Mit dem Ausdruck Post-Abortion-Syndrom (PAS, von engl. „post abortion“ – „nach dem Schwangerschaftsabbruch“), sowie mit den Synonymen Post-Abortion-Stress (PAS) oder Post-Abortion-Stress-Syndrom (PASS), wird ein angebliches psychisch-emotionales Syndrom als Folge eines Schwangerschaftsabbruchs behauptet.
Das „Post-Abortion-Syndrom“ wird weder in der ICD der Weltgesundheitsorganisation noch im DSM der American Psychiatric Association als Störung klassifiziert. In der Wissenschaft ist die Existenz eines Post-Abortion-Syndroms nicht anerkannt.B. Major u. a.: (PDF; 194 kB). In: American Psychologist. 64, Nr. 9, 2009, S. 863–890. doi:10.1037/a0017497. PMID 19968372.G. E. Robinson u. a.: Is There an “Abortion Trauma Syndrome”? Critiquing the Evidence. In: Harvard Review of Psychiatry. 17, Nr. 4, 2009, S. 268–290. doi:10.1080/10673220903149119. PMID 19637075.E. M. Dadlez, W. L. Andrews: Post-Abortion Syndrome: Creating an Affliction. In: Bioethics. 24, Nr. 9, 2009, S. 445–452. doi:10.1111/j.1467-8519.2009.01739.x. PMID 19594725.S. Rowlands: Misinformation on abortion. In: The European Journal of Contraception and Reproductive Health Care. 16, Nr. 4, 2011, S. 233–240. doi:10.3109/13625187.2011.570883. PMID 21557713.N. L. Stotland: Abortion and psychiatric practice. In: Journal of psychiatric practice. 9, Nr. 2, 2003, S. 139–149. PMID 15985924.D. A. Grimes, M. D. Creinin: Induced abortion, an overview for internists. In: Annals of internal medicine. 140, Nr. 8, 2004, S. 620–626. PMID 15096333. .
Entstehung des Begriffs und geschilderte Symptome
Der Begriff post-abortion syndrome wurde erstmals im Jahr 1981 von Vincent Rue in einer Aussage vor dem Kongress der Vereinigten Staaten verwendet.Vincent Rue: Abortion and Family Relations. Testimony before the Subcommittee on the Constitution of the US Senate Judiciary Committee, U.S. Senate, 97th Congress, Washington, DC (1981).Irin Carmon: Who is Vincent Rue?. In: MSNBC. 11. Juni 2014. Rue ist ein Lebensrechtsaktivist, der zu dieser Zeit für die Pro-Life-Organisation Ramah-International arbeitete. 1992 konzeptualisierte er gemeinsam mit der Psychologin Anne Speckhard das „post-abortion syndrome“ als eine Variante der posttraumatischen Belastungsstörung, die sich infolge eines Schwangerschaftsabbruchs entwickele.A. C. Speckhard, V. M. Rue: Postabortion Syndrome: An Emerging Public Health Concern. In: Journal of Social Issues. 48, Nr. 3, 1992, S. 95–119. doi:10.1111/j.1540-4560.1992.tb00899.x. Speckhard hatte zuvor in ihrer Dissertation eine Beschreibung des Syndroms entwickelt. Zu diesem Zweck interviewte sie 30 Frauen, die rekrutiert wurden, weil sie eine Abtreibung, die ein bis 25 Jahre zurücklag, als „extrem belastend“ bewerteten. Die Stichprobe war in ihrer Zusammensetzung untypisch: 46 % der interviewten Frauen hatten Abtreibungen im zweiten Trimenon, 4 % im dritten Trimenon und einige der Frauen hatten illegale Abtreibungen gehabt.
Die Symptome ähneln laut Rue und Speckhard denen von Kriegsveteranen. Die betroffenen Frauen erleben Depression, Schuldgefühle, Trauer, Scham und Ärger. Außerdem komme es zu Flashbacks, Leugnen und Drogenmissbrauch, so Rue und Speckhard.
