Die Geschichte des Hörfunks in Deutschland umfasst speziell die technische, programm- und organisationsgeschichtliche Geschichte des Hörfunks und des Radioapparates in Deutschland. mini|Der 210 m hohe, noch erhaltene Sendemast auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen. Hier befand sich die Wiege des Hörfunks in Deutschland.
Anfänge Entwicklung bis zur ersten Sendung 1923 Die politische Bedeutung von drahtgebundener Informationsverbreitung schlug sich 1892 im Paragrafen 1 des „Gesetzes betreffend das Telegrafenwesen des Deutschen Reiches“ nieder, wo es hieß:„Das Recht, Telegrafenanlagen für die Vermittlung von Nachrichten zu errichten und zu betreiben, steht ausschließlich dem Reiche zu.“1908 führte der technische Fortschritt zu einer Novellierung des Telegrafengesetzes:„Elektrische Telegrafenanlagen, welche ohne metallische Leitungen Nachrichten vermitteln, dürfen nur mit Genehmigung des Reiches errichtet oder betrieben werden.“Die Verantwortung lag bei der Reichspost. Deren Monopol wurde nur kurz, nämlich während der Novemberrevolution 1919, infrage gestellt. Die Funker sprachen sich für eine Abtrennung des Funks von der Post aus.
Für den Bereich Funk im Reichspostministerium war Hans Bredow zuständig. Er sah anders als die meisten seiner Kollegen, die auf Bezahldienste mit Wirtschaftsnachrichten setzten, im „Rund-Funk“ ein an die Zeitung erinnerndes Medium, das jedermann konsumieren könne. Während des Ersten Weltkriegs führten Bredow und der Physiker Alexander Meißner erste Versuche mit Röhrensendern (→ Elektronenröhre) und Rückkopplungsempfängern durch, bei denen auch Musik in akzeptabler Qualität übertragen wurde. Eine weitere technische Übertragungsmöglichkeit von Tönen bestand mit den von Valdemar Poulsen entwickelten und von der Firma C. Lorenz im damaligen Tempelhof bei Berlin produzierten Lichtbogensendern. Erste musikalische Testsendungen (Konzerte An alle) wurden ab 1919 von der Versuchsfunkstelle Eberswalde ausgestrahlt.
In einem kleinen Raum im zweiten Stock einer Scheune auf dem Gelände des Postfuhramts in Berlins Oranienburger Straße richteten im Jahr 1920 Ingenieure des Telegrafentechnischen Reichsamts einen 1-kW-Sender zur Übertragung von Sprache und Musik ein. Zwei Männer verlasen in zwei Schichten im Stundentakt Wirtschaftsnachrichten, die kostenlos von Banken über deren Detektoren empfangen werden konnten. Um das Programm abwechslungsreicher zu gestalten, legten sich die beiden ein Grammophon zu und richteten dessen Trichter auf das Mikrofon aus. Es stand ihnen nur eine einzige Schallplatte zur Verfügung, deren A- und B-Seite abwechselnd nach den aufgesprochenen Wirtschaftsmeldungen aufgelegt wurde: An der schönen blauen Donau und Wiener Blut. Der Testbetrieb endete mit einem Trafo-Brand in einer der in Holz gepackten Stufen des Senders.Fritz Siegert (einer der beiden Techniker) in: Aus der Kinderstube des Rundfunks. Berliner Zeitung vom 24. September 1952, S. 6
1920 begann die Reichstelegraphenverwaltung mit dem Aufbau eines Netzes von „Presseempfangsstellen“. Diese waren speziell für die Versorgung von Journalisten und Presseorganen mit aktuellen Nachrichten gedacht und lösten allmählich die Drahttelegraphie ab.Die in Magdeburg erscheinende, vom Zeitungsverlegerverband herausgegebene Branchenzeitschrift Zeitungs-Verlag stellte in der Ausgabe vom 26. November 1920 die Vorteile des Presserundfunks gegenüber dem Drahtfunk heraus. Er übertrage die „getasteten“ Informationen „zirkular“, das heißt von einem Sender an beliebig viele (zahlende) Empfänger. Dagegen gab es beim Drahtfunk pro Empfänger jeweils einen Sender. Das Wort Rundfunk setzt der Artikelautor in Anführungszeichen. Das Wort war damals noch neu. ZV 26.11.1920, Nr. 47, S. 1512 Diese Technik übertrug Texte, kein gesprochenes Wort.
