Joseph Hans Bunzel (geboren am 20. September 1907 in Graz, Österreich-Ungarn; gestorben am 14. Januar 1975 in Buffalo) war ein US-amerikanischer Sozialwissenschaftler und Schriftsteller österreichischer Herkunft. Er war auf verschiedenen Gebieten der Soziologie aktiv und trug als Forschungsdirektor des New Yorker Mayor’s Advisory Committee for the Aged und Hochschullehrer zum Aufbau der Gerontologie in den USA bei. Heute ist sein Name vor allem mit seinem Konzept der Gerontophobie verbunden.

Herkunft und Leben Joseph Hans Bunzel entstammte einer bildungsbürgerlichen, jüdischen Familie. Sein Vater war der deutschliberale Finanzbeamte und Jurist Julius Bunzel (1873–1942), der eine bedeutende Rolle in der 1908 gegründeten Soziologischen Gesellschaft in Graz spielte und zusammen mit Joseph Schumpeter, Hugo Spitzer und Ferdinand Tönnies die von ihm initiierte Schriftenreihe Zeitfragen aus dem Gebiete der Soziologie herausgab.Christian Fleck: Schumpeter und die Emigranten. Newsletter des Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, 1997, Nr. 15, S. 11–12 (online im SSOAR).Reinhard Müller: Geschichte der Soziologischen Gesellschaft in Graz. In: Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hrsg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Band 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum. Springer VS, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-07613-9, S. 787f. Seine Mutter Laura Bunzel (geb. Wallerstein, 1876–1950/62), wie ihr Mann in Prag geboren, hatte Musik, Geige und Klavier studiert und war als Opernsängerin unter dem Künstlernamen Lotte Westen aufgetreten.Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Volume II. 1999, S. 170, doi:10.1515/9783110968545.Österreichische Nationalbibliothek (Hrsg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. K. G. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8, S. 187.Monika Kornberger: Wallerstein, Familie (Online auf Oesterreichisches Musiklexikon online, abgerufen am 5. Juli 2021). Nach der Heirat mit Julius Bunzel und der Geburt ihrer Kinder Joseph 1907 und Gerda 1912 hatte sie sich von der Bühne zurückgezogen und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg als Musikpädagogin.

Von 1926 bis 1928 besuchte Joseph Bunzel die Universität in Dijon, von 1931 bis 1932 studierte er Psychologie an der Pariser Sorbonne. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. an der Universität Wien im Jahr 1932 arbeitete er bei einer Versicherungsgesellschaft. Neben seiner beruflichen Tätigkeit schrieb er Gedichte, spielte Schach im SC Hakoah und übernahm Öffentlichkeitsarbeit für die Israelitische Kultusgemeinde. Im Jahr 1938 heiratete er die Tänzerin und Choreographin Gertrude Godwyn Goldschmied (1910–1986) aus Wien. Als sich zu Beginn des Jahres 1938 der bevorstehende Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland abzeichnete, bereitete Bunzel sich auf eine Emigration nach Frankreich vor. Sein Bekannter Hermann Broch gab ihm in einem Brief vom 10. März folgenden Rat:

Zwei Tage später marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Kurz darauf wurde Bunzels Ehefrau, die am Lutway-Patonay-Konservatorium unterrichtete, zusammen mit allen anderen jüdischen Lehrern und Schülern entlassen.Monika Kornberger: Lutwak-Patonay, Musikschule (Online auf Oesterreichisches Musiklexikon online, abgerufen am 10. Juli 2021). Das Paar musste vor der antisemitischen Verfolgung aus Österreich fliehen und gelangte im Herbst des Jahres nach Frankreich, wo es Bunzel dank seiner Sprachfertigkeiten alsbald gelang eine Anstellung bei einer Pariser Zeitung zu finden.Gerhard Falk: Joseph H. Bunzel 1907–1975 (Nachruf). In: ASA Footnotes, 1975, Band 3, Nr. 4, S. 10 (Online auf der Website der American Sociological Association). Vor der anschließenden Invasion Frankreichs durch die Deutschen emigrierten die beiden weiter in die USA. Dort traf er Hermann Broch wieder, für den Bunzel zeitweise Sekretärsarbeiten übernahm und der ihm zu einem weiteren Studium der Soziologie verhalf,Paul Michael Lützeler: Hermann Broch: Eine Biographie. Suhrkamp, E-Book 2011, ISBN 978-3-518-75101-5, S. 200. das Bunzel 1940 an der Johns Hopkins University aufnahm. Zusammen mit seiner Frau arbeitete er als Haushälter in einem Verbindungshaus, bis er auch die englische Sprache ausreichend beherrschte, um eine Stelle in einer Sozialeinrichtung antreten zu können.

