Chhau, seltener chhou, chau, chhow (bengalisch , chhou nach; Oriya ), ist eine Form traditioneller Tanzdramen in Ostindien, die von unteren Bevölkerungsgruppen im ländlichen Bereich entwickelt wurde und bei Jahresfesten, vor allem beim Frühlingsfest Chaitra Parva aufgeführt wird. Es gibt drei bekannte regionale Traditionen, die sich in der Spielpraxis deutlich voneinander unterscheiden: Seraikella chhau erhielt seinen Namen von der Kleinstadt Seraikela im Bundesstaat Jharkhand. Purulia chhau, der lebhafteste Stil, der am engsten mit seiner alten Adivasi-Tradition in Verbindung steht, wurde im Distrikt Purulia im angrenzenden Westbengalen entwickelt. Weniger bekannt ist der dritte Stil Midnapur chhau in der Subdivision Jhargram des westbengalischen Distrikts Pashchim Medinipur (Midnapur). Alle drei sind Maskentänze im Unterschied zum vierten Stil, dem Mayurbhanj chhau in Odisha (Distrikt Mayurbhanj), der ebenfalls mit bunten Kostümen und teilweise mit Kopfputz, aber ohne Masken aufgeführt wird.

Die Themen der chhau-Stile sind aus den klassischen indischen Epen Mahabharata, Ramayana und aus den Puranas entnommen. Chhau-Tänze gehören zu den religiösen Ritualen der jeweiligen Volksgruppen. Obwohl die Tänzer eine professionelle Ausbildung genossen haben, treten die meisten nicht hauptberuflich auf, sondern arbeiten als Angestellte in der Landwirtschaft oder in der Stadt. Die Tänze wurden früher nur von Männern aufgeführt, in manchen Gebieten tanzen heute auch Frauen.

Die Begleitmusik ist rhythmusbetont. Führend sind große Kesseltrommeln (dhamsa) und zwei oder mehrere Fasstrommeln (dhol), meist werden als einzige Melodieinstrumente die Kegeloboen shehnai oder mohori gespielt. Gesungene Lieder kommen als Tanzbegleitung nicht, gesprochene Texte nur als Einleitung vor.

Im Jahr 2010 wurde der chhau-Tanzstil in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Chhau dance. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2010. mini|hochkant=1.4|Purulia chhau in Westbengalen

Geschichte Das Wort chhau stammt nach unterschiedlichen Ansichten von Sanskrit chhaya, „Schatten“ oder umgekehrt: Chhaya geht auf chhau zurück, das mit Sanskrit chhadma, „Verkleidung, Verschleierung“, zusammenhängt. Alternativ könnte chhau das umgangssprachliche Oriya-Wort für „jagen“ oder „angreifen“ sein. Ferner gibt es die Mundali-Bezeichnung chhak für „Geist“. Mundali (oder Mundari) ist die Sprache der Munda, einer der Adivasigruppen, zu deren Tradition Purulia chhau gehört. Der kriegerische Aspekt des chhau kommt möglicherweise durch die Verbindung mit dem alten Sanskritwort chauni („Militärlager“) zum Ausdruck, von dem Hindi chauni (auch chawri) abstammt, das „Rüstung“ bedeutet, und chhank („Attacke“). In jedem Fall geht das Wort auf eine Tätigkeit oder einen Beruf zurück und nicht auf eine bestimmte soziale Schicht oder Jati (Subkaste). Dies ist wesentlich für das Verständnis, dass alle vier chhau-Tanzformen zwar in der Kultur einer bestimmten Bevölkerungsgruppe tradiert werden, aber grundsätzlich jeder die Tänze erlernen und an den Aufführung teilnehmen darf.Kapila Vatsyayan, 1981, S. 93.

In früheren Zeiten hießen die chhau-Tänze ihrer Herkunft gemäß pharikhanda khela, „Schauspiel mit Schild und Schwert“ und wurden von auf diese Art kampferprobten Männern (paiks) aufgeführt. Ein altes chhau-Tanzstück mit dem Namen Astradwanda wurde als Kriegstanz mit echten Schildern und Schwertern aufgeführt, als der britische König Georg V. 1911 die damalige Hauptstadt Kalkutta besuchte. In ganz Asien stammen zahlreiche verfeinerte Tanzstile von der Kriegskunst ab.Suresh Awasthi: Traditional Dance-Drama in India: An Overview. In: Richard Emmert (Hrsg.), 1983, S. 75.