Verwendet wird der Begriff Post-Abortion-Syndrome vor allem in der politischen Debatte um Schwangerschaftsabbrüche in den Vereinigten Staaten. Lebensrechtsaktivisten und Anhänger der religiösen Rechten benutzen die Bezeichnung, um eine Reihe negativer Reaktionen Schwangerschaftsabbrüchen zuzuschreiben.Emily Bazelon: Is There a Post-Abortion Syndrome? In: The New York Times. 21. Januar 2007.A. J. Trumpy: Woman vs. Fetus: Frame Transformation and Intramovement Dynamics in the Pro-Life Movement. In: Sociological Spectrum. 34, Nr. 2, 2014, S. 163–184. doi:10.1080/02732173.2014.878624.Michael Kranish: Science in support of a cause: the new research. In: The Boston Globe. 31. Juli 2005.Diana DeGette, Daniel Paisner: Sex, Science, and Stem Cells: Inside the Right Wing Assault on Reason. Lyons Press, Guilford (Conn.) 2008, ISBN 978-1-59921-431-3, z. B. S. 207. In den 1980er Jahren behaupteten Abtreibungsgegner in den USA vermehrt die Existenz des PAS. In diesem Klima ließ der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Ronald Reagan von seinem Surgeon General of the United States, C. Everett Koop, Daten zusammentragen und einen offiziellen Bericht vorlegen, dass Schwangerschaftsabbruch eine Gefahr für die Gesundheit von Frauen darstellt. Koop, der als bekannter Abtreibungsgegner zum Surgeon General ernannt worden war, führte eine systematische Untersuchung zu den psychischen Folgen von Abtreibung durch, stellte jedoch fest, dass es nicht genug wissenschaftliche Nachweise gab, um einen Zusammenhang zwischen Abtreibung und psychischen Störungen anzunehmen.R. B. Siegel: The Right’s Reasons: Constitutional Conflict and the Spread of Woman-Protective Antiabortion Argument. In: Duke Law Journal. 57, Nr. 6, 2008, S. 1641–1692. PMID 19108356.Chris Mooney: In: Washington Monthly. Oktober 2004.
In vielen sogenannten Crisis Pregnancy Centers, die von religiösen und Lebensrechtsaktivisten in den USA ins Leben gerufen wurden, wird das „Post-Abortion-Syndrom“ neben Brustkrebs und Unfruchtbarkeit als ein Risiko von Schwangerschaftsabbruch dargestellt.AG Bryant, EE Levi: Abortion misinformation from crisis pregnancy centers in North Carolina. In: Contraception. 86, Nr. 6, Dezember 2012, S. 752–756. doi:10.1016/j.contraception.2012.06.001.A. Bryant, E. Levi, S. Narasimhan: Abortion misinformation provided by crisis pregnancy center websites listed on states’ Department of Health Web sites as resources for pregnant women: a systematic review. In: Contraception. 86, Nr. 3, September 2012. doi:10.1016/j.contraception.2012.05.058.Ben Quinn: Abortion: pregnancy counseling centres found wanting. In: The Guardian. 2. August 2011.A. G. Bryant, S. Narasimhan, K. Bryant-Comstock, E. E. Levia: Crisis pregnancy center websites: Information, misinformation and disinformation. In: Contraception. 90, Nr. 6, Dezember 2014, S. 601–605. doi:10.1016/j.contraception.2014.07.003.
Wissenschaftlicher Status
Weder das medizinische Diagnoseschema ICD-10 noch das psychologisch-psychiatrische Diagnoseschema DSM-5 kennen ein „Post-Abortion-Syndrom“. Es wird von keiner medizinischen oder psychiatrischen Vereinigung als ein echtes Syndrom anerkannt. Auch in der Beschreibung der Auslöser für eine posttraumatische Belastungsstörung wird der Schwangerschaftsabbruch von der American Psychiatric Association nicht aufgeführt.