Von Amerika aus bemühte sich Bunzel, seiner in Wien festsitzenden Familie eine Gelegenheit zur Ausreise aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich zu verschaffen, um sie vor der Schoah zu bewahren. Hierzu wandte er sich auch mehrfach an den mit der Familie befreundeten Schumpeter, welcher schon 1932 in die USA ausgewandert war und sich bereits im Falle mehrerer in Deutschland von ihren Positionen vertriebener Akademiker dafür eingesetzt hatte, dass sie Stellen an amerikanischen Universitäten erhielten. Nachdem Bunzel im März 1941 Schumpeter erneut um – auch finanzielle – Hilfe ersucht hatte, da er nach Telegrammen seines Vaters darum fürchtete, dass seine Eltern sonst bald „nach Polen (ge)schickt“ würden („Sie [Schumpeter; C.F.] wissen natürlich was Polen für meine Mutter und meinen Vater bedeutet.“), entschuldigte sich sein Vater noch im Juli 1941 schriftlich bei Schumpeter für seinen Sohn, dass dieser ihn „anbettel(te)“ und gab an, an der Ausreise weniger wegen des Geldes als aufgrund der tschechischen Immigrationsquote gehindert zu sein. In diesem letzten Brief an Schumpeter schrieb Julius Bunzel mit Blick auf seinen Sohn:

Im Jahr darauf starb Joseph Bunzels Vater unter ungeklärten Umständen in Wien. Mutter und Schwester waren von den Nationalsozialisten in das KZ Theresienstadt deportiert worden. Während seine Schwester das KZ nicht überlebte, soll seine Mutter nach Kriegsende noch in die USA gekommen und erst 1950 bzw. 1962 in Wien verstorben sein. Joseph und Gertrude Bunzel selbst erhielten im Jahre 1945 die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten und verbrachten dort ihr weiteres Leben. Das Paar hatte keine Kinder.

Akademischer Werdegang Zunächst leitete Bunzel 1941–42 eine Studie über das Bildungswesen im westlichen North Carolina. Nach eigener Aussage wurde er hierfür ausgewählt, weil er nichts über die Südstaaten wisse und als unvoreingenommen angesehen würde.Jackson County Journal: Bunzel Makes Student Body Survey Here. Ausgabe vom 26. März 1942, S. 1. Online im North Carolina Digital Heritage Center. 1942–43 war Bunzel Inspekteur für Gesundheitswesen in Baltimore, anschließend bis 1946 Forschungsassistent und Supervisor der Housing Association in Pittsburgh – eine Stelle, die er erneut von 1951 bis 1953/54 innehatte, nachdem er 1946/47 Associate Professor für Soziologie an der Fisk University für Afroamerikaner, 1947/48 Special Lecturer für Deutsch und Politikwissenschaften am Washington & Jefferson College und 1949 Lecturer an der University of Chicago gewesen war. Als Forschungsdirektor des Mayor’s Advisory Committee for the Aged von New York City widmete er sich von 1951 bis 1953 erstmals professionell der Lage älterer Menschen. Von 1953 bis 1956 wirkte er an der Columbia University School of Social Work. Nachdem seine Frau bereits im Jahr zuvor an das Richmond Professional Institute gewechselt war, ging auch er 1956 als Associate Professor für Sozialforschung an dessen School of Social Work und blieb dort wie sie bis 1961.Leo Baeck Institut: Joseph Hans Bunzel Collection, 1935-1977 der State University of New York at Buffalo, Box 1, Ordner 2 (AR 7071 / MF 687). Online im Archiv des Center for Jewish History, zugänglich über die Archivsuche des Leo Baeck Institut. Datei Typescripts, 1977, S. 21–23. Sein Vorhaben, im Rahmen des Fulbright-Programms für das Studienjahr 1958/59 als Gastprofessor für Soziologie an die Universität Wien zurückzukehren, war trotz Unterstützung durch das österreichische Bundesministerium nicht erfolgreich;Thomas König: Die Frühgeschichte des Fulbright Program in Österreich. Studienverlag, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-7065-5088-8, S. 84. das auf amerikanischer Seite zuständige Auswahlgremium entsandte nur ungern naturalisierte Staatsbürger in ihr Herkunftsland.Thomas König: Die Frühgeschichte des Fulbright Program in Österreich. Studienverlag, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-7065-5088-8, S. 74–82. Anschließend war er bis 1964 Professor für Sozialwissenschaft an der Virginia Union University, danach Associate Professor für Soziologie an der University of North Dakota. Nach einer Tätigkeit als Research Consultant in der geriatrischen AbteilungBentley Historical Library: Joseph H. Bunzel papers: 1936-1975 / Biography (Online auf der Website der University of Michigan, zuletzt abgerufen am 11. Juli 2021). des State Hospital in Fergus Falls im Sommer 1965 hatte er nochmal eine Stelle als Associate Professor an der Saint John’s University in Collegeville (Minnesota), bis er schließlich im Jahre 1967 zum Professor für Soziologie am State University of New York College at Buffalo berufen wurde.