Purulia mini|Purulia cchau, Aufführung in Kolkata. Göttin Durga in Gestalt der Dämonentöterin Mahishasuramardini Das chhau-Tanztheater gehört insgesamt zu einer bestimmten geografischen Region, die Zentren der drei Stile lagen dennoch bei den früheren Verkehrsverhältnissen mehrere Tagesreisen voneinander entfernt, was ein Grund für die Herausbildung unterschiedlicher Stile gewesen sein dürfte. Purulia ist ein bengalischsprachiger Distrikt in Westbengalen, in dem auch einige Stammessprachen gesprochen werden. Vor der Gebietsreform 1956 war Purulia eine Subdivision im heute nicht mehr existierenden Distrikt Manbhum, der im Bundesstaat Bihar mit seiner hindisprachigen Mehrheit lag. Nach der Neustrukturierung entlang von Sprachgrenzen wurde der größte Teil der Purulia-Subdivision Westbengalen zugeschlagen, das verbleibende Viertel kam zum Singhbhum-Distrikt von Bihar. Im Jahr 2000 wurde der südliche Teil von Bihar mit Seraikella zum neuen Bundesstaat Jharkhand verselbständigt.

Für die aufgeführten Dramen des ehemals in Bihar gelegenen Teils von Purulia bedeutet die lange Zugehörigkeit zu einem hindisprachigen Gebiet, dass wie beim dortigen Seraikella-chhau die klassischen Epen in ihren Hindi-Übersetzungen und Interpretationen durch Tulsidas in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zugrunde gelegt werden. Diese weichen teilweise erheblich von den Fassungen des bengalischen Dichters Kavichandra des 17. Jahrhunderts ab, die ansonsten im Purulia chhau verwendet werden. Somit ergeben sich innerhalb desselben Stils regionale inhaltliche Unterschiede. Stilunterschiede innerhalb des Purulia chhau bestehen ferner in der Aufführungspraxis.Asutosh Bhattacharyya: The Social Background of the Chhau Masked Dance of Purulia. In: Richard Emmert (Hrsg.), 1983, S. 95.

Purulia chhau war immer ein ländlicher Stil der Stammesbevölkerung und hat sich in einer besonders kraftvollen ursprünglichen Form erhalten. Seine Geschichte ist so gut wie unbekannt. Er soll von einem Kriegstanz abstammen, den die bäuerliche Gemeinschaft der Kurmi aufführte. Die Kurmi nennen noch heute ihre Tänze chau yuddha („chau-Krieg/Kampf“). Bis Anfang der 1940er Jahre wurde Purulia chhau in gewissem Umfang durch die Rajas von Baghamundi gefördert, die ihren hinduistischen Glauben unter den Kurmi verbreiten wollten und sie dazu brachten, ihre Kriegstänze mit Geschichten aus den hinduistischen Epen inhaltlich zu ergänzen. Mit der Abschaffung des Zamindar-Systems 1947 endete die Unterstützung für den Tanzstil, der nur mit einfachsten Mitteln in den Dörfern am Leben erhalten werden konnte.Andrew Tsubaki, Farley P. Richmond, 1990, S. 372f.

Die Charakterisierung und grundlegende Beschreibung des Purulia chhau ist Ashutosh Bhattacharyya (1909–1984) zu verdanken, einem bengalischen Literaturwissenschaftler und Ethnografen, der 1961 den Stil erstmals in einem abgelegenen Dorf (Bandwan) im Purulia-Distrikt sah.Bhattacharya, Ashutosh. Banglapedia Die dortigen Munda-Tänzer besaßen weder richtige Masken noch Kostüme, dennoch führten sie damals nahezu das komplette Ramayana-Epos auf. Die Musiker waren Doms, eine niedrige Kaste westbengalischer Hindus. Höherkastige Hindus nahmen weder teil noch unterstützten sie die Aufführungen, die Gebildeten missbilligten sie offensichtlich.

Bhattacharyya begann in den 1960er Jahren zusammen mit seinen Studenten aus Kalkutta, in den verschiedenen Dörfern alte Kostüme zusammenzutragen und zu restaurieren. 1969 brachte er erstmals 50 chhau-Tänzer auf Einladung der Sangeet Natak Akademi nach Neu-Delhi, ab 1972 reisten Tanzgruppen zu Aufführungen ins Ausland.Ashutosh Bhattacharyya: Session II: Purulia chhau. In: Richard Emmert (Hrsg.), 1983, S. 24.

