast 5000 Kilometern zurücklegen. Sie bleiben in diesen Gebieten während des größten Teils ihres Aufenthalts im Meer und kehren auch bei späteren Wanderungen wieder in die gleichen Gebiete zurück. Die Weibchen ziehen dagegen in ein deutlich weiteres Gebiet in den nordöstlichen Pazifik und verbringen die Zeit in einer Region zwischen 38 und 60° nördlicher Breite und der Küste bis 172.5° östlicher Länge. Die Nahrungssuche konzentrieren sie auf Bereiche über der Tiefsee, in denen sie ihre Migrationsgeschwindigkeit deutlich reduzieren und in der Regel 3,5 Tage bleiben, bevor sie weitere Jagdregionen aufsuchen. Wie die Männchen bewegen sich die Weibchen nach dem Verlassen der Strände ebenfalls in die gleiche Richtung wie in den Vorjahren, sind jedoch weniger festgelegt bezüglich der konkreten Tauchgebiete und ändern die Richtungen der Wanderung.
Ernährung, Tauchverhalten und Wasserhaushalt