Werk Bunzels Beiträge zur Wissenschaft sind zahlreich und vielfältig. Zu seiner Zeit in Wien war er beruflich mit der Versicherungswirtschaft befasst und veröffentlichte auch Fachartikel hierzu, darüber hinaus zu Drogen- und Gewaltkriminalität sowie Prostitution. Nach seiner Emigration nach Amerika war er oft mit raum- und stadtsoziologischen Fragestellungen befasst, leistete sowohl Beiträge zu Mountain Life and Work (einem Periodikum, das sich den Interessen der Bergarbeiter in den Appalachen widmete)Emma Parrish: The Life and Work of Mountain Life and Work: An Introductory History of an Appalachian Publication. Dissertationsschrift an der Appalachian State University, Boone 2019, S. iv (Online auf der Website der University of North Carolina in Greensboro). als auch zu zahlreichen Aspekten urbanen Lebens, von öffentlichem Wohnungsbau bis hin zum Umgang mit Rattenplagen.Leo Baeck Institut: Joseph Hans Bunzel Collection, 1935-1977 der State University of New York at Buffalo, Box 1, Ordner 2 (AR 7071 / MF 687). Online im Archiv des Center for Jewish History, zugänglich über die Archivsuche des Leo Baeck Institut. Datei Typescripts, 1977, S. 7–8. Nachdem er sich mit Medizinsoziologie, Produktionsökonomie sowie statistischen Methoden befasst hatte, widmete er sich in seiner Zeit als Forschungsdirektor des Mayor’s Advisory Committee for the Aged der Situation in Altenheimen, den Motivationen und Einstellungen von Rentnern sowie dem Thema Gebrechlichkeit. Er studierte Pflegeheime in Virginia ebenso wie Jugendkriminalität, Alkoholismus und andere sozialpolitisch brisante Fragen. Daneben beschäftigte er sich wiederholt mit Kunst aus soziologischer Perspektive,Literaturhaus Wien: N1.8. Teilnachlass Hans Joseph Bunzel. Archivierte Version vom 12. Juli 2021 im Internet Archive, ursprüngliche Version von der Website des Literaturhaus Wien. etwa mit dem Theater als gesellschaftlicher Institution und Instrument sozialer Kontrolle.Robert Bierstedt: Sociological Theory: Work in Progress. In: American Sociological Review, 1952, Band 17, Nr. 1, S. 83. doi:10.2307/2088363 Bisweilen arbeitete er dabei mit seiner Frau zusammen,Leo Baeck Institut: Joseph Hans Bunzel Collection, 1935-1977 der State University of New York at Buffalo, Box 1, Ordner 2 (AR 7071 / MF 687). Online im Archiv des Center for Jewish History, zugänglich über die Archivsuche des Leo Baeck Institut. Datei Typescripts, 1977, S. 11.Gertrude G. Bunzel, Joseph H. Bunzel: Psychokinetics and Dance Therapy. In: The Journal of Health and Physical Education, 1948, Band 19, Nr. 3, S. 180–229. doi:10.1080/23267240.1948.10625388 die als Tanzpädagogin Pionierarbeit auf dem Gebiet der Tanztherapie leistete.