mini|hochkant=1.3|Museum Fünf Kontinente (ehem. Staatliches Museum für Völkerkunde)

Das Museum Fünf Kontinente ist ein ethnologisches Museum in der Maximilianstraße in München. Es wurde 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland als Königlich Ethnographische Sammlung gegründet.

In der Sammlung des Museums befinden sich über 160.000 Kunstwerke, Alltags- und Ritualgegenstände außereuropäischer Kulturen und Gesellschaften, 135.000 Fotografien und eine Fachbibliothek mit über 100.000 Büchern und Zeitschriften Die Sammlungen des Hauses Wittelsbach bildeten hierfür die historische Basis.Claudius Müller (Redaktion): 400 Jahre Sammeln und Reisen der Wittelsbacher. Außereruopäische Kulturen. Hirmer, München 1980, S. 11–33.

Ständige Ausstellungen und themenbezogene Sonderausstellungen sowie ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Kulturen der Welt.

Geschichte des Museums

1835 richtete der Würzburger Arzt und Naturforscher Philipp Franz von Siebold, der von 1823 bis 1830 in Japan gelebt hatte, einen Brief mit ausführlicher Skizze an König Ludwig I. von Bayern. Darin erläuterte er seinen Vorschlag, in München ein ethnologisches Museum zu gründen. Siebold erwies sich mit dieser Forderung als Vordenker einer Entwicklung in Europa, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher ethnologischer Museen führte. Die Herausbildung der Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin ging damit Hand in Hand. Umgesetzt wurde Siebolds Plan im Jahr 1862: Ludwigs Sohn Maximilian II. wollte als engagierter Förderer von Wissenschaft und Kunst München zu einem führenden Zentrum im deutschsprachigen Raum erheben. Im Zuge dessen beschloss er die Gründung eines ethnologischen Museums in der bayerischen Hauptstadt, das von Beginn an der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet war. Bereits seit 1820 waren nämlich auf Veranlassung des Hauses Wittelsbach erste ethnologische Sammlungen nach München gelangt, die sogenannten „Transatlantischen Sammlungen“ von Forschungsreisen nach Brasilien, der Südsee und Russisch-Amerika. Das Museum war zunächst im Galerie-Gebäude in den Hofgartenarkaden untergebracht, das sich aber als zunehmend ungeeignet erwies. In den Jahren 1925 und 1926 zog das Museum das heutige Gebäude in der Maximilianstraße um.

Zweigstellen des Museums befanden sich bis Ende 2017 im Residenzschloss Oettingen sowie im Schloss Seefeld am Pilsensee.

Träger des Museums ist der Freistaat Bayern durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

Direktoren 1862–1887: Moritz Wagner 1887–1907: Max Buchner 1907–1933: Lucian Scherman 1933–1956: Heinrich Ubbelohde-Doering 1957–1977: Andreas Lommel 1977–2001: Walter Raunig 2001–2010: Claudius Müller 2011–2017: Christine Kron seit 1. April 2018: Uta Werlich

Museumsname Das erste ethnologische Museum in Deutschland änderte im Lauf seiner Geschichte mehrmals den Namen: 1862–1912: Königlich Ethnographische Sammlung 1912–1917: Königlich Ethnographisches Museum 1917–1954: Museum für Völkerkunde 1954–2014: Staatliches Museum für Völkerkunde seit Herbst 2014: Museum Fünf Kontinente

Gebäude Der Museumsbau wurde 1859 bis 1865 von Eduard Riedel als Bayerisches Nationalmuseum errichtet, dessen Sammlungen seit 1900 in einem neuen Museumsbau an der Prinzregentenstraße untergebracht sind, da sich das Gebäude trotz seiner achtunddreißig Säle bald als zu klein erwies. Auftraggeber war König Maximilian II., auf dessen Initiative die Maximilianstraße errichtet wurde. Von 1906 bis 1925 diente das Gebäude dem Deutschen Museum als erster, provisorischer Ausstellungsbau. Seit 1926 ist das Völkerkundemuseum im Haus an der Maximilianstraße beheimatet. Zuvor war das Völkerkundemuseum 1868 bis 1926 im Galeriegebäude am Hofgarten untergebracht gewesen.