Am 22. Dezember 1920 fand die erste Rundfunkübertragung der Deutschen Reichspost vom Sender Königs Wusterhausen mit einem Weihnachtskonzert statt. Postbeamte spielten auf mitgebrachten Instrumenten, sangen Lieder und trugen Gedichte vor. Der Funkerberg gilt daher als die Geburtsstätte des öffentlichen Rundfunks in Deutschland. Bis zum Aufkommen des Fernsehens war der Ausdruck „Rundfunk“ identisch mit Hörfunk und blieb es im Sprachgebrauch teilweise bis heute, wie der geflügelte Werbespruch „bekannt aus Funk und Fernsehen“ dokumentiert; eine Abgrenzung geschah zeitweilig durch die Spezifizierung „Hör-Rundfunk“ bzw. „Ton-Rundfunk“.
Der Rundfunk bestand damals aus drei Säulen:
dem 1920 gegründeten Presserundfunk mit politischen und wirtschaftlichen Nachrichten für Zeitungsredaktionen, dem 1922 gegründeten Wirtschaftsrundfunk mit Wirtschaftsmeldungen vor allem für Banken, und dem „Unterhaltungsrundfunk(dienst)“ (als elften Funkdienst 1924). Zwar blieben die drahtlos übertragenen Nachrichtendienste über Jahre für die Reichspost lukrativ, aber der Unterhaltungsrundfunk eroberte die Herzen im Sturm.
Der Presserundfunk übertrug die Nachrichten zunächst telegrafisch. Abonnenten durften ausschließlich Zeitungsverleger sein. 1922 wurde der Dienst auf Tonübertragung („Telefonie“) umgestellt, hieß dann „Presserundfunkdienst“ und stieß auf erheblichen Widerstand der Zeitungsverleger. Diese sahen im Rundfunk ein konkurrierendes eigenes Medium entstehen und nannten ihn „Funkzeitung“. Der Presserundfunkdienst kam vom Wolffschen Büro in Berlin und strahlte über die Wellenlängen 2500 und 3150 Meter von Königswusterhausen aus.
mini|Gedenktafel am Potsdamer Platz 1, in Berlin-Tiergarten Entscheidend für die Entwicklung des jungen Mediums war der sogenannte Funkerspuk: Nach russischem Vorbild besetzten am 9. November 1918 revolutionäre Arbeiter die Zentrale des deutschen Pressenachrichtenwesens und verkündeten irreführend den Sieg der radikalen Revolution (USPD, KPD, Spartakusbund) in Deutschland. Als Reaktion auf diese Aktion verschärfte die SPD-Reichsregierung die Kontrolle über das junge Medium:
Funkregal („Funkhoheit“): Hoheitsrecht des Reiches zur Einrichtung und zum Betrieb von Sende- und Empfangsanlagen (ab etwa 1919); Empfangsverbot von Funksendungen für Privatleute (um 1922, aufgehoben 1923); Begrenzung der technischen Eigenschaften von Empfangsgeräten, Rückkopplungsverbot, Genehmigungspflicht; Einführung der Rundfunkgebühr ab 1923.
Ab 1922 wurde der Wirtschaftsrundspruchdienst als erster regelmäßiger und gebührenpflichtiger Rundfunk betrieben. Am 6. April 1923 gründeten Siegmund Loewe und Eugen Nesper den ersten Radioclub in Berlin, den Deutschen Radio-Klub e. V. Außerdem entstand der Verband der Rundfunkindustrie, der 1924 die erste Große Deutsche Funkausstellung in Berlin organisierte.Eva Susanne Breßler Die Rundfunkwirtschaft in der Weimarer Republik. In: Von der Experimentierbühne zum Propagandainstrument. Böhlau Verlag, Köln, 2009. ISBN 978-3-412-20241-5. Seite 63 f.
mini|Rundfunkgenehmigung zum Radiohören 1934 Als Geburtsstunde des Rundfunks in Deutschland gilt der 29. Oktober 1923. An diesem Tag wurde die erste Unterhaltungssendung aus dem Vox-Haus ausgestrahlt (siehe: Funk-Stunde Berlin). Als erster offizieller Rundfunkteilnehmer in Deutschland gilt der Berliner Zigarettenhändler Wilhelm Kollhoff. Zu Beginn kostete die Lizenz zum Hören des Programms 1923 − es war die Zeit der Hyperinflation – 25 Mark, der Betrag wurde aber laufend der Inflation angepasst.Rundfunkbeitrag Mit dem 1. Januar 1924 wurde die Gebühr auf 60 Mark festgelegt (entspricht heute etwa EURDiese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 10 EUR gerundet und bezieht sich auf Januar .).
Chronologie bis 1932 mini|Starkes Wachstum der Anzahl gebührenzahlender Hörer zwischen Mitte 1923 und Ende 1925 mini|Erfolgsgrafik zum Wirken des Deutschen Funk-Kartells mini|Werbung für die Rundfunkgebühr im Jahrbuch der Funk-Stunde Berlin 1926 Im Frühjahr 1924 wurde die Teilnehmergebühr auf monatlich 2 Mark gesenktHorst Jaedicke Der gute alte Südfunk Hohenheim Verlag. Stuttgart, 2005. Seite 202. ISBN 978-3-89850-126-2.Kurze Chronik zum Rundfunk in Mitteldeutschland . und am 29. Mai fand die erste Rundfunkausstellung in Hamburg statt.