Seraikella Die Namen der beiden anderen Stile beziehen sich auf die Gebiete Saraikela und Mayurbhanj, die vor der Unabhängigkeit Indiens 1949 kleine Fürstenstaaten waren, deren Herrscherfamilien die Tanztheater unterstützten und beeinflussten. Die Region um Saraikela war seit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit den Briten 1820 relativ friedlich und unterlag keiner äußeren Einflussnahme. In einer solcherart ungestörten Umgebung entwickelte sich das Tanztheater zu einem Bestandteil des Chaitra Parva-Festes; Mitglieder der Herrscherfamilie waren selbst aktive Tänzer und nahmen Einfluss auf Inhalt und Gestaltung der Aufführungen, die einen eleganteren und kalkulierteren Bühnenstil präsentieren. Nach ihrer Einschätzung ist Seraikella chhau ein „klassischer“ Tanzstil, dessen bei der Stammesbevölkerung liegenden Wurzeln sie häufig verdrängen. Die volkstümlichen Elemente des Seraikella chhau sind nach wie vor erkennbar, besonders in den Dörfern, die weniger unter dem direkten Einfluss der Fürsten standen.

Wie in der Zeit zuvor nahmen auch unter dem Einfluss der Fürstenfamilie im 19. Jahrhundert weiterhin die übrigen Bevölkerungsgruppen – niedrigkastige Bauern, Adivasis und Kshatriyas – an den Tänzen teil. Daneben beschäftigte der Palast eine eigene Tanztruppe, die jedoch mit dem Machtverlust der Fürsten und den wirtschaftlichen Veränderungen nach der Unabhängigkeit ihre Anstellung verlor. Eine lose Verbindung zu dieser Truppe ist bis heute bestehen geblieben, die Mehrzahl der Aufführungen beim Chaitra-Parva-Frühlingsfest bestreiten jedoch Tanztruppen aus den Dörfern der Umgebung, die von der Fürstenfamilie eingeladen werden.

Erstmals 1936 wurde Seraikella chhau außerhalb der Region in Städten wie Kalkutta und Bombay aufgeführt, ein Jahr später reiste eine Tanztruppe nach Europa.Suresh Awasthi: Traditional Dance-Drama in India: An Overview. In: Richard Emmert (Hrsg.), 1983, S. 77. 1964 richtete die Bundesregierung von Bihar ein kleines Ausbildungszentrum für chhau-Tänze ein. Lehrer und Schüler bilden eine Tanztruppe, die außerhalb des Chaitra Parva-Festes Aufführungen veranstaltet. Neben den dörflichen chhau-Tänzern, über die kaum etwas bekannt ist, sind dies die zwei einzigen, recht kleinen Tanztruppen, die in einer gewissen Konkurrenz zueinander stehen.Andrew Tsubaki, Farley P. Richmond, 1990, S. 360–362.

Mayurbhanj Zum Mayurbhanj chhau gibt es ebenso wenig schriftliche Aufzeichnungen über die Geschichte. Die Tanzform war anscheinend rein in der dörflichen Volkskultur und bei den Adivasis verankert. Der kriegerische Aspekt mancher Szenen könnte auf eine blühende zeremonielle Kriegskunst zurückgehen, die aus den Chroniken des frühen Königreichs Kalinga überliefert ist. Aus der Blütezeit unter König Kharavela im 2. Jahrhundert v. Chr. blieben in den Höhlen von Udayagiri und Khandagiri (bei Bhubaneswar) Steinreliefs erhalten, die kriegerische Schauspiele mit Schwertern und Schildern sowie akrobatische Übungen zeigen.

Ab dem 17. Jahrhundert entstand die Tradition der Bildrollen (pat), wie sie von den bengalischen Patuas hergestellt werden. Die meisten Mitglieder dieser Volksgruppe sind Muslime, die Themen der Bildrollen stammen jedoch aus dem Volksglauben und aus den großen indischen Epen. Die Patuas präsentieren traditionell die Bildrollen, während sie als theatralische Geschichtenerzähler auftreten.Beatrix Hausner: In: Asian Folklore Studies, Band 61, 2002, S. 105–122. Es dominieren Geschichten aus dem Leben Krishnas, viele Szenen erlauben Vergleiche sowohl mit den Kalinga-Reliefs als auch mit den Bewegungsabläufen im Mayurbhanj chhau.Kapila Vatsyayan, 1981, S. 95.

Maskentänze Masken haben allgemein entweder eine magisch-religiöse Bedeutung oder gehören zu einem gesellschaftlichen Rollenspiel. In Asien gehören sie vornehmlich zur Beschäftigung mit Göttern und Geistern. Es ist für die hinduistische Kultur schwierig zu sagen, wie säkular oder religiös Masken jeweils vorgestellt werden. Säkulare Themen lassen sich bei den chhau-Tänzen auch zwischen den religiös-mythologischen finden. So kommen im Seraikella chhau unter anderem Tanzszenen zu den alltäglichen Figuren Dhibar (Fischer), Mayur (Pfau), Nabik (Bootsmann), Prajapati (Schmetterling) und Shabar (Jäger) vor.