Nachdem sich der Bauherr für den Bauplatz an dieser Stelle entschieden hatte, musste das 1858 bis zum Rohbau gediehene neue Gebäude des Taubstummendomizils auf Kosten des Stifters wieder abgetragen werden. Die Architektur des zweigeschossigen Monumentalbaus mit dreigeschossigen Mittel- und Eckrisaliten wurde vom englischen Perpendicular Style beeinflusst. Die Hauptfront ist 147 Meter lang und besteht aus fünf Blocks mit durchgehenden Arkaden und 25 Achsen mit einem reich verzierten Dachgesims. Der Eingangsbereich ist mit einer Loggia mit neun Achsen ausgestattet. Der ursprünglichen Widmung des Baus entsprechend schmücken im ersten Stock historische Fresken mit Szenen aus der bayerischen Vergangenheit einige Räume. Die königliche Inschrift „Meinem Volk zu Ehr und Vorbild“, in Großbuchstaben unter dem Dach angebracht, bezieht sich ebenfalls auf die Entstehungsgeschichte als Bau des Nationalmuseums.

Sammlungsschwerpunkte Neben den Kunstwerken und Alltagsgegenständen befinden sich auch mehr als 135.000 Bilddokumente in der Sammlung in Form von Glasplatten, Papierabzügen, Dias und Fotoalben. Die frühesten Aufnahmen stammen von 1870. Zu den herausragenden Werkgruppen gehören Aufnahmen von Expeditionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Subsahara-Afrika alternativtext=Blick in die Afrika-Ausstellung des Museums Fünf Kontinente|miniatur|Blick in die im Herbst 2016 umgestaltete permanente Afrika-Ausstellung des Museums Fünf Kontinente Die Sammlung Afrika umfasst etwa 30.000 Alltags-, Ritual- und Kunstgegenstände aus den Ländern und Regionen südlich der Sahara sowie von in dieser Wüste lebenden Bevölkerungsgruppen wie den Tuareg. Zur Sammlung Afrika zählen auch Objekte aus Madagaskar, während Gegenstände aus Nordafrika im Museum der Sammlung "Südwestasien-Nordafrika" (bis 2023: Sammlung "Orient") zugeordnet sind.

Die ältesten Bestände der Sammlung entstammen der Kunstkammer der Wittelsbacher Herrscher und umfassen Elfenbeinschnitzereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Seit Gründung des Museums 1862 wurde die Sammlung durch Schenkungen und Ankäufe von zahlreichen Reisenden, Forschern, Kolonialbeamten und Missionaren, Ethnographica- und Kunsthändlern wie z. B. Max Buchner (1885), Friedl Martin (1893), Hugo Deininger (1905 und 1913), Ludwig Bretschneider (v. a. 1950er bis 1980er Jahre, unter anderem aus der Sammlung Eduard Schmidts) sowie der Firma Umlauff (1926 und 1932) erweitert.

Dabei kristallisierten sich mehrere Sammlungsschwerpunkte heraus, z. B. Perlenarbeiten aus dem südlichen Afrika, Keramik- und Flechtarbeiten sowie christliche Volksmalerei aus Äthiopien. Eine umfangreiche Kollektion von Alltagsgegenständen verschiedener Ethnien Tansanias stammt von der Forschungsreise des Afrikanisten und Museumsmitarbeiters Meinulf Küsters in den Jahren 1927/28. Eine Besonderheit stellen die Schnitzwerke der Fang (Kamerun/Gabun) und Luba (Dem. Rep. Kongo), zentralafrikanische Kraftfiguren sowie Skulpturen der Yoruba (Nigeria/Republik Benin), darunter vor allem zwei Verandapfosten des berühmten Schnitzers Olowe von Ise (gest. 1938), dar.Maria Kecskési: African Masterpieces and Selected Works from Munich: The Staatliches Museum für Völkerkunde. Center for African Art, 1987. Die Kamerun-Sammlung zählte 3018 Inventarnummern im Jahr 2023.

Der Bereich der zeitgenössischen Kunst bildet gleichfalls einen Schwerpunkt der Sammlung. Fortlaufend werden Werke bedeutender zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die in Afrika oder in der Diaspora leben und in einer globalisierten Kunstwelt agieren, erworben. Beispiele sind Sokari Douglas Camp (Nigeria/Großbritannien), Ransome Stanley (Deutschland), Romuald Hazoumé (Republik Benin), Pieter Hugo (Rep. Südafrika), Kofi Setordji (Ghana) und EL Loko (Deutschland/Togo).

Die permanente Ausstellung „Lebendige Traditionen, Kreative Gegenwart. Kunst aus Afrika“ präsentiert eindrucksvolle Beispiele traditioneller Kunst aus dem Afrika südlich der Sahara. Die Bandbreite reicht von höfischen Bronzen aus dem Reich Benin, Kraftfiguren aus der Kongoregion und Jahrhunderte alten filigranen Elfenbeinschnitzereien aus Westafrika bis hin zu Ahnenskulpturen oder Masken von Mali bis Tansania.