Die 850.000 neuen Höreranmeldungen Ende 1925 sind den deutschlandweiten Protagonisten und Funk- und Radiovereinen des Deutschen Funk-Kartells zu verdanken, die von der Deutschen Reichspost zur Qualifizierung und mit der Prüfung zur Audionversuchserlaubnis beauftragt wurden.
Am 31. Januar 1925 war die erste Rundfunkübertragung über Kurzwelle aus den USA in Deutschland zu hören. Am 4. April wurde der europäische Weltrundfunkverein als Internationale Radio-Union (IRU) gegründet, am 15. Mai die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, die Dachorganisation des Rundfunks unter dem Dach der Reichspost. Am 1. November sprach Bernhard Ernst den ersten Livekommentar zu einem Fußballspiel zwischen Preußen Münster und Arminia Bielefeld im Radio.Niklas Wieczorek: , in: Q History, 8. April 2011.
Das erste in Deutschland per Rundfunk verfolgbare Fußballländerspiel war die Begegnung zwischen Deutschland und den Niederlanden am 18. April 1926 im Rheinstadion in Düsseldorf.Andreas Bode: Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus. 2008, ISBN 978-3-17-020103-3, S. 163. Am 1. Juni schuf das Reichspostministerium den ersten „Reichsrundfunkkommissar“. Am 1. September ging der erste Versuchssender für Kurzwellenrundfunk in Deutschland in Betrieb. Am 3. September wurde der Funkturm in Berlin eingeweiht. Ebenfalls 1926 ging die Deutsche Welle GmbH (ab 1. Januar 1933 Deutschlandsender GmbH) auf Sendung.
Vom 4. Oktober bis 25. November 1927 fand in Washington, D.C. (USA) die Internationale Weltfunkkonferenz statt. Der veranstaltende Internationale Telegraphenverein (heute Internationale Fernmeldeunion) ordnete für die Mitgliedsländer mit der Unterzeichnung des Dritten Weltfunkvertrags, eines ergänzenden Abkommens zu den Berliner und Londoner Internationalen Radiotelegraphen-Konventionen von 1906 und 1912, erstmals weltweit die Rundfunkfrequenzen und Wellenbereiche. Erstmals erfolgte auch die Zuordnung von Kurzwellenbändern. Noch vor der Weltfunkkonferenz wurde am 19. April 1927 durch die Internationale Radio-Union eine Internationale Wellenkontrollstelle in Brüssel eingerichtet.
mini|Branchenblatt „Der Radiohändler“, 1927 Am 20. Dezember 1927 begann in Zeesen der Deutschlandsender II auf Langwelle (240 kHz) mit dem Sendebetrieb. Zu dieser Zeit war er der stärkste Rundfunksender Europas.Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Bd. 6, S. 697, Mannheim 1972Peter Manteuffel: In: Wie der Rundfunk in Deutschland begann. ELRO Verlagsgesellschaft mbH, Königs Wusterhausen 1994, S. 24 Ebenfalls im Dezember ging der Kurzwellen-Versuchssender AFK in Döberitz, westlich von Berlin, an den Start.
Im Oktober 1928 gab die Deutsche Reichspost der Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. den Auftrag, in Zeesen einen Kurzwellensender (Weltrundfunksender) zu bauen.
Die Radioberichterstattung von der Trauerfeier und dem Trauerzug für Gustav Stresemann vom 6. Oktober 1929 gilt als die älteste erhaltene Hörfunkreportage Deutschlands.
Am 1. Januar 1929 traten die Frequenzvereinbarungen des Washingtoner Weltfunkvertrags in Kraft. Der Zeesener Weltrundfunksender nahm am 26. August 1929 seinen Betrieb auf. Am 2. Dezember übertrug Radio Madrid 25 Minuten eines vom Weltrundfunksender auf Welle 31,38 ausgestrahlten Konzerts. Am 25. Dezember übernahm der US-Sender NBC das deutsche Weihnachtsprogramm; es war der erste Programmaustausch mit den USA. Im Januar 1932 wurde dieses Austauschabkommen erweitert. Am 22. Januar 1932 ging der erste Richtstrahler für Nordamerika in Betrieb. Am 19. August stellte die Reichspost auf der 9. Großen Deutschen Funkausstellung Berlin den ersten Radioempfänger mit Kurzwellenempfangsmodul vor.Diese chronologischen Angaben aus: Mit 8 kW rund um die Welt. Deutscher Weltrundfunk in der Weimarer Zeit. Geschichte des Kurzwellenrundfunks in Deutschland 1929–1932. Deutsche Welle. Köln. Verlag Haude und Spener, Berlin 1969.