Eine Arbeitsgruppe der American Psychological Association untersuchte alle seit 1989 auf Englisch publizierten Studien zu Abtreibung und möglichen Folgen. Die Ergebnisse wurden 2008 in einem Bericht veröffentlicht und 2009 aktualisiert. Die Arbeitsgruppe kam zu dem Schluss, dass unter erwachsenen Frauen, die ungewollt schwanger sind, das relative Risiko für mentale Gesundheitsprobleme nicht größer ist, wenn sie eine einmalige Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate durchführen lassen oder das Baby austragen. Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Störungen nach einem Schwangerschaftsabbruch seien nicht der Eingriff selbst, sondern die wahrgenommene Stigmatisierung, die Notwendigkeit, den Schwangerschaftsabbruch geheim zu halten, eine geringe soziale Unterstützung für die Entscheidung, ein niedriges Selbstwertgefühl, verleugnende und vermeidende Bewältigungsstrategien und vor allem vorangegangene psychische Probleme.APA Task Force on Mental Health and Abortion: Report of the APA Task Force on Mental Health and Abortion. American Psychological Association, Washington, D.C., 2008.Lynn Harris: APA report: Abortion is not a threat to women’s mental health . In: Salon, 13. August 2008. In einer systematischen Übersichtsarbeit kamen Experten des National Collaborating Centre for Mental Health, ein zum britischen National Health Service gehörendes Zentrum, im Dezember 2011 ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Abtreibung das Risiko für die Entwicklung psychischer Störungen nicht erhöht.. National Collaborating Centre for Mental Health, National Health Service, Dezember 2011.Jane Dreaper: Abortion ‘does not raise’ mental health risk. BBC, 9. Dezember 2011. Diesen Ergebnissen zufolge hängt für eine ungewollt schwangere Frau das Risiko psychischer Störungen nicht davon ab, ob sie sich letztendlich dafür entscheidet, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, oder dafür, das Kind auszutragen.Zitat: . National Collaborating Centre for Mental Health, National Health Service, Dezember 2011, S. 125.Eine amerikanische Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein Schwangerschaftsabbruch bei betroffenen Frauen weniger starke Gefühle auslöst als oftmals angenommen. Es dominieren zunächst positive Gefühle nach einem solchen Eingriff, die wie die negativen Gefühle jedoch rasch nachlassen.Corinne H. Rocca, Goleen Samari, Diana G. Foster, Heather Gould, Katrina Kimport: Emotions and decision rightness over five years following an abortion: An examination of decision difficulty and abortion Stigma. Social Science & Medicine, 13. Januar 2020, DOI:10.1016/j.socscimed.2019.112704
Weitere Review-Artikel bestätigen, dass es keinen ausreichenden Beleg für einen kausalen Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Schwangerschaftsabbruch gibt.V. E. Charles u. a.: Abortion and long-term mental health outcomes: a systematic review of the evidence. In: Contraception. 78, Nr. 6, 2008, S. 436–450. doi:10.1016/j.contraception.2008.07.005. PMID 19014789.N. E. Adler u. a.: Psychological responses after abortion. In: Science. 248, Nr. 4951, 1990, S. 41–44. doi:10.1126/science.2181664. PMID 2181664. Insgesamt wurde die Qualität einzelner Studien als unterdurchschnittlich beurteilt.S. Cameron: Induced abortion and psychological sequelae. In: Best Practice & Research: Clinical Obstetrics & Gynaecology. 24, Nr. 5, Oktober 2010, S. 657–665. doi:10.1016/j.bpobgyn.2010.02.001. PMID 20303831. Hochklassige Untersuchungen sind selten und zeigen konsistent, dass ein Schwangerschaftsabbruch keine oder nur sehr wenige Konsequenzen hat. Demgegenüber berichten Untersuchungen mit den größten methodologischen Mängeln über negative Folgen. Methodologische Mängel beinhalten unter anderem schlechte Auswahl der Stichprobe und der Vergleichsgruppe, ungenügende Kontrolle von Störvariablen, unangemessene statistische Analyse und Fehler in der Interpretation einschließlich Fehlzuschreibung kausaler Effekte. Außerdem ist Desinformation über Abtreibung weit verbreitet: Daten werden manipuliert, falsch zitiert oder ignoriert und das Zitieren aus nicht peer-reviewten Artikeln ist üblich.
Einige Forscher sind der Ansicht, dass das „Post-Abortion-Syndrom“ und die Behauptung, dass ein Schwangerschaftsabbruch negative Folgen für die psychische Gesundheit von Frauen hat, eine neue Strategie von Lebensrechtsaktivisten ist, um Abtreibungen zu kriminalisieren.N. L. Stotland: The myth of the abortion trauma syndrome. In: JAMA. 268, Nr. 15, 1992, S. 2078–1079. PMID 1404747.N. F. Russo, J. E. Denious: Controlling Birth: Science, Politics, and Public Policy. In: Journal of Social Issues. 61, Nr. 1, 2005, S. 181–191. doi:10.1111/j.0022-4537.2005.00400.x. PMID 17073030. Soziologen kamen zu dem Schluss, das Syndrom ermögliche es Lebensrechtsaktivisten, die Abtreibungserfahrung von Frauen zu psychologisieren und alternative Konstruktionen der Erfahrung zu unterminieren.N. Hopkins, S. Reicher, J. Saleem: Constructing women’s psychological health in anti-abortion rhetoric. In: The Sociological Review. 44, Nr. 3, 1996, S. 539–564. doi:10.1111/j.1467-954X.1996.tb00436.x.