Die „Blauer Reiter“-Künstler Franz Marc und Wassili Kandinsky suchten und fanden in der Münchner Afrika-Sammlung Inspiration für ihre eigenen Arbeiten.

Einen besonderen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Werke international bedeutender Gegenwartskünstler wie Romuald Hazoumé, El Loko, Pieter Hugo oder Ransome Stanley. Neu zu sehen sind ein Sarg in Form eines Sportschuhs des ghanaischen Künstlers Paa Joe sowie das interaktive Kunstwerk „La Source - Der sprechende Schuh“ des togoischen Diaspora-Künstlers Amouzou Amouzou-Glikpa.

Amerika Die Sammlung umfasst Kunst und materielle Kultur der indigenen Gesellschaften Amerikas. Nordamerika – Die Sammlung Nordamerika umfasst Bestände der First Nations aus Kanada sowie der Native Americans bzw. American Indians der Vereinigten Staaten von Amerika. Hinzu kommen Objekte der Inuit und anderer Ethnien aus dem Bereich der Arktis und Grönlands, darunter das älteste erhaltene Kajak der Welt aus dem Jahr 1577. Wahrscheinlich gelangte das Kajak bei einer Fahrt aus der Subarktik nach Holland. Das Schiff aus Seehundleder wurde dann zu Ausstellungszwecken Herzog Wilhelm V. von Bayern geschenkt. Die komplette Sammlung besteht aus rund 5000 Objekten, darunter Lederbekleidung, Federkopfschmuck und Masken. Die ältesten, etwa 1000 Pfeil- und Lanzenspitzen, stammen aus präkolumbischer Zeit. Der Großteil der Sammlung lässt sich vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart datieren, darunter Siebdrucke von indianischen Künstlern der Nordwestküste oder Specksteinschnitzereien der Inuit. Bedeutende Sammlungen wurden unserem Haus von Prinzessin Therese von Bayern, Otto Geist, Elk Eber, Vera Laski, Lorne Balshine und den Ehepaaren Larink und Walk anvertraut. Kunstvolle Alltagsgegenstände zeigen den Erfindungsreichtum und das breite Spektrum menschlicher Anpassung ihrer Schöpfer an ihre jeweilige Umwelt: Von den arktischen Jägern im Norden und den Fischern der Nordwestküste bis zu den Viehzüchtern (z. B. Navaho) und Feldbauern (z. B. Hopi und Zuñi) im Südwesten über die Bisonjäger der Plains und Prärie bis hin zu den ehemaligen Maispflanzern im Osten (z. B. Irokesen). Die permanente Ausstellung "Sonnentanz und Bisonjagd. Indianer Nordamerikas" zeigte die Vielfalt des indianischen Nordamerika auf und belegte eindrucksvoll den Erfindungsreichtum und das ästhetische Gefühl ihrer Schöpfer. Beispiele hierfür sind die Rabenmasken der Kwakiutl von der Nordwestküste, Perlenstickereien der Lakota aus den Plains oder die Specksteinfiguren der Eskimo. Von den Kachina-Figuren der Hopi im Südwesten Nordamerikas ließen sich bereits Künstler der Klassischen Moderne beeinflussen. Die Ausstellung wurde 2026 geschlossen und soll baldmöglichst mit neuem Konzept wiedereröffnet werden.

Südamerika: Die Ausstellungsstücke stammen überwiegend von den Inka, aber auch aus anderen Kulturen im heutigen Bolivien und Peru. Zu den Sammlungsgegenständen zählen unter anderem: Keramiken, Schmuck, Gefäße und Textilien Objekte aus Gold, Silber und Holz Kunst der Inka sowie der Indianer MexikosAndreas Lommel, Otto Zerries: Altamerikanische Kunst, Mexico-Peru: Katalog zur Ausstellung des Staatlichen Museums für Völkerkunde München. Staatliches Museum für Völkerkunde, München 1977. Götter- und Kriegsfiguren Masken MapucheHelmut Schindler, Heiko Prümers: Bauern und Reiterkrieger: die Mapuche-Indianer im Süden Amerikas. Hirmer, München 1990.

Südwest-Asien und Nordafrika Islamischer Orient – Die Sammlung Orient umfasst etwa 20.000 Gegenstände materieller Kultur islamisch geprägter Gesellschaften und der mit ihnen lebenden christlichen und jüdischen Gruppen aus Südost-Europa, Nordafrika, Westasien sowie Zentral- und Südwestasien. Daneben enthält sie vorislamische archäologische Objekte aus dem antiken Südarabien und aus Luristan im westlichen Iran ebenso wie Ethnographica des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, z. B. aus dem Hindukusch (Nuristan-Sammlung).